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St. Florian wird's richten
oder

Die Stunde der Milchmädchen

Egon W. Kreutzer, 23.06.2003

Milchmädchen - so die zutreffende Bezeichnung für die Angehörigenes eines längst ausgestorbenen, vom Meisterzwang nie erfassten Berufes aus dem Niedriglohnsektor feudalherrschaftlicher Zeiten - hatten viel Zeit zum Denken.

Sie hatten fast genau so viel Zeit zum Denken, wie heutzutage die schlecht bezahlten Politiker, die hochbezahlten Verbandspräsidenten und die umtriebigen Wirtschaftsweisen, die ja allesamt eher weniger zu tun haben, als die Milchmädchen früher, weil doch das Milchbusiness von Brüssel aus inzwischen so raffiniert durchsubventioniert ist, dass sich schon lange niemand mehr darum kümmern braucht.

So nutzen also unsere Politiker, unsere Verbandspräsidenten und unsere Wirtschaftsweisen ihre Zeit gerade so, wie damals die Milchmädchen und geben sich fernab von allen Fakten und Determinanten der realen Welt, im Schattenreich des blanken Widersinns, der Blüte aller Wissenschaften, der reinen Mathematik hin.

So manche Milchmaid fand einst in traumhaft schönen Zahlenwerken ganz für sich alleine höchstes Glück und tiefste Befriedigung. Viele Politiker, Verbandspräsidenten und Wirtschaftsweise finden ihre Befriedigung heutzutage mit den gleichen Mitteln, bloß nicht mehr verschämt, in sich gekehrt und heimlich, wie einst die scheuen Milchmädchen, sondern hemmungslos und protzig-stolz in aller Öffentlichkeit.

Ein nicht ganz unbekannter Wirtschaftsminister, der in seinen kühnsten Träumen zugleich Arbeitsminister ist, hat jüngst eine sehr schöne und in sich selbst vollkommen richtige und schlüssige Rechnung aufgestellt.

Wenn in einem Jahr von allen Arbeitern und Angestellten an ungefähr 200 Arbeitstagen ungefähr 2 Billionen Euro Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet werden, so rechnete er im fliegenden Dreisatz, dann werden an jedem Tag ungefähr 10 Milliarden Euro Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet.

Das schien ihm dann aber doch zu hoch gegriffen und so versuchte er sich an Kontrollrechnungen.

Bei 10 Milliarden Euro Tagesleistung hätte jeder Arbeiter pro Tag im Schnitt 2.500*) Euro erwirtschaften müssen. Weil der Minister aber wusste, dass so ein abhängig Beschäftigter in Wahrheit im Durchschnitt höchstens 100 Euro am Tag bekommt, wuchsen seine Zweifel weiter. Sollte das stimmen, dann läge ja der Anteil der Netto-Löhne an der Gesamtleistung nur bei schlaffen 4 Prozent und wenn das so wäre, dann hätte sich doch garantiert niemals kein Arbeitgeber nicht beschwert bei ihm, über die hohen Löhne und die Lohnnebenkosten und das alles. Niemals nicht!

Schließlich hat er sich kühn zu einer Korrektur durchgerungen und von der Tagesleistung alles das abgezogen, was seiner Meinung nach nicht von den Arbeitern und Angestellten, sondern von den Leistungsträgern geschaffen wird, also die Zinsen und die Spekulationsgewinne und die Dividenden und überhaupt alle Einkünfte aus Kapitalvermögen, schließlich hatte ihm keiner gesagt, dass das sowieso nicht im BIP enthalten ist. Im Ergebnis kam er dann darauf, dass ein Tag nicht 10, sondern nur 3,5 Milliarden Bruttoinlandsprodukt hervorbrächte.

Mehr Tage, mehr Bruttoinlandsprodukt, schoss es ihm durch den Kopf und weil er der Wachstumsminister ist und daher immer nach Möglichkeiten zur Steigerung der Wirtschaftsleistung suchen muss und weil gerade ein Feiertag war, den es an dieser Stelle im Kalender nicht mehr gibt, und weil er sich dachte, dass es dem faulen streiksüchtigen Gesindel am wenigsten auffallen würde, dass es mehr arbeiten muss, wenn man einen Feiertag abschafft, verkündete er fröhlich, dass man ein paar Feiertage streichen müßte. Auf die dreieinhalb Milliarden käme es nun auch nicht mehr an und dass das ja bloß ein Prozent von dem sei, was jedes Jahr in der Schwarzarbeit erwirtschaftet wird (350 Milliarden, die übrigens auch erstunken und erlogen sind) und dass er das Geld gut gebrauchen könnte und die Ulla Schmidt und der Eichel Hans sowieso.

