Impressum
 Home alle Kommentare alle Leserbriefe  Stichwortsuche  Einmischen 
 Home alle Kommentare alle Leserbriefe  Stichwortsuche  Einmischen 


Es war einmal ein großes Wachstum ...

Märchen und Wahrheit

ein Kommentar von Egon W. Kreutzer
über die friedliche Koexistenz von Wachstum und Stellenabbau
18. September 2003

Seit die Gebrüder Grimm durch die deutschen Lande zogen, um alte Volksmärchen aufzuspüren und für die zukünftigen Generationen zu bewahren, hält sich hartnäckig die Hypothese, Märchen seien archetypische Erinnerungen der Menschheit, deren moralische Kernaussagen das Verhalten der Märchenkonsumenten für alle Zukunft prägen sollen, um zu vermeiden, dass jedes Individuum die bereits gesammelten und verifizierten Erfahrungen der Art aufs Neue schmerzlich selbst zu machen hat.

Die moderne Wissenschaft hat dem Märchen aber inzwischen ein weiteres Geheimnis entrissen und im vorbildlichen Verbund von Forschung, Lehre und Kommerz der deutschen Wirtschaft nutzbar gemacht: Die Erkenntnis, dass Märchen eine noch spannendere Dimension menschlichen Verhaltens offenbaren, nämlich die, dass alles, was in Form und Inhalt "märchenhaft" erscheint, in um so höheren Maße für wahr und glaubwürdig gehalten wird, je unwahrscheinlicher, unbewiesener und "aus-der-Luft-gegriffener" die Geschichte ist.

Diese Wirkung ist so stark und nachhaltig (das hat man unter Verzicht auf komplexe demoskopische Methoden nach jeder Wahl der letzten zwanzig Jahre durch einfache Stimmauszählung empirisch bewiesen) dass Menschen, sobald sie einmal märchengläubig geworden sind, völlig unabhängig von Vorbildung, gesellschaftlicher Stellung und politischer Verantwortung, unfähig werden, sich aus eigener Kraft aus den Märchengespinsten zu lösen, selbst wenn die Realität vor ihren offenen Augen das genaue Gegenteil beweist.

So wird auch die Realität bei E On, jenem künstlich geschaffenen Versorgungsgiganten,

dessen jährlicher Umsatz alleine mehr als zwei Prozent des Brutto-Inlandsproduktes ausmacht und

dessen ausgewiesener und zugegebener Gewinn vor Steuern und Abschr
eibungen doch tatsächlich fast ein halbes Prozent des Brutto-Inlandsproduktes erreicht,


keinen jener Märchengläubigen aufwecken, die immer noch glauben, es bräuchte nur Wachstum, um Arbeitsplätze zu schaffen.

Nein, diese bedauernswerten Zeitgenossen sind und bleiben in der Vorstellung gefangen, Wachstum sei unverzichtbar und es entstünde ganz von selbst durch niedrigere Löhne und wegfallende Lohnnebenkosten und diese wiederum entstünden ganz natürlich durch mehr Arbeit für weniger Geld und durch den Verzicht auf Kündigungsschutz und durch den Wegfall von Wochenendzuschlägen und durch die Verschlechterung der Gesundheitsversorgung und die Verschlechterung der Arbeitslosenversorgung und durch die Verschlechterung der Pflegeleistungen und durch die Senkung der Renten und durch die Schließung von Freibädern, Theatern, Museen und Schulen und durch Schlaglöcher auf den Bundesstraßen und durch den Verkauf des Tafelsilbers der Länder und des Bundes und durch alles sonst, was der arbeitenden Bevölkerung weggenommen und den Investoren zugeschustert werden kann, damit diese so richtig dicke fette Lust bekommen, ihr Geld zu vermehren.

Sollten Sie auch zu jenen gehören, die jetzt laut protestieren und erklären, dass sei überhaupt kein Märchen, sondern die von Hunderten deutscher Professoren, Politiker und Wirtschaftsführern erkannte und gelehrte Wahrheit, dann werden Sie wohl auch nicht glauben können, was bei E On in Düsseldorf am Rhein tatsächlich passiert. Denn obwohl es noch märchenhafter und fantastischer klingt, als das Wachstumsmärchen, so hat diese Geschichte, doch den Makel, wahr und beweisbar zu sein, und damit hat sie gegen die suggestive Kraft des Märchens keine Chance.

