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Egon W. Kreutzer, Schrobenhausener Str. 15, 86556 Kühbach-Unterbernbach

Offener Brief zum Stellenabbau in Deutschland
veröffentlicht im Internet unter http://home.knuut.de/EWKberater/Meinung/12793OffenHartz.html, als e-mail an den Verteiler meines Newsletters versandt, sowie dem Forum Demokratische Linke (Forum DL21) und dem LabourNet zur weiteren Veröffentlichung und Verbreitung angeboten am 01.10.2003


Herrn Dr. Peter Hartz
Volkswagen AG
Berliner Ring 2

38440 Wolfsburg

 

Unterbernbach, 1. Oktober 2003

Sehr geehrter Herr Dr. Hartz,

vor einem Jahr, am 1. Oktober 2002, fand ein Interview, das der Stern mit Ihnen geführt hatte, ein lebhaftes Medienecho. Sie erklärten darin, der Kommissionsbericht sei eine Bibel für den Arbeitsmarkt und würde man den Empfehlungen nur vollständig und ohne jeden Abstrich folgen, könne trotz der schlechten Konjunkturaussichten die Halbierung der Arbeitslosenzahl erreicht werden.
Zitat: «Ich bleibe dabei, dass wir mit einer Projektkoalition aller Profis der Nation die Zahl der Arbeitslosen bis zum 30. Juni 2005 um zwei Millionen senken können.»

Die großen und kleinen Profis der Nation kamen der Aufforderung, eine Projektkoalition zur Verbesserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt zu bilden, jedoch nicht nach. Stattdessen übertrafen sie sich in immer neuen Ankündigungen weiteren Stellenabbaus und immer mehr und immer dreisteren Forderungen zum Abbau der sozialen Sicherungssysteme und der Sozialgesetzgebung unseres Landes.

Ich habe - angeregt und aufgeregt durch das eingangs erwähnte Interview - am 2. Oktober 2003 begonnen, über die in den Medien veröffentlichten Ankündigungen beabsichtigten bzw. drohenden Arbeitsplatzabbaus Buch zu führen und eine Liste der geplanten Arbeitsplatzvernichtung auf meiner Homepage zu veröffentlichen.

Gestern um 23.00 Uhr stand der Zähler bei 1.007.054 Jobs, deren Abbau von eben diesen Profis der Nation im Laufe der letzten 12 Monate beschlossen und verkündet wurde. Zu den jüngsten Meldungen gehört auch der am 24.9. angekündigte Verlust von 170 Arbeitsplätzen bei Faurecia in Peine, der damit begründet wird, dass Zulieferteile für den neuen Golf künftig aus Polen kommen werden.

Die aktuelle Liste mit den jeweils neuesten Meldungen ist im Internet unter http://home.knuut.de/EWKberater/Meinung/12700cFrame-SetAlmanach.html zu finden.
Sie ist ein Dokument der fortwährenden und fortschreitenden Fehlentwicklung auf dem Arbeitsmarkt und könnte allen Volkswirtschaftsprofessoren, Parteivorsitzenden, Wirtschaftsministern und anderen Sonntagsrednern, die immer noch in längeren Tages-, Wochen-, Jahres- und Lebensarbeitszeiten das Mittel der Wahl zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sehen, helfen, aus ihren theoretischen Höhenflügen im eingeschränkten Erkenntnisraum neoliberaler Heilslehren auf den Boden der Realität zurückzufinden.

Sie, Herr Dr. Hartz, haben inzwischen selbst erfahren müssen, dass die Hoffnung, welche Sie in die "volkswirtschaftliche Loyalität" der Entscheidungsträger der globalisierten deutschen Wirtschaft gesetzt hatten, unbegründet war und dass Ihr Aufruf zur gemeinsamen Anstrengung mit kaltem Lächeln ignoriert wurde.

Sie haben inzwischen aber auch erkennen können, dass - entgegen aller Versicherungen Ihrer damaligen Berater und Kommissare - jede Maßnahme zur beschleunigten und verbesserten Vermittlung Arbeitsloser ihr zwangsläufiges Ende an der letzten unbesetzten Stelle finden muss, dass alle Versuche, Arbeitslose durch Umetikettierung unkenntlich zu machen, scheitern müssen, wie auch der Versuch, immer mehr Beschäftigte durch immer billigere Arbeitskräfte aus dem Pool der Arbeitslosigkeit zu substituieren, nur zur Beschleunigung der Fluktuation, zu einer unter dem Risiko von Qualitätsverlusten erkauften Senkung der Personalkosten, nicht aber zur Verminderung der Arbeitslosigkeit führen wird.

Es wäre, mit Verlaub, an der Zeit, dass Sie sich mit diesen ernüchternden Erkenntnissen erneut zu Wort zu melden.

Es wäre an der Zeit, weniger auf Meinhard Miegel zu hören und stattdessen zu versuchen, die Gedanken eines Heiner Flassbeck zu verstehen.

Es wäre an der Zeit, die totale Verbetriebswirtschaftung des politischen Denkens als selbstmörderischen Irrsinn vom Rang eines Lemmingszuges zu brandmarken und stattdessen die nicht profitorientierten Leistungen des Staates wieder ihrer Bedeutung entsprechend zu würdigen und zu schützen.

Die nach Ihnen benannte Kommission ist mit den Vorschlägen, denen Sie Ihren guten Namen geliehen haben, längst gescheitert. Die Ablehnung der nach Ihnen benannten Gesetze durch den Bundesrat ist beschlossene Sache. Doch leider entspringt diese Ablehnung weder dem Wunsch nach Umkehr noch wenigstens dem Verlangen nach einer Richtungskorrektur, sondern lediglich dem ungestümen Drang, vom vermeintlich gemächlichen Trab schnellstmöglich in einen halsbrecherischen Galopp zu wechseln.

Ich habe die Arbeit der "Hartz-Kommission" mit einiger, bisweilen sehr boshafter Polemik begleitet und dabei gehofft, dass sich nach vielen großen Ankündigungen, selbst noch nach der Weihestunde im sakralen Raum, letztlich doch ein vernünftiger, gemäßigter und sozial gerechter Weg öffnen würde, wenn nur erst die Aufgeregtheiten des Wahlkampfes verebbt wären und die Wirtschaft sich von kurzlebiger Stimmungsmache ab- und ihren ureigensten Aufgaben zuwenden würde.

Es ist anders gekommen und nur immer weiter abwärts gegangen, weil der geringe Widerstand gegen die Vorschläge der nach Ihnen benannten Kommission dazu ermunterte, die Schmerzgrenzen auszuloten. Ich fürchte, daß es zu spät sein wird, das Ruder herumzureißen, wenn eben diese Schmerzgrenze in voller Fahrt durchbrochen wird.
Daher bitte ich Sie heute:

Sehr geehrter Herr Dr. Hartz,

falls Sie im letzten Jahr Erkenntnisse gewonnen haben, aus denen heraus Sie heute zu anderen Urteilen und anderen Vorschlägen kommen, als sie von der Kommission vorgelegt und von der Regierung in Gesetzestexte gegossen wurden, dann vergessen Sie bitte jegliches selbstauferlegte "Schweigegelübde" und melden Sie sich zu Wort. Unser Land braucht - weit über die tagesaktuelle Debatte hinaus - tiefere Einsichten, bessere Vorschläge und loyale, aber selbstbewusste Diener.

Mit besten Grüßen


Egon W. Kreutzer

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