Kaum hatte er das gesagt, kamen aus allen Ecken die anderen Milchmädchen gerannt und stellten erst einmal fest, dass das zwar wieder ein Schritt in die richtige Richtung sei, aber eben auch wieder zu kurz, nicht radikal genug, und der Oberarbeitgeber Hundt hat sich flugs eine Statistik in die Tasche gesteckt und sie gleich darauf - wie der Zauberer sein Kaninchen - wieder herausgezogen und daraus vorgelesen, dass die Amerikaner durchschnittlich 2000 Stunden im Jahr arbeiten und die faulen Deutschen nur 1500 und dass wir das ändern müssten, wenn wir mindestens genauso gut werden wollten, wie die Amis und uns von dem Bush nicht bei jedem Krieg schuriegeln lassen wollten, wenn wir wieder einmal nicht genug Geld dafür haben. Also sollten wir sowieso viel mehr mehr arbeiten, viel mehr, als es der Wirtschaftsminister mit den paar wenigen Feiertagen, die es überhaupt noch gibt, jemals schaffen könnte. 2000 Stunden Jahresarbeitszeit brächten genug Wachstum, und man könnte auf die langweilige Feiertagsstreicherei verzichten, die ja schon deshalb problematisch wäre, weil ausgerechnet in dem Bundesland mit den meisten Feiertagen gleichzeitig und schon immer auch der beste Ministerpräsident regiert, von dem die Rede geht, dass es ihm schon immer egal war, wer unter ihm Kanzler oder Kanzlerin war, ist oder werden will und der von den gottlosen sozialistischen Plänen, Feiertage zu streichen, noch nie nichts wissen wollte.

 

Da kam der weise Rürup aus seinem Gestrüpp hervor und erklärte, das mit den Feiertagen sei gar nicht so schlimm, und man könne sie durchaus abschaffen, auch ohne sie zu streichen, weil, so rechnete er vor: Wenn die Lebensarbeitszeit von real 30 auf real 40 Jahre erhöht wird, was zwangsläufig passiert, wenn er das Rentenalter von 60 auf 70 Jahre anhebt, dann bekommt der Arbeiter in seinem Lifetimecycle doch ungefähr 120 Feiertage dazu und um das auszugleichen, könne man - ohne irgendjemandem etwas wegzunehmen - schon einmal drei Feiertage ersatzlos streichen und wenn man sechs Feiertage streichen müsste, um das Wachstum heraufzubeschwören, dann ließe sich das mit Rentenalter 80 durchaus wieder ausgleichen und alle Feiertage zu streichen sei bei Rentenalter 100 überhaupt kein Problem.

(Ein paar Tage später hat er das widerrufen. Wenn es gar keinen Feiertag mehr gäbe, war ihm eingefallen, würde auch seine Lifetimecycleprojection nicht mehr funktionieren, aber das hat dann niemand mehr so recht zur Kenntnis genommen.)

 

Denn der Superminister war ganz toll glücklich, dass das alles so gut funktioniert und dass er die Feiertage streichen kann ohne sie zu streichen, und dass er jetzt sagen kann, er müsse die Feiertage abbauen, um sie zu bewahren, weil der Rürup bewiesen hat, dass das mit den Feiertagen genauso ist, wie mit dem Sozialstaat der ja auch abgebaut werden muß, um ihn zu bewahren und vor allem hat er sich gefreut, dass die Angela gesagt hat, sein Schritt wiese in die richtige Richtung, wenn er ihr auch ein bisschen zu kurz sei, aber das stört ihn nicht, denn bis jetzt war der Angela noch jeder Schritt zu kurz. So hat der Superclement schnell eine Agenda 2011 geschrieben, damit der Kanzler sie im Bundestag und auf dem nächsten Sonderparteitag und auch auf dem Kirchentag aufsagen kann.

Da war der Kanzler vielleicht glücklich, dass er so einen tollen Minister hat und hat sich gleich eine Rede schreiben lassen, wo dann drin stand, dass er sich das von niemandem zerreden läßt und dass er das jetzt so macht und basta und sonst tritt er zurück.

Nur der Florian Gerster war ziemlich betrübt, denn der hat sich ausgerechnet, dass die ganze Vielarbeiterei nur dazu führt, dass das bisschen Arbeit, das noch da ist, von immer weniger Leuten gemacht werden muß, die immer älter werden und immer länger und immer noch mehr arbeiten und dass er dann zum Schluss, also wenn vielleicht 300 Tage statt 200 gearbeitet wird und wenn die Woche wieder sechzig Stunden hat, statt fünfundreißig, und wenn es nur noch zehn Tage Urlaub gibt, statt dreißig, dass er dann in Wahrheit wohl so um die 30 Millionen Arbeitslose hätte, eher noch ein paar Millionen mehr, und dass er die auch mit der schönsten Statistik nicht mehr wegrechnen könnte, weil man die einfach sehen würde, auf den Straßen.

