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Gedanken über den Krieg im Allgemeinen
und den Terrorismus im Besonderen

Egon W. Kreutzer
22. März 2004

Terror

 

 

Die Welt erregt sich über den Terror.
Das ist gut so.

Es muss Menschen aufregen, wenn Menschen versuchen, mit brutalen und äußerst gewalttätigen Aktionen Angst und Schrecken unter Menschen zu verbreiten.

Trotzdem habe ich lange gezögert, mich zu Terror, Terrorismus und Terroristen zu äußern. Meine Themen sind die Wirtschafts- und Sozialpolitik, der Arbeitsmarkt, das Geldsystem, aber doch nicht der Terrorismus. Da sind andere kompetenter. Da brauche ich mich nicht auch noch einzumischen.

Feige Lügen. Natürlich habe ich dazu etwas zu sagen.

Aber in einer paranoiden Zeit, in der jeder schon "Feind" ist, der nur das eigene Denken nicht aufgeben will, der nicht vorbehaltlos glauben will, dass der Kampf gegen den globalen Terrorismus nur gewonnen werden kann, wenn sich dem alles und jeder bedingungslos unterordnet, könnte es klüger sein, zu schweigen. Schweigen ist Gold...

Der folgende Aufsatz zum Terrorismus ist ungefähr 17 Seiten lang geworden.

Immer noch viel zu wenig, um die Thematik wirklich umfassend zu behandeln, andererseits auch schon wieder viel zu lang, um auch von jenen noch gelesen zu werden, die durch langjährigen Abusus massenmedialer Betäubungsmittel auf die alleinige Adaption hektisch dargebotener - leicht und rückstandsfrei verdaulicher -Informationshäppchen konditioniert sind.

Die Lektüre wird etwas Zeit kosten. Die unbefangene Annäherung an den Kern des Problems ist nicht möglich, ohne dabei einige grundsätzliche Betrachtungen über Ursachen, Gründe, Ziele und Anlässe jener nichtfriedlichen Auseinandersetzungen zwischen den Menschen anzustellen, die wir üblicherweise als "Krieg" bezeichnen.

Ebenso ist eine ehrliche Diskussion um den bestmöglichen Weg zu einer friedlichen und sicheren Welt nur möglich, wenn wir uns vorher die Frage beantworten, warum wir grundsätzlich immer wieder bereit sind, den staatlich organisierten Krieg als Handlungsmöglichkeit zu tolerieren, zu akzeptieren und unter bestimmten Voraussetzungen sogar als die Ultima Ratio anzusehen.

Lassen Sie sich im Zuge dieser grundsätzlichen Erwägungen nicht dazu hinreißen, jede Einzel-Aussage sofort zu be- oder verurteilen. Der Versuch, Ursachen zu analysieren, ist nicht zugleich der Versuch, Entschuldigungen zu finden, die Beschäftigung mit der Grausamkeit gewalttätiger Aktionen ist nicht zugleich der Versuch, daraus das Recht abzuleiten, ganze Völker und religiöse Gruppen verfolgen, ausgrenzen oder bestrafen zu dürfen.

Terrorismus ist komplizierter, als es drei markige Sätze eines beliebigen Innenministers in der Hauptnachrichtensendung vermuten lassen und Terrorismus kann mit jener, der westlichen Welt eingehämmerten Phrase des George W. Bush: "We must fight the terror and the terrorism" nicht abgetan und schon gar nicht beendet werden.

 

Terrorismus kann durch Ausrottung nicht ausgerottet werden.

Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Terrorismus erfordert mehr, als den blinden Willen, die Terroristen auszurotten. Terrorismus ist nämlich weder eine Geisteskrankheit, noch eine Ideologie oder eine Religion, Terrorismus ist nicht Selbstzweck oder Staatsziel.

Terrorismus ist definiert als "...(systematische) Verbreitung von Angst und Schrecken durch Gewaltaktionen."

Der Terrorismus ist mithin weder die Ursache, noch das Ziel seiner Aktionen, Terrorismus für sich alleine ist weder Begründung noch Rechtfertigung. Der Terrorismus wird üblicherweise als eine eigenständige Form der nichtfriedlichen Auseinandersetzung angesehen, wird aber auch als strategisches oder taktisches Element des Krieges eingesetzt, wenn er dazu beiträgt, den erwünschten Fortschritt in der Auseinandersetzung zu erzielen.

Die massive Bombardierung deutscher Städte diente in erster Linie der Demoralisierung der Zivilbevölkerung. Systematisch wurde Angst und Schrecken verbreitet. Die Suche nach dem Wesen des Terrorismus wirft - in Erinnerung an das Grauen der Bombennächte - eine Frage auf:

Hätte der Bombenkrieg nicht im Rahmen eines ordentlichen Krieges stattgefunden, hätte es nicht Nacht für Nacht tausende Tonnen von Bomben geregnet, wäre stattdessen nur alle paar Tage eine einzige Bombe auf irgend ein Haus in irgendeiner Stadt gefallen, wäre es dann noch Krieg, oder schon verabscheuungswürdiger Terror gewesen?

Der Abwurf von Atombomben über japanischen Städten hat - mit nur zwei Aktionen von bis dahin nie gekannter Gewalt - Angst und Schrecken über die gesamte Menschheit gebracht, war aber doch kein Terrorismus, sondern Teil des Krieges und hat nach allgemeiner Auffassung eben durch das damit ausgelöste Grauen wesentlich dazu beigetragen, den Krieg früher zu beenden, als das sonst möglich gewesen wäre.

Der massive Einsatz von Marschflugkörpern, die von sicheren, weit vor den Küsten liegenden Schiffen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens ebenso einschlugen, wie in den kargen Landstrichen Afghanistans oder in den Städten des Irak, dienten der systematischen Verbreitung von Angst und Schrecken vor einer nahezu allmächtigen, unangreifbaren Übermacht, die aus sicherer Distanz in der Lage ist, Anklage zu erheben, Urteile zu sprechen und Strafen zu vollstrecken.

Ist es möglicherweise alleine die Fähigkeit, einen ordentlichen, sauberen, gesetzestreuen und völkerrechtsmäßigen Krieg zu führen, die den Unterschied ausmacht, zwischen der systematischen Verbreitung von Angst und Schrecken durch verabscheuungswürdigen Terrorismus und der systematischen Verbreitung von Angst und Schrecken durch ordentliche Armeen, die im Auftrag demokratisch gewählter Staatsoberhäupter zuschlagen?

