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Tony Blair
und die Angst vor X.

Kommentar zur Berichterstattung über die Stern-Studie
und die Sorge um die Folgen für die Weltwirtschaft
nach dem Eintreten der Klimakatastrophe

Egon W. Kreutzer
31. Oktober 2006

Ausgerechnet Tony Blair stellt sich in die vorderste Front des Kampfes
gegen die Klimakatastrophe und liefert mit dem Stern Review die Belege dafür, dass nun schleunigst gehandelt werden muss, wenn das Schlimmste verhindert werden soll.

Stand und steht Tony Blair nicht auch in der vordersten Front des Kampfes
gegen den Terror und den Terrorismus? Lieferte er nicht auch die Belege für die Existenz der Massenvernichtungswaffen des Irak? War er es nicht, der auf schleuniges Handeln drängte, wenn das Schlimmste verhindert werden soll?

Ist der Schluss zulässig, dass die Klimakatastrophe ebenso wenig eine realistische Bedrohung darstellt, wie Saddam Husseins nicht existente Atomsprengköpfe?

Werden wir, wenn die Milliarden in die Rettungsprogramme gepumpt sind, ernüchtert feststellen müssen: Die Gefahr einer Klimakatastrophe hat niemals bestanden?

 

Nein.

Die Klimakatastrophe kommt. Sie ist vielleicht noch aufzuhalten. Blair sagt zu den drohenden Veränderungen ja nichts Neues.

Aber nur wer genau hinhört, stellt fest, dass es Blair ja eigentlich gar nicht so sehr um die klimatischen Veränderungen geht. Die Zielrichtung der Kampagne ist doch eine ganz andere. Blair sieht weniger die gigantische Katastrophe für Natur und Umwelt - er malt die gigantischen Katastrophe für die Weltwirtschaft an die Wand. Die muss verhindert werden. Dafür soll weltweit 1 Prozent des Bruttosozialprodukts aufgewandt werden, dafür sollen die Verbraucher mit zusätzlichen Abgaben auf Energie und Umweltverbrauch belastet werden - aber genau dafür gibt es weder einen schlüssigen Beleg, noch einen vernünftigen Grund.

Selbst die taz hat vor lauter Freude darüber, dass ein Ökonom die Klimakatastrophe entdeckt hat, vollkommen versäumt, die These von den Billionenschäden für die Weltwirtschaft kritisch zu hinterfragen und lässt den Kommentator Stephan Kosch unter dem Titel: "Gutes Klima, gutes Geld" zu dem Schluss kommen:

"Wenn die Wirtschaft den Klimawandel als Markt entdeckt, mag man das zynisch finden. Es ist aber in jedem Falle zu begrüßen. Denn der Kampf gegen die drohenden Folgen des Klimawandels lässt sich nicht gegen den Kapitalismus gewinnen."

Ein regelmäßiger Besucher meiner Seiten hat diesen Satz am Morgen des 31.10.06 in der Presseschau des DLF gehört und mich gefragt, ob dies nicht Stoff zum Sinnieren, Reflektieren, auch für Überlegungen in sprachlicher und semantischer Beziehung sei.


Ich finde, diese Frage ist berechtigt.

Was heißt es, man könne den Kampf gegen die drohenden Folgen des Klimawandels nicht gegen den Kapitalismus gewinnen?

In dieser Aussage stecken gleich zwei Ungeheuerlichkeiten, die uns da en passant untergebuttert werden.

 

Ungeheuerlichkeit No. 1

Die Klimakatastrophe kommt. Sie ist nicht mehr aufzuhalten. Der Kampf, der noch geführt werden kann, ist ausschließlich der Kampf gegen ihre Folgen - und die schlimmsten Folgen sind Renditeeinbrüche.

Wir werden also das schnelle Ansteigen der durchschnittlichen Temperaturen auf diesem Globus erleben, wir werden das Abschmelzen von Gletschern und Polkappen ebenso erleben, wie die Ausbreitung der Wüsten und die Zunahme von Wirbelstürmen, Starkregen, Überschwemmungen und Erdrutschen.

