Impressum
 Home alle Kommentare alle Leserbriefe  Stichwortsuche  Einmischen 
Operette, Operette

ein satirischer Kommentar von Egon W. Kreutzer

Dubiose Machtverhältnisse, hochverschuldeter Adel, protzige Fantasieuniformen und Champagner in Strömen - noch vor 25 Jahren führte das im Spiegel feuilletonistischer Aufarbeitung unweigerlich zu dem wenig schmeichelhaften Etikett: "Operettenrepublik".

Nachdem sich die Uniformen und die Machtverhältnisse, die Schulden und der Champagner nach Südamerika verflüchtigt hatten, wo es versäumt worden war, rechtzeitig in operettentaugliche Theater zu investieren, wurde die Banane, der Exportschlager jener Landstriche, zum neuen Symbol jener Synthese aus Geld, Unfähigkeit, Protektion und Ehrduselei erkoren, von der wir glaubten, sie durch Demokratisierung spätestens seit 1945 europaweit überwunden zu haben. Die "Bananenrepublik" setzte sich durch, während die Erinnerung an die "Operettenrepublik" verblasste.

Ein Blick in die heutige Ausgabe der Süddeutschen Zeitung (17.7.2002) läßt erschrecken. Die Verhältnisse haben uns wieder eingeholt.

Auf Seite 1 poltert Napoleon trunken und porzellanzerschlagend durchs Streiflicht, was den Leser mit einem Hauch von Heiterkeit auf die Ron-Sommer-Groteske einstimmt. Der strahlende Prinz, in geheimer Konferenz zum Rücktritt gezwungen, soll nicht nur dreieinhalb Milliarden Verlust in der eigenen Firma gemacht haben, sondern die ehrenhaften Gäste der renommiertesten Casinos der Welt mit gezinkten Karten und manipulierten Kesseln um mehr als 240 Milliarden gebracht und noch dazu einen Schuldenberg von 67 Milliarden Euro angehäuft haben. Kein Wunder, daß der Schurke gehen muß, doch letztlich bleibt er doch ein Ehrenmann. Warum soll er denn das verabredete Salär nicht mehr erhalten?

7,5 Millionen Euro, das ist die Geste, aus der wahrer Adel spricht, und natürlich auch die Hoffnung, im Zweifelsfalle selbst einmal nicht ganz ohne Handgeld davongejagt zu werden.

Immer noch auf Seite 1 setzt dann der Astrologe finster dräuendes Unheil an den Himmel, läßt sauriervernichtende Asteroiden im Gedankenexperiment erneut die Erde treffen und macht damit so richtig klar, wie wenig wir doch gegen die Mächte des Universums und des Schicksals und der Futtermittelpanscher tun können. Ja, die Futtermittelpanscher kommen dann auch noch auf Seite 1 und zeigen uns, in einem Aufzug, ganz drastisch das Possenspiel von dümmlichen Negativlistenverordnern, hilflosen Kontrolleuren und tölpelhaften Schergen, die dem Bösen stets nachhecheln, doch es nie erreichen können, weil, wie schon Platon wußte: "... der Tugendhafte sich begnügt zu träumen, von dem was der Böse im Leben verwirklicht".

Also was soll's? Trink, trink Brüderlein trink! Glykol macht doch nur süß, BSE macht doch nur blöd und MPA doch höchstens impotent und Nitrofen, Nitrofen? Wer denkt denn noch an Nitrofen? Was ist das alles gegen die ständig drohende Gefahr leibhaftiger Asteroiden, die wir ja auch immer erst bemerken, wenn es, im Zweifelsfall, zu spät gewesen wäre?

Schurken, Schulden und Schaumwein, alles auf Seite 1 versammelt, nur die Schönheit fehlt noch im Ensemble. Bitte umblättern: Bis Seite 5.

"Glücksgefühl im Elysée"; Ehre, Orden, Uniformen. Der kantige Kandidat wird in schönstem Vierfarbdruck zum Kommandeur der Ehrenlegion und Katharina, die Reiche, will den Segen der Kirche. Nicht für die bösen Homosexuellen, nein, nur für sich und ihr sich wandelndes Familienideal, damit der Kommandeur der Ehrenlegion sich ihretwegen nicht länger von Bischöfen und Kardinälen schurigeln lassen muß.

Was jetzt noch fehlt, sind ein paar Takte Lehar,
das langsame Verlöschen der Beleuchtung,
und lautstark einsetzende, tumultöse Ouvertürentöne aus dem Orchestergraben.

Dann sind wir sind wieder da, wo wir angefangen haben.

Operette, Operette ....

zurück