 

 

Der Krieg als Mittel der Politik

Die Geschichte der Menschheit ist ein paar Tausend Jahre kurz. Diese paar Tausend Jahre hat die Menschheit genutzt, um den Globus zu parzellieren und sich in wechselnden Koalitionen und Allianzen mit immer effizienteren Waffen darum zu schlagen, wer die Herrschaft über welche Parzellen ausüben darf.

Dass Kriege um Territorien schon aus Zeiten überliefert sind, in denen nur wenige Millionen Menschen gleichzeitig auf der Erde lebten, ist ein Indiz dafür, dass es bei den kriegerischen Auseinandersetzungen der Vergangenheit eigentlich nicht um den notwendigen Lebensraum gegangen sein kann. Davon war über die meiste Zeit genug für alle da und es wäre - mit ein bisschen gutem Willen - durchaus auch heute noch genügend Platz für alle auf dieser Welt.

Worum ging es also dann, in den Kriegen, die in lückenloser Reihe die Geschichtsbücher füllen, so dass kaum ein Jahr verzeichnet ist, das nicht wenigstens eine große und denkwürdige Schlacht, wenigstens einen erinnerungswürdigen Sieg gesehen hätte?

 

Für jeden Krieg gibt es prinzipiell drei mögliche Gründe:

1. Die Verbreitung der rechten Lehre

Das Gebälk der Welt ist seit jeher von den unterschiedlichsten Göttern und ganzen Göttersippen besetzt, in deren Namen immer ein Krieg vom Zaum gebrochen werden kann, solange der böse Nachbar ungläubig anderen Göttern huldigt. In jüngerer Zeit wurde gelegentlich der Begriff Gott durch den Begriff Ideologie ersetzt, was aber letztendlich auf das Gleiche hinausläuft.

2. Die Prävention

Alle Völker dieser Welt standen zu allen Zeiten unter dem Verdacht, einen Angriffskrieg zu planen. Die Notwendigkeit, dem zuvor zu kommen, ergibt sich für den denkenden Menschen unabweisbar von selbst. So kam es zu der auch heute noch kriegsbegründenden Erkenntnis: Angriff ist die beste Verteidigung

3. Die Befreiung der Unterdrückten

Als die kriegerischen Auseinandersetzungen lange genug hin und her gegangen waren, konnte fast jedes Volk, wenn es nur gründlich in seiner wechselvollen Geschichte suchte, die Überzeugung gewinnen, unter Fremdherrschaft zu stehen.
Mit zunehmender Ausbreitung solcher Überzeugungen gelingt es praktisch immer, ein drittes Volk dazu zu bewegen, das erste Volk von der Fremdherrschaft eines zweiten Volkes zu befreien.

 

Alles was je zur Begründung von Kriegen gesagt, geschrieben und feierlich beschworen wurde, lässt sich ohne große Mühen in eine der vorstehenden Kategorien einordnen.

 

 

Wichtiger als die Kriegsgründe sind in der Regel die Kriegsziele

Zum Krieg gehört nicht nur eine moralisch einwandfreie Begründung. Viel wichtiger und für den Kriegseintritt ausschlaggebend ist die Zielsetzung. Die eigentliche Zielsetzung eines Krieges erkennt man an den Handlungen der Sieger nach einem eindeutig und haushoch gewonnen Krieg. Mit jedem Krieg wird mindestens eines von drei möglichen Zielen verfolgt.

1. Beute und Tribut

Krieg führen um Beute zu machen und diese nach Hause zu führen entspricht dem Verhaltensmuster der nomadisierenden Sammler und Jäger. Krieg führen, um sich dauerhafte Tributzahlungen und Dienstleistungen der Besiegten zu sichern, entspricht den entwicklungsgeschichtlich jüngeren Bedürfnissen sesshaft gewordener Grundbesitzer. Die verfeinerte Form Beute zu machen und Tribut zu fordern ist in unseren Tagen die zwangsweise Öffnung der Wirtschaft des unterworfenen Volkes für die Wirtschaftsunternehmen der Sieger.

2. Geopolitische Positionierung

Da eine sichere Stellung zu gewinnen, wo Rohstoffe, Arbeitskräfte und Energie vorhanden sind, ist ein wichtiges Kriegsziel. Eine solche Position ringsum absichern zu können, ist ein Kriegsziel, das ersterem in nichts nachsteht. Die gesicherte Verbindung eigener und angeeigneter Parzellen untereinander, um Waren und Truppen, Truppen und Waren schnell und sicher verschieben zu können, ist ein weiterer Aspekt geopolitischer Kriegsführung. Die Nachbarn bedrohen und die nächste Eroberung aus einer sicheren Position heraus angehen können passt ebenso in diesen Reigen strategischer Notwendigkeiten.

3. Weltherrschaft

Wer Kriege um Beute und Tribut führt und dabei seine geopolitische Position immer weiter verbessert, schafft sich nicht nur Freunde. Ein wachsendes Imperium muss dem Zorn der Besiegten ebenso trotzen, wie es sich vor den vorsorglichen, präventiven Verteidigungs-Angriffen (noch) nicht unterworfener Völker schützen muss. Der erfolgreiche Eroberer muss zwangsläufig immer weitere Teile der Welt unterwerfen, wenn er die Früchte seiner Kriege in Frieden und Sicherheit genießen will. Am Ende steht unweigerlich die Weltherrschaft. Zumindest als Kriegsziel.
Dies also sind die Kriegsgründe und die Kriegsziele der siegreichen Angreifer.

Natürlich gibt es auch siegreiche Verteidiger. Verteidiger verteidigen sich, um sich die rechte Lehre zu erhalten, um nicht zu tributpflichtigen Unterdrückten zu werden, um die eigene geopolitische Position nicht aufgeben zu müssen und um im Namen der gesamten Menschheit die Weltherrschaft des Angreifers zu verhindern.

In aller Regel lassen es siegreiche Verteidiger aber nicht dabei bewenden, den Feind abzuwehren. Sofern es auch nur die geringste Chance gibt, werden sie dem zurückgeschlagenen Feind nachsetzen. Gründe und Ziele solcher Aktionen gleichen exakt den Gründen und Zielen eines Angriffskrieges.

Was in den von Siegern geschriebenen Geschichtsbüchern weniger ausführlich vermerkt wird, sind die Kriegsfolgen für die Besiegten. Das erübrigt sich in aller Regel schon alleine dadurch, dass es sich dabei um gar nichts anderes handeln kann als um die andere Seite der Medaille. Sieg und Niederlage ergänzen sich.

