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2005

Glaube, Liebe, Hoffnung...?
Gedanken zum Jahreswechsel

von Egon W. Kreutzer
am 21.12.2004

 

So weit ich mich zurück erinnern kann waren die Erwartungen an das kommende Neue Jahr noch nie von so vielen Sorgen, so viel Kopfzerbrechen und so vielen schmerzvollen Vorahnungen belastet, wie diesmal.

Die ersten Anfänge dieser Entwicklung wurden schon vor zwanzig Jahren sichtbar, doch nun hat die Wende zum Schlechteren einen solch' wütenden Aufschwung erlebt und so bedrohliche Ausmaße angenommen, dass für das Neue Jahr - wenn nicht ein Wunder geschieht - nichts Gutes mehr zu hoffen bleibt.

Egoismus, Dummheit und Gewalt sind die herausragenden Merkmale unserer Gesellschaft geworden, die, unfähig zur Selbsterkenntnis und Selbstkritik, in dem Wahn verharrt, sie stünde fest auf dem Boden des Christentums, strebe nach den Idealen des Humanismus und der Aufklärung und böte ihren Bürgern in demokratischer Selbstbestimmung eine Freiheit, die sonst nirgends auf der Welt zu finden sei.

Dabei sieht die Realität ganz anders aus:

Hemmungsloser - und sich Dank Globalisierung, grenzenlos entfaltender - Egoismus, schamlose Raffgier und Habsucht feiern ihre Triumphe über Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Die Eigentümer (shareholder) beanspruchen weltweit einen immer reichlicheren "Lohn" für nichts anderes, als ihr "Haben" und "Be-Sitzen", während das werteschaffende "Tun" der Arbeiter und Angestellten, der kleinen Unternehmer und Handwerker, der Polizisten und Krankenschwestern, der Lehrer und Sozialhelfer so gering geschätzt wird, dass man sie in Scharen auf die Straße setzt und den vorerst noch erforderlichen Rest im wahrsten Wortsinn "nötigt" für weniger Geld um einiges mehr zu leisten, als bisher.

Wachsendes Unwissen und grassierende Dummheit sind das viel beklagte, aber scheinbar gar nicht so ungern gesehene Ergebnis der mangelnden Investitionen in Bildung und Ausbildung sowie der Halbwahrheiten, die eine auf befriedende Desinformation eingestellte Propagandamaschinerie ununterbrochen in die Welt setzt. Wo Fernsehen, Rundfunk und prall gefüllte Zeitungsregale schier unermessliche Informationsfülle und Wissensreichtum vorgaukeln, findet sich bei näherem Hinsehen nichts als ein kleiner Sumpf von immer gleichem Wort- und Sinngeklingel, der sich nur durch die vielfältige, zielgruppenorientierte Gestalt der äußeren Aufmachung voneinander unterscheiden lässt. Nachricht und Kommentar sind vielerorts nur noch redaktionelles Beiwerk für jene schwindende Zahl "politisch Interessierter", die, so glaubt das Heer der Marketingexperten, nur über den Umweg "Information" von der alles verheerenden Flut bunter Bilder und großer Versprechungen erreicht werden können. Die Inhalte (contents) geben dann auch exakt das wieder, was der politisch korrekte Journalismus medienübergreifend für geboten hält, als gültige Generalmeinung unters Volk zu bringen. Ausnahmen gibt es. Sie werden übertönt, notfalls belächelt und wenn das nichts hilft, aufgekauft und gleichgeschaltet. Psychologen und Soziologen helfen dabei, herauszufinden, wie durch die Auswahl von Nachrichten und Bildern sowie die Häufigkeit ihrer Wiederholung, das erwünschte Weltbild im Bürgerhirn zuverlässig zu erzeugen ist, um die - wenn auch schweigende - Zustimmung zu den Entscheidungen von Wirtschaft und Staat nie ernsthaft in Gefahr zu bringen. Selektive Information ist nicht strafbar, noch nicht einmal greifbar, aber sehr wirksam.

