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Ausgerechnet


Ein Kommentar zum
jüngsten Rechentrick des Instituts der deutschen Wirtschaft
von Egon W. Kreutzer 07.11.2003

Holger Schäfer, der Arbeitsmarktexperte des vermutlich vollkommen unabhängigen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hat ausgerechnet, dass die Verlängerung der Wochenarbeitszeit um 1 Stunde nicht nur das deutsche Bruttosozialprodukt um 1,5 Prozent steigen ließe, sondern dass damit auch 60.000 Arbeitsplätze geschaffen würden.

Das ist absurd.


Herr Schäfer kann rechnen und abschätzen und vermuten, was immer er will: Ob eine Arbeitszeitverlängerung Arbeitsplätze schafft und wie viele das sein könnten, ist nicht seriös vorhersagbar.

Warum Herr Schäfer bei anderen, handfesteren und leichter berechenbaren Folgen der geforderten, unbezahlten Mehrarbeit darauf verzichtet, Zahlen zu nennen, wenn er ausgerechnet die Arbeitsplatzwirkung ziemlich exakt vorherzusagen wagt, soll sein Geheimnis bleiben.

Hier der Versuch, die tatsächlichen Folgen aufzuzeigen:

Zu Ende gerechnet

Die Verlängerung der Wochenarbeitszeit um eine Stunde erhöht die Zahl der jährlich geleisteten Arbeitstunden in Deutschland um ca. 1,6 Milliarden.

Das ist schon für den Einzelnen mehr als eine Woche unbezahlter Arbeit, für die gesamte Volkswirtschaft entspricht es der Jahresleistung von 1 Million Vollzeitbeschäftigten. Diese Mehrleistung würde übrigens ausreichen, das Bruttosozialprodukt um 2,85 Prozent zu steigern, immer vorausgesetzt, man findet für diese Mehrleistung auch die zusätzliche Nachfrage.

Auf dem Binnenmarkt ist dafür jedoch kein Platz, denn durch eine Stunde Mehrarbeit ohne Lohnausgleich wird keine zusätzliche Kaufkraft geschaffen, es bleibt also nur der Export.

Auf dem Weltmarkt ist aber bei unveränderten Preisen auch nicht mehr abzusetzen als heute (das wissen wir, denn sonst hätten wir schon längst weniger Arbeitslose), weshalb Holger Schäfer wohl vorsichtig annimmt, dass von den erwarteten 2,85 Prozent Leistungs- und Mengenwachstum durch Nachlässe und Preissenkungen 1,35 Prozent aufgezehrt werden, so dass tatsächlich nur 1,5 Prozent als Wachstum des Umsatzwertes übrig bleiben.

Was heißt das im Klartext?

Wir wissen: Mit der Leistung von 1 Million Vollzeitbeschäftigter Menschen lässt sich das BSP um 2,85 % steigern.

Wenn davon nur 1,5 % tatsächlich in der Statistik ankommen, also 1,35 % nur über den Weg der Preissenkung verkauft werden können, dann muss davon ausgegangen werden,

dass 757 Millionen Stunden, bzw. die Jahresleistung von 474.000 Menschen an die Abnehmer im Ausland verschenkt werden sollen.

 

Der Rest, nämlich 843 Millionen Stunden, bzw. die Leistung von 526.000 Menschen hat aber auch keinerlei positive Wirkung auf die Beschäftigung und ebensowenig auf die Sozial- und Steuerkassen.


Die Jahresleistung von weiteren 526.000 Menschen wird dreist gefordert, um die Gewinne der deutschen Wirtschaft zu erhöhen.
(Ach so: Die Erhöhung der Gewinne beläuft sich nach dieser Rechnung auf jährlich ungefähr 14 Milliarden Euro. Das lohnt sich also schon.)


Dass diese Forderung nach zusätzlichen Gewinnen mit der völlig unbegründeten Hoffnung auf 60.000 zusätzliche Arbeitsplätze garniert wird, ist schon mehr Hohn, als nur heillose Spekulation.

