Neuerscheinung 2012

 

ABFALL

 

Was ist ein Menschenleben wert?

 

Nicole Eick stellt diese Frage zwischen den Zeilen ihres Erstlingswerkes, während sie die Geschichte von Kathrin erzählt.

 

Kathrin, die hochschwangere Fünfzehnjährige, vom Freund der Mutter immer wieder missbraucht, bringt mitten im Elend des Hartz-IV-Lebens ihr Kind zur Welt.


Die nächsten Schmerzwellen heben Kathrin fast von der Klobrille herunter, sie krallt sich an Handtuchhalter und Wand fest, ihre Beine, die Bodenkontakt suchen, zittern, als wäre ein Erdbeben in sie gefahren. Plötzlich kann sie richtig fest drücken, wie wenn man einen Haufen macht, und Kathrin stöhnt und weint und merkt fast nicht, wie etwas aus ihr heraus plumpst in die Kloschüssel, dann wird ihr schwarz, und sie kippt zur Seite an die kalte nackte Wand.

Nur ein paar Sekunden, dann ist sie wieder wach und schaut unter sich in das Becken. Da ragen ein paar winzige Beine heraus. Der Rest, ein zitternder Bauch, zwei dünne Ärmchen, ein runder Kopf, alles ganz rot und blau gefärbt, es sieht sie an und schreit nicht.

Und dann tut ihr der Bauch wieder so furchtbar weh, und der Rest kommt beim nächsten Krampf auch noch raus, fällt in die Kloschüssel und rutscht an dem blauen Körper ab ins Rohr.
Kathrin glaubt, sie muss sich übergeben, aber sie kann sich nicht über die Schüssel beugen wegen der Augen da drin, und außerdem muss sie irgendwie in die Küche kommen, wo die Müllsäcke sind, und muss das alles hier wegräumen und wegputzen. Morgen kommt die Müllabfuhr, dann ist alles weg, es ist eigentlich nie gewesen ...


Das Kind wird gefunden. Lebend.

Von einem Obdachlosen, der in den Mülltonnen nach Brauchbarem sucht.

Nun kümmern sich Sozialstation und Polizei um das, was ein "Fall" geworden ist.

Das Leben des Menschleins ist wertvoll geworden.

So wertvoll, dass die, die es weggeworfen hat, gesucht und bestraft werden muss.


"Wir tappen noch völlig im Dunkeln", bekannte Polizeisprecher Günther Herne gegenüber dem Kurier. Seit 24 Stunden befragen Polizeibeamte fast rund um die Uhr die Anwohner in Freienhausen- Hochfeld, ohne eine heiße Spur zu finden.

Allerdings, so Herne, seien einige Mieter noch nicht angetroffen worden. Die Polizei vermutet eine Verzweiflungstat und bittet die Frau dringend, sich zu melden.

Wenn sie in Panik gehandelt habe, könne sie auf jeden Fall mit mildernden Umständen rechnen.

Das zwei Tage alte Mädchen ist nach anfänglicher starker Unterkühlung inzwischen wohlauf. Es wurde gleich nach dem Auffinden in die Kinderklinik gebracht.


Kathrin, die Einsame, wird von der Tätersuche der Polizei immer weiter in die Angst und in die Enge getrieben ...

 



Nicole Eick

kann diese Geschichte so authentisch erzählen, weil ihr Beruf sie über viele Jahre mitten hinein in das führte, was meist kaltherzig

"Soziale Brennpunkte"

genannt wird. In diesem Milieu lässt sie "ihre Kathrin" den bitteren Kampf ums Leben und um ein bisschen Glück führen.

Sie nennt ihr Buch bescheiden einen "Sozialkrimi", doch es ist weit mehr.

Es ist ein aufrüttelnder gesellschaftskritischer Roman, der unserer Gesellschaft nicht nur einen Spiegel vorhält, sondern ihr auch die Frage stellt, ob die individuelle Schuldzuweisung nicht doch nur das einfachste Mittel ist, von der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung abzulenken.

Eine Verantwortung, der wir mit Jugendamt und Babyklappe noch lange nicht gerecht werden.

 


Mich hat ABFALL an John Steinbecks "Früchte des Zorns" erinnert.