Krieg, Gewalt und Folter haben sich als Mittel der Politik neu etablieren können. Die maßlose Übertreibung des Gefährdungspotenzials des Terrorismus und die im Vergleich dazu maßlose Verharmlosung der kriegerischen Einsätze ganz regulärer Truppen, haben viel dazu beigetragen, aus jenem einst sehr ernst gemeinten: "Nie wieder Krieg!", der entnazifizierten Deutschen, das leicht dahin gesagte, kaum durchdachte: "Wir müssen unsere gewachsenen Verpflichtungen wahrnehmen", zu machen, das heute die Diskussion dominiert. Die Zahl der gleichzeitig weltweit stattfindenden Bundeswehreinsätze ist längst nicht mehr an den Fingern einer Hand aufzuzählen und als wäre das nicht genug, ist es darüber hinaus gelungen, eine Debatte darüber vom Zaum zu brechen, ob denn nicht auch in Deutschland ein kleines biss-chen Folter erlaubt sein müsste. Das Urteil, das am 20.12. 2004 die Schuld feststellte, aber von einer Strafe absah, ist ein kluges Urteil. Doch diejenigen, die es nicht akzeptieren wollen und weiterhin nach Freispruch und damit nach dem staatlichen Recht zur Folter rufen, werden so bald keine Ruhe geben!

So nehmen wir, fest auf dem Boden des Christentums stehend, den Idealen des Humanismus und der Aufklärung verpflichtet und in demokratischer Selbstbestimmung sehenden Auges alles hin:

Die Reichen sind reicher geworden, die Armen ärmer, sagt der Armuts- und Reich-tumsbericht der Bundesregierung.

Na und?

Die Kinder der Armen sind dümmer und die Kinder der Reichen sind klüger geworden, sagt die neueste Pisa-Studie.
Ach ja?

Im Irak herrscht immer noch Krieg und am Hindukusch, wo Deutschland verteidigt wird, wächst immer noch der Mohn.
So, so...

Guantanamo ist nicht aufgelöst, im Sudan werden immer noch die Menschen aus ihren Dörfern vertrieben, im Mittelmeer hat der Seekrieg gegen die Flüchtlingsboote begonnen.
Na, na, das ist wohl übertrieben.

Längst denken die Generalstäbe darüber nach, wo die nächste Attacke auf die Achse des Bösen gestartet werden soll und der deutsche Innenminister will im Norden Afrikas Sammelplätze schaffen, die nicht Lager heißen, um in deutscher Gründlichkeit und aus tief empfundener Humanität das grundgesetzlich garantierte Recht auf Asyl weit außerhalb der Grenzen Deutschlands und der sogenannten Drittstaaten gegen jeden nur denkbaren Missbrauch zu verteidigen, und dies, zu seinem eignen Wohl, noch bevor der arme Neger den gefahrvollen, aber letztlich vergeblichen Weg übers Meer antritt.
Und was geht uns das an?

Gelegentlich tauchen sogar Tonbänder auf, die von Geheimdiensten für so echt gehalten werden, dass - ohne Rücksicht auf Verluste, zum Schutz der freien Welt - mit der radi-kalen Vernichtung aller weltweit installierten, geheimen Tonbandfabriken begonnen werden muss. Auch dazu wird Deutschland seinen Beitrag zu leisten haben.

Dies ist längst nicht mehr komisch.

Die Frage an das Neue Jahr fällt dementsprechend besorgt aus: "Ist es überhaupt noch möglich, die Entwicklung zu beeinflussen? Wäre es nicht besser, gleich mit dem Strom zu schwimmen, statt verzweifelt und hilflos dagegen anzukämpfen?"

 

 

 

 

Mit dem ersten Entwurf dieses Aufsatzes bin ich an diesem Punkt gescheitert. Ich hatte mir, weit ausführlicher noch, als hier, den Zorn und die Wut von der Seele geschrieben und hatte mich hoffnungslos in die Rolle des Anklägers verrannt.

Dabei bessert sich die Welt nicht durch die Anklage. Sie bessert sich auch nicht durch eine Verurteilung. Sie kann sich nur bessern, wenn der Glaube an die Fähigkeit zur Veränderung gestärkt wird, wenn die Hoffnung auf die Möglichkeit der Veränderung genährt wird und wenn die Veränderung nicht von Hass und Rache, sondern von Verzeihung und Liebe vorangetrieben wird.

