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Willkommen im
Sommerloch 2006

ein letztlich doch ziemlich ernsthafter
Kommentar zur Lage
von Egon W. Kreutzer
19.07.2006

 

Endlich, endlich ist es so weit.


Das Wetter ist schön. Wer kann und darf macht Urlaub, und die Daheimgebliebenen machen sich wichtig.

Zeit also, noch einmal das aufzuarbeiten, was in der Hektik zwischen Anpfiff und Abpfiff der Weltmeisterschaft ein bisschen untergegangen ist.

Fangen wir ganz vorne an:

Können Sie sich eigentlich erinnern, dass es vor genau vier Jahren, also 2002 schon einmal eine Fußballweltmeisterschaft gegeben hat?

Nein?

Kein Wunder! Die WM 2002 wurde ja in den letzten Wochen so was von totgeschwiegen, dass man glauben könnte, es sei bei Androhung der Verschleppung nach Guantanamo (mit Billigung der Bundesregierung, versteht sich) verboten worden, daran zu erinnern, dass es die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren (ja, nur die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren, nicht ganz Deutschland!) damals, unter Schröder und Völler, bis ins Endspiel geschafft hat. Gegen Brasilien. Da ist sie Vizeweltmeister geworden, die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren, und sie ist Vizeweltmeister geblieben, bis es dieses Mal, 2006, unter Merkel und Klinsmann, nur für den dritten Platz gereicht hat.

Ebenso totgeschwiegen wurde und wird die deutsche Fußballnationalmannschaft der Damen. Abgesehen von einem faux pas der Angela Merkel, die einmal vor laufender Kamera zugab, davon zu wissen, wird darüber nicht berichtet. Dass es sie überhaupt gibt, ist folglich ein nur unter Verschwörungstheoretikern hinter vorgehaltener Hand weitergegebenes Geheimwissen, und dass eben diese Fußballnationalmannschaft der Damen amtierender Weltmeister ist, tja, das glauben im Land der alten Patriarchen selbst die meisten Verschwörungstheoretiker nicht.

Dennoch stimmt es, die deutschen Fussballfrauen sind Weltmeister und die deutschen Fußballmänner sind bei der WM 2006 tatsächlich um einen Rang abgestiegen.

Sie glauben mir zwar viel, aber das nun wirklich nicht?

Das halten Sie bei dem Jubel und der Euphorie und den unbeschreiblichen Szenen beim Papplik Fjuing
(lautmalerisch für den scheußlichen Anglizismus mit der Bedeutung "Öffentliches Fernsehen") für vollkommen unmöglich.
So kann sich, meinen Sie, ein ganzes Volk nicht irren?


Nun, versuchen Sie sich zu erinnern, das deutsche Volk hat schon öfters gejubelt, ohne genau zu wissen warum - und es ist in Sack und Asche gegangen, ohne zu wissen warum.

Das ist Massenpsychologie. Das kann man lernen. Und hat man es gelernt, dann reichen wirklich Bild, BamS und Glotze, um zu regieren, wie es der smarte Gerd einmal süffisant formuliert hat.

Doch Massenpsychologie braucht, wie jedes Strohfeuer, ständig neue Nahrung. Wer Brot und Spiele abreißen lässt, findet das Volk schnell nicht mehr im Rauschzustand, sondern im Katzenjammer vor.

Glauben Sie mir, die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren (nicht die der Damen, und schon gar nicht ganz Deutschland) war 2006 schlechter als 2002, auch wenn in den Medien die Zeit zwischen 1990 und 2006 schlicht ausradiert wurde. Nur weil es den Medien gelungen ist, diesen Abstieg zum größtmöglichen Erfolg umzudeuten, können es sich die Kommentatoren und Talkmaster immer noch leisten, sich weiterhin in Vermutungen und Ratschlägen zu ergehen, ob und was Frau Merkel sich von Jürgen Klinsmann abschauen könnte, um eine ebenso gute Figur zu machen, wie dieser, was schon deshalb nicht einfach ist, weil die gute Figur zunächst einmal kräftiges Abspecken und Gürtel-enger-Schnallen erforderte, damit die von den Knöpfen der Mitte ausgehenden gesamtdeutschen Spannungsfalten verschwinden.