Beute und Tribut gehören dem Sieger. Also müssen die Besiegten darauf verzichten.
Glaube oder Ideologie des Siegers werden durchgesetzt, die Kultur des Besiegten wird dadurch beschädigt. Die Fähigkeit, selbst Kriege zu führen, ja sogar die Fähigkeit sich zu verteidigen, wird dem Besiegten genommen. Was ihm bleibt, ist zornig zusehen zu müssen, wie der Sieger die Früchte der Arbeit der Besiegten genießt und mit jedem Sieg nur immer stärker wird, auf seinem Weg zur Weltherrschaft.
Die Besiegten vergessen allerdings in Laufe der Zeit häufig, dass sie Besiegte sind. Sie gewöhnen sich an die neue Rolle, machen sich den Siegern nützlich und verhalten sich so, wie es die Evolution vorsieht: sie passen sich an die veränderten Lebensbedingungen an.

Alle Sieger sagen sich daher zu Recht:

Die Zeit arbeitet für uns. Die Besiegten werden sich erfahrungsgemäß an uns und unsere Ansprüche gewöhnen. Sie werden erst lernen, unsere Götter anzubeten, dann werden sie lernen, unsere Feinde zu hassen und zuletzt werden sie zu der befriedenden Erkenntnis gelangen, dass sie in Wahrheit nicht Besiegte, sondern Befreite sind. Es dauert ein paar Jahre, aber dann legt sich der Zorn.

 

 

Völkerrecht, Widerstand und Freiheitskampf

Mit dieser kleinen Besinnung auf die Inhalte der Geschichtsbücher soll nun aber nicht der durchsichtige Versuch unternommen werden, die Helden unserer vaterländischen Kriege, die Feldherren glorreicher Schlachten, die Präsidenten und Kanzler kriegsführender Staaten auf eine gemeinsame Betrachtungsebene mit grausamen und barbarischen Terroristen zu stellen. Oh nein.

Kriege sind ein sauberes Handwerk, bestausgebildete Strategen im Generalstab planen ihre Aktionen, achten das Völkerrecht, die Genfer Konvention, die Haager Landkriegsordnung. Beim Einsatz der Waffen wird versucht, Nichtkombattanten zu schonen und Kollateralschäden zu vermeiden. Dass es trotzdem nicht nur unter den feindlichen Soldaten sondern auch unter der Zivilbevölkerung zu einer Vielzahl von Todesopfern und Verwundeten kommt, hat ausschließlich mit der Länge der Frontlinien, der Dauer des Krieges, dem Widerstand des Feindes und der Größe des zu erobernden Gebietes zu tun, es ist der unvermeidliche Tribut, den Kriege fordern.

Ein ordentlicher Krieg, daran sollte nicht der geringste Zweifel bestehen, hat mit feigem Terrorismus nichts zu tun.

 

Terrorismus führt keine disziplinierten Heere in geordnete Schlachten, verfolgt seine Ziele nicht auf Basis moralisch einwandfreier Gründe - Terrorismus hat keine anderen Ziele, als mit heimtückischen und gewalttätigen Aktionen Angst und Schrecken zu verbreiten.

Terroristen verfügen nicht über die Mittel, einen langen Krieg zu planen und sich Stück für Stück voranzuarbeiten, Brückenköpfe zu bilden, Nachschubwege zu sichern. Sie legen es daher darauf an, mit jeder Aktion möglichst viele Menschen zu töten und zu verwunden. Der größtmögliche Kollateralschaden ist das Ziel der terroristischen Aktion. Oft schrecken Terroristen nicht einmal vor der sündhaften Überlegung zurück, als Selbstmordattentäter den eigenen Tod sicher einzuplanen, wenn nur dadurch die Ausbeute an Opfern, das Maß an Angst und Schrecken gesteigert werden kann. Vermutlich aber hätten auch die japanischen Kamikaze-Flieger lieber aus großer, halbwegs sicherer Höhe einen Bombenteppich vor der feindlichen Zivilbevölkerung ausgerollt, als ihre zu Bomben umgebauten Flugzeuge in heroischer Pflichterfüllung auf gepanzerte Schiffsdecks zu stürzen. Nicht auszudenken, zu welchen kriegerischen Heldentaten Selbstmordattentäter fähig wären, hätten sie nur genügend Geld für bunte Uniformen und High-tech-Waffen...

Was aber soll man von Menschen halten, die sich anmaßen, Angst und Schrecken zu verbreiten, obwohl sie nicht einmal über die notwendigen finanziellen und materiellen Mittel verfügen, die man nun einmal braucht, um einen ordentlichen Krieg führen zu können?

 

Gewiss, es hat Widerstands- und Freiheitskämpfer gegeben, die aus ähnlich schlechten Ausgangslagen heraus operiert haben. Aber wer sich herausnimmt, einen anerkannten Freiheitskämpfer in einem Atemzug mit den Vertretern des feigen Terrorismus zu nennen, der die gesamte Welt bedroht, verlässt endgültig den Boden der political correctness.

(Ja, "political correctness", das ist ein Anglizismus, aber deswegen ist der letzte Satz doch noch lange kein Indiz für irgendwas. Wie sonst sollte man den Begriff des friedensbewahrenden freiwilligen Einverständnisses mit dem Mainstream der amtlichen Denkrichtung auf eine kurze und prägnante Formel bringen?
Nein, Mainstream ist zwar auch ein Anglizismus, aber das kann man doch beim besten Willen nicht mit Zeitgeist übersetzen. Das sind doch alles verschwörungstheoretische Einwürfe, die auch nicht weiterführen.)

Widerstand ist natürlich etwas anderes, als Terrorismus. Freiheitskampf auch.

Wer wollte ernsthaft den Rütlischwur der Eidgenossen als Gründungsversammlung einer terroristischen Vereinigung verunglimpfen, wer den wackeren Wilhelm Tell einen Terroristen nennen?

Das Land war doch besetzt, das Volk unterdrückt von den Vögten, deren Schlimmsten einer eben jener Geßler war, den doch nur sein gerechtes Schicksal ereilte.

Es tut mir leid (sorry), aber Krieg und Terrorismus und Freiheitskampf und Partisanen einfach alles in einen Topf werfen und damit den Terrorismus rechtfertigen, das ist zu kurz gedacht.

 

Die friedfertigen Verlierer

Der gedankliche Ausflug in die Weltgeschichte samt allen Verweisen auf die systematische Verbreitung von Angst und Schrecken hat ein anderes Ziel:

Wir sind, im Jahre 2004 n.Chr., soweit gekommen, dass es kaum einen Quadratmeter nutzbarer Landfläche gibt, der nicht alleine in den letzten tausend Jahren schon von den unterschiedlichsten Herren besessen, im Verlaufe unterschiedlichster Kriege erobert, zurückerobert, wieder verloren und nochmals erobert worden wäre. Wir haben ein unentwirrbares Geflecht aus Siegern und Besiegten und sind nicht einmal in Europa, wo viel mehr aufgeschrieben und dokumentiert ist, als in anderen Gegenden, in der Lage, zuverlässig sagen zu können, welches Gebiet mit welchem Recht (wollte man die Ergebnisse aller Kriege revidieren) wem zustünde, noch könnte man herausfinden, wo unter uns die rechtmäßigen Nachkommen und Erben des Kaiserreiches Karls des Großen zu finden sind; von Alexander dem Großen ganz zu schweigen.

