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Fahrendes Volk

Löwenbändiger und Feuerschlucker, Spaßmacher und Kunstreiter, Messerwerfer und Zauberkünstler - willkommene Abwechslung, sprudelnder Quell künftiger Erinnerungen, glitzernde Kostüme im Scheinwerferlicht, Angst um die Elfe am Trapez und dann Applaus, Applaus, Applaus.

Am Morgen danach schleppt sich der Tross von Zugmaschinen und Wagen durch die noch leeren Straßen zum Verladebahnhof.

Es ist die vollendete Abfolge von Ankündigung, Vorfreude, Höhepunkt und Abschied, die gleichzeitige Ansprache aller Sinne und das virtuose Spiel mit den Emotionen, was den Zirkus als "Live-Event" so unnachahmlich und anziehend macht.

 

Nun hat man uns die Road-Show versprochen.

Der Truck, chromblitzendes Symbol von Kraft, Stolz und männlicher Schönheit wird Zelt und Wagen, Manegenrund und Logenplatz zugleich, weckt Erinnerung an Country-Gesang und Lagerfeuer, Mustangs und Marlboro-Reklame.

Sechskommaeins Millionen Profis werden nach dem Volkstrauertag, nach Allerheiligen und Allerseelen auf nebligen Volksfestplätzen stehen müssen und darauf warten, daß der große Truck mit seinen vielen bunten Lichtern sich aus dem Nebel löst, daß der schwere Diesel verstummt und sich der Aufbau, von verborgenen hydraulischen Maschinen bewegt - wie von Geisterhand - in jene Bühne verwandelt, von der aus Gerd, Peter und Wolfgang, der Kanzler, sein Prophet und ihr Minister, verkünden werden, wie toll ES werden soll.

Wer hingeht, ist selbst schuld.

Denn anders, als beim Zirkus, der für das Eintrittsgeld auch hält, was er verspricht, wird es auf dieser Bühne keinen Kraftakt zu bestaunen geben. Kein Kanzler wird Kraft seines Amtes vor staunendem Volk auch nur einen Arbeitsplatz schaffen, kein Hartz wird sich den Gürtel enger schnallen, weil er sich, dem Volke Beispiel gebend, schon den dritten Tag in Folge auf Sozialhilfe-Niveau ernährt, kein Clement wird antreten und Wachstum aus dem Zylinder zaubern, wie Karnickel.

Nein.

Nichts von alledem.

Wer hingeht, wird geweiht zum Missionar und darf und soll und muß von nun an selbst verkünden, wie toll ES werden wird.

So einfach ist das.

Lieber Bundeskanzler,

bitte, ersparen Sie uns die Roadshow.

Das Guidomobil war genug. Die Durchsetzung der Pläne der Hartz Kommission sollte, wenn sie sich schon nicht mehr vermeiden läßt, ohne großes Larifari und ohne den Tusch der Zirkuskapelle möglich sein.

Sorgen Sie lieber dafür, daß es in der Umsetzung nicht zu den befürchteten Auswüchsen, nicht zur Einführung der Zwangs-Leiharbeit, nicht zur völligen Aufhebung des Arbeits-"Marktes" kommt, weil ein unerschöpfliches staatliches Dumping-Angebot zwangsverpflichteter Arbeitsloser das Spiel von Angebot und Nachfrage, die Tarifautonomie und die bestehenden Tarifverträge aushebelt.

Denken Sie bitte auch daran, daß Ihr Beispiel Nachahmer finden wird und ersparen Sie uns mit dem Verzicht auf die Roadshow schon jetzt das zweifelhafte Vergnügen, Abend für Abend in der Tagesschau den Merz&Merkel Truck auf seiner Revanche-Tour durch die neuen Länder erleben zu müssen.

Politik muß nicht todernst und langweilig sein, aber sie sollte nie aufhören, sich in ihrer Präsentation von der Scheinwelt der Gaukler und Komödianten, der Clowns und Drahtseilartisten erkennbar zu unterscheiden.

Ich bin, nur um das klarzustellen, sehr glücklich, daß Rot-Grün die Wahl gewonnen hat. Ich bin froh, daß Sie weiterhin Kanzler der Bundesrepublik Deutschland sind und ich wünsche mir, daß meine Kritik dazu beitragen kann, den Erfolg Ihres politischen Handelns, den Erfolg der Regierungskoalition zu vergrößern.

 

Ihr
Egon W. Kreutzer

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