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Da ist sie wieder,
die Euthanasiedebatte

ein zorniger Einwurf von Egon W. Kreutzer,
5. August 2003

"60.000 RM kostet dieser Erbkranke die Volksgemeinschaft auf Lebenszeit - Volksgenosse, das ist auch Dein Geld!"

Mit diesem Text warb das Rassenpolitische Amt der NSDAP Ende der dreißiger Jahre dafür, die Betreuung und Behandlung bestimmter Patientengruppen einzustellen, um die gesunden Volksgenossen von den dafür aufzuwendenden Kosten zu befreien.

 

Ab 75 nur noch Aspirin

Anfang Juni 2003 traten der Theologieprofessor Joachim Wiemeyer und der Professor für Sozialpolitik, Friedrich Breyer an die Öffentlichkeit und propagierten das Ende der medizinischen Vollversorgung für Patienten ab einem Lebensalter von 75 Jahren. Wer so alt ist - und nicht privat vorgesorgt hat - der soll von der gesetzlichen Krankenversicherung gerade noch die eventuell nötigen Schmerzmittel, aber keine teuren, lebensverlängernden Behandlungen mehr erstattet bekommen.

Es folgte ein gedämpfter Aufschrei und das Medienecho war nach wenigen Tagen fast vollständig verstummt. Der erste Anlauf einer neuen "Neo-"Denkschule war ins Leere gegangen, Medien und Politik hatten der Versuchung widerstanden, ein großes "Thema" daraus zu machen.

 

Keine Zahnprothese ab 75, kein Hüftgelenk ab 85

So klingt es nur zwei Monate später, gerade rechtzeitig zum Auftakt des CSU-Wahlkampfes in Bayern. Ob Stoiber den JU-Vorsitzenden Philipp Mißfelder als Testballon aufsteigen ließ, oder ob der ganz aus eigenem Antrieb auf das Podium stieg um seinen Unrat ins Sommerloch zu kippen, werden wir wohl nie erfahren - es ist eigentlich auch nicht wichtig.

Nachtrag am 8.8.03:
Ehrenrettung: Edmund Stoiber hat Mißfelder heftig kritisiert.

Zweifelhafte Entschuldigung: Mißfelder hat sich entschuldigt, allerdings nur dafür, daß er möglicherweise die Gefühle älterer Menschen verletzt haben könnte, inhaltlich bleibt er bei seinen Vorschlägen.

Schlimm ist, dass wir es von heute an nicht mehr nur mit einem - wenn schon mißratenen, so doch wenigstens völlig unverbindlichen - Gedankengang aus dem Elfenbeinturm des deutschen Professorentums zu tun haben, sondern dass mit Mißfelders Vorschlag nun schon fast so etwas wie ein gesundheitspolitisches Wahlprogramm mit differenzierten Ideen zur Versorgungseinschränkung für unterschiedliche Altersklassen auf dem Tisch liegt.

Natürlich werden alle, die da doch eben nur mal ihre Meinung gesagt haben, den Vorwurf, sie befürworteten mit ihren Vorschlägen letztlich ein neues Euthanasieprogramm, weit von sich weisen. Stimmt doch auch. Der Vergleich mit den nationalsozialistischen Verbrechen ist abwegig, schließlich leben wir in einer Demokratie. Deshalb wollen Wiemeyer, Breyer und Mißfelder auch niemanden umbringen und schon gar nicht die grauen Busse wieder auf die Straßen schicken, die verwendet wurden, um diejenigen Menschen abzuholen, durch deren Tötung man damals versuchte, ein Kostenproblem zu lösen. Oh nein, Wiemeyer, Breyer und Mißfelder wollen eigentlich nichts anderes als Schröder, Schmidt und Seehofer auch, sie wollen doch nur "Kosten sparen" im Gesundheitswesen. Mit ein paar neuen, auf den ersten Blick zwar radikal klingenden, aber immerhin doch vom Theologieprofessor abgesegneten Ideen. Da erscheinen sie dem Michel doch praktisch schon als Sendboten Gottes, die der Natur wieder zu ihrem Recht verhelfen sollen. Nur so wird endlich Schluss sein, mit den überheblichen Eingriffen der ärztlichen Kunst in die göttliche Fügung - oder war es die Vorsehung? Und außerdem soll das doch alles nur gelten, wenn der Patient sowieso schon so alt ist, dass ihm Flügel und Harfe längst besser zu Gesicht stünden, als Laptop und Lederhose.

Wiemeyer, Breyer und Mißfelder geht es doch nicht um die Vernichtung "lebensunwerten Lebens", schon dieser Begriff ist ihnen fremd! Es geht ihnen lediglich um die Kosten sparende Nicht-Behandlung "behandlungsunwürdigen Lebens", und auch das doch nur soweit, wie es je nach Kassenlage als zu teuer und nicht mehr lohnend eingeschätzt werden muss.

