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Kannegiessers geheime Kolonne

150.000 unbesetzbare offene Stellen in der Metall- und Elektroindustrie?

Kommentar von
Egon W. Kreutzer
28. September 2004

Verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit hat sich in der Metall- und Elektroindustrie ein Abgrund aufgetan. 150.000 offene Stellen können trotz eines Millionenheeres von Arbeitslosen nicht besetzt werden. Das ist in diesen Tagen die Meldung zur Stimmungslage, mit der sich Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser einen Platz in den Schlagzeilen erobert hat.

Da macht es nichts, dass niemand diese 150.000 unbesetzten Arbeitsplätze erfasst und gezählt hat. Wenn Herr Kannegießer das sagt, dann glaubt man ihm. Herr Kannegiesser ist ein ehrenwerter Mann und die gute Mär von den offenen Stellen ist in den Zeiten rabiater Arbeitsplatzvernichtung ein so wunderbares Himmelszeichen, dass selbst Herr Huber von IG-Metall am 28. September im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF erklärte, er wolle diesen Aufschwung nicht mit kleinlichen Zweifeln kaputtreden. Stattdessen beschränkte er sich darauf, Herrn Kannegiesser darüber zu belehren, dass, wer nicht ausbildet, auch keine qualifizierten Mitarbeiter vom Arbeitsmarkt erwarten kann. Ein wunderschönes Eigentor - und ein Hohn für die vielen gut und hochqualifizierten Arbeitssuchenden, die oft genug mit der fadenscheinigen Begründung "überqualifiziert" von den Personalabteilungen aussortiert werden.

 

Was steckt dahinter?

Der Aufschwung, so klingt es klagend aus Kannegiessers Worten, wäre ja eigentlich längst da, die notwendigen Stellen längst geschaffen -

dass der Aufschwung trotzdem nicht stattfindet liegt nur daran, dass
die bösen Arbeitslosen nicht die wünschenswerte Lust haben und dass die blöden Arbeitslosen, von denen es auch mehr als genug gibt, nicht die wünschenswerte Qualifikation haben, um die schönen Jobs in der Metall- und Elektroindustrie zufriedenstellend zu erledigen.

Gleichzeitig wird im politischen Unterholz weiter an der Schwarzarbeiterlegende gebastelt. 370 Milliarden Euro sollen es sein, die jährlich in Deutschland von Schwarzarbeitern erwirtschaftet werden - das wären, grob gerechnet, 25 Millionen Vollzeit-Schwarzarbeiter. Eine absolut hirnrissige Behauptung, die aber mit der Aussage "täglich 1 Milliarde Euro" in leicht abgewandelter Form sogar in ganzseitige Zeitungsanzeigen der Bundesregierung Eingang gefunden hat. Am Freitag, dieser Woche wird die ARD in der Sendung "Operation Schwarzarbeit" an dieser Legende weiterbasteln. Der selbständig mitdenkende Medienkonsument soll 1 und 1 zusammenzählen und ganz von alleine zum gewünschten Schluss kommen:

a) Alle Arbeitslosen sind Schwarzarbeiter

Wenn man die gigantischen Zahlen über die Schwarzarbeit hört, wird klar: Die allermeisten Arbeitslosen sind Schwarzarbeiter, es kann gar nicht anders sein.

b) Den Arbeitslosen geht es viel zu gut

Wenn man bedenkt, dass Arbeitslosengeld + Schwarzarbeiterlohn ein Gesamteinkommen ergeben, das ein legal Beschäftigter gar nicht erwirtschaften kann, wird die Niedertracht der arbeitslosen Schwarzarbeiter erst richtig erkennbar. Die leben doch wie die Made im Speck, aber anstatt Steuern und Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen, lassen sie sich mit Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe das Leben erst noch richtig versüßen.