Die Zeiten der großen Depression in den USA, als kleine Farmer durch üble Kreditgeschäfte zu Tausenden von ihrem Land vertrieben wurden und als Wanderarbeiter ums nackte Überleben kämpfen mussten, hat Steinbeck hart und realistisch beschrieben, und dabei doch in jedem Satz seine tiefe Liebe zu den Menschen zum Ausdruck gebracht.

Nicole Eick ist Vergleichbares gelungen.

Ein ganzes Menschenleben später, in einer Zeit, in der die Schwächsten der Gesellschaft wiederum behandelt werden, als hätten sie kein Recht zu leben, macht sie sich zu ihrem Anwalt, zeigt die Realität, vor der viele lieber die Augen verschließen und trägt sie in die Komfortzone derjenigen, die sich Bücher noch leisten können.

Egon W. Kreutzer 

 

 

Dieses Buch hat alles, was es zum Bestseller braucht.

Ein brandaktuelles, kontrovers diskutiertes Thema,

eine spannende und bewegende Story,

lebendig gezeichnete Figuren,

eine klare, prägnante und tabulose Sprache.

Es vermittelt eine Botschaft -

und es rührt an.

 

 

Zugleich ist es ein unbequemes Buch.

Es löst die Illusion, Deutschland sei ein Paradies der Seligen in Luft auf.

Es stellt Forderungen,

unbequeme, weil letztlich teure Forderungen.

Es ist ein Appell, die Spaltung der Gesellschaft in Reich und Arm,

in Elite und Prekariat,

in Wert und Unwert,

in Nützliche und "Abfall",

 

die seit Jahren in vollem Gange ist, zu stoppen, umzukehren.

Und solange die Politik sich weigert, zum Sozialstaat zurückzukehren,

ist dieses Buch ein wichtiger Appell, unsere Menschlichkeit verstärkt zu leben.

 

.

 

jetzt sofort
bestellen?

 

Genre
Belletristik
Autorin
Nicole Eick
 Ausstattung
Hardcover,
356 Seiten
ISBN
978-3-938175-78-1
Preis (D)

23.80


Leseprobe

Auf Mülltour


Als Kalle zu seinem nächtlichen Rundgang aufbricht, ist es schon fast Mitternacht.

Es ist die erste milde Nacht seit Wochen. "Das war der kälteste Mai seit 28 Jahren - an vier Tagen Bodenfrost - Durchschnittstemperatur am Tag bei 13 Grad, in der Nacht bei 3 Grad." Kalle hat's zufällig in den Nachrichten gehört, aber sein chronisches Rheuma zeigt ihm auch so an, wie das Wetter ist. Wer die Nächte im Freien verbringt, braucht keinen Wetterbericht.
Trotz der milden Nacht also trägt er mehrere Schichten übereinander, zwei graue durchlöcherte Unterhemden, eins ohne Ärmel, eins mit, gestreifte Boxer-Shorts, noch ganz gut erhalten. Sie stinken allerdings, er trägt sie seit vier Wochen, als er sie in der Kleiderkammer geholt hat. Dann eine ausgebeulte und abgewetzte Cordhose unbestimmter Farbe mit Hosenträgern, die sie über seinem aufgedunsenen Bauch halten, ein richtiges Hemd mit Kragen, ehemals weiß, darüber einen zu engen Polyester-Pullover mit Rautenmuster, der über dem Bauch spannt, und schließlich noch sein bestes Stück, ein richtiger Lodenmantel, der bestimmt mal sehr teuer war, jetzt verdreckt ist, aber warm hält. Über die eine Schulter baumelt ein Matchsack, noch leer.

