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 Pfefferminzbruch

Müntes Sozial-Recycling

Ein Kommentar von Egon W. Kreutzer
19. April 2005

 

Als ich ein Kind war, gab es im Süßwarenladen ein Fach mit Pfefferminzbruch. Da konnte man sich billig mit pfefferminzgefüllter Schokolade und anderen Pfefferminzresten versorgen. Der für überlagerte Süßwaren mit Schokoladenanteil typische, streng-fade Geschmack dieser Bruchstücke war mit dem Aroma frischer Pfefferminzschokolade, die von einer wohlgeformten, unbeschädigten, ordentlich verpackten und in sich konsistenten Tafel stammt, natürlich nicht zu vergleichen - aber das wusste ich als Kind glücklicherweise noch nicht.

Münteferings Kapitalismuskritik erinnert mich lebhaft an den Pfefferminzbruch meiner Kindheit. So wie der gute Franz im unerträglichen Spannungsfeld zwischen seiner sozialen Grundeinstellung und den Erfordernissen des Regierungsgeschäfts zerrissen wurde, so wie er sich aufreiben ließ, zwischen seiner Liebe zur Seele der Partei und der Pflichterfüllung gegenüber dem Reformkanzler, so wie er - spätestens mit der Übernahme der Parteiführung - zerbrochen wurde, und seitdem in stillem Leiden bei der Verteidigung von Kanzler, Agenda und Hartz-Gesetzen das eigene Gesicht vollständig verlor, - erinnert seine jüngere Vergangenheit schon sehr an den Werdegang von Pfefferminzbruch.

Was er nun an Erinnerungen an glücklichere Zeiten hervorgekramt hat und im verzweifelten Ringen mit den widerspenstigen Bruchstücken ehemaliger sozialdemokratischer Feindbilder, Ziele und Prinzipien, im schon verlorenen NRW-Wahlkampf als Fähnlein hochzuhalten versucht, um versprengten Sympathisanten den Weg zur Sammelstelle für potentielle SPD-Wähler zu weisen, ist ein ehrenwerter letzter Versuch - mehr nicht.

Es ist ein letzter Versuch, der zu allem Unglück tatsächlich auch noch eine letzte Wirkung zeigen wird. Es gibt genügend Menschen, die in dieser Republik schon wieder nach Pfefferminzbruch greifen, weil ihnen alles was darüber hinausgeht, unerreichbar geworden ist, und die froh sind, wenigstens in der heißen Phase des Wahlkampfs der eiskalten Reformer für einen Augenblick im Windhauch sozialer Wärme zu stehen. Erinnern Sie sich an die Träume des Mädchens mit den Zündhölzern?

Andersen hat es barfuß auf die winterliche Straße gestellt, vor die Häuser mit den erleuchtenden Fenstern. Sie hätte eine vernünftige Wohnung gebraucht, einen Ofen und Kohlen - aber sie hatte nichts, als die, das leise Sterben versüßenden, Illusionen aus schnell verlöschenden Zündholzflammen.

 

ALG II - Empfänger werden inzwischen von den Gemeinden aufgefordert, ihre nach den Maßstäben der Armutsbürokratie zu großen, zu teuren Wohnungen aufzugeben. Wer einen Ofen braucht, der muss ihn sich kaufen und wer Kohlen braucht, der soll dafür arbeiten. Und wer sich für irgendeine Arbeit zu schade ist - und Zündhölzer verkaufen ist ja nun wirklich eine zumutbare Beschäftigung - der verdient auch keine Unterstützung....

Auf diesem Boden, der von der eigenen Regierung und insbesondere vom eigenen, die Richtlinienkompetenz ausübenden Kanzler, bereitet wurde, auf diesem Boden, auf dem die jüngste Verabredung zur Senkung der Unternehmenssteuern wie zum Hohn auch noch als Job-Gipfel betituliert wurde, wirkt die Münteferingsche Kapitalismuskritik wie der Auftritt eines Untoten im Voodooland.

