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Florian Stumfall kommentiert

Der Autor der vielbeachteten Bücher "Das EU-Diktat" und "DAS LIMBURG SYNDROM" schreibt regelmäßig Kommentare für die Preußische Allgemeine Zeitung (PAZ). Mit profundem Wissen und seiner wertkonservativen Grundhaltung bietet er dabei immer wieder wertvolle Informationen und reichlich Diskussionsstoff.
Im Einvernehmen mit der PAZ erscheinen einige dieser Kommentare in loser Folge nun auch auf egon-w-kreutzer.de.
 

Alle Rechte an diesem Artikel liegen beim Autor und bei der PAZ.

Sprachmüll
Dieser Artikel erschien zuerst am 7. Juli 2017 in der Preussischen Allgemeinen Zeitung.

 

Es gab Zeiten, in denen war die deutsche Sprache mehr als ein Medium für Mitteilungen, sie war Instrument von großen Geistern und Ästheten, ein Kulturgut, konstitutiver Baustein einer Nation, die ideelle Verbindung zu den Hervorbringungen vergangener Jahrhunderte.

Solche Zeiten sind vorbei, und diese traurige Bilanz belegt niemand eindringlicher und unabweislicher als die Gilde der Journalisten, die täglich mit dem, was von der Sprache übriggeblieben ist, umzugehen haben, zum Schaden der letzteren.
Wenige Tage, die man mit dem Sammeln von Belegen verbringt, ergeben eine derartige Fülle an Beispielen, daß es geboten erscheint, diese zu ordnen. Da scheinen zunächst die Häßlichkeiten auf, die keineswegs als nebensächlich angesehen werden dürfen, denn sprachliche Häßlichkeiten sind sündhaft.

Da rangiert weit vorne die aus dem Bergbau entnommene Floskel

"vor Ort",

wobei sich kaum jemand darüber im klaren sein dürfte, daß "Ort" in diesem Zusammenhang sächlich ist. Es handelt sich um ein meist völlig überflüssiges Füllsel, das in seiner Wirkung mehrere andere Ausdrücke verdrängt und somit dem Schwinden des Wortschatzes Vorschub leistet.

Unerträglich auch das grassierende

"Bauchgefühl".

Abgesehen davon, daß es keine alternierende Rücken- oder Fußgefühle gibt, unterstellt es, das Wort "Gefühl" für sich allein besitze nicht genügend Aussagekraft um auszudrücken, was gemeint ist.

Von peinlicher Idiotie ist das weitverbreitete

"klammheimlich",

einst von irgendeinem namenlosen Gymnasiasten hervorgebracht, der "heimlich" mit dem lateinischen Synonym "clam" zusammenfügte, um durch diese Verdoppelung eine gewisse Heiterkeit zu erzeugen. Heute feiert der nicht ganz auspubertierte Pennäler-Witz verbreitete Urständ in TV-Kommentaren, Leitartikeln und anderswo. Mit einem Unterschied: Der Versuch, witzig zu sein, ist längst gefallen, man nimmt den Blödsinn ernst.

Das leitet über in die Region, in der sich die Häßlichkeiten mit sprachlichen Fehlern vereinen. So etwa das sinnwidrige

"in keinster Weise".

Wer eine Spur von Sprach-Logik besitzt, weiß, daß man "kein" nicht steigern kann. Es gibt demnach auch keine "keinere" Weise. Auch hier ein lang zurückliegender flacher Versuch, komisch zu sein, der einer unsinnigen Formulierung zu bleibenden Aufenthalt im deutschen Wortschatz verholfen hat.

Dem Mangel an Sprachgefühl verdankt auch die gewandelte Handhabung des Wortes

"ganz"

im Sinne einer unbestimmten Mengenangabe ihre Wirkung. Diese Verwendung von "ganz" beschreibt eine geringe Menge: "Er gab ganze zehn Pfennig Trinkgeld", wodurch der Nachweis des Geizes erbracht ist. Die Fühllosigkeit gegenüber der eigenen Sprache hat den Sinn ins Gegenteil verdreht: Heute ist die Rede von "ganzen" xyz Lichtjahren, die dieser oder jener Stern von der Erde entfernt ist. "Ganz" soll also eine große Menge ausdrücken.

Unsinnig auch eine sprachliche Neuerscheinung, die sich verbreitet hat wie ein Steppenbrand: das Wort

"zeitgleich".

Es ist dabei, "gleichzeitig" vollständig zu verdrängen. Dabei bedeutet es etwas ganz anderes. Wenn zwei Ski-Fahrer eine Piste "zeitgleich" hinunterfahren, so kann es sein, daß es der eine heute, der andere aber nächste Woche tut. Etwas anderes, sie täten es "gleichzeitig", dann gälte für beide derselbe Startschuß. Doch dann ist noch nicht ausgemacht, daß sie dazu dieselbe Anzahl von Sekunden brauchen. Sprachgefühl? Fehlanzeige. Es scheint nicht zur Stellenbeschreibung von Journalisten zu gehören.

