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Der Mensch lebt nicht von der Arbeit.
Er lebt von dem, was er sich für den Lohn kaufen kann.


Kommentar zum Hauptwahlkampfthema der vorgezogenen Bundestagswahlen
von Egon W. Kreutzer
26. Juli 2005

 




Man kann noch so viel malochen,
Arbeit alleine, und sei sie noch so sinnvoll und nützlich, macht nicht satt.

Im Gegenteil: Arbeit ermüdet, zehrt aus, raubt Kräfte und Nerven, macht hungrig und durstig und kostet wertvolle Lebenszeit.

Trotzdem wird uns von den Vertretern aller etablierten Parteien im Bundestag für die nächste Legislaturperiode primär nichts anderes versprochen, als mehr Arbeit.

Wer am 18. September zur Wahl geht, um CDU oder CSU oder FDP oder SPD oder die Grünen zu wählen, sollte sich klar darüber sein, dass alle diese Parteien ganz vordringlich dafür sorgen wollen, dass wir Deutschen mehr arbeiten. Den Menschen mehr Arbeit aufzubürden, gilt heute als sozial, denn sozial ist, was Arbeit schafft.

Früher, vor dem Reformrausch, war sozial, was dem Gemeinwohl und der Allgemeinheit nützte, war sozial, wer menschlich, wohltätig und hilfsbereit war. Heute ist sozial, wer arbeiten lässt - egal was, egal wie, egal wo.

Bundespräsident Köhler hat, wenn man für wahr hält, was er gesagt hat, den Bundestag am 21. Juli aufgelöst, weil Deutschland in einer ernsten Situation steht und deshalb eine Regierung braucht, die ihre Ziele mit Stetigkeit und Nachdruck verfolgen kann.

Zum Ernst der Situation hat Horst Köhler die folgenden Sätze an den Anfang seiner Rede gestellt:

Millionen von Menschen sind arbeitslos, viele seit Jahren.

Die Haushalte des Bundes und der Länder sind in einer nie da gewesenen, kritischen Lage.

Die bestehende föderale Ordnung ist überholt.

Wir haben zu wenig Kinder, und wir werden immer älter.

Und wir müssen uns im weltweiten, scharfen Wettbewerb behaupten.

 

Da kann man schon auf die Idee kommen, dass es bloß an Arbeit fehlt.

Würden die Arbeitslosen arbeiten, bräuchte die Arbeitslosenversicherung keine Leistungen zu erbringen und der Staat keine Zuschüsse leisten.

Würden die Arbeitslosen arbeiten, könnten sie sogar wieder selbst für die Beiträge zur Kranken- und Rentenversicherung aufkommen, der Staat bräuchte auch hier keine Zuschüsse leisten und könnte sich finanziell sanieren.

Würden die Arbeitslosen arbeiten, könnte die föderale Ordnung bleiben, wie sie ist, weil sie ja niemanden stört, solange es keine Probleme gibt.

Würden die Arbeitslosen wieder arbeiten, würden sie sich in der Fabrik oder im Büro begegnen und endlich wieder Kinder miteinander zeugen, statt einsam und freudlos zu Hause zu hocken.

Würden die Arbeitslosen arbeiten und sich vermehren und Kinder haben, dann hätten sie bald Grund und Ursache am maroden Schulsystem zu verzweifeln.

Würden die Arbeitslosen arbeiten, wäre es für sie eine doppelte Last, sich lange vor dem eigenen Rentenbeginn bei der verzweifelten Jagd nach Ausbildungsplätzen für ihre Kinder aufzuarbeiten und sich krank zu ärgern.

Würden die Arbeitslosen arbeiten, würden viele von ihnen endlich wieder so früh sterben, wie es erforderlich ist, damit wir uns im weltweiten, scharfen Wettbewerb behaupten können.

 

 

Sozial ist, was Arbeit schafft!

Bert Brecht hat übrigens auch einmal darüber nachgedacht, was wäre, wenn die Haifische Menschen wären. Hier geht's zum Text. http://www.yolanthe.de/stories/brecht03.htm

 

Wer so viel und so weit gedacht hat, und klare Vorstellungen davon hat, was wäre, wenn die Arbeitslosen arbeiten würden, muss nun nur noch nach Ideen suchen, wie und wo man die fehlende Arbeit beschaffen könnte.

Da kommen die Wirtschaftsweisen gerade recht, die ganz genau wissen, dass Arbeit nur vom Wachstum kommt.

Ist ja auch ganz einfach zu erklären:

Der technisch-wissenschaftliche Fortschritt erhöht ständig die Produktivität. Deshalb werden jedes Jahr viel weniger Menschen gebraucht, um die gleiche Menge Produkte herzustellen, wie im Jahr zuvor. Die Menschen könnten ihren Wohlstand also mit geringerem Zeitaufwand erhalten, wäre da nicht die Betriebswirtschaftslehre. Die sagt:

Menschen, die man nicht braucht, muss man entlassen.

Ohne Wachstum braucht man sie nicht. Mit Wachstum braucht man vielleicht nicht mehr alle, aber doch wenigstens noch diesen und jenen..