Dennoch haben wir, gerade in Europa und speziell in Deutschland eine nicht zu übersehende Gruppe von Menschen, die fest daran glauben, ihren ererbten Anspruch auf eine Parzelle in Ostpreußen weder durch Krieg noch durch Vertreibung noch durch anderes individuelles Unrecht jemals verlieren zu können. Das ist zwar vordergründig eine törichte Einstellung, weil sich die Zeiten aber gelegentlich ändern, und bei jeder neuen Wende auch wieder auf Entschädigungen zu hoffen ist, handelt es sich langfristig gesehen um eine gar nicht so abwegige Strategie. Die Wiedervereinigung Deutschlands ist doch der schönste Beweis dafür, wie alte, längst verloren geglaubte Rechte wieder hergestellt, oder zumindest durch Entschädigungen abgegolten werden.

Deutsche, die heute noch darauf setzen, eines Tages ihre Besitztümer in Polen, Tschechien oder Rumänien zurückzuerhalten, werden zwar gelegentlich belächelt und selbst von den Vordenkern der konservativen Parteien, wenn schon nicht ausgegrenzt, so doch zumindest mit stirnrunzelnder Sorge betrachtet, aber warum sollen sie nicht weiter hoffen und fordern und demonstrieren und Eingaben eingeben und als Petenten petitieren - das tut alles nicht weh. Diese Menschen werfen keine Bomben, sprengen keine Häuser in die Luft und entführen keine Flugzeuge. Sie halten lediglich die Erinnerung an ein als Unrecht empfundenes Geschehen lebendig und damit an ihren alten Rechten fest, in der gar nicht so abwegigen Hoffnung, es könnte sich irgendwann auszahlen.

Einige dieser Menschen würden zwar eventuell einen regierungsamtlich beschlossenen und sauberen Krieg zur Befreiung ihrer angestammten Heimat nicht weniger unterstützen, wie sie (und mit ihnen viele andere) auch jeden anderen Krieg zur Befreiung fremder Völker vom Joch noch fremderer Völker zu unterstützen bereit sind, aber sie würden doch niemals zu den Mitteln feigen Terrors greifen. Nein, das nicht!

Wir finden also in unserer eigenen jüngsten Geschichte wunderschöne Beispiele dafür, wie Besiegte mit großer Geduld Entscheidungen der Sieger ertragen, ohne sie im Kern zu akzeptieren.

Sind darunter Terroristen zu finden?
Eindeutig nein.

Kein Heimatvertriebener hat je versucht, sein verlorenes Recht mit Hilfe terroristischer Aktionen zurückzuerobern. Dass durch Kriege, kriegerische Eroberung und Vertreibung Besitz verlorenen geht, gehört nämlich zu den Gesetzen des Krieges, die wir menschheitsgeschichtlich längst akzeptiert haben. Es gibt auch sonst auf der Welt nirgends eine Bedrohungslage, bei der es darum geht, dass Vertriebene mittels terroristischer Akte versuchen, ihren - in einem ordentlichen Krieg verlorenen -Besitz zurückzuerlangen.

 

Die Probleme in Palästina, Nordirland und im Baskenland sind bei näherem Hinsehen völlig anders geartet, ich komme noch darauf zurück, möchte aber an dieser Stelle erst einmal festhalten, dass alle bisherigen Überlegungen darauf hinweisen, dass Terror zwar einerseits nichts anderes ist als ein spezielles Mittel in der Auseinandersetzung zwischen Menschen, dass aber andererseits Terror, so wie wir ihn heute definieren, nicht zu den typischen Strategien ordentlicher Kriege gehört, was zumindest die Frage aufwirft, ob sich die Gründe für und die Ziele von Terror möglicherweise auch von den Gründen und Zielen ordentlicher Kriege unterscheiden.

 

Tiefer als Gründe und Ziele: Ursachen

Wäre Terror nur eine strategische Spielart der Kriegsführung, könnte schließlich auch der Terror des Krieges als solcher bezeichnet werden, ohne dass deshalb der Boden der political correctness verlassen werden müsste - andererseits könnte jeder Terrorist seine Terrorakte einfach dadurch legitimieren, dass er sie als Teil eines ordentlichen, sauberen Krieges inszeniert. Statt sich als Terrorist beschimpfen zu lassen, könnte er sich nach dem siegreichen Ausgang der Auseinandersetzung sogar eine angemessene Zahl von Denkmälern setzen und sich als siegreicher Feldherr in die Geschichtsbücher eintragen lassen.

Spätestens mit dieser Überlegung wird aber deutlich: Für eine saubere Trennung zwischen Krieg und Terrorismus reichen unsere bisherigen Vorüberlegungen nicht aus.

Neben den - immer gleichen und zumeist vorgeschobenen - Gründen für den Krieg und den - erst nach dem Sieg erkennbaren - Zielen des Krieges, ist es unerlässlich, uns auch mit den Ursachen des Krieges auseinanderzusetzen.

Dabei müssen wir nur darauf achten, die Ursache nicht mit dem Anlass zu verwechseln, dann kann schon nichts mehr schief gehen.

Der Überfall auf den Sender Gleiwitz war der Anlass für den Beginn des Zweiten Weltkriegs, das Attentat von Sarajewo war der Anlass für den ersten Weltkrieg, der Anschlag auf das World Trade Center war der Anlass für den Krieg gegen Taliban-Afghanistan und dank der beliebigen Wiederholbarkeit von Fernsehbildern konnte er auch noch als Anlass für den Krieg gegen den Irak herhalten.

Kriegsursachen (Ur-Sachen) sind mit dem Anlass nur aus Zweckmäßigkeit verbunden. Die Ursachen stehen am Anfang jeder nichtfriedlichen Auseinandersetzung, jedes Krieges. Die Ursachen suchen sich die passenden Gründe, geben sich die Ziele und warten auf - bzw. schaffen sich - die Anlässe.

 

Für alle Kriege, die seit dem Anbeginn der Welt vom Zaum gebrochen wurden, hat es nicht mehr als drei unterscheidbare Ursachen gegeben.
Diese drei grundsätzlichen Ursachen sind der Überfluss, der Mangel und die Dummheit.