Doch diese naheliegendste und offenkundigste Veränderungsnotwendigkeit auf dem Weg, Klinsmann ähnlich zu werden, wird geflissentlich nicht thematisiert. Stattdessen wird Klinsmanns Optimismus, Klinsmanns Zähigkeit, Klinsmanns Durchhaltevermögen, Klinsmanns Entscheidungsfreude und Klinsmanns Vertrauen in alles was amerikanisch ist, anempfohlen.

Ach würde A.M. diesen Anregungen doch nur folgen, vielleicht könnte sie darüber eines Tages auch eine unbezwingbare Liebe zu Kalifornien entdecken, sich bei Schwarzenecker einnisten, nur noch alle paar Wochen einmal zum Nachschauen über den großen Teich kommen, und beim nächstbesten Koalitionsstreit einfach das Handtuch werfen und gar nicht mehr wiederkommen.

Von Klinsmann lernen, das muss doch auch heißen: Abdanken lernen.

 

Old Müntefering, der sich vergeblich müht, in seiner Rolle als Arbeitsminister die Effektivität des Wirtschaftsministers Glos nicht zu unterbieten, tut auf seine Weise alles, um Jürgen Klinsmann schnellstmöglich in den längsten Urlaub seines Lebens folgen zu dürfen. Mit seinem abenteuerlichen Kombischlag, einer großkoalitionären Mischung aus linkem Haken und rechter Geraden, hat er bei Freund und Feind gleichermaßen den Nerv getroffen. Die Genossen wollen nach wie vor den Mindestlohn, während die Ungenossenen (oder was ist sonst das Gegenteil von Genosse? Ungenießbar?) behaupten, Müntefering betreibe Ideenklau und gäbe als sein Rezept aus, was als Kombilohn schon immer und ausschließlich auf dem Mist der christlichen Schwestern gewachsen sei.
Macht nichts. Um den Kombilohn zu streiten, ist ebenso müßig, wie um die Rente mit 67. Das ist alles nicht aufzuhalten.
Das wird jetzt eingeführt, dann wird eines Tages in naher Zukunft festgestellt, dass es nichts geholfen hat, und dann wird das nächste Rezept ausprobiert. Der Verhau aus unausgegorenen Reformen wird dadurch immer größer und die Chance, ihn jemals in einem vernünftigen gesetzgeberischen Verfahren wieder zurechtzustutzen wird von Tag zu Tag kleiner.

Soll das alles vielleicht nur dazu dienen, das deutsche Volk endlich einmal zur Revolution aufzustacheln?
Wohl kaum. Wer so weit zu denken versteht, würde wohl auch weniger kurzsichtig zu handeln verstehen.

 

Auch Heidemarie Wieczorek Zeul scheint das Ministerleben keine große Freude mehr zu bereiten. Wie sonst könnte sie sich zu Äußerungen hinreißen lassen, die das primäre Selbstverteidigungsrecht Israels an so sekundären Rechtsgütern wie dem Völkerrecht messen.
Da muss man - wenn man seine fünf Sinne beisammen hat und so etwas trotzdem öffentlich sagt - schon ganz fest auf die Rücktrittsforderung hoffen, und dann aber auch schleunigst zurücktreten - bevor die Situation eskaliert.

Wenn nämlich erst einmal der Verdacht aufkommt, die rote Heidi könnte zu den stillen Sympathisanten - oder mit Mitteln der Entwicklungshilfe gar zu den Finanziers - einer oder mehrerer israelfeindlicher Terrororganisation gehören, darf sie nicht unbedingt darauf vertrauen, dass die radikale Selbstverteidigung vor ihr Halt macht. Ein eingeschaltetes Handy genügt ...

