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Leserbrief
An die Redaktion der Zeit-Fragen
per E-Mail am 6.6.2004


Egon W. Kreutzer

Die Sonnenseite des Kapitalismus
eine Replik auf Siegmar Faust "Aldi und der Bauernkrieg in Franken"
in Nr. 21 von 1. Juni 2004

Am 1. Juni 2004 hatte Siegmar Faust die Gelegenheit, in den Zeit-Fragen über das segensreiche Wirken der Aldi-Brüder zu schreiben. Er verbrauchte dafür knapp ein Sechstel des bedruckbaren Raumes der gesamten Zeitung und was er zu Papier gebracht hat, kann und darf nicht unwidersprochen bleiben.

"Was wären Sozialhilfeempfänger ohne Aldi?"

Das ist die wohl provokanteste Frage, die Faust in seinem Artikel aufgeworfen und auf eine höchst merkwürdige Weise beantwortet hat. Für ihn sind die - wie er betont "katholischen" - Brüder Aldi so etwas wie der heilige Sankt Nikolaus. Es sind die Aldi Brüder, die den Armen überall in Deutschland milde Gaben in guter Qualität zukommen lassen. Wer diesen Segen nicht erkennen kann, wird flugs den linken Diskurs-Terroristen zugerechnet, die lieber in ihrer ideologischen Verblendung verharren und ihren marxistischen Kauderwelsch pflegen, anstatt an den prall gefüllten Regalen der Supermärkte rundum sorglos die Sonnenseite des Kapitalismus zu genießen.

Siegmar Faust gibt sich keine große Mühe mit seiner Story. Ein überhebliches Lächeln über die armen irregeleiteten Bauern hier, eine devote Verneigung vor den gnädigen Herren der Supermärkte da und schon ist eine Moral herausdestilliert, die den klagenden Opfern einen Spiegel vorhält, in dem sie erkennen müssen, wie verbohrt, egoistisch und undankbar sie im Grunde sind.

Der Blick auf das eigentliche Problem und seine Ursachen ist damit wieder einmal für eine Weile verstellt und die Geschäfte laufen weiter, besser denn je.

Dass im reichen Europa immer breitere Bevölkerungsschichten immer rasanter in die Armut abgleiten, während auf der anderen Seite einige wenige Menschen immer hurtiger unvorstellbaren Reichtum auftürmen, irritiert Siegmar Faust nicht im Geringsten.

Theo Albrecht ist alleiniger Eigentümer von 14,4 Milliarden Euro. Wer Woche für Woche Lotto spielt, und glaubt, nach einem Millionengewinn unermesslich reich zu sein, muss sich vor Scham verstecken, wenn ihm aufgeht, dass er 144 Jahre lang - Woche für Woche - zwei Millionen Euro im Lotto gewinnen müsste, um wenigstens so reich zu sein, wie der ärmere der Aldi-Brüder.

Für Faust ist derartiger Reichtum der verdiente Lohn von Unternehmern, deren Wirken mit zunehmender Armut immer wichtiger und segensreicher wird.

 

Genug!

Mehr Aufmerksamkeit verdient Siegmar Fausts Aldi-Hymne nicht. Dass sie trotzdem gedruckt wurde, ist ein Zeichen dafür, dass eine kleine Auffrischung des Wissens über die wahren wirtschaftlichen Zusammenhänge nicht schaden kann.


Sprechen wir also über Preise und Löhne, über Kaufkraft und Gewinne. Sprechen wir über die Unternehmer und ihre Arbeiter, über den Markt, den Wettbewerb und über das Geld.

 

Unternehmer und Gewinn

Das Wirtschaften im Kapitalismus ist gekennzeichnet durch die strikte Gewinnorientierung des Unternehmers.

Nur wenn Unternehmen Gewinne machen, können sie Arbeitsplätze schaffen, Löhne und Steuern zahlen und sich als Wohltäter und Mäzene der Künstler und der Armen inszenieren.
Diese im Grunde vollkommen unhaltbare Aussage wird inzwischen weltweit kritiklos akzeptiert, denn sie wird uns durch beobachtbare Fakten tagtäglich tausendfach bestätigt. Genauso, wie uns die eigene Beobachtung Tag für Tag aufs Neue zu bestätigen scheint, dass sich die Sonne um die Erde bewegt.

Man muss nur für einen kurzen Moment die Scheuklappen der kapitalistischen Konsumenteneinfalt ablegen und versuchen, in größeren Zusammenhängen zu denken, dann wird offenbar, dass genau das Gegenteil der Fall ist.