 

1. Kriegsursache Überfluss

Gesellschaften, die im Überfluss leben, neigen dazu Kriege anzuzetteln, um sich im Kräftemessen immer wieder ihre Stärke zu beweisen; ganz abgesehen davon, dass eine starke und gut ausgelastete Rüstungsindustrie eine wichtige - wenn nicht gar die wichtigste - Voraussetzung für Wohlstand und Überfluss sein kann, jedenfalls überall da, wo das Wirtschaftssystem einer solchen Funktion der Rüstungsindustrie entgegenkommt.

Wer es sich leisten kann, einen Krieg zu führen, wird ihn irgendwann auch führen wollen, und sei es nur, um die neuen Waffen im Einsatz zu erproben.

Wer es sich leisten kann, einen Krieg anzuzetteln, kann es sich auch leisten, sich den Gegner auszusuchen und er wird es tunlichst vermeiden, nach einem überlegenen Gegner Ausschau zu halten.

In einer Welt, die den Krieg noch längst nicht überwunden, geschweige denn als Mittel der Interessendurchsetzung geächtet hat, muss daher jeder verantwortungsbewusste Staatsmann darauf hinarbeiten, im eigenen Land die Kriegsursache Überfluss hervorzubringen.

Aus unerschöpflichem Überfluss der Ressourcen Kriegsbereitschaft herstellen und davon nach Belieben Gebrauch machen zu können, das ist in den Augen vieler Chefstrategen dieser Welt der Inbegriff von Sicherheit. Deshalb steckt die Herstellung und Erhaltung der Kriegsursache Überfluss auch in der offiziellen Doktrin der USA, die nie wieder eine auch nur annähernd gleich starke Macht neben sich dulden wollen und sich bei jedem Verdacht auf eine derartige Entwicklung das Recht herausnehmen, den potenziell heranwachsenden Gegner mit Krieg zu überziehen.

 

2. Kriegsursache Mangel

Gesellschaften, in denen Mangel herrscht, können eigentlich keinen Krieg führen. Solange der Mangel erträglich ist, werden sie sich damit einrichten, wenn der Mangel zunimmt, werden sie den Gürtel enger schnallen. Doch wenn alle friedlichen Mittel, alle eigenen Anstrengungen nichts fruchten, wenn keine Verhandlung zu einem befriedigenden Ergebnis führt, steht der verantwortungsbewusste Staatsmann vor der Entscheidung, sein Volk entweder im Mangel verrecken zu lassen, oder durch den Einsatz kriegerischer Mittel die Überlebensspanne zu verlängern, womöglich den Fortbestand dauerhaft zu sichern. Irgendwann wird also ein mangelgeplagter Staat zwangsläufig mit dem Mut der Verzweiflung in den Krieg ziehen, um den Mangel entweder durch die Aneignung fremder Güter oder durch den eigenen (ehrenhaften) Tod zu beenden.

Wer aus Not einen Krieg beginnt, kann entweder den schwachen Nachbarn überfallen, um Beute zu machen und Tribut zu fordern, oder er kann diejenigen angreifen, bei denen er die Ursachen, bzw. die Schuld für die eigene Not sieht.

Der Überfall auf den schwachen Nachbarn ist töricht, weil er die Ursachen der Not nicht beseitigt, allenfalls für eine kurze Zeit Erleichterung schafft, aber den eigentlichen Feind, den Urheber des Mangels, geradezu ermuntert, dem Sieger aus dieser "Auseinandersetzung der Schwachen" die Beute abzupressen.
Der Angriff auf den starken, aber für den Mangel verantwortlichen Staat, ist ebenfalls töricht, solange es nicht gelingt, die Stärke des Starken mit den geringen Mitteln der Schwäche und des Mangels zu überwinden. Nur wenn es gelingt, die Ursache der Not zu beseitigen, war der Krieg aus Mangel wirklich erfolgreich.

 

3. Kriegsursache Dummheit

Die Kriegsursache "Dummheit" ist nicht so einfach zu beschreiben, weil die Vielfalt der Dummheit unvorstellbar groß ist. Nichtwissen, blindes Vertrauen, falsche Werte, falsche Ziele, falsche Träume, Eitelkeit, Hass, führen zu Fehleinschätzungen. Der Kriegstreiber glaubt dann, er könnte aus vermeintlichem Überfluss heraus einen Krieg führen und gewinnen, oder er glaubt, das erträgliche Maß des Mangels sei weit überschritten und rechtfertige einen Krieg. In beiden Fällen wird viel Glück nötig sein, um den aus solcher Dummheit angezettelten Krieg zu gewinnen.

Kommen jedoch Überfluss und Dummheit zusammen, wird der reiche Staat aus purer Dummheit rüsten und Kriege führen, bis er die ganze Welt gegen sich hat und der Überfluss verspielt ist.

Aus der Kombination Mangel und Dummheit ergeben sich in aller Regel tragische Konsequenzen. Es wird der falsche Gegner angegriffen, Eroberungskriege gegen ebenso arme Habenichtse auf der anderen Seite des Grenzflusses verstärken den Mangel auf beiden Seiten; and, the winner is:

Wer wohl? Rüstungsindustrie und Waffenhandel, geostrategische Pokerspieler, die mal der einen, mal der anderen Seite helfen, aber stets darauf achten, dass keine Seite wirklich die Oberhand gewinnt.

Wenn vor lauter Dummheit mit ungeeigneten Mitteln und ungeeigneter Strategie aus dem Mangel heraus ein Krieg gegen einen überlegenen Gegner begonnen wird, ist das schnelle Ende dieser Dummheit abzusehen.

 

 

Stellt sich die Frage:

Was kann gegen die drei Ursachen von Kriegen getan werden?

 

Mögliche Maßnahmen gegen die Dummheit

Die Dummheit ist nicht auszurotten, aber sie wäre durch Bildung zu mindern, vielleicht könnte eine echte Bildungsoffensive sogar erreichen, dass die Dummheit weltweit als Kriegursache abhanden kommt. Eine Kampagne zur Verbreitung von
Wissen und Weisheit wäre möglich. Die Dummheit wäre danach zwar immer noch nicht abgeschafft, aber es würde ja genügen, wenn so viel Wissen und Weisheit verbreitet wird, dass die Dummheit keine Chance mehr hat, jene kritische Masse zu überschreiten, die erforderlich ist, um einen Krieg aus Dummheit vom Zaum zu brechen.