Nur ein paar hundert Meter von seinem heutigen Schlafplatz im dichten Gebüsch an der Freienhausener Brücke trifft er auf Billy Boy, der so heißt, weil er ein Strichjunge ist und behauptet, er macht's nie ohne Gummi, was ihm niemand glaubt. Billy ist vielleicht achtzehn, lang und schlaksig und geht deshalb ein bisschen gebückt, und eine Kippe hängt schräg in seinem Mundwinkel. Er hockt auf dem Geländer der Maschinenfabrik und wartet auf Kundschaft.
"Hey, Kalledalle! Wieder auf Mülltour, was?"
Kalle öffnet auch sein zweites Auge ganz, das sonst überwiegend geschlossen ist und wegen dessen er den Spitznamen Kalledalle hat - auf wen sich der bezieht, ist wohl klar. Kalle mag Billy nicht, weil er findet, dass es unmoralisch ist, es sich gegen Geld von einem Kerl von hinten besorgen zu lassen. Vor allem, wenn man noch so jung ist wie der da. Kalle ist sehr moralisch in jeder Beziehung. Wer so moralisch ist, hat selten Freunde.
"Yeah", gibt er zur Antwort, das hat er sich angewöhnt, als er eine Zeitlang mit einem Ami herumgezogen ist, oben im Norden. Ist lange her.
"Ey, weißte schon, dass oben im Sudhaus 'ne neue Sozial-Tussi arbeitet", quatscht Billy Boy los, "scharfe Braut, die. Sind jetzt immer richtig viele Jungs zum Essen da." Er lacht komisch glucksend, und sein Adamsapfel hüpft rauf und runter. Mit einer Hand rückt er seine Eier zurecht.
Kalle schaut missbilligend.
"Da kuckste, was, Kalle, klar steh' ich auf Weiber. Hab' wahrscheinlich schon mehr gehabt als du in den letzten zwanzig Jahren." Er zieht heftig an der Kippe und wirft sie dann weg. "Siehst aus, als wär dein Ding abgefallen." Er lacht wieder.
Kalle antwortet nicht und geht einfach weiter. Er hinkt ein bisschen, wegen seiner kaputten Hüfte. Frecher Bengel, das. Was die Jungen sich heutzutage so erlauben. Als Billy Boy es nicht mehr sieht, fasst Kalle mit einer Hand unter seinen Mantel. Es ist noch alles da.

Es sind nicht viele Leute unterwegs in der Kleinstadt, schon gar nicht hier draußen. Erst oben in Hochfeld, der Siedlung mit den Sozialwohnungen, da wird's ein bisschen lebhafter. Zumindest vor dem Scharfen Eck, der Bierkneipe, ist was los, da stehen ein paar Männer rum mit ihren Flaschen und palavern. Drei Türkinnen mit Kopftuch und Kinderwagen sind auch noch unterwegs, die gehen immer nachts spazieren. Und auf dem trostlosen Spielplatz zwischen den Häuserblocks hockt die Jugend zusammen, kiffende Jungs und Mädels, die sich in ihren Miniröcken was abfrieren, denn so warm ist es nun auch wieder nicht.
Die Mülltonnen stehen draußen, und Kalle beginnt seine Tour am Ende einer Seitenstraße, denn bis er in die Mitte der Siedlung kommt, sind die Männer vor der Kneipe und die Türkinnen bestimmt weg. Er hat Routine: Deckel hochklappen, Luft anhalten, mit einem Arm wühlen, wenn er was Brauchbares findet - rein in den Matchsack. Kalle kann alles brauchen: Essbares, Klamotten, Elektroteile. Manchmal findet er einen alten Walkman, der noch spielt. Wofür er selber keine Verwendung hat, das verkloppt er. Komischerweise findet er hier in der Siedlung immer die besten Sachen. Obwohl die Leute doch arm sein müssten, schmeißen sie Zeug weg, das noch funktioniert, oder hauen ihr Essen in die Mülltonne, wenn sie es nicht mehr wollen. Dort, wo die alten Villen am Schlossberg stehen, traut sich Kalle nur in dunklen Nächten hin, aber da findet er ohnehin kaum was. Was die Reichen wohl mit ihrem Müll machen?
Bei den "Bienenstöcken", den grauen heruntergekommenen Hochhäusern, ist Kalles Suche immer besonders ergiebig, hier stehen die großen Müll-Container. Sie sind schwer zu durchsuchen, aber was obenauf liegt, reicht Kalle meist. Hier hat er letztes Jahr sein Schweizer Taschenmesser gefunden, das er seitdem nicht mehr aus der Hand gibt. Der Platz um die Container herum ist verdreckt, es liegt mehr Müll daneben als drin. Eine Katze mit nur drei Beinen springt fauchend unter einem Container hervor, als Kalle den Deckel aufklappt.
"Hau ab", brummt er.
Ein Haufen Müllsäcke liegt obenauf, die macht Kalle nicht gern auf, er will nicht unbedingt in fauligen Essensresten oder verschmierten Damenbinden wühlen. Er fasst mit beiden Händen hinein, um die Säcke auf die Seite zu schieben, denn weiter unten sieht er ein Stück Metall. Das andauernde Wimmern nervt ihn bei der Suche. Ob die Katze wieder in der Nähe ist? Er schaut sich um, tritt mit dem Stiefel gegen die Container, aber die Katze kommt nicht vor. Blödes Vieh.