Wir werden Ernten verlieren, das größte Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier hinzunehmen haben und in allen Regionen mit bis dahin dort unbekannten Arten in Flora und Fauna zu kämpfen haben, um wenigstens Reste von funktionierenden Artengemeinschaften und Nahrungsketten zu retten.

Die alles ist, so suggeriert es Stephan Kosch, nicht mehr aufzuhalten.

Und die Folgen, die er in diesem Zusammenhang in seinem Kommentar beleuchtet, sind nicht etwa Millionen von Obdachlosen und Flüchtlingen, nicht drohende Hungerkatastrophen und die Zunahme von Hautkrebs und anderen grausamen Krankheiten.

Die Folgen, vor denen Stephan Kosch warnt, sind steigende Ölpreise, Halden unverkäuflicher, weil spritfressender Automobile und Renditeeinbrüche für die Aktionäre von Daimler Chrysler und anderen Unternehmen, deren Produkte und Produktionsweisen die Umwelt massiv schädigen und den Raubbau an den Ressourcen dieser einen Erde so weit getrieben haben, dass die Reserven viel zu schnell zu Ende gehen.

Doch damit nicht genug. Kosch glaubt, dass die Gefährdung der Renditen, als drohende Folge der Klimakatastrophe, für das Kapital Anreiz genug sei, das Ruder herumzureißen. Nun ja, das Ruder herumreißen ist wohl zu hoch gegriffen. Er glaubt, und damit hat er sicherlich recht, dass die Unternehmen darauf setzen werden, dass die Verbraucher bereit sein werden, für energiesparende Technologien mehr Geld auszugeben, und hofft daher auf einen hohen Innovationsdruck.

Das Fazit, das aus dieser Argumentation gezogen werden kann - und muss, lautet so:

Je größer die Katastrophe wird, desto mehr werden die Menschen bereit sein, viel Geld dafür auszugeben, um trotzdem irgendwie und einigermaßen sicher und komfortabel weiter zu leben, weiter zu kommunizieren, weiter mobil zu sein - und um so mehr Gewinn lässt sich aus der Katastrophe schlagen.

Je knapper die Rohstoffbasis wird, die dieser Planet bereit hält, desto teurer können die Rohstoffe von denen, die sich Eigentumsrechte daran gesichert haben, auf den Weltmärkten angeboten werden.

An der Not und am Mangel verdienen kann nur, wer sich rechtzeitig klar macht, wo Not und Mangel entstehen werden - und wo es sich lohnt, dagegen anzugehen.

Wohin diese Logik führt, ist leicht zu erkennen. Ein gutes Beispiel ist die Aids-Epidemie in Afrika. Es lohnt sich für die Pharmakonzerne nicht, in Afrika gegen Aids zu kämpfen, also lässt man es bleiben.

 

Ungeheuerlichkeit No. 2

Der Kampf ist nicht gegen den Kapitalismus zu gewinnen.

Kosch will damit vermutlich sagen, dass man den Kapitalismus als Partner braucht, um den Kampf gegen die Folgen der Klimakatastrophe gewinnen zu können.

Weil der Kapitalismus aber weder eine natürliche, noch eine juristische Person ist, kommt er als Verbündeter in einem Kampf nicht in Frage. Was wir finden, und womit wir uns verbünden müssten, sind Kapitalisten. Kleine, und große.

Tatsächlich aber sagt Kosch ja gerade nicht, dass der Kampf nur mit dem Kapitalismus zu gewinnen sei. Er sagt, er ist nicht gegen den Kapitalismus zu gewinnen und das wiederum bedeutet:

Solange die Kapitalisten in ihrem Profitstreben nicht gestört werden, kann gegen die Klimakatastrophe oder ihre Folgen kämpfen wer will und wie er will. Doch wehe, die Renditen geraten in Gefahr ...

Ganz nach dem Motto: Was wäre ein Krieg, ohne Kriegsgewinnler?

Der Kapitalismus, der keinen Wertekanon, sondern nur einen einzigen Wert kennt, nämlich den Wert des angesammelten Vermögens, der Kapitalismus, der im Streben um die Anhäufung hoher und höchster Vermögen den ganzen Schaden in blindem und kurzsichtigem Profitstreben innerhalb kürzester Zeit erst angerichtet hat, dieser Kapitalismus wird nun keineswegs als Verursacher zu Schadensersatz herangezogen, sondern mit zusätzlichem Gewinnversprechen in tiefer Demut gebeten, sich doch bitte dem Ringen um die Verhinderung der schlimmsten Katastrophe der Menschheitsgeschichte nicht in den Weg zu stellen.

