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Paulus Schröder

Ein Kommentar zur überraschenden rhetorischen Wende des Kanzlers im Reform- und Spartheater

Egon W. Kreutzer
03. 05. 2004

 

Zur Zeit der Gründung erster christlicher Gemeinden fiel in der Nähe von Damaskus ein in den Diensten Roms stehender jüdischer Söldner namens Saulus vom Pferd und verlor dabei a) das Augenlicht und b) seine bisherigen politischen Grundüberzeugungen.

Sehen konnte er schon bald wieder, aber den bis dahin als Christenverfolger berüchtigten und gefürchteten Saulus gab es nicht mehr. Er vollzog eine vollkommene geistig- moralische Wende, konvertierte zum Christentum, nannte sich fortan Paulus und gelangte in dieser Rolle schnell zu hohen Ämtern und Würden.

Fernab von Damaskus, irgendwo auf einer sonderbaren Reise von Berlin nach Berlin, mit Aufenthalten in Zittau und Dublin, muss sich fast 2000 Jahre später zwischen Walpurgisnacht und Michael Sommers Mai-Ansprache etwas Ähnliches ereignet haben.

Gerhard Schröder, Ex-Parteivorsitzender der SPD, wurde derart mächtig von exakt jenem Geist ergriffen, den er noch Stunden vorher erbittert bekämpft hatte, dass es ihm offenbar noch in selbiger Nacht gelungen ist, auch den Vizekanzler und sogar den ewig zweifelnden Finanzminister erfolgreich zu bekehren.

Es klang wie das himmlische Hossiannah, als da in dreifacher Einfalt verkündet wurde, es müsse jetzt endlich Schluss sein, mit dem Sozialabbau und mit dem Sparen, weil dadurch kein Wachstum entstehen kann. Deutschland dürfe sich auch nicht auf einen Wettbewerb mit den Beitrittsländern um Steuern, Löhne und Sozialstandards einlassen, weil das keinen Sinn macht, sondern man müsse jetzt vielmehr versuchen, die Konjunktur mit Mehrausgaben zu beleben und Wachstumsimpulse zu setzen usw. usw....

Für einen Augenblick kehrte da der Glaube an den großen und allmächtigen Gott zurück, der das Flehen seines Volkes erhört und das Herz des Verstockten erweicht.

Für einen Augenblick dachte man sich: "Jeder darf mal einen Fehler machen - und nun hat er es ja kapiert, besser jetzt, als nie!"

Für einen Augenblick wollte man sich nur noch freuen und jubilieren und dem Kanzler und der SPD und Deutschland voller Seeligkeit alles Glück der Welt wünschen, zum neuen Kurs.

Für einen Augenblick waren alle düsteren Prognosen vergessen, für einen Augenblick schämte man sich, weil man den Mann verkannt hatte. Für einen Augenblick erahnte man bewundernd, dass das der bisher raffinierteste Trick war, den dieser Kanzlers vollbracht hat: Den politischen Gegner, der ja immer noch mehr Grausamkeiten fordert, nach jahrelanger Spar- und Reformparnerschaft einfach in der Tiefe des dunklen Tales alleine zurück zu lassen um selbst als alleiniger erleuchteter Held die 180 Grad Wende einzuleiten, die endlich den Weg zu neuen Gipfeln eröffnet.

Alles Emotionen und Gedanken für einen wunderbaren, aber viel zu kurzen Augenblick.

 

Gleich danach kam der altböse Feind daher und schürte den Zweifel:

"Hat Schröder wirklich etwas von Umkehr gesagt? Will er die Hartz-Gesetze zurücknehmen, will er Ulla Schmidt mitsamt der Gesundheitsreform und den Reformberatern in die Wüste schicken, will er tatsächlich wieder sozialdemokratische Politik machen, will er die Rentenkürzungen aufheben?"

Will er nicht. Hat er nichts davon gesagt, der Kanzler.

Er will nur aufhören, den Sozialabbau zu verschärfen, nicht noch mehr Einsparungen fordern. Er ist mit dem erreichten Ausmaß des Schadens zufrieden. Jetzt, will er nur noch schnell das Bundesbankgold und alles übrige Volksvermögen verkaufen und mit den Erlösen ein loderndes Feuer entzünden, an dem sich die Konjunktur erwärmen kann.

