Impressum
 Home alle Kommentare alle Leserbriefe  Stichwortsuche  Einmischen 
 Home alle Kommentare alle Leserbriefe  Stichwortsuche  Einmischen 


Spitzfindig?


ein schon beinahe verschwörungstheoretischer Gedankengang
von Egon W. Kreutzer
05.01.2003


Es gibt Zusammenhänge,
die ganz offensichtlich gar keine sind.


Die Themen und die Ereignisse, um die es geht, sind völlig verschieden, die Menschen, die sich damit befassen, haben oft nicht das Geringste miteinander zu tun, so dass noch nicht einmal die sonst stets wachsamen Verschwörungstheoretiker aufhorchen und ein Interesse daran haben.

Betrachten wir - als jüngstes Beispiel - den nicht vorhandenen Zusammenhang zwischen den Forderungen nach unbezahlter Mehrarbeit und der Kriminalisierung der Schwarzarbeit.

 

Es begann vor fast genau einem Jahr, als Georg Braun, der Präsident des DIHK, die Forderung auf den Tisch legte, jeder Arbeitnehmer sollte - innerhalb eines Zeitraums von 5 Jahren - doch bitte 500 Stunden freiwilliger, unbezahlter Arbeit erbringen.

Sechs Monate später, im Juni 2003, kam dann Herr Clement in die Nachrichten, als er verlangte einige Feiertage zu streichen, weil jeder gestrichene Feiertag als zusätzlicher Arbeitstag helfen würde, das Bruttosozialprodukt zu steigern. Drei Monate später meldete sich Angela Merkel zu Wort und verlangte, die westdeutschen Arbeitnehmer sollten doch, bitte, pro Woche ein bis zwei Stunden mehr arbeiten, das sei notwendig für den Aufschwung. Anfang November war ein gewisser Holger Schäfer als Arbeitsmarktexperte des vermutlich vollkommen unabhängigen Instituts der deutschen Wirtschaft in den Medien und verkündete, seiner Meinung nach ließe die Verlängerung der Wochenarbeitszeit um 1 Stunde das deutsche Bruttosozialprodukt um 1,5 Prozent steigen und 60.000 neue Arbeitsplätze entstehen. Jetzt, zwei Monate später, hat der gescheiterte Kandidat aus Bayern die Rückkehr zur 40 Stunden Woche für alle Arbeitnehmer auf seine Fahne geschrieben. Begründung: Jede Stunde unbezahlte Mehrarbeit bringt ein Wachstum von 1,6 Prozent und 60.000 neue Arbeitsplätze, und, nicht zu vergessen, die meisten Deutschen wären gerne bereit, zwei Stunden umsonst zu arbeiten, wenn dadurch ihre Arbeitsplätze sicherer wären.

Es ist also erklärtes Ziel der heimlichen großen Koalition aus CDU, SPD, CSU, Grünen und FDP, dass die Arbeitnehmer dieser Republik in Zukunft Jahr für Jahr rund 100 Stunden zusätzlich und vor allem unentgeltlich arbeiten sollen.

So weit, so gut.

 

In ähnlichen Schritten vollzog sich völlig unabhängig davon eine andere Entwicklung.

Es begann vor fast genau einem Jahr. Der Spiegel eröffnete im Heft 49 des Jahres 2002 die Schlacht damit, dass er auf das ganz ungeheuerliche Ausmaß der Schwarzarbeit hinwies, das im Jahr 2002 bei rund 350 Milliarden Euro gelegen haben sollte. Medien und Politiker rechneten daraufhin flugs aus, wieviele zig-Milliarden an Steuern und Sozialbeiträgen dem Fiskus per Schwarzarbeit vorenthalten würden und alle beeilten sich, die von Prof. Schneider aus Linz aus der Luft gegriffenen Zahlen zur Schwarzarbeit weiterzuverbreiten.