Über fünf Millionen Arbeitslose, anwachsende Armut, leere Paragraphenhülsen ehemaliger Arbeitnehmerrechte und -schutzgesetze, bereits weitgehend demontierte und in ihren Resten wirkungslos gewordene soziale Sicherungssysteme, sind die sichtbaren Zeichen einer Politik der verbrannten Erde, die von den Repräsentanten der real existierenden, sozialdemokratischen Politik als unvermeidliche Zwischenstation auf dem Weg in das Jahr größtmöglichen demografischen Unheils beschönigt wird. Langfristiges Denken ist ja gut. Aber heute schon für 2050 regieren? Rückblickend wird das Fiasko deutlich - selbst wenn man das beschleunigte Veränderungstempo nicht berücksichtigt. .Wer hätte 1960 die Gesetze für 2005 beschließen sollen, wer 1905 die Welt von 1950 vorhersehen können, wer hätte 1870 schon die Weichen für 1915 stellen sollen?

Das ist Kritik an der SPD-geführten Regierung. Deswegen aber noch lange kein Lob für die amtierende Opposition.

Die real existierende christdemokratische Opposition mit ihrem - wollte man sie wörtlich nehmen - eher sadistisch anmutenden Faible für immer noch tiefere Einschnitte, hätte Andersens Mädchen, so sie denn schon regierte, wohl längst auch die Zündhölzer weggenommen - weil: Sterbegeld gibt's von der Krankenkasse per Gesundheitsreform auch schon nicht mehr, wo also könnte Frau Merkel sonst einen noch tieferen Schnitt ansetzen?


Wahlaufruf für NRW

Gehen Sie wählen!

Sagen Sie jedem Wahlberechtigten, er müsse wählen gehen! Wählen Sie was und wen Sie wollen,

 

aber machen Sie Ihr Kreuz nicht bei denen, deren Politik unsere Sozialsysteme zu Pfefferminzbruch verarbeitet und die sich nach den Zeiten zurücksehnen, als man noch an jeder Straßenecke, bei jedem Wetter und auch tief in der Nacht ein Zündhölzchen kaufen konnte.

 

Ein Parlament aus Autofahrerpartei, Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit, Grauen Panthern und anderen bunten Blumen der Parteienlandschaft scheint unvorstellbar. Doch bei so viel gutem Willen und so viel Unerfahrenheit im Machtausüben, ist der Schaden, den es anrichten könnte, vergleichsweise gering. Davor schützt schon die eingesessene Verwaltungsbürokratie.

Die Vorstellung von der Fortsetzung der bisherigen Politik mit den etablierten Parteien ist der gesunden Nachtruhe weitaus abträglicher.

Stellen Sie sich's einfach mal vor...




In eigener Sache:

Neben diesem und vielen anderen Kommentaren zum aktuellen Zeitgeschehen, die Sie auf meiner Homepage nachlesen können, gibt es auch einige interessante Bücher von mir, die ich, zusammen mit den Werken anderer Autoren, über den eigenen Verlag vertreibe.

Wer bei den sozial- und kapitalismuskritischen Texte bleiben will, dem kann ich Thomas Koudelas "Entwicklungsprojekt Ökonomie" empfehlen, oder meine beiden Bände "Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre" -

aber es gibt im EWK-Verlag auch Romane und Kurzgeschichten, Kinder- und Jugendbücher, prallen Humor und ernsthafte Ratgeber,

wie z.B. David Dejoris Buch "Hilfe, ich bin sozial!", mit dem er sich an alle Menschen wendet, die in sozialen Berufen stehen und Hilfe suchen, mit den besonderen Probleme, die das Helfen aufwirft, umzugehen, ohne selbst Schaden zu nehmen.

Schauen Sie doch einfach mal rüber auf die Verlagsseiten. Ich würde mich freuen, wenn Sie auch da etwas finden, das Ihnen gefällt (und zur Not kann man Bücher ja auch verschenken, oder? Zum Muttertag kämen z.B. Marion Bialloblotzkys "Mein friedliches Vietnam" oder Renate Seiferts "Seine Durchlaucht lassen spielen" garantiert gut an. Der Vatertag hingegen könnte mit dem vor Macho-Witz berstenden Buch "Starke Woche" von Mike Wilhelm eine echte Krönung erfahren - vorausgesetzt, Vater hatte auch mal starke Zeiten...


Hier gehts zum Gesamtprogramm.



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* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg



Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
Viele grundsätzliche Einsichten und Forderungen finden Sie in
"Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre".
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