War da nicht eben die Rede von

"derselbe"?

Es lohnt sich darauf zu achten, wer von der schreibenden Gilde seine Muttersprache soweit beherrscht, daß er "derselbe" und "der gleiche" zu unterscheiden vermag. Oder wie die Bedeutungen von "scheinbar" und "anscheinend" bedenkenlos durcheinander geworfen werden.

Ganz zu schweigen von zahlreichen Finessen wie etwa der unterschiedlichen Bedeutung der Plural-Bildungen

"Haufe" und "Haufen";

das eine ist eine Ansammlung von Menschen, das andere zusammengekehrtes Laub. Oder: wer hält denn die Begriffe

verhindern" und "vermeiden"

auseinander? So gut wie niemand. Dazu ein Beispiel fürs schlichte Gemüt: Der Torwart sucht den Treffer des Gegners zu verhindern. Dazu muß er jeden Fehler vermeiden. "Verhindern" richtet sich an einen anderen, "vermeiden" an die eigene Person.

Oder: Das Wort

"überreden"

stirbt einen leisen Tod, es heißt nur noch "überzeugen". Wieder dasselbe Bild: kein Sprachgefühl und als Ergebnis ein Dahinschmelzen des Wortschatzes. Diese Entwicklung ist kein Zufall: mangelnde Bildung und geringer Wortschatz gehören zueinander.


Und weiter, wenn auch nur stichwortartig. A pro pos "Wort". Wann lautet der Plural "Worte" und wann "Wörter"? Auch hier gibt es einen Sinn-Unterschied.

Reporter "evakuieren" bei Katastrophen die Menschen - nur, daß evakuieren "leeren" heißt, bei Menschen nennt man das den Magen auspumpen. Evakuiert werden Häuser oder Ortschaften.

Wer kennt den Unterschied zwischen "hängen" und "hangen" und den sich dahinter verbergenden zwischen transitiv und intransitiv? Gut - man muß das nicht wissen, aber wenn man es nicht weiß, sollte man nicht Journalist werden.

Dann ist wieder die Rede von einem "bestellten Sachverständigen". Das müßte im Ohr wehtun. Bestellt wird ein Schnitzel, allenfalls ein Acker. Sachverständige bestallt man. Und ebenso: die "überwiegende Mehrheit". Das ist Unfug. Jede Mehrheit überwiegt die Minderheit. Im allgemeinen dürfte in solchen Fällen die "große Mehrheit" gemeint sein, doch sollte man sich fähig zeigen, das auch auszudrücken.

Es kann nicht verwundern, daß, wenn bei den meisten Journalisten das Sprachgefühl schon bei einfachen Fragen versagt, die anspruchsvolleren völlig unbeantwortet bleiben. Daher noch einmal das Beispiel einer sprachlichen Delikatesse, die man im täglichen Umgang mißachten mag, die jemand, dessen Werkzeug die Sprache ist, aber beherrschen sollte. Kaum jemand tut's.

Es geht um die Frage: wann sagt man "sei" und wann "wäre", analog die entsprechenden Formen stark flektierter Verben. Eigentlich ist die Sache ganz einfach. "Sei" ist der einfache Konjunktiv, "wäre" gehört zum Irrealis, Potentialis oder Eventualis. Wer sagt, oder schlimmer, schreibt, dieser oder jener "wäre" gekommen, und dabei nicht innerlich hört, daß sich daran eine Bedingung knüpft, "wäre", wenn dies und das nicht eingetreten wäre, der beherrscht seine Muttersprache nicht, auch wenn er mit Schreiben sein Geld verdient.


Dasselbe gilt für die Abfolge der Zeiten, in Fachkreisen auch consecutio temporum genannt, und einst Bestandteil des Lehrplanes solch alberner Pennäler, die das "klammheimlich" erfunden haben. Der Einfachheit halber ein Beispiel aus jüngster Zeit, zur Verfügung gestellt vom Bayerischen Rundfunk:

"Gurlitt ist gestorben
und vermachte seine Sammlung einem Schweizer Museum."

Könnte der Autor Deutsch, so müßte ihm klar sein, was er da sagt: Gurlitt ist zuerst gestorben, im Anschluß hat er seine Verfügung getroffen.

Die Regel, daß das Präsens mit dem Perfekt, das Imperfekt mit dem Plusquamperfekt korrespondiert, ist nicht Gemeingut der schreibenden Gilde. Gerne sagt man "hatte", ohne Rücksicht auf die Sinnhaftigkeit, weil es für viele vornehmer klingt als "hat". Es ist ein Trauerspiel.

Jaja, die Sprache habe sich immer geändert, mag jemand einwerfen. Gewiß. Doch ehedem verursachten diese Änderung die Dichter und Philosophen, heute sind es Journalisten und Politiker. Ein schmerzlicher Unterschied.

Florian Stumfall

 

 Florian Stumfall im EWK-Verlag

 "Das EU-Diktat" ist in der Printausgabe nur noch in wenigen Exemplaren verfügbar.
Wir bieten es allerdings auch als E-Book an.