Ein halbes Jahr später, im Juni 2003, berichtete das ZDF gar von einem Umfang der Schwarzarbeit von 370 Milliarden Euro p.a. und die Politik beschloss, zur Jagd auf die Schwarzarbeiter zu blasen. Die falschen Schwarzarbeiterzahlen wurden daraufhin bei Sabine Christiansen ebenso aufgeführt, wie bei Christoph Süss im Bayrischen Fernsehen, von fast allen Zeitungen, selbst von der Süddeutschen Zeitung aufgegriffen, obwohl sie (die SZ) ein paar Wochen zuvor noch die Ergebnisse der Rockwool-Studie zitiert und damit erhebliche Zweifel an den Schneiderschen Phantasiezahlen genährt hatte. Friedrich Merz suhlte sich geradezu in der großen Zahl von 370 Milliarden und Hans Eichel ließ sie ebenfalls gelten, wusch jedoch gelegentlich - mit dem Hinweis darauf, dass es sich um eine Schätzung handele - seine Hände in Unschuld.

Nun hat Hans Eichel die Schwarzarbeit zur Wirtschaftskriminalität erklärt und ein Heer von 7.000 Zollbeamten*) beauftragt, aus den angeblichen 370 Milliarden Schwarzarbeitsumsätzen eine ganze Milliarde an Steuern und Abgaben für den Staat zu retten.

Die heimliche große Koalition, die uns regiert, war sich also ganz offensichtlich auch darin einig, dass die Schwarzarbeit mit Macht bekämpft werden soll und dass Schwarzarbeiter und deren Auftraggeber kriminalisiert werden müssen.

Mit der "einen Milliarde", die aus der Hatz auf die Schwarzarbeiter in die Staatskassen kommen soll, kehren die Verantwortlichen zwar auf den Boden der Realität zurück, sehen aber deshalb noch lange keinen Anlass, sich von den Machenschaften ihres hilfreichen Schwarzarbeitsabschätzungsprofessors zu distanzieren. Hätte es jemals Schwarzarbeit im Umfang von 370 Milliarden gegeben, wäre das Ziel, daraus eine Milliarde für den Fiskus zu requirieren, ein sehr schlechter Witz, zumal alleine die per Schwarzarbeit hinterzogene Mehrwertsteuer den Betrag von 50 Milliarden Euro erreichen müßte, von Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeiträgen ganz zu schweigen.

 

...und jetzt fragen Sie genervt:

Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun?

Wie gesagt, es gibt Zusammenhänge, die ganz offensichtlich gar keine sind.

Auf der einen Seite wird mit gigantischem Medienaufwand und unter Verwendung völlig unhaltbarer Zahlenwerke daran gearbeitet, Schwarzarbeit und Schwarzarbeiter zu verdammen. Das geht soweit, dass sogar die bislang weitgefasst-legale Nachbarschaftshilfe zur Wirtschaftskriminalität hochstilisiert wird, sobald sie den Wert eines kleinen Blumensträußchens übersteigt. Alles mit der Begründung, dass der Staat auf die Steuern und Sozialabgaben so dringend angewiesen sei, dass er nun mit aller Härte dreinschlagen muss, um sich seine (lächerliche) eine Milliarde Euro zu sichern.

Auf der anderen Seite erklärt der gleiche Staat zur gleichen Zeit, dass zum Wohle der Wirtschaft und des Sozialstaates alle Arbeitnehmer jährlich rund 100 Stunden ihrer Freizeit opfern müssten, um während dieser Zeit einer unbezahlten, und daher natürlich auch von allen Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen befreiten, Arbeit nachzugehen.

Sehen Sie den Zusammenhang jetzt?

Ein Staat, der seinen Bürgern sogar die Nachbarschaftshilfe zur kriminellen Handlung umdeutet, weil er sich angeblich um Steuern und Sozialabgaben betrogen fühlt, der aber gleichzeitig von seinen Bürgern verlangt, sie müssten in einem weit über den realen Umfang der Schwarzarbeit hinausgehenden Maße unentgeltlich arbeiten, der hätte, wäre der Zusammenhang so einfach zu erkennen, seine Glaubwürdigkeit vollkommen verspielt, denn er verzichtet mit der Forderung nach unentgeltlicher Mehrarbeit freiwillig auf ein Vielfaches dessen, was ihm an Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen durch Schwarzarbeit jemals verloren ging.

Während der Fiskus mit 7.000 Zöllnern versucht, im Dunstkreis der Schwarzarbeit eine Milliarde Euro aufzutreiben, verzichtet er mit seiner Forderung nach unbezahlter Mehrarbeit freiwillig auf Einnahmen von weit über 30 Milliarden*).