Dann wird plötzlich einsichtig, dass ein Unternehmen mühelos mehr Menschen beschäftigen, höhere Löhne bezahlen, bessere Arbeitsbedingungen schaffen, trotzdem ordentlich Steuern zahlen und seine soziale und gesellschaftliche Verantwortung in Mäzenatentum und Wohlfahrtspflege wahrnehmen könnte, wenn es - bei gleicher wirtschaftlicher Leistung - nicht gezwungen wäre, Jahr für Jahr ganz erhebliche Beträge als "Gewinne" auszuweisen und an die Anteilseigner auszuschütten.

 

Die allgemein behauptete Notwendigkeit, Unternehmen müssten einen Gewinn erwirtschaften, hat eine andere, viel grundsätzlichere Ursache, nämlich den Kapitalismus als solchen.

Das Wirtschaften im Kapitalismus ist zuallererst dadurch gekennzeichnet, dass das für eine Unternehmung erforderliche Kapital bevorzugt denjenigen zur Verfügung gestellt wird, deren Pläne erkennen lassen, dass sie bei vertretbarem Risiko den größtmöglichen Gewinn erwirtschaften werden, was letztlich die Gewähr dafür bietet, dass sie das geliehene Kapital pünktlich mit Zins und Zinseszins zurückzahlen werden.

Ist dieses Faktum begriffen, zeigt sich, dass die so gerne zum konsumentenfreundlichen Motor des Fortschritts hochgelobten Elemente des kapitalistischen Wirtschaftens, nämlich der Markt und der freie Wettbewerb, nur die Mittel und Methoden einer Übergangsphase sind, aber keinesfalls zu den unverzichtbaren Grundvoraussetzungen des Kapitalismus gehören.

Das Wirtschaften im Kapitalismus ist gekennzeichnet von einem unbarmherzigen Wettbewerb der Unternehmen untereinander.

Aber das einzige Ziel dieses Wettbewerbs ist es, eine marktbeherrschende Stellung zu erreichen und damit den Markt und den Wettbewerb möglichst vollständig und dauerhaft außer Kraft zu setzen.

Es ist die marktbeherrschende Stellung, die es ermöglicht, den größtmöglichen Gewinn zu erzielen und es ist Aussicht auf den größtmöglichen Gewinn, die das erforderliche Kapital in Bewegung setzt.

Unternehmer, die sich am Gewinnstreben nicht oder nicht mit vollem Einsatz, oder auch nur weniger glücklich, als andere, beteiligen, verschwinden zwangsläufig vom Markt, weil ihnen das Kapital entzogen wird.

 

Arbeiter und Lohn

Dem guten Arbeiter ist eigenes Gewinnstreben fremd. Er ordnet bereitwillig die eigenen Interessen den Interessen seines Arbeitgebers unter und hofft darauf, dass seine Leistung anerkannt und mit gerechtem Lohn entgolten wird.

Jede sinnvolle betriebliche Leistung des Arbeitnehmers dient somit den Gewinnzielen des Unternehmens. Doch gleichzeitig wird das Erreichen der Gewinnziele durch die Beschäftigung von Arbeitnehmern exakt in dem Maße beeinträchtigt, wie für die geleistete Arbeit Löhne und andere durch die Beschäftigung von Mitarbeitern entstehende Kosten aufgewendet werden müssen.

Die Lösung dieses Widerspruches wird regelmäßig dadurch gefunden, dass die Summe der Löhne und Lohnnebenkosten eines Unternehmens kleiner gehalten wird, als die Summe der Umsatzerlöse.

Weil dies auf alle Unternehmen zutrifft, ist es vollkommen unmöglich, dass die von den Unternehmen einer Volkswirtschaft erzeugten Güter und Leistungen von den innerhalb dieser Volkswirtschaft Beschäftigten gekauft und bezahlt werden können.
Auch wenn Steuern und Staat als Nachfrager in die Betrachtung einbezogen werden, ändert sich daran nichts.

Solange nach Steuern nennenswerte Gewinne verbleiben, ist es unmöglich, die Produktion an die Beschäftigten, die sie erzeugt haben, zu verkaufen.

Theoretisch bestünde zwar die Möglichkeit, dass nicht nur die Löhne, sondern auch die von den Unternehmen erwirtschafteten Gewinne vollständig verwendet werden, um Produkte und Leistungen der Unternehmen zu kaufen und zu bezahlen. Praktisch scheitert dies aber daran, dass es den Empfängern größerer Gewinne - auch unter höchsten persönlichen Anstrengungen - gar nicht möglich ist, das Geld so schnell auszugeben, wie es hereinkommt.

