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Der Kombilohn - die Quadratur
des Kreises
(oder vielleicht doch sogar die Verwürfelung der Kugel?)

Deutschland, Land der Ideen ...

Ein Kommentar von
Egon W. Kreutzer
2. Januar 2006

 

Zu den schönsten Ideen unserer Frau Bundeskanzler gehört seit langer Zeit die Idee vom Kombilohn.

Der kommt jetzt über uns.

Die Hartz-Gesetze, die zuletzt über uns gekommen sind, haben ja nichts gebracht, eher sogar weniger als nichts. Das wurde jüngst von Kommissionen festgestellt. Die ewigen Bedenkenträger haben das zwar von Anfang an gesagt, aber wer etwas erreichen will, darf sich nicht beirren lassen, schon gar nicht von Leuten, die immer nur überlegen, was schief gehen könnte, als ob nicht auch ohne die schon genügend schief ginge.

Der Kombilohn ist eine feine Sache. Schon der bezaubernde Klang, wenn man nur die drei Vokale andächtig ausspricht:

"oooh - iii - oooh",

Wie das dröhnt und singt, wie exotisch, betörend, bezaubernd, zuversichtlich, wie der Gesang der Sirenen zwischen Skylla und Charybdis, so fraulich-herrlich, ...

Der sagenumwobene, große Diamant "Koh-i-Noor", der Weltenbummler "Robinson", das selbstbewusste bayrische "sowieso" führen diesen universellen Wohlklang an, dem nun der geniale "Komb-i-lohn" hinzugefügt wird.

Seit es Menschen und menschliche Arbeit gibt, gibt es das Problem, das uns bisher noch unlösbarer erschien, als die Quadratur des Kreises, nämlich:

 

den Arbeitern einen gerechten Lohn zu geben,
ohne dass die Arbeitgeber
deshalb auch einen gerechten Lohn
zahlen müssten.

 

So plagten wir uns mit allerlei Ausreden und Hilfskonstruktionen durch die Jahrtausende. Mal wurde den Arbeitern nach der Hölle auf Erden ein ewiger Lohn im Himmel versprochen, mal gab es die Erleichterung schon auf Erden, wenn ordentliche Leistung dadurch belohnt wurde, dass der ordentlich Leistende nur mäßig, der mäßig Leistende hingegen ordentlich ausgepeitscht wurde; mal versuchten Gewerkschaften mit erpresserischen Streiks höhere Löhne zu erzwingen, dann wieder wurden die Preise in die Höhe getrieben, bis die Lohnsteigerungen mehr als überkompensiert waren, aber eine gerechte Lösung, die hat es nie gegeben. Zuletzt standen wir vor dem Patt, dem Stillstand. Deutschland drohte vollends zu erstarren. Arbeiter, denen die Arbeitgeber wie in allen glorreichen Zeiten der Weltgeschichte, wenn überhaupt einen Lohn, dann nur einen Hungerlohn zahlen wollten, verweigerten sich -

- und die verweichlichten und an der Nadel des Wählerwillens hängenden Politjunkies gaben

a) nach, und

b) jedem Nichtarbeiter jeden Monat 340 Euro, anstatt die faule Bande sich selbst zu überlassen.

Wir, die wir uns daran gewöhnt hatten, als rote Laterne bequem am letzten Waggon zu hängen, uns von den Lokomotiven Polen und Portugal mitziehen zu lassen, ohne dafür mehr zu tun, als unsere pflichtgemäßen Nettozahlungen in die EU-Kasse zu leisten und die Vergangenheit auf den Geleisen hinter der europäischen Eisenbahn mit unserem rosaroten Schein glorifizierend zu beleuchten - wir waren von den Zugführern des Globalisierungsexpress' als unnützer Ballast erkannt und abgeworfen worden. Das Volk der Dichter und Denker lag zerbrochen zwischen den Gleisen auf dem Schotter. Ein dünnes Rauchfähnlein kündete vom Erlöschen des Dochtes. Die Leichenstarre stand bevor.