 

Derweil versucht das ULD (Unabhängige Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein) herauszufinden, ob die Terrorismusfahndung des US-amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA im Rahmen der Anzapfung des SWIFT-Systems auch auf Konten- bzw. Bewegungsdaten von Kunden deutscher Banken zugegriffen und damit das deutsche Bankgeheimnis geknackt haben könnte.

Das ist doch richtig nett. Da fragt sich eine Landesbehörde in gesetzestreuer Einfalt doch tatsächlich, ob die CIA sich an Gesetze hält - noch dazu an deutsche Gesetze.

... und was, wenn sie tatsächlich Beweise dafür finden sollte? Muss Angela Merkel dieses Thema beim nächsten Meeting mit George W. Bush dann unter vier Augen ansprechen? Oder darf sie es, um die guten Beziehungen zum großen Freund nicht zu gefährden, auch einfach unter den Teppich kehren?

Dabei sollte sich eigentlich längst eine große Mehrheit im Lande finden, die für die vollkommene Aufhebung des Bankgeheimnisses plädiert.

Hier stimmt nämlich ausnahmsweise einmal der Satz: Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten. Nur da, wo er ausnahmsweise einmal stimmt, wird nicht auf ihn Bezug genommen.

Ganz ehrlich, und mitten im Sommerloch gefragt: Halten Sie es für richtig, dass unrechtmäßig und / oder unversteuert erworbene Einnahmen, dass also Straftäter und Steuerhinterzieher durch das Bankgeheimnis geschützt werden?

Ich nicht. Meine Kontendaten dürfen alle staatlichen Stellen bei berechtigtem Interesse gerne einsehen. Ich habe nämlich nichts zu verbergen.

Und wenn sich einer seines legal erworbenen Reichtums oder seiner legal erarbeiteten hohen Einkünfte schämt, dann soll er sich doch outen und mit dem Überfluss etwas für die Gemeinschaft tun, statt sich öffentlich arm zu rechnen, während er im privaten Whirlpool im Champagner ersäuft.

 

 

Wollen wir hoffen, dass sich das Sommerloch 2006 noch für viele Wochen hält.

Im Nahen Osten braut sich ein fürchterliches Gewölk zusammen, das geeignet ist, sowohl das Ungeheuer von Loch Ness, wie auch Klinsmann, Müntefering, Glos und Wieczorek Zeul von den Titelseiten zu verdrängen.

Hamas und Hisbollah haben Nadelstiche gesetzt, Israel hat das zum Anlass genommen, gnadenlos zuzuschlagen.
In Teheran wird ohne Not getönt, der Krieg (in den der Iran noch gar nicht verwickelt ist) sei noch lange nicht zu Ende. Die Türkei, welche nicht in der EU, aber NATO-Mitglied ist, weshalb wir ihr gegebenenfalls beistehen müssen, sammelt Truppen, um in den Norden des Irak einzumarschieren, weil sie sich, wie Israel, das Recht herausnimmt, sich von dort agierenden Terroristen (kurdischen) bedroht zu sehen.

Vielleicht ist das der hübsch konstruierte Anfang des großen Krieges im Nahen Osten, vielleicht ist es wirklich nur ein von Zufälligkeiten ausgelöster Konflikt, es gibt jedenfalls viele unterschiedlich motivierte Interessen bei allen Beteiligten, die eine nachhaltige Bereinigung der Situation in der seit einem halben Jahrhundert in Unruhe befindlichen Region anstreben.

Doch will ich auch an dieser Stelle jenen einen Satz sagen, der mir mehr und mehr zum Kern meiner Argumentationen wird:

Das Motiv ändert nichts am Ergebnis.

Warum auch immer Bomben geworfen, Raketen abgeschossen, Menschen getötet, Städte zerstört, Ernten vernichtet werden - das Ergebnis ist Tod, Zerstörung, Verwüstung.

