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Heiliger Hartz!

Peter Hartz erklärt:
Kommissionsbericht = "Bibel für den Arbeitsmarkt"


ein polemischer Kommentar von Egon W. Kreutzer
(02.10.2002)

Es fällt schwer, ernst zu bleiben, wenn Peter Hartz jetzt vollends abhebt und seinen Kommissionsbericht zur "Bibel" für den Arbeitsmarkt erklärt. Das jedenfalls berichtet die "Netzeitung", die sich ihrerseits auf einen Artikel des "Stern" beruft, in einer Meldung vom 1. Oktober,

Im Nachhinein offenbart sich uns jetzt: Die Einordnung des Kommissionsberichtes in den Rang einer Heiligen Schrift steht in völligem Einklang mit der pompösen Verkündigungszeremonie im geweihten Raum des französischen Doms zu Berlin. Ohne jeden Zweifel kehrt in unseren Tagen das Sakrale zurück in die Niederungen der einst so profanen Politik, die von einigen wenigen ersehnte Wiedervereinigung von Staat und Kirche scheint unmittelbar bevorzustehen.

Doch der Normalbürger, dem seit der Zeit der Aufklärung nach und nach jeglicher Sinn für's Übersinnliche abhanden gekommen ist - von rudimentären Formen der Horoskop- und Wundergläubigkeit einmal abgesehen, steht dem beinahe schon blasphemischen Übermut eines Peter Hartz rat- und fassungslos gegenüber Es kann doch wohl nicht angehen, daß wir, die wir weder an Parteiprogramme noch an Wahlprognosen glauben, jetzt ausgerechnet bei Androhung von Fegefeuer und Höllenqualen an einen Kommissionsbericht glauben müssen? Oder vielleicht doch? Wandelt sich Deutschland schon wieder? Ist die immer noch junge Bundesrepublik mit ihrer parlamentarischen Demokratie schon dabei, in einer nächsten Stufe der Metamorphose die Erscheinungsform einer Religionsgemeinschaft oder eines Gottesstaates anzunehmen? Ist Peter Hartz in Wahrheit Prophet, Oberpriester und Großinquisitor zugleich?

Ist es nicht verwunderlich, daß ein so fanatischer Buchstabenglaube, wie er in dem Hartz'schen Anspruch aufscheint, sein Kommissionsbericht sei die unteilbare Wahrheit, ein in sich geschlossenes Gedankengebäude, ein Konzept, das nur dann die gewünschten Ergebnisse bringen könne, wenn es schnell, vollständig und buchstabengetreu (eins zu eins) zur Umsetzung gelange, sonst nur bei den Anhängern fundamentalistischer Glaubenslehren zu finden ist?

Mir scheint, der deutsche Arbeitsmarkt hätte ein robusteres Vehikel verdient, als diese dreizehn Module, die nach den Worten ihres Schöpfers schon dann nutz- und wirkungslos verpuffen, wenn auch nur eines der fragilen Glieder geringfügig verändert würde.

Es scheint leider tatsächlich ein Phänomen unserer Zeit zu sein, daß sich Politik immer mehr vom rationalen Kern der Probleme entfernt und versucht, das tumbe Volk mit mythisch-mystischer Emotionalisierung für ihre Ziele einzuspannen. So wie im fernen Amerika George W. Bush begonnen hat, seinen Kampf gegen das irrationale "Böse" zu führen, wird nun hierzulande eine neue Glaubenslehre zum Heil des Arbeitsmarktes verkündet und gegen jeglichen Widerspruch vehement verteidigt. Sogar der gewählte weltliche Kanzler, den ich ansonsten übrigens sehr schätze, will eher jeglichen Widerstand brechen (was irgendwie nach Anwendung von Gewalt gegen Ketzer klingt), als sich in seinem festen Glauben an die Hartz-Bibel durch kritische Gedanken erschüttern zu lassen.

Es wird wohl nicht mehr lange dauern und man wird uns, um uns völlig zu überzeugen, in einem nächsten Schritt der Heilsverkündigung die ersten geheimen Berichte über das Geschehen der Offenbarung zukommen lassen - wie da, in einer tiefschwarzen Kommissionsnacht, als alles Hoffen und Ringen um eine Lösung längst aussichtslos und vergeblich erschien, plötzlich im sanften Schimmer des göttlichen Lichtes 13 in Stein gemeißelte Tafeln im Sitzungssaal auftauchten, die sogenannten Module. Der göttliche Wille hatte sich manifestiert, brauchte jetzt nur noch abgeschrieben, vervielfältigt und dem Volk verkündet werden.

Aber daneben muß noch etwas geschehen sein, denn Peter Hartz stößt uns bei fast jeder Einlassung auf ein weiteres, tiefes dunkles Geheimnis, dem er den Namen "Projektkoalition aller Profis der Nation" gegeben hat.

Diese Projektkoalition aller Profis der Nation, die wäre, neben der buchstabengetreuen eins zu eins Umsetzung des Gesamtkonzeptes die zweite Voraussetzung für das Gelingen, die "Arbeitslosenzahl" bis zum 30 Juni 2005 um zwei Millionen senken zu können.

Was kann Hartz damit meinen? Wen kann Hartz damit meinen?

Nun, Amateure meint er nicht. Profi ist schließlich nur, wer etwas beruflich, gewerbsmäßig, um des Geldes willen tut. Alle "Professionellen" der Nation zu einer Koalition zusammenzuführen, um ein Projekt voranzutreiben, das ist - nimmt man auch diesen Anspruch so wörtlich, wie Hartz ansonsten wörtlich ernst genommen werden will - eine unlösbare Aufgabe im Range der Quadratur des Kreises. Das ist nämlich, um den Gedanken zu illustrieren, nicht mehr und nicht weniger als die Forderung an jedermann, das demokratische Ringen um den besten Weg aufzugeben und sich, unabhängig von der eigenen Meinung, gläubig dienend dem unterzuordnen, was, von wem auch immer, als Wahrheit und einziger Heilsweg verkündet wird. Um solche Forderungen zu legitimieren, sind Bibel und Dom als bewährte Requisiten gerade recht, doch auch selbst die Kirche hat es nie geschafft, ihre inneren Kritiker vollständig zu überzeugen. Wie also sollte eine solche Koalition aller Profis der Nation jemals gelingen?

Wahrscheinlicher ist es daher, daß Hartz wieder einmal nur die Profis meint, die auch bisher schon mitgeholfen haben, den Bericht in die Welt zu setzen. Und weil diese Profis gewerbsmäßig und für Geld arbeiten, taucht eine Frage auf, die meines Wissens bisher öffentlich noch gar nicht erörtert wurde:

Was hat die Arbeit der Hartz-Kommission eigentlich gekostet und wer hat bezahlt?
Oder war es vielleicht wie bei den Amateuren? Nicht vergebens, aber umsonst.

Mehr über die Zusammenhänge des (globalen) Wirtschaftens erfahren Sie in
>>Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band II
<<
von Egon W. Kreutzer
.............unbedingt lesenswert!

Eigendruck, Selbstverlag

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