Also doch kein Wunder? Nein, kein Wunder!

Saulus - Paulus, das geht anders!

Hätte Saulus seinerzeit nach seinem glimpflich verlaufenen Unfall (andere sprechen von einem Anfall) zu Protokoll gegeben, dass der inzwischen erreichte Stand der Kunst in der Christenverfolgung keiner weiteren Verbesserung mehr bedürfe und dass man bitte daran denken möge, dass jede weitere Erhöhung der Fangquoten den sowieso recht kleinen Bestand der Christenpopulation ernsthaft gefährde, so dass die Versorgung der Arenen mit frischen Christen schon bald nicht mehr gewährleistet sei, man hätte ihm den Apostel-Job sicher nicht angetragen.

Hätte Saulus beschlossen, den christlichen Wohlstand zu fördern, indem er das Sachvermögen der Christen, insbesondere ihr Gold und Geschmeide, ihre Häuser und Grundstücke, ihre Herden und Weidegründe konfisziert und gegen einfache papierene Schuldscheine an die fettesten römischen Senatoren verkauft, die Christenheit hätte ihm vermutlich kein ehrendes Andenken bewahrt, selbst dann nicht, wenn er die Schuldscheine Roms anschließend zur Belebung des christlichen Handels als "Geld" in Umlauf gebracht hätte.

 

Schröders Manöver ist durchsichtig.

Die Parteibasis, die sich inzwischen auch von Münteferings einsamem Eiertanz um die Ausbildungsplatzabgabe nicht mehr einlullen lässt, musste - gerade im Zusammenhang mit den Unwägbarkeiten der EU-Osterweiterung - dringend beruhigt werden. Das ist wieder einmal für ein paar Tage gelungen, diesmal halt mit Zuckerbrot, statt mit der Basta-Peitsche.

Dass damit gleichzeitig der rhetorische Abstand zum politischen Gegner endlich wieder einmal von der Regierungsseite her vergrößert wurde, was durchaus helfen könnte, das weitere Abdriften der Republik nach rechts zu verlangsamen, war dabei sicherlich ein nicht ganz unerwünschter Nebeneffekt.

Dass in Wahrheit aber kein wirklich spürbarer Kurswechsel zu erwarten ist, das durfte der Kanzlerfreund und konzeptionelle HalPierer der Arbeitslosenzahl, Peter Hartz beweisen. Mit seiner pünktlich zum 1. Mai, zur EU-Osterweiterung und zur Kanzlerwende in die Welt gesetzten Ankündigung, VW müsse seine Personalkosten um dreißig Prozent senken, sonst könnten die Arbeitsplätze in Deutschland nicht gehalten werden, hat er gezeigt, was Kanzlerworte wert sind, solange sie den Interessen von Wirtschaft und Kapital zuwiderlaufen.


Nachtrag, 3. Mai

Sturm im Wasserglas


Angela Merkel glaubt, ein Wachstum auf Pump sei ein "Gebäude, das auf Sand errichtet ist".
Friedrich Merz wird vom kalten Grausen gepackt und wettert, wir würden von Hobby-Ökonomen regiert. In Bayern freut sich Stoiber einmal mehr, dass er nicht Kanzler geworden ist und Guido Westerwelle vertritt die üblichen Standpunkte.

Das ist der Regierung unheimlich und so wird emsig zurück gerudert. Alles geht so weiter, wie es angefangen wurde, nur der Haushalt wird zwischenzeitlich konsolidiert und dafür hat man nur ein paar neue kreative Formulierungen ausprobiert, aber am Reform- und Sparkurs läßt da heute keiner mehr rütteln.

Weil die ziemlich unverständliche Auffassung, Wachstum könne herbeigespart werden, trotz aller entsetzlichen Zwischen-Ergebnisse bisherigen Sparens in den Köpfen unseres politischen Führungspersonals fester verankert scheint, als ausgehärteter Beton, hier noch einmal der Verweis auf einen immer noch höchst aktuellen Aufsatz aus dem Dezember 2002.

Wachstum herbeisparen? Paradox, oder paranoid?

Oder vielleicht doch sowohl als auch?




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* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg



Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
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