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Siemens opfert weitere
2300 Mitarbeiter

Ein Kommentar von Egon W. Kreutzer


Ja, Sie haben richtig gelesen.

Siemens opfert 2300 Mitarbeiter, alleine in München, nur am Standort München Hofmannstraße.

Die Firmenleitung spricht von Notwendigkeiten. Die Öffentlichkeit hat sich an den Terminus "Stellenabbau" gewöhnt und nimmt die Meldungen so gelassen hin, als handle es sich beim Stellenabbau um einen natürlichenVorgang, vergleichbar mit dem Braunkohlenabbau in der Lausitz, gegen den zwar auch immer wieder von Umweltfanatikern gewettert wird, der aber doch trotzdem unter dem Strich gut sein muß, für den Standort Deutschland.

Auch Nina Bovensiepen kommt in der SZ-Kolumne "Firmen des Tages" zu dem Schluß, die Belegschaft sollte zufrieden sein, daß nicht noch mehr Menschen auf die Straße gesetzt werden. Niemand macht sich noch ernsthaft die Mühe, nachzurechnen:

2.300 Mitarbeiter dieser Güteklasse bedeuten ungefähr einen Kaufkraft-Ausfall von jährlich rund 180 Millionen Euro. Davon fehlen rund 90 Millionen Euro als Netto-Löhne und Gehälter in den Händen der Mitarbeiter, 50 Millionen Euro entfallen bei den Sozialversicherungsbeiträgen, die per Umverteilung sofort wieder für den Unterhalt von Rentnern, Arbeitslosen und Kranken sowie zur Finanzierung der Leistungen des Gesundheitswesens gebraucht würden und außerdem spart sich Siemens noch rund 40 Millionen Euro Lohnsteuer, die dem Staat zufließen sollten, damit dieser seine Aufgaben wahrnehmen, Beamte und Angestellte bezahlen kann.

Außerdem muß daran erinnert werden, daß diese 180 Millionen Euro im weiteren Geldumlauf fehlen; daß die Entlassenen, der Staat und die Sozialkassen genau diesen Betrag irgendwie und irgendwo einsparen müssen, denn die 180 Millionen fehlen nicht nur einmal, auch in den Kassen des Einzelhandels und der Dienstleister wird ein Loch aufgerissen, usw., usw.

Die Herren von Siemens berufen sich nun auf wirtschaftliche Notwendigkeiten.
In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres seien im betroffenen Geschäftsbereich Verluste in Höhe von 366 Millionen Euro entstanden. Darauf müsse man reagieren.

Hoch lebe die Kurzsichtigkeit, das Denken in immer kürzeren Abrechnungsperioden in immer kleineren Profit-Centern.

Ein Weltkonzern wie Siemens, der sich erst seit kurzem auch Global-Player nennen läßt, obwohl er seit einem Jahrhundert erfolgreich weltweit tätig ist, sollte einen Ertragseinbruch in einer Sparte, die jahrzehntelang der Goldesel des Konzerns war, leicht verkraften können. Doch die Zeiten, als man den Aktionären (Anm. für die jüngerern Leser: So hießen shareholder früher) Jahr für Jahr und ohne mit der Wimper zu zucken eine Dividende von 8 DM pro 100 DM Aktie ausschüttete und die Gewinne ansonsten zur Stärkung des Unternehmens, zur Förderung langfristiger Entwicklungen, zur Überbrückung partieller Schwierigkeiten verwandte, sind vorbei.

Daß von den 2.300 Betroffenen eine erhebliche Zahl in der Vergangenheit ganz wesentlich zu exorbitanten Gewinnen des Konzerns beigetragen hat, ist vergessen. Es zählt nur noch das Hier, das Jetzt, das Heute. Mitarbeiter, denen bei der Einstellung noch das Hohe Lied von Firmentreue und Loyalität gesungen wurde, haben längst das Vertrauen verloren und stehen immer öfter und immer schneller auf der Straße. Der Ertragseinbruch im Berichtsquartal rechtfertigt Stellenstreichungen und Entlassungen.

Ein Arzt, der seinen Patienten bei einem Schnupfen zur Entfernung der Nasenschleimhäute rät, der aus einer Bronchitis die Notwendigkeit der Amputation beider Lungen ableitet und jedem, der seinen Auffassungen widerspricht, wegen gefährlicher Renitenz das Gehirn mit Salzsäure verödet, würde wahrscheinlich nach einer Weile des irrwitzigen Praktizierens aus der Kassenärztlichen Vereinigung ausgeschlossen und sich später vor einem ordentlichen Gericht anhören müssen, was der Gutachter von seiner Zurechnungsfähigkeit hält.

Mehr über die Zusammenhänge des (globalen) Wirtschaftens erfahren Sie in
>>Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band II
<<
von Egon W. Kreutzer
.............unbedingt lesenswert!

Eigendruck, Selbstverlag

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Doch Manager, deren Horizont am nächsten Quartalsergebnis der Unterabteilung xyz aprubt endet, deren große Vision einzig daraus besteht, für das laufende Geschäftsjahr noch einmal eine fette Dividende für die shareholder aus dem Geschäft herausquetschen zu können, werden dafür nicht zur Verantwortung gezogen, im Gegenteil: Jeder, der es wagt, sich gegen den Strom zu stellen, wird unerbittlich weggespült, weil sich das Unternehmen selbst, auch wenn es in Wahrheit nicht saniert, sondern geplündert werden sollte, nicht wehren kann und wie ein hilfloses Mündel der Willkür seines Vormundes solange ausgeliefert ist, bis sich in der engagierten Öffentlichkeit ein ausreichend großer Widerstand formiert.

Werner von Siemens, der Männern wie Pribilla und Ganswindt meiner Einschätzung nach längst Einhalt geboten hätte, kann seinen Protest nur noch dadurch artikulieren, daß er die Geschwindigkeit, mit der er im Grabe rotiert, noch einmal erhöht. Es wird aber wieder keiner bemerken.

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