 

 

Es widert mich an.


 

Der Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe wäre in einer von den Renditezwängen des Kapitalismus befreiten Welt doch viel leichter zu gewinnen!

Vernünftiges Wirtschaften auf Märkten, die den Namen verdienen, ist doch möglich. Dazu braucht es weder Kapitalismus, noch Kapitalisten.

Vernünftige Entscheidungen demokratisch organisierter Gesellschaften sind doch möglich. Kapitalismus und Kapitalisten sowie deren Lobbyisten stehen dem eher im Wege.

Wohlstand für alle, Bildung für alle, Freiheit und Gerechtigkeit für alle, sind doch Ziele, die verwirklicht werden könnten. Kapitalismus und Kapitalisten arbeiten dagegen und machen mit ihrem Joker "Geld" jeden Versuch der Herstellung von Chancengleichheit zunichte.


Das ist nicht einfach so dahergesagt.

Ich weiß selbstverständlich auch, dass der natürliche Egoismus der Menschen mit ein paar schönen Worten und guten Vorsätzen nicht aus der Welt zu schaffen ist.

Nicht umsonst haben über Jahrtausende Gesetzgebung und Rechtsprechung - soweit sie nicht korrumpiert waren - überall auf der Welt ausschließlich einem Ziel gedient, nämlich den ungezügelten Egoismus einzelner zum Wohle der Gemeinschaft zu bändigen.

Doch mit dem Aufkommen des Kapitalismus ging ein beschleunigter Werteverfall einher, dem wir es zu verdanken haben, dass der ungehinderte Verkehr von Waren, Dienstleistungen und Kapital, über alle Grenzen hinweg, heute zum obersten Prinzip erhoben ist, womit das Ausleben des Egoismus nicht etwa zum Wohle der Gesellschaft reglementiert, sondern zum Nutzen einiger weniger gefördert und unterstützt wird.

Der Egoismus als Staatsform? Der Entwurf der EU-Verfassung nährt den Verdacht.
Die Statuten der Weltbank und des internationalen Währungsfonds und viele internationale Verträge unterstützen jenen Egoismus, der längst alle Vernunft, die sich nicht in Renditeziele kleiden lässt, überwunden zu haben glaubt.

Doch wer ernstlich etwas zum Besseren wenden will, sollte am unausrottbaren Egoismus der Menschen nicht verzweifeln. Die Notwendigkeit, vor der wir heute stehen, heißt:

Es muss gelingen, dem übersteigerten Egoismus einzelner, andere, bessere Ziele zu geben.

Was uns fehlt, sind nicht Einsicht und Vernunft - die meisten Menschen sind sehr vernünftig und einsichtig, doch Einsicht in die Unhaltbarkeit bestehender Umstände ist noch keine Lösung.

Was uns fehlt, ist die Gewissheit, dass Millionen vernünftiger und einsichtiger Menschen bereit sind, behutsam und verantwortungsbewusst einen Umbau der Gesellschaft voranzutreiben, der alte Probleme löst und neue Chancen eröffnet.

Was vollkommen fehlt, ist das klare und schlüssige Bild, das Szenario - oder die Vision - dessen, was als Ergebnis des Veränderungsprozesses entstehen soll, die Beschreibung eines Wertesystems, in dem sich alle gestellten Anforderungen widerspruchsfrei erfüllen lassen - und ein Anreizsystem, das dazu führt, dass das natürliche, menschliche Streben nach individuell-egoistischen Zielen stets auch dem Gemeinwohl dient, anstatt ihm zu schaden.




An dieser Stelle geht der Kommetar nahtlos in einen Auszug aus meinem Buch
"Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band II" über, der bisher noch nicht online veröffentlicht wurde.

Lesen Sie aus dem Abschnitt "Ein Credo der Vernunft" weiterführende Überlegungen zu einem "vernünftigen Anreizsystem"


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* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg

Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
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