Kalle hört schlecht, aber als er weitersucht, merkt er doch, dass das Wimmern direkt im Container ist. Es wundert ihn nicht, die schmeißen hier auch ihre Viecher weg, halbtot womöglich. Er hat schon mal eine tote Katze im Müll gefunden, seitdem hat er auch was gegen die. Das Wimmern kommt aus einem der Müllsäcke, die er gerade weggedrückt hat. Kalle weiß selbst nicht, warum er das macht, wo er doch Katzen überhaupt nicht leiden kann, aber er zieht sein Schweizer Taschenmesser aus der Hosentasche und schlitzt den schon etwas aufgerissenen Sack vorsichtig auf. Es hängt wohl mit seiner Moral zusammen. Kalle grinst bei dieser Vorstellung in sich hinein.
Er hält den Sack mit weit vorgestreckten Armen auf, denn jeden Moment muss das Vieh herausspringen, und er will nicht, dass sie ihm die Augen auskratzt. Aber es tut sich nichts. Widerwillig zieht Kalle den Sack näher und reißt ihn so weit auf, dass er was sieht.

Das ist überhaupt keine Katze, weil es kein Fell hat. Es ist nackt und verschmiert und wimmert.




Wir haben nicht nachgefragt, wie viele große und bekannte Verlage dieses Buch abgelehnt haben, bevor die Autorin ihr Manuskript beim EWK-Verlag einreichte.

Doch wir sind stolz darauf, dieses Buch ermöglichen zu können.

Es wurde am
9. Oktober 2012 in Coburg offiziell vorgestellt.

 

 

jetzt sofort
bestellen?
 
   
     
 

 

Bücher aus dem EWK-Verlag

bestellen Sie einfach - zuverlässig und innerhalb Deutschlands versandkostenfrei direkt über unseren Online Shop.

(Bei Lieferungen ins Ausland stellen wir aufgrund der extrem hohen Portogebühren eine Versandkostenpauschale in Rechnung. Bei korrekter Eingabe des Ziellandes wird diese im Bestellprozess eindeutig ausgewiesen.)

Gerne wird Ihnen auch der Buchhändler Ihres Vertrauens den gewünschten Titel besorgen.

... und wenn Sie lieber den Weg über Amazon gehen: Auch da sind unsere Bücher für Sie ab Erscheinungstermin abrufbereit - ABFALL allerdings erst ab der offiziellen Buchvorstellung am 9. Oktober in Coburg.

Hinweis:
Bei Büchern aus unserem EWK-Verlag
verrechnet Amazon eine Versandkostenpauschale
.

 

EWK-Verlag
Belletristik
 
 

Allgemeine Geschäfts-
B
edingungen
 

bitte erst AGB lesen

Online-Shop
nur Belletristik
 

bitte erst AGB lesen

Online-Shop
Gesamtliste
   
     


 Kontakt

FAX:
08753 9665202


E-Mail:
service@ewk-verlag.de


Post
Rehmoosstraße 7
84094 Elsendorf

Copyright:

Alle Inhalte dieses Newsletters und der verlinkten Site http://www.ewk-verlag.de unterliegen den Bestimmungen des Urheberrechts.

Texte und Bilder dürfen von Dritten in Veröffentlichungen jeglicher Art nur nach ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung verwendet werden.

 

Newsletter abbestellen?

Hier klicken und E-Mail senden!
 Impressum

 

Dieser Newsletter und die damit verlinkte Internetseite http://www.ewk-verlag.de w
ird betrieben von der EWK-Verlag GmbH, Elsendorf
eingetragen beim Handelsregister Regensburg, HRB 13070
Steuernummer 132 125 90813 Finanzamt Landhut
Postanschrift: Rehmoosstraße 7, D - 84094 Elsendorf
Tel. 0049 8753 9665200; Fax. 0049 8753 9665202; mail: service@ewk-verlag.de
Geschäftsführer: Egon W. Kreutzer
Der Geschäftsführer ist gleichzeitig Verantwortlicher im Sinne aller einschlägigen Gesetze und Rechtsvorschriften und gibt gerne weiterführende Auskünfte, falls diese an dieser Stelle fehlen sollten.

 
 

ggg