 

Mögliche Maßnahmen gegen den Mangel

Mit viel mehr Entwicklungshilfe, die den Namen verdient, mit der Vermittlung von Wissen und Know-how zum Aufbau autarker, unabhängiger Volkswirtschaften, mit dem Abbau aller Tributforderungen, mit dem Rückzug der Saugnäpfe ausländischer Kredit- und Arbeitgeber, könnten alle Länder dieser Welt in wenigen Jahrzehnten vollständig von der Notwendigkeit befreit werden, sich aus Not und Mangel in das Abenteuer eines Krieges zu stürzen. Ein weltweit gleichmäßiger Wohlstand wäre damit zwar ebenso wenig zu erreichen, wie die vollständige Überwindung der Dummheit zu erreichen ist, aber es könnte mit Sicherheit verhindert werden, dass der Mangel eine kritische Masse überschreitet.

 

Mögliche Maßnahmen gegen den Überfluss

Es ist ja durchaus nicht so, dass noch niemals in der Weltgeschichte jemand auf die Idee gekommen wäre, den Überfluss zu begrenzen, aber damit tut sich die Welt seit altersher schwer. Weder die Armutsgebote von Religionen und religiösen Orden, noch die Bescheidenheit eines Diogenes, weder die besten Einsichten, noch die schreiendste Not vor der eigenen Haustür, haben jemals dazu geführt, dass Überfluss freiwillig, nachhaltig und ausreichend reduziert worden wäre.
Gerade in unserer Zeit ist der Gedanke, etwas gegen den Überfluss tun zu müssen, um die Welt sicherer zu machen, absolut verpönt. Im Gegenteil, Wachstum und Überfluss sind das Ziel allen Handelns und wer immer kann, strebt danach, sein Stückchen Überfluss gegen jeden zu verteidigen, der versucht, etwas davon abzubekommen.

Bitte, verstehen Sie den letzten Satz richtig! Es geht um mehr als nur darum, die akute Not hungernder Menschen wahrzunehmen und dann zu spenden, entweder privat über die bekannten Hilfswerke, oder von Staats wegen, über die Entwicklungshilfe. Diese Alibi- und Ersatzhandlungen vollbringen wir reflexhaft und mit beruhigender Perfektion.

 

 

Der harmlose, unblutige Wirtschaftskrieg

Das Problem ist ein anderes. Das Problem ist nur zu erkennen, wenn man versucht herauszufinden, wo und wie Überfluss entsteht und wo und wie dadurch zwangsläufig auch Mangel erzeugt wird. Es gibt zwar Formen des Wirtschaftens, die es erlauben, dass alle Teilnehmer am Wirtschaftsleben miteinander ein annähernd gleichmäßiges Wohlstandswachstum erzielen, doch von der Wirklichkeit solcher Modelle sind wir weit entfernt. Im Weltbild unserer globalisierten Wirtschaftslenker und globalisierungsgläubigen Politiker sind alle Staaten Standorte. Alle Standorte stehen untereinander in Konkurrenz. Der Versuch, bei stetig wachsender Produktivität einen Arbeitsplatz in Deutschland zu erhalten, hat inzwischen den Verlust von drei oder vier Arbeitsplätzen in China zur Folge! Das ist das Drama.

Dabei werden in Folge der Globalisierung die Waren und Dienstleistungen weltweit tatsächlich mit immer geringerem Aufwand hergestellt, doch sie werden weltweit, mit wachsenden Gewinnen pro Stück an eine - aus Geldmangel - stagnierende, eher sogar rückläufige Zahl von Abnehmern verkauft.

Die gesamte Überflussproduktion stellt sich inzwischen erkennbar darauf ein, den Überfluss einer kleinen Zahl immer reicher werdender Menschen sicherzustellen und beschneidet dabei planmäßig Lebensgrundlagen und Lebensqualität aller übrigen Menschen. Besonders hart trifft das die große Mehrheit derjenigen Menschen, die bei optimalem Wirtschaften überflüssig sind, weil sie nicht gebraucht werden, um den Wohlstand und Luxus der Wenigen zu erzeugen und zu bewahren. Selbst die geringsten Ansprüche der solcherart "Überflüssigen" an ein menschenwürdiges, glückliches Leben beeinträchtigen Lebensqualität und Luxus der Reichen und erweisen sich zunehmend als störend.

 

Die Globalisierung erfüllt das Kriegsziel, "Beute machen und Tribut fordern" ebenso perfekt, wie vordem ein brillant geplanter, erfolgreich vorgetragener Angriffskrieg. Überlegenheit braucht nicht mehr durch militärische Unterwerfung gefestigt werden, es reicht, dass die wirtschaftlichen Strukturen so gelegt werden, dass die für die Öffentlichkeit unsichtbaren Ströme der Erträge aus Handelsunternehmungen und die Zinsforderungen des international angelegten Kapitals mehr einbringen, als ein besiegtes Volk jemals wissentlich an Tributzahlungen leisten würde.

Positiv betrachtet kann man sagen: Die Globalisierung ist der Preis für die Abschaffung blutiger Kriege. Das staatlich organisierte Morden und Brennen hat ausgedient, der ordentliche Krieg ist zur Zielerreichung nicht mehr nötig, der Staat, der Kriege bezahlte, organisierte und verantwortete, ist ebenfalls nicht mehr nötig. Der Ruf nach dem kleinstmöglichen Staat, nach weit gehender Deregulierung und neoliberaler Freiheit für das Kapital kann nur deshalb immer lauter werden, weil die Tributzahlungen aus aller Welt inzwischen auch ohne Krieg sprudelnd fließen, womit der Staat aus Sicht der Superreichen seine einzige, aber kostspielige Daseinsberechtigung als legitimer Kriegsherr weit gehend verloren hat.

Diese Entwicklung kann- unter vordergründig humanitären Aspekten - für Sieger und Besiegte als gewaltiger Fortschritt angesehen werden.

 

Die Opfer

Globalisierung als Ersatz für blutige Kriege mit dem Ziel Beute zu machen, hilft aber in keiner Weise, die Kriegsursache Überfluss aus der Welt zu schaffen. Es wäre daher töricht, von der Globalisierung das Ende der blutigen Kriege zu erwarten.

Globalisierung hilft erst recht nicht, jenen Krieg zu beenden, der von den meisten noch nicht einmal als Krieg erkannt wird. Ein Krieg, der täglich zwischen 25.000 und 30.000 Todesopfer fordert, ohne dass darüber in den Medien auch nur ein Wort verloren wird.

