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BeeinTruckend

Clement auf dem Bock - mit 320 PS auf dem besten Weg zur Totalabschaffung der Ausbildungsplatzsuchenden

Ein Kommentar zum fortschreitenden Verfall der politischen Sitten
von Egon W. Kreutzer

12. August 2003

Im heißen Sommer von winterlicher Kälte träumen, das ist offenbar eine unwiderstehliche Versuchung und Wolfgang Clement, oder vielleicht auch nur einer seiner Berater, muss dabei solange den roten Truck des Santa-Cola halluziniert haben, bis trotz der peinlichen Erinnerung an die sang- und klanglos verlaufene Road-Show der Hartz-Offensive die mutige Entscheidung für die neue Trucker-Tour des Superministers gefallen ist. (Link zum Artikel der Netzeitung)

Hat der Mann nichts besseres zu tun, als im großen Auto (jedenfalls größer als seinerzeit das Guidomobil) von Fabrikhof zu Fabrikhof zu fahren um dann beim Pförtner um einen Termin beim allerhöchsten Vorstandsvorsitzenden nachzufragen? Wenn der Herr Vorstand vielleicht gerade ein paar Minuten Zeit hätte, dann möge er doch bitte gleich mit seinem ganzen Stab herunterkommen, in den Hof, wo die chromblitzende Kraftmaschine wartet, wie ein übermächtiges Symbol für jene zweckentfremdende Zumutbarkeitsarroganz des Ministers, die für die von der PSA an die Taxi-Zentrale verliehenen Diplom-Mathematiker, Studienratsanwärter und andere umgeschulte Bürokaufleute längst schmerzliche Realität geworden ist.

Der Herr Vorstand hätte die Gelegenheit, bettelt der Minister dann vermutlich beim Pförtner weiter, sein Wohlwollen über den Fortschritt des Sozialabbaus und der Kostensenkung und der überaus standortsichernden Arbeit des deutschen Wirtschafts- und Lohnkostensenkungsministers zu äußern, und Journalisten und Fotografen und das Fernsehen hätte der Minister auch gleich mitgebracht und es wäre doch schön, wenn der Herr Vorstand eine klitzekleine Zusage über ein paar klitzekleine Ausbildungsplätze in die Mikrofone der herbeigeeilten Hofberichterstatter murmeln möchte - unter dem Vorbehalt der Finanzierbarkeit, versteht sich und es müßten auch nicht unbedingt zusätzliche sein und völlig unverbindlich sei das sowieso auch. Dann dürfe sich der Herr Vorstand auch sofort wieder in die höheren Gefilde des Global Business zurückziehen und weiter überlegen, ob er sein Unternehmen zu Weihnachten nach Polen oder nach China verlegen wird, es käme jetzt wirklich nur darauf an, die für den Augenblick erforderliche Stimmung herzustellen, fünf gute Stimmungen, das wüsste der Herr Vorstand doch auch, sind schließlich genauso viel wert, wie fünf Millionen Arbeitsplätze, wenn nicht noch mehr.

Natürlich wissen wir, dass das in Wahrheit ganz anders abläuft.

Wir wissen, dass Clement keine Zeit hat, mit dem Truck in der Republik herumzufahren. Den fährt ein Fahrer und wenn der mit dem Truck angekommen ist und der Minister Zeit hat und der Herr Vorstand auch, dann hüpft der Minister in den Hubschrauber und landet kurz darauf in der seit Stunden abgesperrten Seitenstraße oder auch auf der seit Stunden abgesperrten Autobahn, falls das näher ist, und dort geht er zuerst in die Maske, wo er schnell noch einmal abgepudert und der dunkle, an viele durchgearbeitete Nächte erinnernde Lidschatten sorgfältig nachcoloriert wird, bevor er sich auf den Bock schwingt und wie von Geisterhand geschoben die letzten Meterchen auf den Hof rollt, gerade gut für jene 10, 12 Sekunden, die die Anmoderation braucht, um den Beitrag vor dem allzufrühen Wegzappen zu bewahren.

Ich verstehe es trotzdem nicht.

Warum tut Clement das? Warum ruft er nicht einfach an, bei seinen Freunden und Feinden in den Vorstandsetagen, warum schreibt er nicht - meinetwegen auf ministeriellem Büttenpapier - einen Bittbrief? Warum muss er mit diesem gottverdammten Truck auf diese gottverdammten Fabrikhöfe rollen und sich zum gottverdammten Narren machen?

Hat man ihm eingeredet, er könne mit solchen kraftstrotzenden und positiv besetzten Bildern beweisen, was für ein kraftstrotzender Tausendsassa er ist? So wie Bush, als siegreicher Feldherr auf dem Flugzeuträger landen, oder, wie Schwarzenegger, vor lauter Kraftstrotz vergessen machen, dass er auch als Terminator nicht mehr war, als die an den Fäden von Regie und Drehbuch geführte "Marionette" der kommerziellen Interessen des Producers?

Obwohl ich allen Jugendlichen, die auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind, von Herzen wünsche, dass sie den auch finden werden, und zwar da wo sie wohnen und in dem Beruf, den sie sich wünschen - mit diesem unsinnigen Aktivismus, der hart an vorsätzliche Volksverdummung grenzt, wird nicht einmal erreicht werden können, dass die zu Beginn des Ausbildungsjahres noch offenen Ausbildungsplätze die Zahl der noch suchenden Jugendlichen auch nur annähernd erreichen, geschweige denn überschreiten.

Aber mit den Bildern vom Macho auf dem Bock wird am Ende der Beweis geführt werden, dass der Minister alles Menschenmögliche getan hat. Wer trotzdem keinen Ausbildungsplatz hat, der ist nun aber wirklich selbst schuld: zu unflexibel, nicht ausreichend mobil, unmotiviert, faul und arbeitsscheu.

Wie war das, hatten sich die Gewerkschaften nicht für die Einführung einer Ausbildungsplatzabgabe stark gemacht?

Vorsicht!

Nach allem was uns mit Hartz und der Agenda 2010 und der Gesundheitsreform widerfahren ist, kann das nur so ausgehen: Wer nach dem 1. Oktober noch herumläuft und renitent nach einem Ausbildungsplatz verlangt, zahlt 1.000 Euro. Monatlich, bis er einen hat.

Fordern und Fordern und Fordern eben, wie bei den Arbeitslosen auch.


a


* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg



Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
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