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Leserbrief an Spiegel-online

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Für eine schwache IG-Metall
Gastkommentar von Christoph Keese, Financial Times Deutschland
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,257014,00.html



Egon W. Kreutzer, 14.07.2003

Bush und Blaire erhalten in diesen Tagen die Quittung für ihre zu durchsichtig selbstgestrickten Kriegsgründe. Es wird Zeit, dass auch Menschen wie Keese gefragt werden, aus welchen obskuren Quellen sie ihre Behauptungen über die Gemeingefährlichkeit der Gewerkschaften schöpfen und wo die Beweise dafür zu finden sind.


Christoph Keese wäre nicht Chefredakteur der Financial Times, würde er es sich erlauben, ein wichtiges politisches Thema "gesamtheitlich" und ausgewogen zu behandeln. So bleibt auch er in genau jener platt-ideologischen Sichtweise verhaftet, die er dem letzten gegnerischen Häufchen im fast gewonnenen 'Klassenkampf von Oben' vorwirft.

Natürlich versäumt er es nicht, gleich zu Beginn seines Kommentars, den Politikern der amtierenden Regierung das Recht auf Einmischung, Ratschläge, Drohungen abzusprechen. Klar, sie haben dieses Recht nicht, zumindest solange nicht, wie das Wort 'Tarifautonomie" noch zum Inventar unserer Rechts- und Gesellschaftsordnung gehört. Doch wer wie Keese und viele andere mit Eifer dabei ist, die Tarifautonomie zu zerstören, der sollte seine Kritik nicht ausgerechnet hier festmachen wollen.

Außerdem ist es ziemlich gewagt, zu unterstellen, im Aufruf des Kanzlers, den Personalstreit zu beenden und strukturelle Reformen anzugehen, verberge sich die Sorge um die Macht der Gewerkschaften. Auch wenn Clement äußert, Deutschland brauche starke Gewerkschaften, dann ist das eher ein rhetorisches Zugeständnis an das Wählerpotential innerhalb der Gewerkschaften, als wirklich der Wunsch nach starken Gewerkschaften.

Starke Gewerkschaften hätten 'Hartz' nicht mitgespielt, starke Gewerkschaften hätten die Agenda 2010 nicht geschluckt. Starke Gewerkschaften hätten - wie die Österreicher(!) und Franzosen - mit Generalstreik gedroht, um den schon fast geglückten Anlauf noch zu stoppen, die sozialen Errungenschaften der gesamten Nachkriegszeit in weniger als einer halben Legislaturperiode in Grund und Boden zu stampfen.

Doch Keese wünscht sich die Gewerkschaften noch schwächer, wünscht sie sich bedeutungslos, machtlos, und damit sinnlos. Er hilft nach Kräften mit, den Eindruck zu erwecken, Zwickel, Peters und Bsirske seien uneinsichtig, rückständig und sie handelten wider die Interessen ihrer Mitglieder.

Mit seinen publizistischen Mitteln trägt Keese dazu bei, die Gelegenheit zu schaffen und zu nutzen, um die Interessenvertretung der Arbeiter und Angestellten endgültig als nicht mehr gesellschafts- und konsensfähig abzustempeln und er weidet sich förmlich in der Vorstellung, dass deutsche Arbeitgeber künftig - ohne schmerzhafte Gegenwehr fürchten zu müssen - Betrieb für Betrieb Löhne, Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen nach Belieben diktieren können.

Hätten wir so eine Art Vollbeschäftigung, statt 4,3 Millionen gezählter und vermutlich knapp 10 Millionen tatsächlich arbeitsloser Menschen, hätten wir eine geschlossene Nationalökonomie statt eines wildwuchernden, völlig deregulierten Globalisierungswahns, hätten wir also tatsächlich Chancengleichheit zwischen Anbietern und Abnehmern von Arbeit, dann wäre es denkbar, dass ein Teil der Arbeitnehmer sich in der Verhandlung mit dem Arbeitgeber so teuer verkaufen könnte, wie er es - an welchem Maßstab auch immer gemessen - wert ist. Doch jeder konjunkturelle Schnupfen würde genau diesen Menschen beweisen, dass man gut daran tut, lieber ein bescheidener, williger und billiger Mitarbeiter zu sein.

Flächentarifverträge sind selbst bei Vollbeschäftigung eine wichtige soziale Errungenschaft, die leider in diesen Tagen ebenso ausgehöhlt wird, wie die Tarifautonomie selbst.

Wenn stattdessen staatlich geförderte Personal-Service-Agenturen mit Dumping-Löhnen an den Markt gehen, um letztlich nichts anderes zu erreichen, als geschönte Statistiken, und die Gewerkschaften das abnicken, dann ist es kein Wunder, wenn die Mitglieder resignieren. Es ist nicht die übertriebene Lohnforderung (die es seit langen Jahren - Sonderfall 'Piloten' ausgeschlossen -nicht mehr gegeben hat), es ist nicht der von den Gewerkschaften ruinierte Betrieb (den es nirgends wirklich gibt): Es ist der mangelnde Mut, gegen die Phalanx der veröffentlichten Meinung anzutreten und standhaft die berechtigten Forderungen zu vertreten, was die Gewerkschaftsmitglieder an ihrer Führung verzweifeln läßt und mürbe macht!

Betriebsräte, auch Betriebsräte großer Unternehmen, haben dem eigenen Arbeitgeber doch heutzutage nichts, aber auch gar nichts entgegenzusetzen, außer dem starken und immer noch ernstzunehmenden Rückhalt der Gewerkschaft. Christoph Keese steht nicht im Verdacht, bodenlose Dummheiten zu verbreiten. Seine Vision, in der er die Entmachtung oder völlige Abschaffung der Gewerkschaften zur 'Befreiung' der Betriebsräte hochstilisiert, kann also nur als zynische Verhöhnung des ehemaligen Sozialpartners gewertet werden.

Bush und Blaire erhalten in diesen Tagen die Quittung für ihre zu durchsichtig selbstgestrickten Kriegsgründe. Es wird Zeit, dass auch Menschen wie Keese gefragt werden, aus welchen obskuren Quellen sie ihre Behauptungen über die Gemeingefährlichkeit der Gewerkschaften schöpfen und wo die Beweise dafür zu finden sind.

Egon W. Kreutzer


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* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg



Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
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