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Sehr geehrte Damen und Herren von der Leserbriefredaktion der SZ,
Deutschland vergreist? Und ab wann ist ein Greis ein Greis?Das sog. "Hauptstadt-Gespräch" und die Berichterstattung darüber sind beängstigend.

Mit präsenilen Grüßen
Egon W. Kreutzer (53)

Schrobenhausener Str. 15
86556 Kühbach-Unterbernbach
fon 08257 990701 Fax 08257 990702 Mail EWKberater@knuut.de

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Generationengerechtigkeit?

Ein "Hauptstadt-Gespräch" hat stattgefunden, die FU Berlin, BMW und die SZ hatten gemeinsam eingeladen und die Politiker Koch und Steinbrück, die Unternehmerin Döttling, den Autor Illies und die Vordenker Bayer und Kluge, der eine von der Hanns-Seidel-Stiftung, der andere von McKinsey Deutschland auf das Podium geholt.
Wer den Bericht von Marc Beise und Andreas Hoffmann in der SZ vom 22. Mai 2003 zu Ende liest, merkt, dass das Hauptstadtgespräche nichts Neues hervorgebracht hat. Es waren die gleichen platten Weisheiten und zustimmungsfähigen Pauschalforderungen, wie wir sie von den Polit-Talks aller Kanäle zur Genüge kennen.

Trotzdem war auch diese Veranstaltung und die Berichterstattung darüber beileibe kein harmloses Kaffeekränzchen. Nein! Hier wurde Stimmung gemacht, ganz massiv Stimmung gemacht, gegen die Rechte der Älteren, Stimmung für die Ohren der Jungen, denen immer öfter gesagt wird, die Alten seien das Übel, der Störfaktor im sozialen Getriebe der Republik, es seien die Alten, die mit ihren Renten ihren Krankheits- und Pflegekosten ohne Rücksicht auf die jüngeren Generationen drauf und dran wären, die Republik in den Ruin zu treiben.

Volksverhetzung?

"Wenn in Deutschland die Alten erst die Mehrheit haben, ist nichts mehr gegen sie durchzusetzen."
Mit diesem Satz beginnt die Süddeutsche ihren Bericht über das Hauptstadtgespräch zum Thema Generationengerechtigkeit. Eigentlich sollte man Alfred Bayer von der Hanns-Seidel-Stiftung und Jürgen Kluge von McKinsey, weil sie sich solche und ähnliche Sätze ausdenken und jene, die solche Sätze verbreiten, wegen Beleidigung, Volksverhetzung und verfassungsfeindlicher Umtriebe, vielleicht sogar wegen Gründung einer kriminellen Vereinigung unter Anklage stellen. So ließe sich vielleicht abschließend klären, ob "Altsein" ein neu zu schaffender Diffamierungstatbestand ist, der als Ausnahme neben dem Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes seine eigenständige Berechtigung hat, so wie es von interessierter Seite schon seit einigen Jahren immer wieder suggeriert wird.

Doch unabhängig davon, ob vielleicht das Verfassungsgericht irgendwann in dieser Angelegenheit ein Urteil fällen sollte: Wichtig ist, was heute passiert, heute gedacht, heute veröffentlicht wird und wichtig ist, dass dem ein anderer, nachdenklicherer, besser recherchierter und weniger egoistischer Standpunkt entgegengestellt wird.

 

 

Wahrheiten?

Wer Generationengerechtigkeit sagt und seinen Vergleich nicht auf die Verhältnisse während der Lebenszeit der Generationen, sondern stattdessen auf die Verhältnisse zu einem frei gewählten Stichtag in völlig spekulativer Zukunft gründet, der sagt so wenig von der Wahrheit, daß er eigentlich auch gleich lügen könnte. Die deutsche Bevölkerung ist eine Gemeinschaft von Menschen aller Altersgruppen, die zu jedem Zeitpunkt ihres Bestehens unter den obwaltenden politischen sowie welt- und volkswirtschaftlichen Umständen versucht, sich als Gemeinschaft bestmöglich weiter zu entwickeln.

Zu allen Zeiten waren daher unproduktive Kinder ebenso zu versorgen, wie unproduktive Alte, zu allen Zeiten hatten die Berufstätigen aus ihrer Leistung auch jene mit zu versorgen, die ohne Beschäftigung waren, egal, ob es sich dabei nun um arme Arbeitslose oder um reiche Müßiggänger handelte. Kranke waren zu betreuen und Behinderte, Soldaten waren auszurüsten und Beamte zu alimentieren, egal, ob wir nun einen Nutzen davon hatten, oder ob wir uns von ihnen ausgebeutet fühlten.

Das wird auch in Zukunft so sein. Und weil die meisten Menschen, wenn sie Kindheit und Jugend hinter sich gelassen und wenn sie das Arbeitsleben überlebt haben, auch einmal Rentner und Rentnerinnen werden, weil sich also der grundsätzliche Ablauf des Lebens von Generation zu Generation wiederholt, ist es schon ein mutiges Unterfangen, so zu tun, als seien die heute Alten schon immer alt und würden es immer bleiben, während die heute Jungen auf ewig jung blieben und für alle Zeiten den immer gleichen Alten zur Fron verpflichtet seien.

