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Die politische Instrumentalisierung des Nitrofen Skandals

ein Kommentar von Egon W. Kreutzer

Es kommt, wie immer "nach und nach", heraus, daß ein Herbizid mit dem schönen Namen Nitrofen seit geraumer Zeit zum nachgewiesenen Bestandteil der Nahrungskette geworden ist.
Es hilft nichts, jetzt festzustellen, daß die Anwendung von Nitrofen seit einem Jahrzehnt in der EU verboten ist, genausowenig wie es hilft, sich mit dem Acrylamid-Skandal zu trösten, der - man könnte an Absicht glauben - so pünktlich zur Veröffentlichung kam, wie es nützlich war, um den Teufel Nitrofen mit dem Beelzebub Acrylamid aus dem öffentlichen Kurzzeitgedächtnis zu vertreiben.

Wir alle haben vermutlich im Laufe der letzten 6 Monate einige Milligramm Nitrofen in uns aufgenommen und damit an der preiswertesten Variante der Sondermüllentsorgung: "der Verdünnung durch Verfütterung", ohne unser Wissen emsig mitgearbeitet. Dummerweise ist das Nitrofen gerade da entdeckt worden, wo es auf keinen Fall hätte entdeckt werden sollen, nämlich im vermeintlich gesunden Biotop der Bio- und Öko-Fabrikanten.

Als Renate Künast, vom BSE-Skandal betroffen, die Erhöhung des Anteils der Bio- und Öko-Produkte in der Nahrungsmittelversorgung auf die Fahnen ihres Ministeriums schrieb, schwebte ihr, in grüner Hoffnung wohl vor, daß ein Wandel zur regionalen Versorgung in bäuerlichen Strukturen mit freilaufenden Hühnern, mit der Rückkehr zum Wechsel zwischen Frucht und Brache auf den Feldern, mit dem weitgehenden Verzicht auf Insekti-, Herbi- und Fungizide und dem Verkauf auf Bauernmärkten jetzt in die Wege geleitet werden könnte.

Ein schöner Traum, aus dem es in diesen Tagen ein jähes Erwachen gab, gekrönt von der Virtuosität der schnellen Meinungswechsel des Herrn Sonnleitner, der sich einmal zum aufrichtigsten Anführer aller Bio- und Ökobauern seit 1949 ausruft und deren schweren Imageschaden beklagt und der in der nächsten Talkshow ganz befriedigt mitteilt, es seien nicht "seine" Bauern gewesen, die vom Nitrofen Skandal betroffen waren, sondern die Öko-Freaks, denen noch nie zu trauen war.

Das konservative Lager der Politiker schart sich locker um den Bauernverband und reklamiert, Renate Künast habe ihr Ministerium nicht im Griff, hätte Versäumnisse in den Kontrollen und den Meldepflichten persönlich zu verantworten und solle daher die Konsequenzen ziehen.

Die SPD glaubt, Nitrofen sei alleine die Angelegenheit des kleinen Koalitionspartners und äußert sich praktisch nicht und Frau Künast hat inzwischen gelernt, daß man Skandale am Besten dadurch übersteht, daß man sie kleinredet, gleichzeitig brutalstmöglich aufklären läßt (Task-Force) und im Übrigen darauf verweist, welche Erfolge man denn sonst so vorweisen könne und daß es ja kein Öko-Problem sei, sondern ein Problem der gesamten Landwirtschaft, nur daß außerhalb von Öko eben niemand kontrolliere.

Nitrofen wird in ein paar Wochen vollständig aus dem Bewußtsein verschwunden sein, weil niemand dazu mehr beiträgt, als das, was inzwischen zum Ritual gehört: Empörung, Schuldzuweisung und Verharmlosung.

Die politische Instrumentalisierung des Skandals findet also, trotz aller Aufgeregtheiten nicht statt, man wird ein paar Verbesserungen bei den Meldepflichten schaffen und vielleicht die Furcht der Meldepflichtigen vor Schadensersatzansprüchen von "Gemeldeten" mindern, aber nichts an den Strukturen ändern, die die planmäßige Vergiftung unserer Nahrungs- und Lebensgrundlagen nicht verhindern und zur Fahrlässigkeit geradezu einladen.

Wir bräuchten uns nicht erst von Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf (5. Juni 2002, ARD-ZDF Frühstücksfernsehen) sagen zu lassen daß in der Landwirtschaft, speziell in der Futtermittelindustrie "mafiöse" Strukturen vorhanden sind, die sich gegen jegliche Beschneidung ihrer profitablen Geschäfte mit allen Mitteln zur Wehr setzen, wenn wir öfter etwas genauer zuhören, etwas intensiver nachfragen würden.

Die Frage ist doch nur, ob wir - respektive unsere gewählten Vertreter - noch den Willen und den Mut haben, wirklich einzuschreiten.
Warum sind die Strafen für die "Getreidevergifter", sollten sie jemals ermittelt werden können, voraussichtlich aus der Portokasse zu zahlen? Warum wird ein in ein paar Jahren an Krebs erkrankter Nitrofenkonsument keine Chance haben, seine Krankheit und den Verzehr nitrofenverseuchter Putenschnitzel in einen haftungsrechtlich relevanten Zusammenhang zu bringen? Weil unser Recht diesen Formen des Verbrechens nicht gewachsen ist und starke Interessen es bis heute verhindern konnten, daß außer oberflächlichem Kurieren an Symptomen keine entscheidenden Fortschritte im Verbraucherschutz erreicht werden konnten.

Warum führen wir nicht in der Strafverfolgung das Regreßprinzip ein?

Wenn das Gewerbeaufsichtsamt im Brot des Bäckers X zu viel Nitrofen entdeckt, wird die Bäckerei geschlossen. Vom Gericht wird dann das Privatvermögen des Bäckers eingezogen und der Bäcker und alle seine Angestellten zu mindestens zehn Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Es liegt am Bäcker, sich vom Vorwurf der fahrlässigen oder vorsätzlichen Vergiftung seiner Kunden reinzuwaschen, indem er auf seine Lieferanten und die mit den Lieferanten geschlossenen Verträge, deren Zusagen über die Qualtität, über Inhalts- und Zusatzstoffe, verweist. So ist die Kette schnell bis zum "faulen Glied" verfolgt und die Aufmerksamkeit und Vorsicht aller Beteiligten wird auf ein höchst erfreuliches Niveau ansteigen.

Solange Melde- und Dokumentationspflichten nur als bürokratisches Übel angesehen werden, das aus Marketinggesichtspunkten in Kauf genommen wird (das Öko-Siegel ist doch Marketing, oder?) werden die Skandale, auch mit den allerschönsten Meldewegen nicht abreißen. Erst wenn eine saubere Dokumentation im eigenen Interesse der Verantwortlichen liegt und eine begründete Furcht vor drakonischen Strafen besteht, werden sich die Verhältnisse wieder bessern. Fundis aller Grünen Landesverbände, vereinigt Euch! Hier liegt eine Aufgabe, für die es sich lohnt, beharrlich und intelligent gegen die Windmühlen der Lobbyisten anzurennen.

Mehr über die Zusammenhänge des (globalen) Wirtschaftens erfahren Sie in
>>Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band II
<<
von Egon W. Kreutzer
.............unbedingt lesenswert!

Eigendruck, Selbstverlag

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