Warum und wieso die Reduzierung der Preise der deutschen Industrie am Weltmarkt eine weitere Steigerung des BSP um ausgerechnet 0,17 Prozent (entspricht 60.000 Jobs) nach sich ziehen sollte, das bleibt Holger Schäfers Geheimnis. Außerdem ist der Wert so lächerlich klein gewählt, dass er sich jeder seriösen Nachprüfung entzieht, weil er schlicht und einfach im gesamtwirtschaftlichen Rauschen untergeht.

Nur zum Vergleich: Seit Oktober letzten Jahres wurde der Abbau von 1.175.000 Arbeitsplätzen in Deutschland öffentlich angekündigt. Die Zahl alleine der bezahlten Überstunden entspricht ebenfalls rund 1 Million Vollzeitbeschäftigter - wie soll da jemals der Nachweis über den Verbleib von 60.000 zusätzlich versprochenen Stellen geführt werden?

Dass aber die geforderte kostenlose Arbeit von 526.000 Menschen die Gewinne der Unternehmen um runde 14 Milliarden Euro erhöhen würde, das ist ziemlich sicher, das geht auch nicht im Rauschen unter, und wird von Holger Schäfer in seinen für die breite Öffentlichkeit bestimmten Absonderungen vorsichtshalber nicht erwähnt.

Es lassen sich übrigens auch noch ganz andere und viel folgerichtigere Folgen der Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich denken, man muss dazu nur das Verwirrspiel um die erwartete Steigerung des Bruttosozialprodukts um 1,5 Prozent beiseite lassen. Dann wird schnell klar: Die wahrscheinlichste Wirkung ist, dass es 1 Million zusätzlicher Arbeitsloser geben wird. So lassen sich die Gewinne der Wirtschaft nämlich nicht nur um lausige 14, sondern um volle 26 Milliarden Euro steigern, und das ganz ohne jede zusätzliche Anstrengung, auf dem Weltmarkt noch konkurrenzfähiger anzubieten.

Das ist doch die allerbeste Lösung: Alles bleibt, wie es ist, nur die Arbeit wird billiger.

Ich habe jedenfalls noch von keinem Unternehmer gehört, der so blöd wäre, dass er sich ohne Not mit einem Gewinn von 14 Milliarden begnügen würde, wenn er mit geringerem Aufwand auch 26 Milliarden einfahren kann.

Leider habe ich aber von viel zu vielen Politikern gehört, dass sie die Forderungen der Wirtschaft nach längeren Wochen-, Tages-, Jahres- und Lebensarbeitszeiten vorbehaltlos unterstützen. Wissen sie nicht, dass es noch nie in der Geschichte das Ziel der Einführung unbezahlter Zwangsarbeit war, die Lebensbedingungen der Sklaven und Zwangsarbeiter zu verbessern.

Den Nutzen haben die Nutzer, nicht die Benutzten.


Hier der Link zum Originalartikel in der Wirtschaftswoche vom 5.11.2003


und hier der Kommentar eines Besuchers, der spontan eine eigene Rechnung aufmachte:

die Rechnung des Wirtschaftsexperten unterscheidet sich von ähnlichen "Expertenmeinungen" durch die in der Tat erstaunlich niedrige Zahl von nur 60.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen als ZIEL DIESER ÜBUNG. Sie haben Recht: das geht im "weißen Rauschen" komplett unter.
Im ersten Moment dachte ich: das kann eigentlich nur ein Druckfehler in der Meldung sein !

Aber immerhin: Wir wissen jetzt, wie wir die Arbeitslosigkeit komplett wegbekommen würden:
einfach nur linear hochgerechnet, würden bei einer wöchentlichen Mehrarbeit von etwa 66 Stunden
(gut, jeder Vollzeitbeschäftigte müßte dann an sieben Tagen in der woche jeweils 15 Stunden arbeiten, aber das hehre Ziel sollte es uns wert sein, oder ?) die 4 Millionen Arbeitslosen wieder in Lohn und Brot kommen.

Iss' das nix ?

* kopfschüttel *

Schöne Grüße,
Christof Schmidt-Kreusel


a


* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg



Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
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