Doch noch ist Deutschland nicht Polen, Polen nicht verloren,

die Rettung, der Kombilohn ist wie ein Geschenk des Himmels zur Weihnachtszeit auf die Erde niedergekommen.

Viele Menschen reiben sich verwundert die Augen, können sich nicht erklären, wie dieses Wunder funktionieren soll, schon gar nicht, warum nicht schon die Pharaonen beim Bau der Pyramiden, die Römer beim Bau des Limes, die Chinesen beim Bau der großen Mauer, die Gebrüder Albrecht bei der Errichtung des Aldi-Imperiums auch nur annähernd auf diese Lösung gestoßen sind, die - wenn man sie näher betrachtet - doch eigentlich seit jeher auf der Hand liegt.

Man braucht nur dem einen geben, was er erwartet, und
dem anderen nicht mehr zu nehmen, als er zu geben bereit ist.

So einfach ist das.

Das ist Ihnen zu abstrakt?
Nun vielleicht hilft ein übersichtliches Beispiel mit Zahlen.

Ein Arbeiter arbeitet einen Monat lang.
Der Arbeitgeber ist mit der Arbeit zufrieden.
Er zahlt dem Arbeiter volle 170 Euro für einen Monat Arbeit.

Der Arbeiter braucht im Monat aber mindestens 340 Euro,
damit er seine Miete zahlen kann, also bekommt er 340 Euro.
Der eine zahlt 170, der andere bekommt 340 Euro.

So einfach ist das.

Sie verstehen das immer noch nicht? Sie entdecken eine Differenz?

Sehen Sie, genau an dieser vermeintlichen Differenz sind bisher alle großen Geister, von Echnaton bis Ackermann, gescheitert. Sie müssen sich gar nicht schämen, Sie befinden sich in guter, wenn nicht in bester Gesellschaft. Nicht jeder kann ein Genie sein.

Die geniale Idee kommt nur dadurch zustande, dass jemand wagt, über den Tellerrand hinaus zu denken, neue Horizonte zu öffnen, verkrustete Strukturen zu sprengen, ja das Denken selbst von den beengenden und erdrückenden Regeln der Logik zu befreien. Wachstum braucht Freiheit, und Arbeit braucht Wachstum, genau wie auch Blaukraut Brautkleid braucht und Brautkraut Blaubaut ...

Die Lösung ist doch so einfach.

Man darf einfach nicht immer nur Arbeitgeber und Arbeitnehmer betrachten. Man muss den Irrweg der Tarifautonomie verlassen, dann wird der Blick wieder weit und man sieht den dritten im Bunde, Vater Staat.

Ist es denn nicht so, dass es Vater Staat ist, der gegenwärtig, Monat für Monat, 340 Euro hergibt, damit der Langzeitarbeitslose seine Miete bezahlen kann.

Verstehen Sie es jetzt?

 

 

Mutter Merkel bringt
Vater Staat
endlich zur Vernunft.

 

Der Minister für Arbeit und Soziales zahlt in Zukunft nur noch 170 Euro monatlich als Zuschuss. Als Zuschuss zu jenen 170 Euro Lohn, die der Arbeitgeber zahlt.
Damit ist allen geholfen. Der Arbeitgeber bekommt die geleistete Arbeit und kann im internationalen Wettbewerb bestehen, der Arbeitnehmer bekommt unverändert seine 340 Euro und kann seine Miete zahlen, und der Staat spart 170 Euro. Und das spart er beileibe nicht nur ein Mal, er spart sich das Monat für Monat wieder und jeden Monat spart er es sich bei jedem Langzeitarbeitslosen, der einen Kombilohnjob annimmt. Nur gut, dass in weiser Voraussicht längst beschlossen wurde, dass Langzeitarbeitslosen jede Arbeit, ja sogar jede Arbeitsgelegenheit zuzumuten ist.

Schon an einer einzigen Million Langzeitarbeitsloser kann sich der Staat per Kombilohn auf einen Schlag pro Jahr über zwei Milliarden Euro sparen.