In einer Volkswirtschaft, deren Unternehmen auf Gewinnerzielung ausgerichtet sind, ist also zwangsläufig der lohnfordernde Arbeiter der Anfang allen Übels.

Man muss ihn einerseits möglichst schlecht bezahlen, damit die Gewinne stimmen, doch andererseits müsste man ihm auch genug geben, damit er von dem, was er erzeugt, so viel kaufen kann, wie es die Absatzplanung verlangt.

Dieses Dilemma war in der Vergangenheit in Mitteleuropa kaum wahrzunehmen, weil es immer wieder gelungen ist, die unvermeidliche Differenz zwischen Kaufkraft und Produktion durch preiswerte Importe und rentable Exporte zu vertuschen. Doch mit der Herstellung globaler Märkte wird das zunehmend schwieriger und wenn einst, im Endstadium der Globalisierung, alle Handelsschranken gefallen sind, muss das Kartenhaus zwangsläufig in sich zusammenbrechen.

 

 

Wettbewerb und Marktpreise


Das Denken der meisten Menschen ist statisch in einen festen Bezugsrahmen eingebunden und daher leicht zu täuschen.

Der Konsument, dessen Netto-Einkünfte sich in großen Zeiträumen langsam und unmerklich verändern, glaubt beinahe zwangsläufig, dass die Kosten der Erzeugung und der Distribution sich nur unwesentlich von den geforderten Preisen unterscheiden und dass Preisunterschiede bei den Anbietern in erster Linie auf die in den Preisen kalkulierten Gewinnmargen zurückzuführen sind. So misst er den Einzelhandel ausschließlich daran, wie viel Ware er beim Einkauf für sein Geld bekommt.

Dort, wo es für hundert Euro den vollsten Einkaufswagen gibt, ist der preiswerteste, der günstigste, der beste Lieferant mit dem geringsten Gewinnstreben gefunden. Die anderen, die teureren Anbieter sind Abzocker und Betrüger, doch der Billige Jakob ist der Freund der Sparsamen und der Armen.

Nach allem, was in diesem Aufsatz bisher über Unternehmer, Kapital, Gewinne und Wettbewerb gesagt wurde, müsste der Menschenfreund, der für hundert Euro die meiste Ware hergibt, eigentlich wegen unzureichender Gewinne in kurzer Zeit vom Markt verschwinden. Dass er das nicht tut, kann grundsätzlich zwei Ursachen haben: Entweder, er macht, obwohl er billigst anbietet, doch hohe und höchste Gewinne, oder, er hat genügend Reserven, um auch eine lange Durststrecke überstehen zu können.

Hohe und höchste Gewinne bei niedrigsten Preisen?
Das ist keine Hexerei.

Der Einzelhandel in Deutschland weist in weiten Teilen oligopolistische Strukturen auf. Ein marktbeherrschendes Handelsunternehmen kann seinen Lieferanten die Einkaufspreise diktieren. Der Produzent hat ja sonst keinen Abnehmer. Wenn der Großabnehmer pokert, kann der Produzent entweder klein beigeben oder Insolvenz anmelden. Die Möglichkeit des Preisdiktates besteht aber nicht nur gegenüber den Lieferanten. Sie besteht ebenso gegenüber den Vermietern der Ladenlokale, gegenüber den Anzeigenverkäufern der Tageszeitungen und selbstverständlich in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit auch und gerade gegenüber den eigenen Mitarbeitern.

Die Folge ist, dass Kalkulation und Preisbildung des marktbeherrschenden Unternehmens im festen Bezugsrahmen der Konsumenten den Eindruck erwecken, es läge ein besonders preiswertes und faires Angebot vor.

Dabei kann das marktbeherrschende Unternehmen die niedrigen Preise nur deswegen anbieten, weil es gleichzeitig dem Markt in ganz erheblichem Maße Kaufkraft vorenthält.

Zu Ende gedacht heißt das:

Der Billige Jakob erzeugt die Sozialhilfeempfänger, die glauben, auf ihn als günstigste Einkaufsquelle angewiesen zu sein, durch seine Einkaufs- und Lohnpolitik selbst.