 

Glaube

Was wir glauben, entscheidet darüber, was wir tun und wie wir uns fühlen. Mit unserem Glauben legen wir die Grundlage für unseren Erfolg oder unsere Niederlage. Die Grenze zwi-schen glauben und wissen ist nicht scharf gezogen. Wir nehmen gerne die Aussagen anderer als deren Wissen und Überzeugung auf, glauben daran und richten unser Handeln danach aus.

Derzeit ist es wohl so, dass die Mehrzahl der Menschen an falsche und fehlerhafte, aber auch verlogene und betrügerische Vorhersagen glaubt. Wie der Fluch einer bösen Fee drücken uns die Behauptungen nieder, wir, das Volk, hätten über unsere Verhältnisse gelebt, müssten nun den Gürtel enger schnallen, müssten überall und an allem sparen, uns darauf einstellen, dass unser Staat sich nicht mehr wie bisher um die Schwachen kümmern kann, dass überhaupt unser Staat sich um immer weniger selbst kümmern kann, will er nicht unter der Last seiner Schulden zusammenbrechen. Dass wir gleichzeitig erleben, dass es uns tatsächlich immer schlechter geht, dass die Einkommen sinken, die Schulden steigen, der Wohlstand nachlässt, hilft dabei, diesen Einflüsterungen Glauben zu schenken.

Die nackten Tatsachen sehen ganz anders aus:

Wir, die deutsche Bevölkerung, erzeugen Jahr für Jahr über den eigenen Bedarf hinaus so viele Güter und Leistungen für den Export, wie ganz Indien innerhalb eines Jahres herstellt. Dabei können wir es uns noch leisten, einen beachtlichen Teil der arbeitsfähigen Bevölkerung ganz ohne Arbeit zu lassen.

Ein Volk, das weit mehr erzeugt, als es selbst benötigt, sollte in Wohlstand und Überfluss leben können. Doch dieser Glaube ist verpönt.

Stattdessen sagt man uns, auf dass wir es glauben, dass wir im internationalen Wettbewerb nur bestehen können, wenn wir billiger anbieten, als die Konkurrenz.

Das ist schon wahr, nur völlig absurd!

Wenn der eigene Bedarf gedeckt ist, wenn also alle so viel haben, dass es allen gut geht, wenn die Arbeit gut verteilt ist und keiner mehr als dreißig Stunden in der Woche arbeiten muss, warum sollte dann irgendjemand damit beginnen, für weniger Lohn mehr zu arbeiten, nur damit das Ergebnis seiner Arbeit auf den Exportmärkten billig verschleudert werden kann? Das ist doch hirnrissiger Blödsinn!


Auch sagt man uns, auf dass wir es glauben, wir bräuchten dringend ausländische Investoren und deren Kapital, um wirtschaftlich voranzukommen.

Das ist, so wie die Dinge liegen, schon wahr, doch bei Licht besehen, ist es wiederum völlig absurd.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass irgend jemand "Geld" einsetzen muss, damit überhaupt etwas geschehen kann - und wir haben darüber vollkommen vergessen, dass Geld überhaupt nichts zu bewegen in der Lage ist. Immer waren es die Menschen und auch heute sind es die Menschen, die ein Produkt, eine Leistung hervorbringen und wenn das Produkt von Maschi-nen hergestellt wird, dann war es auch nicht das Geld, dass die Maschinen gebaut hat, sondern es waren Menschen.

So haben wir vollkommen vergessen, dass wir alles, was wir schaffen, auch völlig ohne dieses Geld und dieses Kapital erschaffen könnten, an dem es vermeintlich fehlt. So haben wir völlig vergessen, dass wir diejenigen, die sich das Geld angeeignet haben, nicht brauchen, um zu arbeiten und Werte zu schaffen. Wir könnten ebenso Muscheln, Steine, Glasperlen oder an-ders bedrucktes Papier benutzen, um Handel zu treiben und Rechnungen zu bezahlen, ohne dass uns das "alte Kapital" in irgendeiner Weise fehlte.