Fazit:

Schwarzarbeit, deren Ertrag den arbeitenden Menschen zugute kommt, ist kriminell.
Schwarzarbeit, deren Ertrag ausschließlich der Exportwirtschaft zugute kommt, wird vom Staat gefördert.

Aber, wie gesagt, das sind Spitzfindigkeiten. In Wahrheit existiert ein solcher Zusammenhang natürlich nicht, weil es keiner ist.

 

Ein Zusammenhang, der den Namen verdient, müsste nämlich zum Beispiel darin bestehen - aber das ist jetzt reine Spekulation und frei erfunden - dass die als Consultants engagierten Psychologen und Seelenheilsspezialisten aus den florierenden Regierungsberatungs- Unternehmen gegen ein millionenschweres Honorar herausgefunden haben, dass der Deutsche keine andere Motivation braucht, als ein ordentliches Schuldgefühl. Hat er das, nimmt er freudig jede Buße auf sich, die man ihm abverlangt. Hat er's nicht, bewegt er sich auch nicht.

Hätte man deswegen dem Volk der Schwarzarbeiter und Nachbarschaftshelfer ein ganzes Jahr lang in einer beispiellosen Kampagne vor Augen geführt, dass jeder einzelne von ihnen mitgeholfen hat, diese schier unglaublichen 370 Milliarden Schwarzarbeit aufzutürmen, und damit die Wirtschaft und den Staat an den Rand des Ruins zu treiben, dann wäre das schon der Anfang eines Zusammenhangs gewesen. Doch - und mit der Antwort auf diese Frage wäre in diesem konstruierten und frei erfundenen Zusammenhang sicherlich nochmals ein Millionenhonorar ohne Ausschreibung zu verdienen gewesen - was hilft die schönste Schuld ohne das passende Angebot zur Sühne?

Die Berater hätten also, um den Zusammenhang zu wahren, darüberhinaus noch einen Tipp haben müssen. Einen Tipp, wie zu vermeiden wäre, dass sich Hoffnungslosigkeit und Depression breitmachen und so hätten sie auch noch die Parole für eine zweite beispiellose Kampagne, die Buße betreffend, mitliefern müssen:

"Ihr müsst nur ein paar Stunden länger legal arbeiten, umsonst, versteht sich, dann ist alles wieder gut."

Und sie hätten vorausahnen müssen, dass der Michel begreifen würde, dass der Staat ihm seine Sünden vergeben will, wie er sie auch den Steuerflüchtigen vergibt, wenn sie nur Buße tun, und sie hätten mit hoher Sicherheit vorhersagen können müssen, dass der Michel alles glauben und solange umsonst arbeiten wird, bis alle Schwarzarbeit gesühnt ist.

In einem Land, in dem es nicht gelingt, ein Mautsystem zu installieren, scheint die Beherrschung so komplexer Zusammenhänge, wie hier unterstellt, völlig ausgeschlossen.

 

Denken Sie daher auch in Zukunft im Zweifelsfall immer daran:

Es gibt Zusammenhänge, die sind gar keine.


nach oben


1)
2.800 Neu-Zöllner werden von der Bundesanstalt für Arbeit übernommen, die übrigen 4.200 müssen wohl von anderen Zoll-Aufgaben abgezogen worden sein, denn der Zoll bietet derzeit nur 1 Offene Stelle an:

Das Bundesministerium der Finanzen sucht für die neu eingerichtete Abteilung "Finanzkontrolle Schwarzarbeit" bei der Oberfinanzdirektion Köln zum nächstmöglichen Termin eine/n Leiter/in für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

zurück




2)
Wenn 35 Millionen Beschäftigte jährlich 100 Stunden bei einem durchschnittlichen Stundenlohn von 18 Euro unentgeltlich arbeiten, errechnet sich daraus eine fiktive Lohnsumme von 63 Milliarden Euro. Daraus stünden dem Staat 40 Prozent Sozialabgaben (AG+AN-Anteil) und 20 Prozent Lohnsteuer, insgesamt also 37,8 Milliarden zu.

zurück