Impressum
 Home alle Kommentare alle Leserbriefe  Stichwortsuche  Startseite Geld 




Die 40-Stunden-Wöchnerin

ein Kommentar zu Angela Merkels Bemühen,
Deutschland zur 40-Stunden-Woche und noch weiter zurück zu führen

Egon W. Kreutzer

29. Juni 2004

 

Die Parteivorsitzende der CDU, Angela Merkel, freut sich ganz außerordentlich darüber, dass es Heinrich von Pierer gelungen ist, in Bocholt und Kamp-Lintfort Gewerkschaft und Arbeitnehmerschaft gleichermassen in die Knie zu zwingen.

Angela Merkel geht schon lange mit der Idee schwanger, dass die Rückkehr zu längeren Wochenarbeitszeiten in Deutschland sinnvoll sei und hofft nun, nach den ersten verheißungsvollen Presswehen beim Vorreiter Siemens, auf den bundesweiten Dammbruch.

Wie die schwere Haubitze der Feldartillerie schießt sie ihr rhetorisches Steilfeuer auf gut Glück über die vorgeschobenen Stellungen hinweg, wo sich SPD und Grüne mit ihrer Reformagenda eingegraben haben und - wild entschlossen, bis zum letzten Mann zu kämpfen - auf den großen Durchbruch warten.

Dort, hinter dieser Frontlinie, gilt es, die letzten versprengten feindlichen Truppen, Widerstandsnester und Terroristen aufzuspüren und ihnen im Stile guter demokratischer Diskussionskultur ihre abweichende Meinung, ohne auch nur einmal hinzuhören, mit pausenlosem verbalem Granathagel in der Luft zu zerfetzen.

 

Sie hat ja recht.
Wer ihr nur gut genug zuhört, findet die Beispiele, die ihre Auffassungen stützen.


Es macht doch Sinn, die Weinbergschnecke vor dem Verzehr zum Ausschleimen über trockene Semmelbrösel laufen zu lassen. Sonst ist sie völlig ungenießbar.

Es macht doch Sinn, den Gänsen die Flügel zu stutzen, wenn man sicher gehen will, dass sie bis zum Schlachttag im Gatter bleiben. Sonst bleibt die Pfanne an Martini leer.

Es macht doch Sinn, statt zwei nur einen Ochsen vor den Karren zu spannen. Bis der zusammenbricht, lässt sich viel Futter sparen.


Also muss es doch auch sinnvoll sein, die vorhandene Belegschaft bei möglichst niedrigem Lohn möglichst lange arbeiten zu lassen.




Aber:

Den Menschen zu erzählen, dass "länger arbeiten" sinnvoll und nützlich, "länger arbeiten ohne Lohnausgleich" noch sinnvoller und noch nützlicher ist und dass es am sinnvollsten und nützlichsten ist, pro Woche fünf Stunden länger zu arbeiten und dafür auch noch auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld zu verzichten, dass ist kein Zynismus, kein Hohn und keine Erpressung, das ist lediglich ein politischer Standpunkt.

Die Menschen, denen das erzählt wird, sind ja schließlich weder schleimige Schnecken, noch dumme Gänse oder blöde Ochsen. Die Menschen können selbst denken und sich frei entscheiden, was sie sich anhören, wem sie glauben und wen sie wählen wollen.

 

Wer also glauben will, die allgemeine Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich sei ein Segen für Deutschland, der kann bei der nächsten Wahl sein Kreuz bei der SPD machen. Die Beamten des Bundes bekommen die 40-Stunden-Woche nämlich. Das hat das Schröder-Fischer-Kabinett beschlossen.

Die frappierend ehrliche Begründung: Es sollen 3,9 Prozent der Stellen eingespart, also rund 12.000 Jobs vernichtet werden.


Wer glauben will, die allgemeine Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche könne nur ein erster Schritt sein, das eigentliche Ziel liege irgendwo zwischen 42 und 45 Wochenstunden, verbunden mit weiterem Rückbau des Kündigungsschutzes, mit weiterem Verzicht auf Feiertage und Weihnachtsgeld, auf Urlaubstage und Urlaubsgeld, der kann bei den nächsten Wahlen sein Kreuz getrost bei der CDU oder der CSU machen. Angela Merkel verspricht sich und uns viel davon, diesen Weg weiterzugehen.