...und je rigoroser die Einkaufspreise gedrückt werden, je weiter die eigenen Beschäftigten und die Beschäftigten der Lieferanten zu Lohnverzicht gezwungen und in die Arbeitslosigkeit gedrängt werden, desto größer werden, trotz immer noch sinkender Verkaufspreise, die Gewinne.

Wenn nun die Konkurrenz ihrerseits versuchen muss, die Preise zu senken, um den Umsatz und damit die Basis für den Gewinn nicht zu verlieren, muss auch sie die im Markt verfügbare Kaufkraft noch weiter beschneiden.

Wundersamerweise ist es ausgerechnet der Billige Jakob, der von der schwindenden Kaufkraft erst ganz zuletzt getroffen wird. Zuerst spart der Konsument an Artikeln, die der Billige Jakob gar nicht führt. So zieht der Billige Jakob immer größere Anteile der insgesamt schwindenden Kaufkraft auf sich und kann auch dann noch Umsatz und Gewinn steigern, wenn der Großteil der kleineren Wettbewerber längst pleite ist.

Das ist Kapitalismus.

Kein bisschen anders als Monopoly.

 

 

Geld und Kaufkraft

 

Der Kapitalismus ist eine Wirtschaftsordnung, in der das Geld, das für den Tausch von Gütern und Leistungen unerlässlich ist, absichtlich knapp gehalten und überhaupt nur als zins- und tilgungspflichtiger Kredit in den Wirtschaftskreislauf eingebracht wird.

Hauptsächlich die Erträge leistungsfreier Einkunftsquellen (Zinserträge, Miet- und Pachteinnahmen und Unternehmensgewinne), werden stetig dem Wirtschaftskreislauf entzogen, weil sie nicht in den Konsum gehen, sondern erneut verzinslich angelegt werden. Dies erzwingt das stetige Ansteigen der Gesamtverschuldung mit dem Effekt, dass (immer gleichen) Gläubigern Jahr für Jahr immer größerer Ansprüche auf Geld zuwachsen. Ansprüche, die nur befriedigt werden können, wenn das geforderte Geld zuvor erneut als Kredit in den Wirtschaftskreislauf gelangt.

Die von den Banken - zwangslogisch - praktizierte Bevorzugung derjenigen Darlehensnehmer, die versprechen, mit dem eingesetzten Kapital die höchste Rendite zu erwirtschaften, erzwingt eine Negativ-Auswahl die eine desaströse Entwicklung zur Folge hat:

Geld bekommen bevorzugt diejenigen, welche am skrupellosesten mit den natürlichen Ressourcen, mit den Menschen und den Gesetzen umgehen.

Dass eben diese skrupellosen Geschäftemacher in der Folge wiederum leichter und schneller eine marktbeherrschende Stellung erreichen, als ihre weniger skrupellosen Konkurrenten ist nur die eine Hälfte des Desasters. Die andere Hälfte besteht darin, dass die skrupellos eingefahrenen und aufgehäuften Gewinne zu einem weiteren Kaufkraftschwund und zu einer steigenden gesamtwirtschaftlichen Zinsbelastung führen.

So kommt es letztlich dazu, dass Millionen von arbeitsfähigen und arbeitswilligen Menschen auf der Strasse stehen, dass die Zahl der Insolvenzen stetig zunimmt und dass der Staatshaushalt bei sinkenden Steuereinnahmen und steigenden Soziallasten kollabiert.

Gleichzeitig gibt es aber einen Berg dringender, notwendiger und nützlicher Aufgaben, die von den in die Arbeitslosigkeit entlassenen Menschen durchaus erledigt werden könnten, die aber trotzdem nicht getan werden können, weil schlicht das Geld fehlt.

 

Alles nur, weil das Geld fehlt.

Es wäre an der Zeit, dass die Regierung, wenn sie ihre Verantwortung für das Wohlergehen der Gesamtbevölkerung ernst nimmt, dafür Sorge trägt, dass der durch die Aufhäufung von Riesenvermögen entstandene Geldmangel behoben wird.

Das kann zum Teil durch die rigorose Besteuerung solcher Riesenvermögen, wie auch der Erträge aus diesen Vermögen geschehen, muss aber auch durch die Bereitstellung frischen, unbelasteten Geldes ergänzt werden.

 

Ein Staat, der das Gegenteil tut und selbst in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit mithilft, durch eigene Sparsamkeit und vermehrte Tilgungsleistungen Geld zu vernichten, statt es seinen Bürgern im erforderlichen Maße bereitzustellen, macht sich schuldig.

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* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg



Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
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