Es sollte also eigentlich zu schaffen sein, den Schleier der Lüge zu zerreißen und den Glauben an die eigene Leistungsfähigkeit wiederzufinden, die allemal ausreicht, um Berufstätige und Rentner, Kinder und Erzieher, ja sogar Soldaten und Politiker gut zu versorgen.

 

Man sagt uns überdies, auf dass wir es glauben, wir bräuchten Wachstum, jährlich mehr als zwei Prozent, um die Arbeitslosigkeit, die Staatsverschuldung und die allgemeine Not nicht weiter wachsen zu lassen.

Das ist, so wie die Dinge liegen, schon wahr, nur völlig absurd.

Wenn die deutsche Bevölkerung heute genug für sich und für einen gigantischen Export erwirtschaftet, warum muss sie dann morgen mehr erwirtschaften, um nicht weniger zu haben? Noch dazu, wenn die Bevölkerung schrumpft!

Warum muss die Bevölkerung wachsen, wenn das Wirtschaftswachstum schon für die vorhandene Bevölkerung nicht ausreicht?

Ja, es ist schon ungeheuerlich, was da hurtig vorgebetet und dann schnell geglaubt wird. Die Wahrheit hört man nicht so gerne. Die Wahrheit ist, dass es die Zinsen sind, die, weil sie um Zinseszinsen wachsen, Jahr für Jahr mehr zu ihrer Deckung fordern, als im letzten Jahr.

Was ist es denn, was Investoren reizt, zu investieren?

Ist es der Wohlstand der Bevölkerung, das Wohlergehen des Staates, was mit der Investition hervorgebracht werden soll, oder sind es die erhofften Zinsen aus dem besess'nen Kapital?!
So schließt sich der Kreis. Wir brauchen Investoren, am besten ausländische, heißt es. Doch was tun diese? Sie geben Geld und verlangen es mit Zins und Zinseszins zurück. Und weil sie Zins verlangen, und Zinseszins, muss Wachstum sein. Weil das Land sich aber selbst aus ei-gener Kraft ganz gut ernähren kann, ist Wachstum nur im Export zu erzielen und damit der Export wachsen kann, müssen die Menschen für weniger Geld mehr arbeiten und ihren Wohlstand zerstören, damit die Investoren ihre Zinsen einschieben können.

Niemand muss das glauben.

Wer weiter lieber glaubt, was man uns sagt, der darf in Angst, Sorge und Verzweiflung verharren und sich verhalten, wie man es von ihm erwartet. Für immer weniger Lohn immer mehr arbeiten, auf dass es den Investoren wohl ergehe und sie lange leben auf Erden.

Wer es aber glauben will und kann, der darf hoffen.

 

 

 

Hoffnung

Neue, hilfreich scheinende Informationen können auch in tiefster Hoffnungslosigkeit wieder Hoffnung entstehen lassen. Selbst wenn die Zusammenhänge nicht vollständig verstanden werden, wenn es nicht wahres Wissen ist, sondern nur der Glaube an die Möglichkeit: Hoffnung setzt neue Kräfte frei.

Der wohlbegründete Glaube daran, dass Deutschlands Leistungsfähigkeit ausreicht, sich selbst weit über den eigenen Bedarf hinaus mit allem zu versorgen, was die Bevölkerung braucht, ist ein tragfähiger Grund für die größten Hoffnungen.

Die Gewissheit, dass niemand hungern, niemand Not leiden muss, dass niemand auf medizinische Versorgung auf Hilfe und Schutz verzichten muss, weil die Leistungsfähigkeit der Bevölkerung ausreicht, auch ohne besondere Anstrengungen, allen genug zuteil werden zu lassen, vertreibt jegliche Hoffnungslosigkeit.

Unser Problem ist nicht der Mangel.

Nicht der Mangel an Arbeit, nicht der Mangel an Fleiß, nicht der Mangel an Rohstoffen, nicht der Mangel an Ideen, schon gar nicht der Mangel an Geld. Lassen wir uns doch nicht für dumm verkaufen!

Warum, verdammt noch mal, sollte es denn nicht möglich sein, dass Lehrer, die zu Tausenden arbeitslos auf der Straße stehen, endlich als Lehrer arbeiten dürfen und Schüler unterrichten, die in zu großen Klassen sitzen und nicht in wünschenswertem Maße Unterricht erhalten?