c) Die Arbeitslosen wollen doch in Wahrheit gar keine legalen Jobs

Es ist also nur logisch und gleichzeitig ein weiterer Beweis für die "Mitnehmergesellschaft", über die sich jüngst sogar der Kanzler empörte, dass die Industrie unter mehr als vier Millionen Arbeitslosen händeringend nach Mitarbeitern sucht und die offenen Stellen trotzdem nicht besetzen kann. Die wollen doch gar nicht. Denen geht es so doch viel besser!

d) Damit muss nun aber endlich Schluss gemacht werden

Wer so weit gedacht hat, wird mit grimmer Schadenfreude zustimmen, wenn Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe gekürzt und abgeschafft werden. Wer so weit gedacht hat, weiß dann auch, dass es die angebliche Not und Armut der Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger gar nicht gibt. Dass alle diese Greuelmärchen nichts anderes sind, als Schutzbehauptungen raffgieriger Schwarzarbeiter, denen jedes Mittel recht ist, um zu verbergen, wie gut es ihnen in Wahrheit geht. Wer so weit gedacht hat, stimmt dem Reformkurs freudig zu, glaubt, dass Ein-Euro-Jobs genau das richtige Druckmittel sind, um die Schwarzarbeiter an den legalen Arbeitsplatz zurückzuzwingen. Wer so weit gedacht hat, hört auf zu demonstrieren und wählt wieder die SPD oder die CDU oder die CSU oder die FDP oder die Grünen, statt gar nicht, oder - noch schlimmer - Protest zu wählen.

 

Wer arbeiten will, der findet auch Arbeit.

Nichts anderes sagt Herr Kannegiesser und das glaubt man Herrn Kannegiesser. Einem Arbeitslosen braucht man nichts glauben. Da kennt man sich aus, da weiß man's besser.

Herrn Kannegiessers 150.000 Jobs sind eine Schätzung. Seine Schätzung. Man weiß aus Erfahrung, sagt er, dass die gesamten offenen Stellen immer ungefähr dreimal so hoch sind, wie die den Arbeitsagenturen gemeldeten offenen Stellen. Herrn Kannegießer glaubt man das.

Propaganda

56.000 offene Stellen in der Metall- und Elektroindustrie sind den Arbeitsagenturen gemeldet. Rund 100.000 hat Herr Kannegiesser mal eben so dazugeschätzt. Selbst wenn es diese 150.000 offenen Stellen tatsächlich gäbe, wäre die Zahl im Vergleich zu über vier Millionen offiziell zugegebenen Arbeitslosen lächerlich. Würden alle diese 150.000 Stellen besetzt, hätten wir trotzdem immer noch über vier Millionen Arbeitslose. Würde die Metall- und Elektroindustrie die Zahl ihrer Beschäftigten von heute auf morgen verdoppeln, es blieben immer noch weit mehr als 150.000 Menschen ohne Arbeit. Soviel zum Verständnis der Größenordnungen und der Verhältnisse.

In den letzten beiden Jahren wurden durchschnittlich an jedem Tag Entscheidungen über den Abbau von mehr als 2.800 deutschen Arbeitsplätzen getroffen. Jeden Monat im Durchschnitt 85.000. Kannegiessers geheimnisvollen 150.000 offenen Stellen werden von der deutschen Wirtschaft in weniger als zwei Monaten wieder vernichtet.

Wo hat er sie her? Wie will er im Stellenaufbau mit dem Stellenabbau Schritt halten können? Hat nicht alleine VW jüngst angedroht, 30.000 Stellen in deutschen Werken streichen zu wollen?


Herrn Kannegiessers Propaganda ist selbstentlarvend.

Kein gewinnorientiertes Unternehmen dieser Welt lässt offene Stellen unbesetzt, wenn es damit rechnet, die Arbeitsplätze auch auslasten zu können.

Den idealen Bewerber für auch nur einigermaßen qualifizierte Jobs gibt es nicht. Ein Unternehmen, dass einen Mitarbeiter wirklich braucht, um seine Erfolgschancen wahrnehmen zu können, stellt den bestgeeigneten Bewerber ein und macht ihn fit für den Job. Schnellstmöglich.