 

Dieser massive Angriffs- und Vernichtungskrieg wird nicht von Soldaten geführt; er ist die Sache friedlich wirkender Einkäufer und Verkäufer. Gut gekleidete, smarte Geschäftsleute, Handlanger und Kofferträger des internationalen Kapitals, vernichten täglich die Lebensgrundlagen zigtausender Menschen. Einkäufer, Verkäufer und Investoren, die ohne gemeinsame, übergeordnete Strategie und ohne einen erkennbaren koordinierenden Kriegsherrn auftreten. Kaufleute, die untereinander uneins, zerstritten und futterneidisch sind. Doch tagtäglich gelingt es ihnen, 25.000 bis 30.000 Menschen zu töten und zigtausend weitere um Hab und Gut, Gesundheit und Glück zu bringen.

800 Millionen Menschen auf dieser Welt leiden an chronischer Unterernährung.
25 bis 30.000 Menschen verhungern. Täglich.

Das liegt nicht daran, dass es dort, wo diese Menschen verhungern, keine Lebensmittel gäbe. Die Läden sind voll davon. Die Menschen verhungern vor den wohlgefüllten Auslagen der Geschäfte, weil man ihnen keine Arbeit gibt, deren Lohn ausreichen würde, wenigstens die Nahrungsmittel zu bezahlen und weil man ihnen auch das Stück Land verweigert, dass sie bräuchten, um sich ihre Nahrung selbst herzustellen.

Am 11. September 2001 starben in den Trümmern des WTC rund 3.000 Menschen einen grauenvollen Tod.

Am gleichen Tag sind weitere 10 mal 3.000 Menschen nach langem, qualvollen Leiden verhungert. Am 12. September wieder, am 13. am 14., an jedem verdammten Tag vorher und nachher sind durchschnittlich mehr als 25.000 Menschen verhungert.

Ist das die Ursache für den Terrorismus?

Diese Frage zu bejahen, hieße davon überzeugt zu sein, dass es den 800 Millionen hungernder und halbverhungerter Menschen aus allen Ländern und Völkern dieser Erde gelungen ist, sich zu organisieren, dass sie aus der Kriegsursache Mangel heraus mit den Mitteln des Terrorismus einen gemeinsamen Kampf kämpfen, um so viel Beute zu machen, dass sich ihr Hunger stillen, das Verhungern beenden ließe.

Wer diese Idee für eine realistische Annahme hält, mag ruhig auch noch annehmen, es ginge diesen 800 Millionen hungernder Menschen letztlich um nichts anderes als darum, die Weltherrschaft zu erringen, denn ein derart absurder Ansatz kann in einer ernsthaften Diskussion nicht weiterführen.

 

Sicherlich werden kriegsführende Parteien, die - mit dem Terror als Mittel der Kriegsführung - ihre Kriegsziele verfolgen, die also Beute machen, ihre geostrategische Position verbessern und letztlich die Weltherrschaft erringen wollen, nicht zögern, ihren Krieg damit zu begründen, dass sie die in der Globalisierung erkennbare Fremdherrschaft der kapitalistischen Konzerne beseitigen, die unterdrückten Völker befreien und ihnen ihren wahren Glauben zurückgeben wollen. Aber das sind auch wieder nur die üblichen vorgeschobenen Gründe.

Möglicherweise verbirgt sich hinter einem Teil des Terrors, den wir heute erleben, tatsächlich eine geschlossene Gruppierung, deren Ziele von der Völkergemeinschaft als reale und ernst zu nehmende Bedrohung angesehen werden müssen. Die Allianz der Verhungernden ist das aber sicherlich nicht.

 

 

Terror heute

Wer sich die Frage stellt, von wem der Terrorismus eingesetzt wird, der erkennt schnell, dass es nicht die verhungernden Armen sind, die sich in einer Notgemeinschaft zusammengefunden haben, um in die letzte Schlacht zu ziehen.
Es macht sich zwar gut, den Terrorismus mit der Ungerechtigkeit und vor allem mit dem Hunger auf der Welt zu erklären, aber eben dort liegen die Quellen des jetzt zu beobachtenden Terrorismus nicht.

 

Wir kennen den Terrorismus in Nordirland,

wo die Angehörigen der einen christlichen Religionsgemeinschaft keine Gelegenheit auslassen, den Angehörigen der anderen christlichen Religionsgemeinschaft ihre Überlegenheit und Verachtung zu zeigen. Dieser Terrorismus ist ein Krieg aus Dummheit. Genährt von Eitelkeit und Arroganz auf der einen Seite und verletztem Stolz auf der anderen. Es gibt zwar wirtschaftliche Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten, aber niemand verhungert. Es ist ein regionaler Konflikt, von dem keine Gefahr für den Rest der Welt ausgeht - außer, der Rest der Welt mischt sich ein.

Wir kennen den Terrorismus im Baskenland,

wo sich ein paar wenige Separatisten von der eigenen Regierung nicht vertreten fühlen und die Eigenständigkeit herbeibomben wollen. Ein Krieg aus Mangel (Mangel an Autonomie), der aber nur in gelegentlichen, beinahe schon rituellen Attentaten an sich erinnert. Es ist ein regionaler Konflikt, von dem keine Gefahr für den Rest der Welt ausgeht - außer, der Rest der Welt mischt sich ein.

Wir kennen den Terrorismus der Palästinenser,

wo auf einem engen Landstrich zwei Völker unterschiedlicher Weltanschauung leben, die beide den gleichen Grund und Boden für sich beanspruchen, zwei Völker, die durch Entscheidungen der Völkergemeinschaft in eine "Ehe" gezwungen wurden, aus der es keinen Ausweg durch Scheidung gibt. Dem Terrorismus der materiell weit unterlegenen Palästinenser steht ein nahezu gleichartiger Terror der reichen und hochgerüsteten Israelis erbarmungslos gegenüber. Es geht Auge um Auge, Zahn um Zahn, jedem palästinensischen Selbstmordattentat folgt wahlweise die Panzerattacke im Flüchtlingslager, die Bombardierung von Häusern oder die gezielte Tötung von Palästinenserführern durch Raketenbeschuss vom Kampfhubschrauber aus.

Die Palästinenser halten mit ihren Attentaten die Aufmerksamkeit der Welt wach, die kein wirkliches Interesse an ihnen hat, nur daran, dass endlich Frieden einkehrt in Nahost - die Israelis sehen in jedem Anschlag zuerst die Provokation, die mit entsprechenden Gegenschlägen gesühnt werden muss.

Auch das ist im Grunde ein regionaler Konflikt, von dem keine Gefahr für den Rest der Welt ausgeht, es sei denn, der Rest der Welt mischt sich ein.