Warum, verdammt noch mal, sollte es denn nicht gelingen, dass Dachdecker das Dach der Schule decken, durch das seit Jahren Regen fällt, statt dazu verdammt zu sein, als Arbeitslose im Nichtstun auszuharren?

Warum, verdammt noch mal, sollte es denn nicht gelingen, dass Alte und Kranke in Pflegeheimen von gut ausgebildeten, freundlichen Pflegern und Schwestern bestmöglich betreut werden? Es kann doch nicht normal sein, dass Pflegebedürftige verdursten, weil niemand Zeit hat, sich um sie zu kümmern, während die dringend benötigten Pfleger und Schwestern bei ALG II und Ein-Euro-Jobs bittere Not leiden müssen!

Es kann doch nicht normal sein, dass nur das Fehlen von Geld - von lächerlichen Fetzen bedruckten Papiers - verhindert, dass notwendige und sinnvolle Arbeit getan wird, obwohl es Menschen gibt, die diese Aufgaben gerne übernähmen!


Die Politik gefällt sich darin, über die Schwarzarbeiter zu wettern. Da wird eine astronomische Zahl von 360 Milliarden Euro jährlicher Schwarzarbeitseinkünfte in die Welt gesetzt und zum Halali auf die Schwarzarbeiter geblasen. Angeblich um zu verhindern, dass Menschen Arbeit leisten und damit Bedarf befriedigen, ohne dass die darauf fälligen Steuern und Sozialversicherungsbeiträge entrichtet werden.

Doch genau die gleiche Politik gefällt sich auch darin, alle Vereinbarungen zwischen Großunternehmen und Belegschaften zu begrüßen und zu fördern, mit denen Mehrarbeit ohne zusätzlichen Lohn, oft sogar in Verbindung mit Lohnkürzungen vereinbart wird, angeblich, weil dadurch Arbeitsplätze erhalten werden.

Dass Mehrarbeit bei Lohnverzicht schlimmer ist als Schwarzarbeit, ist die Politik entweder nicht willens oder nicht in der Lage, zu erkennen.

Unbezahlte Mehrarbeit wirft für den Staat weder Steuern, noch Sozialversicherungsbeiträge ab, da ist kein Unterschied zur Schwarzarbeit. Doch der Schwarzarbeiter bringt wenigstens das bisschen Kaufkraft in die Wirtschaft ein, das er als Schwarzarbeiterlohn bezieht. Wer aber ganz legal für den eignen Arbeitgeber länger schafft und dafür nichts und weniger als nichts erhält, der schadet der Gemeinschaft mehr!

Wenn ein arbeitsloser Lehrer in Schwarzarbeit an einer von Eltern in Schwarzarbeit errichteten Schule deren Kindern das vermittelt, was die öffentlichen Schulen vor lauter Sparwut nicht mehr zu vermitteln in der Lage sind, dann halte ich das solange für moralisch einwandfrei, wie sein Einkommen aus Schwarzarbeit und Arbeitslosengeld das Einkommen, dass ihm als angestelltem Lehrer zustünde, nicht übersteigt. Es sind doch so und so die Eltern, die den Lehrer zahlen. Ob direkt, über den bar auf die Hand bezahlten Lohn, oder indirekt, über ihre Steuern und Abgaben, spielt letztlich keine Rolle.


Dass der Staat nach heutiger, gültiger Rechtslage, diesen Lehrer verfolgen und bestrafen müsste, und damit den Kindern den Unterricht, dem Lehrer das Einkommen, dem Einzelhandel die Umsätze mit dem Lehrer (usw., usw.) nehmen müsste, scheint mir moralisch weit weniger angemessen. Auch dass der Staat, statt Lehrer einzustellen und vernünftig zu bezahlen, lieber Zinsen zahlt, weil er die Hoheit über das Geld leichtfertig aus der Hand gegeben hat, ist moralisch weit verwerflicher, als der Versuch, vorhandene Arbeitskraft sinnvoll zu nutzen.

