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Einsicht?

Fehlanzeige!

 

Ein Kommentar von Egon W. Kreutzer

 

Es war früher einmal ein Zeichen von Charakter, wenn der Unterlegene einer Abstimmung, der Verlierer eines Rechtsstreites, oder auch nur derjenige, der auf das falsche Pferd gesetzt hatte dies nach der Entscheidung zur Kenntnis nahm und akzeptierte.

Es galt früher einmal als ein Zeichen von Ehrlosigkeit, wenn jemand seine Fehler nicht einsehen, seine Schuld nicht bekennen, seine Ehrenschulden nicht bezahlen wollte.

Die Zeiten haben sich geändert.

An zwei Beispielen, die zufällig gleichzeitig im Aufmerksamkeitsfenster der Medien aufscheinen, läßt sich belegen, daß heute das schamlose Lügen und Betrügen, das ganz ungenierte Festhalten an Pfründen und Vorteilen, der Einsatz von Machtmitteln gegen Rechtspositionen wieder gesellschaftsfähig geworden ist.

Da schwor man 1991 heilige Eide, den Mehrweganteil für Getränkeverpackungen nicht unter 72% sinken zu lassen und heuchelte, andernfalls wolle man sich einem Zwangspfand auf Dosen und andere Einwegbehälter für Flüssiges unterwerfen.

Da beschwört man in den Parlamenten unüberhörbar den Willen zu brutalstmöglicher Aufklärung, verlangt in schneewittchenhafter Unschuld nach schärferen und eindeutigeren Bestimmungen im Parteiengesetz und wenn dann nach dem Geist und dem Buchstaben des Parteiengesetzes ein Urteil gesprochen, eine Strafe verhängt wird, dann ist die Empörung groß, dann gibt man öffentlich die ungerecht behandelte Unschuld.

Die veröffentlichte Meinung gibt je nach politischer Färbung ihre ab- oder aufwiegelnden Kommentare dazu ab und drei Tage später geht die Republik wieder zur Tagesordnung über.

Die jämmerlichen Verlierer ziehen vor die nächste Instanz und hoffen dort auf Recht oder sie warten auf den Ausgang der nächsten Wahl, weil die neue Regierung anders entscheiden, das neue Parlament Gesetze ändern könnte. Hauptsache, der eigene Besitzstand bleibt gewahrt. Man wäre ja doch wohl blöd, würde man sich in der Nutzung seiner Möglichkeiten freiwillig beschränken, die Optionen nicht bis zum Letzten ausschöpfen.

Ist das die gesellschaftliche Verfassung, nach der wir uns schon immer gesehnt haben? Sind wir nun endlich frei von diesen heroisch-aufrechten Vorbildern, an denen zu messen uns immer schwer fiel? Hilft uns dieser neue Verhaltenskodex, unsere leicht frisierte Steuerklärung endlich auch ohne Skrupel und Gewissensbisse abzugeben, die Zahlung aus dem kleinen Versicherungsbetrug als selbstverständlichen Lohn unserer Cleverness anzusehen? Werden wir dahin kommen, daß, falls wir überhaupt noch etwas zu bereuen haben, wir allenfalls bereuen, am Bau unserer kommunalen Müllverbrennungsanlage nicht genug verdient zu haben?
Ein so schwerwiegendes Versäumnis, daß unsere Unfallflucht nach dem Zusammenstoß mit dem kleinen Mädchen auf dem Zebrastreifen vor der Schule dagegen zum verzeihlichen Kavaliersdelikt schrumpft?

Ich denke, so beginnt die Anarchie.

Eine Anarchie, in der wir uns bald nach jenen Zeiten zurücksehnen werden, in denen die Chaostage in Hannover das Anarchischste waren, was diese Republik zu bieten hatte.

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