Wer an jedem Bewerber etwas zu bemäkeln hat, der braucht in Wahrheit keinen Mitarbeiter - der braucht und schafft sich Argumente.

Argumente die das Geschehen in der eigenen betriebswirtschaftlichen Welt begründen helfen, zum Beispiel in der Frage, warum die tatsächlich beschäftigten Mitarbeiter gezwungen werden müssen, statt 35 Wochenstunden künftig 38 Wochenstunden zu arbeiten, dafür aber nur noch für 33 Wochenstunden bezahlt werden, wie es der Autozulieferer TRW in Schalke verlangte, der dann als Belohnung für solche Zugeständnisse nur 140 Arbeitsplätze abbaut, statt - wie angedroht - gleich die Hälfte der 900 Stellen plattzumachen.

Er schafft aber auch Argumente, die den politisch Verantwortlichen den Weg weisen, wie die volks- und weltwirtschaftlichen Weichen zu stellen sind, damit die Wirtschaft und vor allem das hinter der Wirtschaft stehende Kapital größtmögliche Gewinne erwirtschaften und weitgehend unbehelligt von Fiskus und Sozialsystemen für sich behalten darf.

In Deutschland werden seit Jahren in ganz erheblichem Umfang netto Arbeitsplätze abgebaut,

teils durch Entlassungen, teils durch Vereinbarungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, teils durch natürliche Fluktuation. Im Gefolge dieses Arbeitsplatzverlustes verlieren die Sozialen Sicherungssysteme und die Öffentlichen Haushalte, trotz unveränderter oder sogar noch steigender Gesamtleistung des Wirtschaftsraumes, massiv an Einnahmen, weil ihre Finanzierung nahezu ausschließlich von den Zwangsbeiträgen der Zwangsversicherten, sowie von den Einnahmen aus der Lohnsteuer und den Verbrauchssteuern abhängt, die wiederum von den abhängig Beschäftigten aufgebracht werden müssen, während die Gewinne der Unternehmen und der Kapitalgeber nur marginal herangezogen werden.

Statt die Grundfrage nach einer gerechten Finanzierung zu stellen und dabei die gestiegene Produktivität, die gewachsenen Privatvermögen in den Händen einer schmalen Oberschicht und die daraus generierten Einkünfte aus Zinsen, Mieten und Spekulationen endlich im erforderlichen und durchaus möglichen Umfang zur Finanzierung der gesamtgesellschaftlichen Aufgaben heranzuziehen, wird in fataler Konsequenz ein Sparkurs eingeschlagen, der mit Stellenabbau und Arbeitsplatzvernichtung bei Bund, Ländern und Gemeinden, bei den Sozialkassen und im gesamten Bereich der Gesundheitsversorgung den Kahlschlag fortsetzt, den die Wirtschaft in den Betrieben begonnen hat.

All denen, die das Gefühl nicht los werden, dass an der ganzen offiziellen Argumentation etwas nicht stimmt, dass sich Wachstum trotz aller Beteuerungen ums Verrecken nicht herbeisparen lässt, hat Herr Kannegiesser wieder einmal einen Knochen hingeworfen, an dem sie sich für eine Weile die Zähne ausbeißen können:

Geschätzte 150.000 offene und angeblich nicht besetzbare Stellen in der Metall- und Elektroindustrie.


Nun knappert mal schön.

(Die Metall- und Elektro-Industrie ist der größte Wirtschaftszweig der Republik und beschäftigt rund 3,5 Millionen Menschen. Alleine die natürliche Fluktuation führt also zu einem Bedarf von jährlich 150.000 Neueinstellungen. Je nachdem, wie lange sich die Unternehmen für die Suche nach Ersatz Zeit lassen, ergibt sich daraus ein Sockel von 40 - 50.000 "offenen" Stellen. Dieser Wert korrespondiert erstaunlich gut, mit den 56.000 Stellenangeboten, die bei den Arbeitsagenturen gemeldet sind.)

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* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg



Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
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