Aber wenn nun der Lehrer tatsächlich lehrt, wenn die Dachdecker Dächer decken, wenn Pfleger und Schwestern pflegen und helfen, wenn ihnen daraus nicht nur Dankbarkeit, sondern auch ein Lohn erwächst, warum sollten sie nicht Steuern zahlen wollen, nicht Sozialversicherungsbeiträge abführen? Schwarzarbeit entsteht nicht primär aus dem Wunsch nach Abgabenvermeidung. Sie ist ein Zeichen für Arbeitslosigkeit, für schlechte, zu schlechte Bezahlung und dafür dass der Staat den Faktor Arbeit weit mehr und unnachgiebiger belastet, als das ganz ohne Gegenleistung gehätschelte Kapital.

 

In ein paar Tagen wird der Bundeskanzler in seiner Jahresendansprache von der Zukunft reden, die gleich hinter jener Dornenhecke auf uns lauert, in die er uns, auf Anraten aller ihm dienstbaren Weisen, tief hineingeführt hat.

In ein paar Tagen wird auch der Bundespräsident in seiner Ansprache eine rosige Zukunft verheißen, vorausgesetzt, wir würden nur endlich den Gürtel enger schnallen und uns dem Wertesystem der Globalisierer unterordnen.

Die Oppositionsführerin und der bayrische Ministerpräsident werden zusätzlich auf die Gefährdung der EU durch eine beitretende Türkei hinweisen, sonst aber werden sie, wie Grüne und FDP, nichts grundsätzlich Anderes zu sagen haben. Die PDS, inzwischen als "extremistische Par-tei" gebrandmarkt und zum Einbürgerungshindernis aufgeblasen wird man nicht zu Wort kommen lassen; NPD und DVU werden gar nicht erst versuchen, etwas zu sagen, sondern gleich marschieren.

Mehr wird uns die Politik kaum zu bieten haben. Der Kanzler wird die Botschaft verbreiten, dass seine Reformen bald wirken werden, Frau Merkel wird erklären, mit wieviel christlicher und demokratischer Härte, Schärfe und Konsequenz sie das Land überziehen würde, damit die Reformen schneller, besser und nachhaltiger wirken, ließe man sie nur.

Die Hoffnungen des Kanzlers und der Oppositionsführerin, des Bundespräsidenten und der meisten anderen Berufspolitiker gründen sich auf der irrigen Annahme, dass die armen Reichen, deren starke Schultern so schwer an der Verantwortung für das irgendwie erworbene Vermögen tragen, trotz aller Lasten stets voller Anteilnahme der Armen gedenken und sehnsüchtig darauf warten, endlich reich genug zu sein, dass sie ohne Sorge um das Auskommen des eigenen Clans, wieder Mitarbeiter einstellen, Löhne erhöhen und Arbeitsbedingungen verbessern können.

Kurz, alle Hoffnungen der Politiker gründen sich auf die Vermutung, auch bei Investoren und Shareholdern sei ein gewisses Maß an Nächstenliebe vorhanden, das mit steigendem Vermögen wächst und ab einem gewissen Schwellenwert, dessen Überschreiten kurz bevorsteht, zum wohltätigen Ausbruch kommen wird.

Anders sind ihre Reden und Forderungen, Reformvorhaben und Sparmaßnahmen, die ja allesamt auf die Steigerung des Reichtums der Reichen hinauslaufen, nicht zu verstehen. Doch bei aller Liebe der Politiker für das Geld, das Geld wird seine Liebe für die Menschen so bald nicht entdecken.

 

Liebe

Wenn die Mutter liebevoll Plätzchen bäckt, der Vater noch schnell die Christbaumecke im Wohnzimmer tapeziert und die Großmutter dem mit Schnupfen und Halsweh im Bett liegenden Kind unentgeltlich eine Geschichte vorliest, dann ist das alles zunächst einmal ein Zeichen von Liebe innerhalb der Familie, auch wenn es Prof. Schneider, der maßgebliche Schwarzarbeitsforscher aus Linz, schon der Schattenwirtschaft zurechnet, weil es sich um Leistungen handelt, die erbracht werden, aber aus irgendwelchem Gründen nicht im Sozialprodukt erfasst werden.