 

Ist das schon Volksverhetzung?

Wohl kaum!

"Defektmenschen" und "Ballastexistenzen" waren griffige Propagandavokabeln im
braunen Gehirnwäschesprachschatz.

Auch davon unterscheidet sich die heutige Debatte wohltuend. Der mit einer gewissen Hochachtung verbundene Begriff "Senioren" wird zwar auf Kassenpatienten und Sozialrentner kaum noch angewendet, doch immer noch werden alte Menschen rücksichtsvoll als "ältere Menschen" bezeichnet, statt sie gleich - analog zu Altkleidern und Alteisen - zu "Altmenschen" zu erklären. Noch immer spricht man auch bei altersbedingten Verschleißerscheinungen von Krankheit und nennt die Betroffenen "Patienten". Auch hat man jüngst mit der Umbenennung der "Mitarbeiter" in "Human Ressources" einen vorläufigen sprachlichen Schlusspunkt gefunden. Noch werden Human Ressources, wenn sie unbrauchbar geworden sind, in Übereinstimmung mit den jeweils gültigen Resten von Recht und Gesetz "entlassen" und nicht etwa jede Woche - mittwochs, wenn der schwarze Wagen kommt - als "Human Waste" zur Entsorgung an die Straße gestellt.

Aber der Trend ist unverkennbar. Im Hauptstadtgespräch der Süddeutschen Zeitung hieß es Mitte Mai:

"Wenn in Deutschland die Alten erst die Mehrheit haben, ist nichts mehr gegen sie durchzusetzen."

Dazu und zum ganzen Thema Generationengerechtigkeit habe ich mich seinerzeit in einem Leserbrief geäußert.

Vor diesem gesamtgesellschaftlichen Hintergrund enpuppt sich auch die Debatte um altersbedingte Beschränkungen der gesundheitlichen Versorgung nur als ein Teil jener verwerflichen Hatz auf die Alten, die ihre Wurzeln entweder in Dummheit und Unvermögen, in perversen Ideologien oder in jenem boshaft-geizigen Amigo-Ego-ismus hat, der in einem der reichsten Länder der Welt selbst Vermögensmilliardäre nonchalant von der Zahlung der Vermögenssteuer entbindet, während gleichzeitig den Ärmsten der Armen die Sozialhilfesätze gekürzt werden und der Arbeitsminister nicht aufhören kann, immer neue Strafen für Millionen angeblich arbeitsunwilliger Arbeitsloser zu ersinnen.

Die blitzgescheiten Kostensparer sollten nicht vergessen, dass die älteren Menschen, denen sie jetzt die Leistung versagen wollen, über Jahrzehnte ihre Krankenversicherungsbeiträge im Vertrauen darauf gezahlt haben, dass ihnen auch im Alter eine vernünftige medizinische Betreuung zuteil werden wird.

Wer meint, "Verträge" einfach kündigen zu können, sobald die Gegenleistung gefordert wird, hat nicht mehr Ehre im Leib, als jeder beliebige Trickbetrüger.

Wer gar vorgibt, die Alten hätten doch niemals selbst Krankenversicherungsbeiträge gezahlt, das ganze Geld sei doch immer schon von den Arbeitgebern gekommen, der ist ein perfider Lügner und wer um den eigenen Vorteil zu wahren, dumpfe Stimmungsmache gegen die Alten betreibt, der ist ein Volksverhetzer.

Wer Alte aus Kostengründen an heilbaren Krankheiten verrecken lässt oder ihnen ein würdevolles Alter verweigert, weil er die Zahnprothese oder die Hüftoperation für nicht mehr "rentabel" hält, ist auf dem besten Weg in die Euthanasie-Gesellschaft, ob er das wahrhaben will, oder nicht.

(...und daß Frau Göring-Eckardt die Pflegeversicherung - die von Blüm natürlich nur als Kostenverschiebebahnhof erfunden wurde, das ist doch nie ein Geheimnis gewesen - jetzt im Rahmen grüner Generationengerechtigkeitsphantasien zum Zwecke der Kostendämmung vollständig demontieren will, geht in die gleiche Richtung. Daß dafür dann auch extra noch die Phrase "die Pflegeversicherung sei doch in Wahrheit nichts als eine Erbschaftssicherung" in die Welt gesetzt wird, ist eine Ungeheuerlichkeit und der blanke Hohn für jeden, der einen Pflegefall in der Familie zu betreuen hat.)

Für die Probleme unseres Landes gibt es bessere Lösungen!

Aber dazu müsste man zuerst versuchen, die wahren Ursachen zu erkennen, anstatt ständig immer nur in jenem kleinen Bereich herumzustochern, in dem die Lebensinteressen der sogenannten "kleinen Leute" als Dispositionsmasse zur Verfügung stehen.


a


* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg



Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
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