Wem auch das noch nicht genug ist, der kann sein Kreuz bei der FDP machen. Herr Westerwelle wird eine Möglichkeit finden, die Wahlversprechen der CDU/CSU noch irgendwie zu übertreffen.

 

Aber ist es wirklich ein Segen für Deutschland, wenn immer weniger Menschen immer mehr arbeiten?

NEIN. Nein, und nochmals nein.

Es ist ein Segen für die Shareholder, für die Anteilseigner, für die Kapitalisten, für die Gobal Player und vaterlandslosen Gesellen. Es ist ein Segen für alle diejenigen, die ohne einen Finger dafür krumm machen zu müssen ein hohes Einkommen alleine auf Grund ihres Eigentums beziehen und nicht daran denken, die ihnen daraus erwachsenden, gesellschaftlichen und sozialen Verpflichtungen zu erkennen, geschweige denn zu akzeptieren.
Wer, wie Herr Müller aus dem Allgäu, seinen Wohnsitz in die Schweiz verlagert, weil er keine Lust hat, zuzulassen, dass seine Erben in Deutschland Erbschaftssteuer bezahlen und gleichzeitig Millionen Euro Subventionen bezieht und diese so verwendet, dass er unter dem Strich Arbeitsplätze vernichtet, der hat etwas davon und der freut sich darauf, dass künftig auch seine Mitarbeiter länger arbeiten müssen und weniger Lohn dafür bekommen.

Deutschland hat nichts davon.

Nur weil ein paar skrupellose Geldgeber und die von ihnen bezahlten Vorstände und Geschäftsführer glauben, dass ihnen Deutschland gehört, ist es noch lange nicht wahr, dass alles was in deren Interesse liegt, auch im Interesse Deutschlands ist.

 

Die Verlängerung der Wochenarbeitszeit ist für Deutschland in der jetzigen Situation nicht Segen, sondern Fluch.

Das werden die nächsten Jahre auch dem letzten und verbohrtesten Zweifler beweisen. Wer seinen Verstand nicht täglich irgendwo beim Pförtner abzugeben hat, kann es allerdings durch einfaches Nachdenken auch heute schon begreifen und sich einen Weg durch den Wirrwarr der Merkelschen Argumentation schlagen.

Wer ihre Reden verfolgt, bemerkt schnell, wie die Parteivorsitzende sehr schlau und gewitzt Wahrheiten und Halbwahrheiten aneinanderreiht und sie mit bestürzend kruder Logik zu einem süßen und berauschenden Cocktail der Illusion verrührt. Nie zuvor in der Geschichte dieser Republik hat jemand die Wahrheit so ungeniert benutzt, um die Menschen in die Irre zu leiten, wie Angela Merkel.

 
Merkels Irreführung beginnt da, wo sie glauben machen will, genau darum ginge es.


Aber genau dieser Effekt soll bei Siemens in Bocholt und Kamp-Lintfort doch gar nicht erreicht werden!

Die Siemensianer sollen nicht mehr arbeiten, damit sie mehr Lohn bekommen, und sich mehr leisten können; sie sollen mehr arbeiten und weniger Lohn dafür bekommen und sich weniger leisten können.

Aber nur so, und das hat Frau Merkel immer schon gesagt, können Arbeitsplätze erhalten, kann das Wachstum gestärkt, können die Sozialsysteme gerettet werden, kann der Aufschwung sich aufschwingen und Deutschland in Europa wieder nach vorne gebracht werden.

Das ist alles Quatsch.

Aus zwei Gründen:


Erstens:

Wachstum, Aufschwung, Arbeitsplätze sind keinesfalls "nur so" zu schaffen.
Es gibt durchaus auch andere, bessere Ansätze.


Zweitens:

Merkels Patent-Rezept kann sowieso nicht funktionieren, weil die versprochenen Effekte mit den getroffenen Maßnahmen in keinerlei vernünftigem Zusammenhang stehen - ganz unabhängig davon, wie viele Wirtschaftswissenschaftler sich noch bereitfinden werden, diesen Quatsch vor- und nachzubeten.


Unwiderlegbar ist:

Wenn die erwerbstätige Bevölkerung in Deutschland bei niedrigeren Personalkosten mehr produziert, dann tut sie das nicht für den Binnenmarkt - dort verzichtet sie ja auf Kaufkraft - sondern ausschließlich für den Export.