Die geografisch weiten Räume einer global arbeitsteiligen Wirtschaft haben die Hersteller von Produkten und Leistungen von den Verbrauchern und Endkunden abgekoppelt. Der Chef einer chinesischen Puppenfabrik arbeitet längst nicht mehr für Kinder, sondern nur noch für den Projektmanager eines internationalen Spielwarenerzeugungskonzerns, der großes Interesse hat, Puppen möglichst billig einzukaufen um sie mit hohem Gewinn weiterzuverkaufen. Doch auch er denkt dabei nicht an Kinder. Er tut alles, damit sein Produkt dem Spielwareneinkäufer einer internationalen Einzelhandelskette gefällt. Ihm muss die Puppe als Handelsware gut und profitabel verkäuflich erscheinen. Irgendwann landen die Puppen, samt dem in Thailand gedrucktem Karton, in den sie von flinken Polenmädchen gepackt wurden, in den Spielwarenregalen aller Filialen der Handelskette. Regalbefüllende Aushilfen haben sie lustlos etikettiert und lieblos aufgestapelt. Ein kleines Mädchen, das sich eine Puppe wünscht, steht vor dem Regal und der Entscheidung, ob sie die Puppe mit dem roten, oder lieber die mit dem blauen Kleid haben will. Eine muss sie nehmen, andere gibt es nämlich nicht.

Für Liebe ist da nicht viel Platz. Die Puppe ist ein austauschbares Produkt des globalen Handels. Sie muss Umsatz und Gewinn bringen. Für eine ganze Kette von Beteiligten. Ein Großvater, der mit dem Schnitzmesser einen Puppenkopf modelliert, eine Großmutter, die ein Kleidchen und Schuhe näht, die also miteinander in Liebe zur Enkelin eine einzigartige Puppe schaffen, stören da nur die Geschäfte. Massive Werbung sorgt dafür, dass billige Massenware zum begehrten Objekt, zur Pflicht für alle Zielgruppenangehörigen wird. Dem wertvollen Einzelstück fehlt doch schon das Logo. Vor allem aber: Es hat nichts gekostet! Im besten Fall lautet der Trost für das enttäuschte Kind: Oma und Opa haben nicht so viel Rente, die können sich das nicht leisten; schlimmstenfalls wird den Großeltern vorgehalten, sie seien einfach viel zu geizig, um ihr Enkelkind so zu verwöhnen, wie alle anderen Großeltern auch.

Wer genau hinsieht erkennt, dass das Geld allerorten dabei ist, die Liebe zu verdrängen, zu substituieren und letztlich lächerlich zu machen.

Glaube, Hoffnung, Geld?

Nein. Das funktioniert nicht. Wo sollen Glaube und Hoffnung hinführen, wenn nicht zu mehr wirklicher Freude? Und wo, um alles in der Welt, kann wirkliche, tiefe Freude gedeihen, außer in einem Klima der Liebe und Zuneigung, der Achtung und des Vertrauens?

Wird es Ihnen jetzt irgendwie peinlich, diese Zeilen zu lesen?
Kommen Sie nicht damit zurecht, wenn jemand Geld und Liebe in einem Satz verwendet?
Glauben Sie, das ist geschmacklos, uncool, ätzend?

Wir alle werden im nächsten Jahr sehr viel enger zusammenrücken müssen. Wir werden miteinander und füreinander da sein müssen. Wir werden es schaffen müssen, eine Mehrheit der Demokraten zu organisieren, die sich zuerst selbst hilft und dann gemeinsam daran geht, den Staat wieder zur dienenden Institution für alle Bürger zu machen.

Das ist eine Aufgabe, die nur zu schaffen ist, wenn der Antrieb aus dem gemeinsamen Willen kommt, eine für alle gleichermaßen gute und erstrebenswerte Zukunft zu schaffen, in einem Land, das auf der Basis wirklicher Chancengleichheit jedem genügend Raum gibt, um sich zu beweisen, um Ansehen, Wohlstand, auch Reichtum zu erwerben, genug Raum, um sich selbst zu verwirklichen, ohne dass immer und überall das Geld und das Kapital die Grenzen setzen und den Rahm abschöpfen.

