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Das Maß der unzumutbaren Forderungen ist voll
Erinnerungen an Dostojewski

von Egon W. Kreutzer
am 17. Juni 2003



Der Idiot

Dostojewski hat mit dem Fürsten Myschkin die Figur des naiv-freundlichen, uneigennützig-hilfswilligen Gutmenschen in die Welt gesetzt, und das daraus entstandene Buch treffsicher nach der Hauptfigur benannt: Der Idiot.

Die Politik unserer Tage unterscheidet sich in ihren Erklärungen und Forderungen, ihren Argumenten und Versprechungen kaum von jener Gesellschaft, von der Fürst Myschkin umgeben war. Einer Gesellschaft, die erkannt hatte, wie leicht er auszunützen war und nicht zögerte, davon Gebrauch zu machen. Der Unterschied liegt höchstens darin, dass man heute versucht, das ganze Volk zu myschkinisieren.

Ob Clement laut darüber nachdenkt, die Feiertage zu streichen, weil ihm das Münchner Institut für Wirtschaftsforschung ausgerechnet hat, dass schon die Streichung auch nur eines bezahlten Feiertages der Volkswirtschaft 3,5 Milliarden Euro einbrächte, oder ob Friedrich Merz ausgerechnet am 17. Juni im ARD/ZDF-Morgenmagazin fordert, die Tarifautonomie und das Streikrecht auf ein gefälliges Maß zurechtzustutzen, um die Gewerkschafter daran zu hindern mit ihren unzeitgemäßen Rechten auch noch den letzten Standortvorteil wegzustreiken, beide, Clement und Merz zeigen dem Gutmenschen, wie er durch Verzicht und Anstrengung, mit mehr Arbeit und weniger Geld die Probleme lösen könnte und sie werden nicht müde, ihm dafür die Arbeitsplätze vom Himmel herunter zu versprechen.

Der Minister sagt auch, dass der Streik um die 35-Stunden-Woche ein Konflikt zur falschen Zeit am völlig falschen Ort sei und er lässt durchblicken, dass sich aus jeder zusätzlichen Stunde vertraglich vereinbarter Wochenarbeitszeit, aus jedem Jahr der Verlängerung der Lebensarbeitszeit, ein paar hunderttausend Arbeitsplätze schaffen ließen, wollten die Arbeiter und ihre Gewerkschaften das nur endlich einsehen und nicht länger ihre vermeintlichen Rechte durchsetzen wollen. Freiwillig möge sich der Gutmensch die Zwangsjacke anlegen lassen und auf alle Rechte, Ansprüche und Besitzstände verzichten, damit hülfe er sich und dem Land am meisten.

Dass gleichzeitig noch an vielen anderen Stellen eifrig erklärt wird, das Geld sei zu Ende, das Volk hätte über seine Verhältnisse gelebt, die alten Strukturen müssten zerschlagen werden, nur konsequentes Nichthelfen öffne den Sozialschmarotzern den Weg zur gebotenen Selbstverantwortung, würde die wahren Gutmenschen wohl selbst dann noch nicht beirren, wenn sie morgen schon auf allen Märkten öffentlich als Sklaven feilgeboten würden. So das Kalkül.

Und um das Spiel auch wirklich voll und ganz idiotensicher zu gestalten, wird demnächst ein 'Netzwerk für Arbeit' mit ganzseitigen Zeitungsanzeigen unübersehbar auf geduldigem Papier demonstrieren, dass man vor nichts zurückschreckt, kein Mittel scheut, wenn es gilt, den Gutmenschen zu überzeugen, man würde wirklich gerne Arbeit schaffen wollen, gäbe er nur endlich noch sein letztes Hemd dafür.

Dostojewski hätte seine Freude daran gehabt.

Und hätte er seinen Idioten in unseren Tagen geschrieben, den Hinweis darauf, dass die Vermögenssteuer abgeschafft und die Besteuerung von Zinserträgen gemindert werden konnte, weil der gemeine deutsche Gutmensch so viel Einsicht zeigte, hätt' er sich sicher nicht verkniffen, er hätte allerdings "Idiot" gesagt.

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