 

Fakten:

E On

Wachstum

a) Umsatz

von 16,2 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2002
auf 24,1 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2003

+ 7,9 Milliarden Euro entspricht + 49%

(Das Märchen sagt, schon ab nur 2 Prozent jährlichen Wachstums werden die Unternehmer neue Arbeitsplätze schaffen)

b) Gewinn (Vor Steuern und Abschreibungen)

von 3,7 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2002
auf 4,9 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2003

+ 1,2 Milliarden Euro entspricht + 34 %

(Das Märchen sagt, wenn die Unternehmer, deren Gewinne durch Lohnnebenkosten und Steuern und andere Belästigungen des Staates völlig darniederliegen, endlich wieder einmal die Rendite festverzinslicher Wertpapiere erreichen könnten, dann würden sie wieder investieren und Arbeitsplätze schaffen, weil es genau das ist, was sie eigentlich am liebsten tun)

 

Arbeitsplätze

 

Auf Grund der überaus positiven Geschäftsentwicklung und weil das Rekordergebnis von 2002 mit Sicherheit in 2003 weit übertroffen wird, hat der Vorstand beschlossen, sich bis zum Jahre 2006 von insgesamt 3.500 Mitarbeitern zu trennen.
Etwas 2/3 dieses Stellenabbaus werden in Deutschland vollzogen.

3.500 x ca. 40.000 Euro Personalkosten pro Mitarbeiter und Jahr

= 140 Millionen Euro jährliche Gewinnsteigerung.

Die wären doch blöd, würden sie statt 3.500 Jobs zu vernichten, 3.500 zusätzliche Jobs schaffen, oder?

Oder wie sehen Sie das? Würden Sie nicht auch lieber 140 Millionen dazu verdienen wollen, anstatt 140 Millionen für nichts und wieder nichts zu verschenken? Das ist immerhin ein Unterschied von 280 Millionen!

Sehen Sie, jetzt sind Sie doch raus aus dem Märchen und zurück in der Realität.

 

Und wer es immer noch nicht glauben mag, folge doch bitte dem
Link zum Artikel in der Welt http://www.welt.de/data/2003/08/15/153177.html

 

Und wer danach noch Lust hat, sich weitere märchenhafte, aber wahre Geschichten reinzuziehen, der sollte die Wirtschaftsnachrichten lesen. Es gibt noch viele Giganten in Deutschland, die gigantisches Wachstum verzeichnen und gigantische Gewinne verzeichnen und denen doch nichts anderes einfällt, als zu fordern, die Mitarbeiter möchten doch auf den Kündigungschutz verzichten und auf das freie Wochenende und auf die Zuschläge für Überstunden und Wochenendarbeit sowieso und sie sollten doch 500 Stunden pro Jahr umsonst arbeiten und den Gürtel enger schnallen und so weiter und so weiter. Und wenn Sie sich dann an solchen Märchen überfressen haben und Ihnen schwindelig und übel wird, naja, dann sollten Sie noch Ihre nächste Stromrechnung abwarten. Die Strompreise sollen nämlich wegen der schlechten Ertragslage der Versorgungsunternehmen bald wieder erhöht werden, ehrlich...

a


* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg



Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
Viele grundsätzliche Einsichten und Forderungen finden Sie in
"Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre".
Packender, spannender, verständlicher ist Wirtschaft kaum zu beschreiben. Informieren Sie sich hier.
"Ich freue mich sehr über Ihr Interesse und möchte Sie gerne auf weitere Angebote meiner Site aufmerksam machen - bitte sehen Sie sich um!" Mehr Aktuelles, alle Leserbriefe, alle Kommentare
die Statisitk zum Stellenabbau in Deutschland

Grundlagenwissen Geld - "...Geld ist nicht einfach da!"
kontakt/feedback
Newsletter bestellen
Der Patient ist die Lösung
Ein radikal vernünftiges Konzept zum Gesundheitswesen
..und weil die Ratio nicht immer weiterhilft: Besuchen Sie bitte auch die magische Welt der Zauberstabmanufaktur. Wir fertigen auusschließlich individuelle, handgearbeitete Einzelstücke für höchste Ansprüche.


nach oben