Lassen wir uns allerdings weiter in einen unsinnigen Wettstreit um das immer knapper werdende Geld treiben, lassen wir es zu, dass die Gesellschaft von unten her erodiert, dass aus der Masse der Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger nun einerseits ein Heer von Not- und Armuts-Kriminellen, andererseits das Kanonenfutter für weiteres Lohndumping wächst, dann wird der Brand sich ausbreiten, bis auch noch die letzte Habe der ärmeren 98 Prozent der Bevölkerung in das Eigentum der reichen 2 Prozent der Bevölkerung übergegangen ist. Seit Jahren verkaufen auf dem Land die kleinen Bauern einen Acker nach dem anderen, um die Familie ernähren zu können. Seit Jahren wächst die Zahl der Zwangsversteigerungen von Einfamilienhäusern und Eigentumswohnungen. Lebensversicherungen werden gekündigt und Sparguthaben aufgezehrt. Hartz IV und Ein-Euro-Jobs werden diesen Trend verstärken, nicht umdrehen.

Geld ist kein Ersatz für Gemeinsinn, Zusammenhalt und Nächstenliebe. Liebe ist weder gefühlsduselige Untertänigkeit, noch das leidende Erdulden von Launen oder das willfährige Erfüllen von Wünschen! Geld kann man erpressen. Untertänigkeit kann man erzwingen, doch in der Fähigkeit, aus Liebe zu handeln, liegt die tiefste und letzte Freiheit des Menschen.


Ich glaube, dass es möglich ist und ich hoffe, dass es uns gelingen wird, miteinander die Weichen neu zu stellen. Die Hauptaufgabe dabei wird sein, sich von den Zwängen fremden Geldes zu lösen. Das ist weder einfach, noch schnell zu erreichen.

Aber jeder, der anfängt, seine wirtschaftliche Existenz so zu gestalten, dass er damit eher dazu beiträgt, die wirtschaftliche Existenz seiner Mitmenschen in der Nachbarschaft, in der Nähe, in der Region zu stützen, statt die ihm verfügbaren Mittel ohne Not und bedenkenlos aus den regionalen Kreisläufen abfließen zu lassen, der hilft mit, das Netz der Fähigkeiten und Ressourcen wieder sichtbar zu machen, dem wir Wohlstand und Fortschritt verdanken.

Wer den Kachelofen mit Holz aus dem heimischen Wald heizt, hält Geld in der Region. Wer in der Zentralheizung Erdöl verfeuert, lässt es abfließen. Wer beim Bäcker um die Ecke kauft, hält Geld in der Region, wer sein Brot im Supermarkt holt, lässt es abfließen. Wer jährlich Hunderte von Euros am Handy (sinnlos) vertelefoniert, lässt Geld abfließen. Geld, das ihm fehlt, wenn er sich in der gemütlichen Kneipe mit den Freunden verabreden will.

Es ist nicht nötig, seitenweise weitere Beispiele aufzuführen. Die Konzepte der Befürworter und Initiatoren von Tauschringen, Selbsthilfeorganisationen, Nachbarschaftshilfevereinigungen und Regionalwährungen zeigen alle in die gleiche Richtung. Und wenn es manchmal etwas teurer, etwas umständlicher, etwas schwieriger ist, dafür zu sorgen, dass das Geld in der eigenen Region bleibt - es ist wenigstens noch da, bleibt im überschaubaren Kreislauf. Ist es aber weggegeben, gelangt es gar als Zins in das Vermögen des ausländischen Investors, dann ist der Schaden kaum wieder gut zu machen.

Wer es mit den Idealen der Menschheit ernst meint, wer nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit strebt, wem Einigkeit und Recht und Freiheit wichtig sind, dem werden Glaube, Hoffnung und Liebe helfen, seine Visionen zu verwirklichen.

 

Ich wünsche Ihnen besinnliche, friedvolle Weihnachtsfeiertage.
Für das Neue Jahr wünsche ich Ihnen den Glauben, der Ihre Sorgen und Ängste klein und unbedeutend aussehen lässt, die Hoffnung, dass unser Land noch nicht am Ende, dass der Zusammenbruch noch zu vermeiden ist und die Kraft, das Ihre dazu beizutragen.

 

Vor allem aber wünsche ich Ihnen viel, viel Liebe.

 

Ihr Egon W. Kreutzer




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* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg



Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
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