Das Problem dabei ist, dass die Leute das nicht verstehen wollen.

Die denken, die Entwicklung geht dahin, dass eines Tages alle Arbeit von den Maschinen erledigt wird. Damit haben sie auch recht, aber sie schließen daraus, dann gäbe es so etwas wie das Schlaraffenland, und dann schließen sie weiter, weil heutzutage doch wenigstens schon die halbe Arbeit von Maschinen erledigt wird, sollte es wenigstens auch heute schon ein halbes Schlaraffenland geben und Arbeitszeitverkürzung dazu.

Da irren sie natürlich.

Das Eine hat doch mit dem Anderen nichts zu tun. Wenn alle Arbeit von den Maschinen erledigt wird, werden die Leute in Scharen verhungern und elendiglich verrecken, denn:

"Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen."
Das ist eine alte sozialdemokratische Wahrheit, sagte dieser Tage jedenfalls Herr Müntefering im Sommerinterview mit Herrn Hahne auf Norderney.

 

Es bleibt dabei, die Professoren sehen keinen Ausweg:
Ohne Wachstum keine Arbeit, ohne Arbeit kein Leben....

Wie aber kommt das so dringend benötigte Wachstum zustande?

Die Wirtschaftsweisen und ihre politischen Zauberlehrlinge verkünden, dass die Menschen ganz einfach mehr kaufen müssen, weil sonst das ganze schöne Wachstum weder in Gang kommt, noch einen Sinn macht.

Dass das mit dem vorhandenen Geld nicht geht, wissen sie.

Deshalb verkünden sie außerdem, dass die Produkte billiger werden müssen, damit die Menschen auch mehr kaufen können.


Dass das mit den bestehenden Kostenstrukturen nicht geht, wissen sie natürlich auch.

Deshalb verkünden sie obendrein, man müsse billiger produzieren.

Wie das geht, wissen sie auch:

Man muss die Arbeit billiger machen, also an den Löhnen und den Beiträgen für die Sozialversicherung sparen, was nur geht. Schon werden die Preise fallen, die Menschen werden einkaufen, die Wirtschaft wächst und die Arbeitslosen bekommen endlich wieder Arbeit.

Dass das bis heute nicht richtig funktioniert hat, liegt nur daran, dass die Arbeit immer noch nicht billig genug ist. Die Parole für die Zukunft heißt also: Die Löhne müssen runter, dann geht's uns besser!

(Das war schon immer so. Den Menschen, die am wenigsten verdienen, ging es zu allen Zeiten überall auf der Welt am besten. Oder bringt da wer was durcheinander?)

 

Das Ganze hat allerdings einen kleinen, unangenehmen Nebeneffekt.

Die von der arbeitenden Bevölkerung aufgebrachte Mehrarbeit für das dringend benötigte Wachstum führt nämlich, wegen der notwendigerweise sinkenden Arbeitskosten dazu, dass sich die Leute um so weniger leisten können, je mehr und je billiger sie arbeiten. Das ganze schöne Wachstum ist also eigentlich für die Katz.

Eine Situation, die sich in Deutschland seit einigen Jahren ganz wunderbar beobachten lässt.

Aber, wie gesagt, es handelt sich nur um einen kleinen, für die Betroffenen zwar unangenehmen, insgesamt aber völlig irrelevanten Nebeneffekt. Schließlich öffnen sich mit jeder Lohnsenkung und jeder dadurch möglichen Preissenkung neue Absatzchancen auf dem Weltmarkt.

Wenn sich die Bevölkerung im Inland

die zum Erhalt ihrer Arbeitsplätze erforderliche Mehrproduktion (das Wachstum)
wegen
der
zum Erhalt ihrer Arbeitsplätze erforderlichen Senkung der Löhne und Arbeitskosten

nicht leisten kann, dann müssen die Produkte eben exportiert werden.

Dies gelingt übrigens um so besser, je niedriger die Löhne, Sozialabgaben und Steuern sind und je weniger der Staat in der Lage ist, die Einhaltung kostenträchtiger Vorschriften zu kontrollieren. Und je besser es gelingt, desto höher fallen die Gewinne der Exportwirtschaft aus, während die Beschäftigten - die ja den eigentlichen Nutzen, nämlich endlich wieder Arbeit, haben - glücklich und froh den Gürtel enger schnallen, weil Arbeit alleine halt leider nicht satt macht.

Auch dies ist eine Entwicklung, die seit einigen Jahren in Deutschland ganz wunderbar zu beobachten ist.

 

Wer am 18. September SPD oder Grüne wählt und dadurch Gerhard Schröders Agenda 2010 bestätigt, stimmt für die Fortsetzung dieser Entwicklung. Wer am 18. September sein Kreuz bei CSU, CDU oder FDP macht, stimmt für ihre Beschleunigung und Verschärfung.

Wer eine andere Sozial- und Gesellschaftspolitik will, wer den Segen des errungenen Produktivitätsfortschritts nicht den Großkapitalisten alleine überlassen will, sondern weiter die Verwirklichung seines Traumes von Glück, Wohlstand und Sicherheit anstrebt, der darf dem nicht zustimmen. Auch nicht dadurch, dass er zu Hause bleibt.