Bei fünf Millionen Langzeitarbeitslosen sind es schon zehnkommazwei Milliarden, und hätten wir achtzig Millionen Langzeitarbeitslose, der Staat könnte sich jährlich volle 163 Milliarden sparen.

Da wird doch auch schlagartig klar, warum die Deutschen wieder mehr Kinder brauchen!

Wo sollen wir denn die achtzig Millionen Langzeitarbeitslose hernehmen, die wir dazu bräuchten? Die sind doch von den vergnügungssüchtigen, vaterlandslosen Gesellinnen, die sich verantwortungslos der mehrfachen Mutterschaft verweigert haben, gar nicht zur Welt gebracht worden!

Und das wird nicht besser. Schon im Jahr 2107 werden wir verzweifelt vor der Frage stehen, wo wir wenigstens noch erbärmliche siebzig Millionen Arbeitslose hernehmen sollen.

 

Haben Sie es jetzt endlich verstanden?!

Immer noch nicht? Sie wollen erst noch wissen, wo der Staat die 163 Millionen hernehmen soll, die er als Lohnzuschuss ausgeben muss, um 80 Millionen Kombilöhner zu bezuschussen.

Mein Gott!
Sind Sie schwer von Begriff!

Wenn alle Arbeiter jeden Monat 370 Euro bekommen, dann geben die die doch auch aus. Da fließt die Mehrwertsteuer. 19 Prozent bringen schon 70 Euro. Außerem sind Kombilöhner mobil, zahlen also Öko- und Mineralölsteuer, bei einem durchschnittlichen Arbeitsweg von 20 km kommen da, auch wenn das Auto sonst überhaupt nicht benutzt wird, weitere 23 Euro zusammen. Fehlen uns noch 77 Euro auf den vollen Zuschuss - und die holen wir über die Lohnsteuer wieder herein. Ein einfaches Steuermodell mit nur einem Steuersatz für alle, runde 21 Prozent, da kann sich niemand beschweren, und der Kombilohn ist solide und nachhaltig gegenfinanziert.

Dann bleiben denen immer noch 170 Euro übrig. Nämlich das, was der Arbeitgeber als Lohn zahlt. Tja, und das ist genau die Größenordnung, die von der Krankenversicherung benötigt wird, wenn die Kopfpauschale kommt.

So geht alles auf.

 

Ohne Kombilohn völlig unmöglich!

Was faul ist, Am Wirtschaftssystem dieser Welt,
warum die Verheißungen des Kapitalismus nicht eintreffen,
und wo man ansetzen müsste ...

Das finden Sie in Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band II

 

Ernsthafter Nachtrag:

Wer den vorstehenden Text für eine boshafte, ungerechtfertigte und völlig aus der Luft gegriffene Polemik hält, möge sich zunächst die Frage stellen, welche Wirkung das massive Einbrechen von Kombilöhnern in den ersten Arbeitsmarkt wohl auf das Lohngefüge der dort noch Beschäftigten haben wird.
Danach sollte er sich kurz mit den offiziellen Zahlen zum Steueraufkommen nach Steuerarten befassen.

Rund ein Drittel des gesamten Steuerkuchens von Bund, Ländern und Gemeinden stammt aus der Lohnsteuer. Ein weiteres Drittel bringt die Mehrwertsteuer - und das letzte Drittel kommt zur Hälfte ebenfalls ziemlich direkt aus den Taschen der kleinen Leute.

Wer mit Kombilohnmodellen eine weitere Bresche schlägt, um Deutschland zum Niedriglohnland und Arbeitgeberparadies umzubauen, dem wird das Geld noch viel schneller ausgehen, als heute schon.

Aber wer durch die Wand will, und dafür seinen Kopf einsetzt, der darf sich nicht beirren lassen, schon gar nicht von Leuten, die immer nur überlegen, was schief gehen könnte. Als ob nicht auch ohne die schon genügend schief ginge.

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ach so, ja, was Herr Sinn dazu meint, hat der Focus gedruckt - hier der Link zum Artikel

 

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* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg



Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
Viele grundsätzliche Einsichten und Forderungen finden Sie in
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