Im Endeffekt wird also länger gearbeitet, um sich weniger leisten zu können.

Den gleichen Effekt könnte man allerdings mit "weniger arbeiten" genauso erreichen, wie mit "mehr arbeiten".



Dass dem "mehr arbeiten" der Vorzug gegeben wird, hat wohl einen Grund, der außerhalb der lauthals vorgetragenen Argumente liegt:

Warum also müssen die Deutschen mehr arbeiten, um sich weniger leisten zu können?

Diese Forderung ist nur dann in sich schlüssig, wenn man annimmt, es ginge den Unternehmern und ihren Geldgeber vor allem darum, ihre Gewinne zu erhöhen. Dazu wollen sie diesmal sowohl die Ersparnis aus den sinkenden Löhnen als auch den zusätzlichen Ertrag aus der längeren Arbeitszeit abgreifen. Renditesteigerung im Doppelpack, sozusagen.

 

Arbeitsplätze schafft unbezahlte Mehrarbeit nicht, im Gegenteil, es werden Arbeitsplätze vernichtet.

Käme die 40-Stunden-Woche republikweit zum Tragen, entspräche das einer Mehrleistung von über 4 Millionen Beschäftigten und einer Steigerung des Brutto-Inlands-Produkts um mehr als 200 Milliarden Euro. Weil aber dieser Mehrleistung im Binnenmarkt keine zusätzliche, sondern stattdessen eine schrumpfende Kaufkraft gegenübersteht, muss der ganze Schotter zwangsläufig in den Export.

Um also überhaupt daran denken zu können, auch nur einen einzigen Arbeitslosen wieder in Arbeit zu bringen, muss vorher die volle Leistung von zusätzlichen vier Millionen Menschen erst einmal verkauft werden.

Aber wer im Ausland kann einen noch weiter wachsenden Exportüberschuss der Deutschen überhaupt noch aufnehmen? Und womit wollen unsere geschätzten ausländischen Handelspartner mit ihren chronischen Außenhandelsdefiziten die wachsende Deutsche Rechnung überhaupt bezahlen?

Wir haben mit der real existierenden Sonderwirtschaftszone, jenem wirtschaftspolitischen wilden Osten der Republik, den Frau Merkel vorgibt, besser zu kennen, als der amtierende Kanzler, unter dem Strich keinen einzigen Arbeitslosen wieder in Beschäftigung bringen können obwohl dort - folgt man den Argumenten pro Arbeitszeitverlängerung und Lohnkürzung - bei staatlich verordneten Niedriglöhnen, einem nahezu tariffreien Arbeitsmarkt, reichlich sprudelnden Subventionsquellen und gigantischen Transferleistungen eigentlich die besten Voraussetzungen für Wachstum, Aufschwung und neue Arbeitsplätze gegeben sein müssten,

 

Die Sozialkassen entlastet unbezahlte Mehrarbeit auch nicht, allenfalls auf eine perfide, menschenverachtende Weise.

Sinkende Löhne bedeuten sinkende Beiträge für die Sozialversicherung, daran ändert letztlich auch die steuerfinanzierte Ausgleichszahlung beim Kopfgeldmodell der Union für die Krankenkassen nichts. Die Steuerlast tragen sowieso fast ausschließlich die Lohn- und Gehaltsempfänger. Es ist also völlig egal, wo man den Abzug macht und wie man ihn nennt. Für die Kassenlage sind sinkende Einkommen breiter Bevölkerungsschichten nicht gut, sondern schlecht.

Wer allerdings darauf spekuliert, dass die Rückkehr zur frühkapitalistischen Gestalt der Arbeitswelt zügig dazu beitragen wird, dass sich die durchschnittliche Lebenserwartung wieder verkürzt und glaubt, auf diese Weise Renten- und Krankenkassen sanieren zu können, der sollte das auch sagen.

Der Staatssäckel wird durch unbezahlte Mehrarbeit auch nicht entlastet.

Weder auf der Einnahmenseite, noch auf der Ausgabenseite ergeben sich irgendwelche positiven Effekte (wie denn, wo denn, was denn - und vor allem: Wann denn?).