Da haben ihn der Kanzler und der Hundt und der Rürup ausgelacht, und gesagt, dass er eigentlich viel zu viel verdient, um solche Milchmädchenrechnungen in die Welt zu setzen und dann hat ihm der Kanzler ganz jovial auf die Schulter geklopft und ihm eine Zigarre angeboten und gesagt: "Du machst das schon, Florian" und dann, an alle gewandt: "St. Florian wird's richten!"

 

Zum Nachrechnen:

Die Wirkung eines zusätzlichen Arbeitstages auf die Volkswirtschaft
(Streichung eines Feiertages)

 Tage pro Jahr    365
 abzüglich  52 Wochenenden  104
   Feiertage  ca. 12
   Urlaub  30
   Krank, Seminar etc.  15
 Arbeitstage pro Jahr    204
     
 34.000.000 abhängig Beschäftige  = Manntage  6.934.000.000
 Ein Arbeitstag zusätzlich (205)  = Beschäftigte  33.834.146
     
 Zusätzlich Arbeitslose    165.853
     


 Folgen  
   - Sinkende Binnennachfrage
   - Steigende Lohnnebenkosten
   - Steigender Bundeszuschuß zur Rentenversicherung
   - Steigender Zuschußbedarf der Arbeitslosenversicherung
   - Steuererhöhungen
   - Ausgabenkürzungen / Subventionsabbau
  - Sonstige Sparmaßnahmen 
   
   Im Endeffekt: Weiterer Verlust von Binnenkaufkraft


Nur für den Fall, dass die vom einzelnen Beschäftigten geforderte Mehrarbeit nicht bezahlt wird, wenn es also eine Arbeitszeitverlängerung ohne oder nur mit teilweisem Lohnausgleich gibt,

und

nur für den Fall, daß die überflüssigen, bezahlten Arbeitskräfte auch tatsächlich in nennenswertem Maße abgebaut werden können, also weder Löhne noch Lohnnebenkosten verursachen,

entsteht - auf der Arbeitgeberseite - eine Verteilungsmasse.

Diese kann

- zur Erhöhung der Gewinne (Investoren ins Land locken) und

- zur Senkung der Preise auf den Exportmärkten (nur dort kann das mehr erzeugte
Volumen, wenn überhaupt abgenommen werden, denn die Inlandskaufkraft sinkt!)

verwendet werden.

Nur von dem Teil des Verzichts, der ausländischen Abnehmern als Preisnachlass geboten wird, kann überhaupt ein Wachstumsimpuls ausgehen!

In vielen Fällen wird aber die durch Rabattierung erreichbare, zusätzliche Nachfrage auf der Exportmärkte nicht ausreichen, um den durch den Rabatt verlorenen Gewinn über die Masse, den Mehrumsatz, wieder auszugleichen. Die ganze Aktion dient also primär der Umverteilung von unten nach oben, was in unserem Wirtschaftssystem inzwischen von allen Verantwortlichen stillschweigend als Prämisse für Wachstum akzeptiert und im Handeln befolgt wird, genauso wie ein Wachstum von mindestens 2% jährlich als Prämisse für Wohlstand und Vollbeschäftigung - inzwischen auch von den Grünen - widerspruchslos akzeptiert und gefordert/gefördert wird.

Jene astronomischen Zahlen, die sich aus dem so viel beschworenen, unbedingt notwendigen Wachstum in exponentiellem Verlauf tatsächlich ergeben, werden von den Reformeiferern ignoriert und als Milchmädchenrechnungen abgetan. Vielleicht, weil sie genau wissen, dass mit Hartz und Rürup und mit der Agenda 2010 ausschließlich Maßnahmen in die Welt gesetzt werden, die zu einer Minderung der Binnennachfrage führen und dass außer den Vermögen der Superreichen nichts wachsen wird, schon gar nicht exponentiell.

Sicher ist nur, dass ebenfalls nicht bedacht wird, dass der Rückgang der Binnenkaufkraft weit über die geplanten Kürzungen im Bundeshaushalt und in den Sozialkassen hinausreichen wird. Geld, das nicht ausgegeben wird, fehlt nämlich - entgegen einem weit verbreiteten Irrtum - nicht nur einmal. Was beim ersten Empfänger nicht ankommt, kann von diesem auch nicht an den zweiten, vom diesem nicht an einen dritten weitergegeben werden.

Ein Phänomen, das nur der versteht, der in der Lage ist, auch einmal über den eigenen Geldbeutel hinauszudenken.


a


* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg



Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
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Das war der Fehler, nichts als ein Komma,
kommt bei so großen Zahlen schon mal vor, aber wenn man bedenkt, daß deswegen jetzt drei Feiertage gestrichen werden sollen, obwohl schon einer reichen würde, um den Effekt zu erreichen, dann könnt's schon fast wieder Absicht gewesen sein. Ist schon ein ganz ein ausgeschlafener, der Clement!
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