An Tod, Zerstörung und Verwüstung ändern die edelsten Motive nichts.
Ein totes Kind ist nicht weniger tot, wenn es von einer Granate getroffen wurde, die einem Aufrührer galt. Es ist nicht mehr tot, wenn es einem gezielten Angriff auf die Zivilbevölkerung, auf einen flüchtenden Konvoi zum Opfer fiel.

Eine zerbombte Brücke ist für den zivilen Verkehr nicht dadurch weniger unpassierbar, weil sie bombardiert wurde, um eine strategisch wichtige Straße zu unterbrechen, ein Krankenhaus ist nicht weniger unbenutzbar, wenn es versehentlich von einer Rakete getroffen wurde.

Es ist daher falsch, Handlungen primär nach Motiven zu bewerten.

Diese falsche Wertung und Gewichtung rechtfertigt jedes Verbrechen, so es nur einem guten Zweck zu dienen vorgibt.
Motive können nicht ergründet werden. Motivsuche im Vorfeld führt zu Hexenverbrennungen und dazu, dass Waffen gesegnet werden, Motivsuche nach vollbrachter Tat rechtfertigt oder verurteilt jedes Verhalten. Statt sich die Ergebnisse vor Augen zu halten, und danach zu richten, wird in den Motiven nach der Begründung für ein vorgefasstes Strafmaß oder die Ordensverleihung gesucht.


Niemand darf im Grenzgebiet eine gegnerische Streife überfallen, dabei Soldaten umbringen und Geißeln nehmen. Auch nicht, wenn er die Geiseln als Pfand einsetzen will, um die Freilassung von Gefangenen zu erpressen.

Der Akt, der als Auslöser des aufkeimenden Konflikts dienen muss, war dreifacher Mord und doppeltes Kidnapping. Die Täter würde in Deutschland nach dem zivilen Strafrecht eine lebenslängliche Freiheitsstrafe, in den USA womöglich die Todesstrafe erwarten.

Ebenso darf aber auch niemand ein ganzes Land zur Geisel nehmen, die Infrastruktur zerstören, Hunderte von Menschen töten, Tausende verwunden und zu Krüppeln zu machen.
Auch nicht, wenn er damit eigentlich nur für alle Zeiten ein abschreckendes Zeichen setzen will.



Tucholski hat das Handwerk der Soldaten auch vom Ergebnis her betrachtet. Das Ergebnis seines Nachdenkens zu zitieren, ist hierzulande von der Meinungsfreiheit leider nicht gedeckt. Deswegen werden diejenigen, die Hunderte von Menschen töten, Tausende verwunden und zu Krüppeln machen, die ein ganzes Lande zur Geisel nehmen und seine Infrastruktur zerstören auch nicht vor Gericht gestellt. Weder in Deutschland, noch in den USA.

Sieger verurteilen die Taten der Verlierer gerne nach den Ergebnissen, was prinzipiell richtig wäre, hätten sie nicht zugleich die fatale Angewohnheit, die eigenen Taten lieber nach den Motiven, als nach den Ergebnissen zu beurteilen.

Dieses Messen mit zweierlei Maß ist es, was mit jedem Sieg schon den Samen für den nächsten Krieg legt.

Die Argumentation:

Es muss heute Krieg geführt werden, um morgen in Frieden leben zu können, ist doch falsch. Das Motiv: "Frieden in der Zukunft" kann doch niemals das Ergebnis "Tod und Verwüstung in der Gegenwart" rechtfertigen.

Schon gar nicht, weil jeder wissen könnte, dass dieses Motiv - vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Menschheitsgeschichte - in Wahrheit nur die neuerliche Wiederholung eines anscheinend unausrottbaren Irrtums ist.

Mehr dazu habe ich früher einmal in einem Aufsatz über den Terror geschrieben.
Er ist wieder von großer Aktualität.

 

Also wünschen wir uns, dass das Sommerloch bleibt, was es ist!

Sind wir zufrieden, wenn uns die Medien ein paar Wochen lang Minister im Urlaub und Hinterbänkler in Aktion präsentieren. Das ist besser, als den Ausbruch eines Weltbrandes beobachten zu müssen.



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* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg

Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
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