Wer der Fortsetzung der Globalisierungspolitik zustimmt, wer sich ausnehmen lässt wie eine Weihnachtsgans, nur um internationalen Investoren den Standort schmackhaft zu machen, der sollte einmal darüber nachdenken, was da tatsächlich gespielt wird:

Wenn das Wirtschaftswachstum nur dadurch erzielt wird, dass inländische Produkte auf dem Weltmarkt billig verkauft werden, dann heißt das doch nichts anderes, als dass die Mehrleistung inländischer Beschäftigter, die für "das Wachstum" von Wirtschaft und Politik unisono gefordert wird, über entsprechende Preissenkungen an das Ausland verschenkt wird.

Die zwangslogische Folge für die Bevölkerung sind immer weiter gehende Lohnsenkungen und immer weiter gehende, kostendämpfende Eingriffe in die Sozialsysteme.

Dies zu verstehen, heißt zu begreifen, dass alles Wachstum, samt allem sinnlosen Ressourcenverzehr und sinnlos erbrachter Arbeit, keinem anderen Zweck dient, als die Gewinne der exportorientierten Wirtschaft zu erhalten und zu steigern.

Wäre es anders, gäbe es schließlich auch einen anderen Weg zu jenem Wachstum, das angeblich erforderlich ist, um Arbeitslosen Arbeit zu verschaffen. Preise könnten schließlich - bei unveränderten Löhnen und Lohnnebenkosten - auch sinken, würden Wirtschaft und Kapital ihre Gewinnansprüche reduzieren.

Der Gedanke alleine kommt schon einer Gotteslästerung gleich.

Für die Anhänger des neoliberalen Turbokapitalismus ist der Gewinn der Gott und das Streben nach Gewinn ist Streben nach göttlicher Vollkommenheit.

Sie glauben fest, Gewinne führen zu Investitionen und Arbeitsplätzen und zögern dennoch nicht, die Gewinne auszuschütten und Investitionen mit Krediten zu finanzieren.

Sie glauben fest an die alleinseligmachende Gewinnmaximierung durch Kostensenkung und an die göttliche Kraft des Wachstums und zweifeln nicht im geringsten daran, dass sinkende Löhne die Voraussetzung für mehr Kaufkraft sind.

Sie lehren, dass der weltweite, scharfe Wettbewerb gottgewollt ist, dass Pleite und Arbeitsplatzverlust diejenigen treffen werden, die sich dem heiligen Wettstreit um den fettesten Gewinn verweigern und schließen sich gleichzeitig zu riesigen Konzernen und Kartellen zusammen um den freien Wettbewerb nach Kräften zu ihren Gunsten zu verzerren und nach Möglichkeit völlig auszuschalten.

Höchste Gewinne sind die Garantie für Arbeit und damit die großartigste Sozialleistung,
die es überhaupt gibt.

Wozu braucht es Löhne und Renten, wozu Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung, wenn die Gewinne stimmen?

 

Hauptsache das Volk hat Arbeit!


 

WASG und PDS zu wählen ist am 18. September die einzige Möglichkeit, von der Politik eine Kursänderung einzufordern.

Je höher das Ergebnis der Linkspartei, desto größer der Schock und der Veränderungsdruck auf die etablierten Parteien.

Ein Mensch, der
(sofern der Tagesspiegel die Wahrheit berichtet, woran ich, aufgrund weiterer Quellen nicht zweifle)

als Staatssekretär im Finanzministerium maßgeblich daran mitgewirkt hat, dass den reichen (west-) deutschen Banken im Zuge der Einführung der DM auf dem Gebiet der ehemaligen DDR rund 400 Milliarden DM als Geschenk (!) aus der Staatskasse überwiesen wurden,
hier nachzulesen: http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/01.07.2005/1909569.asp
(Achtung, der Link ist ab 30. oder 31. Juli nur noch gegen 0,30 € Gebühr abrufbar),

der sollte heute, als Bundespräsident, nicht über die kritische Haushaltslage lamentieren und sie zur Begründung seiner Neuwahlentscheidung heranziehen. Zumal er am besten weiß, dass Theo Waigel diese 400 Milliarden DM nur durch eine entsprechende Neuverschuldung des Bundes beschaffen konnte.

Dass Hans Eichel und Gerhard Schröder in der Staatsschuldenfrage bisher darauf verzichtet haben, auf diesen Sachverhalt explizit hinzuweisen, obwohl dies bei der Klärung der Schulden-Schuld-Frage erheblich zu ihren Gunsten spräche, kann ich nicht nachvollziehen.

Es ist aber ein Grund mehr, für eine Wahlentscheidung,
durch welche die Absage an diese Politik und solche Politiker deutlich wird.

 




ach ja, ein sehr schönes Kapitel aus Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band II
das perfekt zum Thema passt, finden Sie hier

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* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg



Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
Viele grundsätzliche Einsichten und Forderungen finden Sie in
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