 

 

Wir kennen den Terrorismus im Irak,

wo versucht wird, den Besatzern Widerstand entgegen zu setzen. Warum auch immer, mit welchen Zielen auch immer, Schüsse und explodierende Granaten, Sprengfallen und Autobomben im Irak sind wohl in erster Linie der Versuch, das Land irakisch bleiben zu lassen, völlig unabhängig davon, wer auch immer glaubt bestimmen zu können, was "irakisch" ist und ganz gleichgültig, ob die Mehrheit der Iraker das will.
Der Terrorismus im Irak ist im Grunde ein regionaler Konflikt, der durch den Rückzug der alliierten Truppen und ihrer zivilen Begleitmannschaften unmittelbar zu beenden wäre. Es geht davon keine Gefahr für den Rest der Welt aus, es sei denn, der Rest der Welt mischt sich ein.

 

 

Was aber ist mit dem Terrorismus, den George W. Bush ausrotten will, jenem Taliban-Osama-bin-Laden-Al-Quaida-Terrorismus, der die gesamte Welt bedroht?

Kann man feststellen, wer da Krieg gegen wen führt? Aus welchen Ursachen, mit welchen Gründen, zu welchem Zweck?

Falls es Bekennerschreiben gegeben hat, hat man uns ihren Inhalt vorenthalten. Die Öffentlichkeit hat weder erfahren, warum die Twin-Towers fallen mussten, noch was die Gründe, Ursachen und Ziele der weiteren Anschläge waren, die Al-Quaida zugeschrieben werden. Es gibt nur eine Vielzahl öffentlich verbreiteter Mutmaßungen.

Egal.

Es gibt zweifellos eine nichtfriedliche Auseinandersetzung, die von Seiten der ursprünglichen Angreifer ausschließlich mit terroristischen Mitteln geführt wird. Die Zahl der Opfer dieses Terrors ist, in absoluten Zahlen ausgedrückt, vergleichsweise gering, aber jedes Opfer jeder nichtfriedlichen Auseinandersetzung ist ein Opfer zu viel.

Was also ist zu tun, um diesem Terrorismus zu begegnen.

Terrorismus ist eine Methode, Veränderungen zu erreichen. Diese Methode hat gegenüber der Führung eines ordentlichen Krieges den Vorteil, relativ kostengünstig zu sein.

Terrorismus per se gibt es nicht, also kann er auch nicht ausgerottet werden.

Dass die USA wider besseres Wissen und trotz ihrer relativ geringen Verluste aus dem einzigen Anschlag, der sie auf eigenem Boden getroffen hat, mit dem gigantischen Aufwand zweier großer Kriege und massiver Aufrüstung im "Heimatschutz" versuchen, den Terrorismus mittels Krieg auszurotten, weist auf die Kriegsursachen Überfluss und Dummheit hin.

Die Kriegsziele, die sich aus dem Handeln der Akteure erkennen lassen, bestehen im Wesentlichen darin, die geostrategische Position in Bezug auf die Haupterdölreserven der Welt zu verbessern, die tribut-fordernde Hand auf die Ölhähne des Irak zu legen, die Nachbarschaft des Irak durch die Demonstration absoluter militärischer Überlegenheit in Angst und Schrecken zu versetzen und - last but not least - auch darin, die Überwachung und Kontrolle der eigenen Bevölkerung mit deren weit gehendem Einverständnis auf den Stand des technisch Möglichen anzuheben. Ein Vorhaben, das durch den Kriegsfall "Terrorismus" begünstigt wird und ohne Terrorismus auf erheblich größeren Widerstand stieße.

Ist das der Königsweg zur Beendigung des Terrorismus?

Der Terror der RAF in Deutschland wurde alleine mit rechtsstaatlich-zivilen Mitteln, bei nur mäßiger Aufgeregtheit im Lande, nach einigen Jahren beendet.

Der Terror in Südtirol hat sich erschöpft, der Terror im Baskenland wird sich ebenso erschöpfen, der Terror in Nordirland wird weitergehen, bis die Nachricht vom Augsburger Religionsfrieden auch in Dublin ankommt, aber das kann dauern.

Der Terror der Palästinenser wird erst nachlassen, wenn die Palästinenser eine wirkliche Selbstverwaltung auf wirklich eigenem Gebiet installieren dürfen, ohne täglich von waffenstarrenden Besatzern besucht zu werden und wenn der über lange Jahre geschürte Hass zwischen rechtgläubigen Juden und rechtgläubigen Moslems durch behutsame Annäherungsversuche abgebaut wird. Die deutsch-französische Erbfeindschaft war schließlich auch zu überwinden.

 

Auch die Beendigung des Al-Quaida-Terrors wird möglich sein.

Um ahnen zu können, was dazu zu tun ist, könnte es nützlich sein, die Ziele der Terroristen zu kennen. Womöglich handelt es sich um durchaus erfüllbare Ziele - unerfüllbare, so glaube ich, hätte man uns längst zur Kenntnis gegeben.

Da wir aber über Sinn und Zweck, Absichten und Hintergründe jenes traumatischen
11. September im Unklaren gelassen werden, wird das Ende des Al-Quaida-Terrors wohl erst kommen, wenn die Ziele dieses "we must fight the terror and the terrorism" erreicht sind.

 

Die Forschung nach Gründen, Ursachen, Zielen und Anlässen des sogenannten Anti-Terror-Krieges kann in folgenden Ergebnissen zusammengefasst werden:

 Art:  zum Angriffskrieg mutierte, siegreiche Verteidigung
 Ursachen:  Überfluss, vielleicht auch Dummheit
 Anlass:  11.9.2001
 Gründe:  Verbreitung der rechten Lehre
(demokratischer Kapitalismus)

Prävention
(Vernichtung der Massenvernichtungswaffen)

Befreiung der Unterdrückten
(Saddam muss weg)
 Ziele:  Beute und Tribut
(Ölversorgung - Markt für Coca-Cola & Co.)

geostrategische Position verbessern
(zusätzlicher, zentraler Stützpunkt)

Weltherrschaft?




Die Ziele sind, bis auf die Weltherrschaft, erreicht. Eigentlich existiert kein Grund mehr, unter gewissenhafter Abwägung aller Risiken und Chancen, aller Kosten und allen Nutzens, diesen Krieg gegen den Terrorismus fortzusetzen.

Die Zahl der durch die Kriegsführung zusätzlich in Kauf genommenen Opfer (der Krieg soll ja weitergehen, ein Schurkenstaat nach dem anderen soll an die Reihe kommen) überschreitet die Zahl der bisherigen und zukünftig absehbarenTerroropfer bei weitem, die Einschnitte in die Freiheitsrechte der Bürger erreichen bald stalinistische Ausmaße, aber noch immer weiß niemand, welche Ziele die Terroristen eigentlich verfolgen, und welche Zugeständnisse sie eventuell fordern.

 

Sollte man Osama nicht einfach 'mal zum Tee einladen und vernünftig darüber reden?

 



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* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg



Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
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