Man muss das ganz genüsslich auf der Zunge zergehen lassen:

Da fordert eine vernunftbegabte Politikerin einerseits, die Schwarzarbeit zu bekämpfen, weil dem Staat dadurch Steuern und Sozialversicherungsbeiträge verloren gehen und fordert gleichzeitig dazu auf, in ungeheuerlichem Ausmass unbezahlte, folglich unbesteuerte und nicht sozialversicherungspflichtige Mehrarbeit zu leisten.

Wo ist der Unterschied?

Ist Arbeit dadurch, dass ein Unternehmer und ein Kapitalgeber sich daran bereichern können legal, während Arbeit, die ausschließlich demjenigen einen Verdienst bringt, der wirklich arbeitet, (alleine deshalb?) illegal sein muss?

Auch die lächerliche Bierdeckelsteuer, die nur dazu dienen würde, den Staatshaushalt vollends zu ruinieren, um zum Schluß auch noch die letzten öffentllich wahrgenommenen Aufgaben mangels staatlicher Finanzmittel in die Hände der gewinnorientierten Privatwirtschaft legen zu können, bringt in diesem Zusammenhang ebensowenig weiter, wie in jedem anderen. Sie schafft einen ohnmächtigen Staat, der seinen Bürgern, deren Instrument er eigentlich sein sollte, nicht mehr von Nutzen sein kann, insbesondere dann nicht, wenn auf dem Weg dahin das letzte Volksvermögen verscherbelt worden ist. Aber sie schafft weder den Arbeitslosen, noch den Sozialhilfeempfängern noch den Beschäftigten in irgendeiner Form eine Entschädigung für unbezahlte Mehrarbeit.

Unbezahlte Mehrarbeit, die - zu Verkaufspreisen betrachtet - knapp an das Volumen des Bundeshaushalts heranreicht.

 

Das alles könnte Frau Merkel wissen.
Sie könnte es auch mühelos begreifen.


Aber wer sagt denn, dass sie es nicht weiß?



Wer sich diese Frage beantworten will, muss damit rechnen, dabei zu erkennen, dass er aus übergeordneter Sicht eben nicht nur als Wähler, sondern zugleich auch als Schnecke, Gans und Ochse herhalten muss.

Aber wer gesteht sich das schon gerne ein?


Lieber sonnen wir uns in der Rolle des mündigen, verständigen und verantwortungsvollen Bürgers, als hartnäckig immer wieder die gleichen kritischen Fragen zu stellen.

Lieber erklären wir in die hingehaltenen Mikrofone, dass wir natürlich bereit sind, mehr zu arbeiten, wenn dadurch die Arbeitsplätze gesichert werden könnten, statt zu erklären, dass es doch eigentlich nur um die Gewinne der Großkonzerne geht, dass man sich der Erpressung aber zähneknirschend beugen muss, weil es weit und breit keinen Ausweg gibt.

Lieber beweisen wir immer wieder, wie toll wir mit unseren kleinen Köpfen die komplizierten Gedanken der Großen ganz prima nachvollziehen können, anstatt uns frech hinzustellen und auf die Fehler und auf die Falschheit ihrer Argumente hinzuweisen.

Lieber fühlen wir uns so stark und so gescheit, dass wir uns zutrauen, unser Schicksal alleine und in betrieblichen Bündnissen bestimmen zu können, statt offen zuzugeben, dass wir gerade wieder eine Schlacht verloren haben.


Gegen diesen blöden Dünkel kommt leider auch kein Bsirske mehr an.

(Das weiß Frau Merkel übrigens auch.)




nach oben







a


* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg



Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
Viele grundsätzliche Einsichten und Forderungen finden Sie in
"Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre".
Packender, spannender, verständlicher ist Wirtschaft kaum zu beschreiben. Informieren Sie sich hier.
"Ich freue mich sehr über Ihr Interesse und möchte Sie gerne auf weitere Angebote meiner Site aufmerksam machen - bitte sehen Sie sich um!" Mehr Aktuelles, alle Leserbriefe, alle Kommentare
die Statisitk zum Stellenabbau in Deutschland

Grundlagenwissen Geld - "...Geld ist nicht einfach da!"
kontakt/feedback
Newsletter bestellen
Der Patient ist die Lösung
Ein radikal vernünftiges Konzept zum Gesundheitswesen
..und weil die Ratio nicht immer weiterhilft: Besuchen Sie bitte auch die magische Welt der Zauberstabmanufaktur. Wir fertigen auusschließlich individuelle, handgearbeitete Einzelstücke für höchste Ansprüche.