Stellt man sich die Frage nach der Generationengerechtigkeit vor dem Hintergrund dieses Trivialwissens, und stellt man die Lebensumstände der einzelnen Geburtsjahrgänge gegenüber, dann wird die Forderung der Jungen nach Generationengerechtigkeit schnell zum Hohn. Doch Vorsicht! Der Witz dabei ist nämlich, dass diese Forderungen gar nicht von den Jungen kommen, abgesehen von wenigen professionellen Scharfmachern, wie Herrn Illies. Es sind nicht die Söhne und Töchter, nicht Enkel und Enkelinnen, es sind Arbeitgeberverbands-, Partei- und Ministerpräsidenten, Wirtschaftsweise und Großindustrielle, es sind die Apparatschiks in den Trägerorganisationen der Sozialkassen, die uns weismachen wollen, dass niedrigere Renten gut wären, für die Generationengerechtigkeit, genauso wie sie uns weismachen, weniger Kündigungsschutz schüfe Arbeitsplätze. Aber in Wahrheit wollen sie nichts anderes, als ihre eigenen Versäumnisse bemänteln und ihre eigenen, egoistischen Interessen durchsetzen, indem sie nun "Die Alten" als Feind und Sündenbock auf die Bühne hieven.

Wer heute 80 ist, hat die Weltwirtschaftskrise und die Naziherrschaft samt zweitem Weltkrieg erlebt und stand als 30-jähriger vor dem Trümmerhaufen Deutschland. Menschen mit vom Krieg zerstörten, durchbrochenen, verbogenen Lebensplänen, Menschen, die mit wenig, viele die mit garnichts dastanden und die es trotzdem unternommen haben, das Land mit bloßen Händen wieder aufzubauen.

Erst mit vierzig konnten sich die ersten von ihnen ein kleines Auto leisten. Ein Goggomobil, einen Lloyd, einen Käfer. Danach kam die erste Urlaubsreise, mit Kind und Kegel und Benzingutscheinen vom ADAC für 10 Tage über den Brenner in ein überbelegtes Hotel mit überbelegtem Strand an der Riviera, und immer noch gab es die 6-Tage-Woche mit 48 Stunden und nur zwei Wochen Urlaub und viele brauchten, um über die Runden zu kommen, nicht einen, sondern zwei Jobs, und viele Frauen arbeiteten mit, wie das damals hieß, und die Löhne, die gezahlt wurden, reichten kaum zum Leben.

Wer heute sechzig ist, und aus dem Berufsleben ausscheidet, war die ersten zehn Jahre seines Lebens hungrig und musste dann zusehen, dass er nach der Volksschule schnell einen Job fand, um zuhause mit seinem "Kostgeld" zum Unterhalt der Familie beitragen zu können. Das Abitur war für die meisten ein unerreichbares Ziel, ein Studium noch unerreichbarer. Nicht wegen mangelnder geistiger Fähigkeiten, nein nur wegen der Armut und der Notwendigkeit, Geld zu verdienen, statt Geld für Studiengebühren ausgeben zu können.
Ein durchschnittliches Monatsgehalt lag noch 1970 eher unter 1.000 DM, was auch bezogen auf die Kaufkraft viel weniger war, als ein heutiges Monatsgehalt und als diese Menschen endlich begannen, sich einzurichten, als sie begannen, sich ihren Anteil am steigendem Wohlstand zu sichern, als sie anfingen, sich an den Rändern der Städte ihre kleinen Häuschen zu bauen, begann auch die Phase des Rationalisierens und des Personalabbaus. Wer glaubt, diese Menschen säßen heute mit dicken Renten auf den Bahamas, der irrt. Die meisten sitzen mit Kleinstrenten in Kleinstwohnungen und versuchen verzweifelt, das Geld zusammenzukratzen, für die Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke für die Kinder und Enkel. Dagegen haben es diejenigen, die heute vierzig sind, bisher recht gut gehabt, in ihrem Leben, und diejenigen, die heute dreißig sind, hatten es bisher noch besser.

Beispiele? Vergleichen Sie einfach. 1940/1950 zu 1980/1990 und denken Sie dabei an so einfache Dingen wie: Wohnungsgröße, Wohnungsausstattung, Auto, Motorrad, Fahrrad, Spielsachen, Fernseher, Video, Telefon, Handy, PC und Internet, schulisches Angebot, Arbeitszeit, Urlaubstage, Urlaubsziele, usw., usw.

Aber, ich wiederhole mich, von ein paar verbohrten Ausnahmen abgesehen sind es gar nicht die Dreißigjährigen, die von der Generation ihrer Eltern und/oder von ihren Großeltern verlangen, sich zu beschränken. Es wird nur von interessierter Seite eine Stimmung erzeugt, die solche Gedanken befördern soll und am Ende sollen die Alten glauben, der von ihnen geforderte Verzicht käme zuletzt doch wieder ihren Enkeln zugute.

Wenn dem so wäre, könnte man alles so lassen wie es ist, denn der direkte Transfer zwischen den Generationen ist ein vollständig verlustfreier Weg, wie man ihn mit keiner staatlichen Verteilungsmaschine herstellen kann und wie er schon gar nicht mehr möglich ist, wenn eine kapitalgedeckte, gewinnorientierte, private Rentenversicherung dazwischen geschaltet wird. Das Geld findet seinen Weg schon, von den Alten zu den Jungen, wie es ihn auch von den Jungen zu den Alten findet, so wie es die Umstände im Einzelfall erfordern, aber genau das ist eben nicht erwünscht.

Die Zielrichtung der Kampagne hat nichts damit zu tun, Gelder zwischen den Generationen anders verteilen zu wollen, sie hat nur ein einziges Ziel: die Wirtschaft aus der Verantwortung für die Versorgung der älteren Generation zu entlassen.

Die Jungen werden deswegen nicht mehr bekommen, vom Kuchen, sondern - wegen des insgesamt sinkenden Anspruchsniveaus - eher ebenfalls weniger. So ist auch die Debatte um die so genannte Generationengerechtigkeit nur ein weiterer Popanz, der aufgeblasen wird, um den mit Macht gewollten Prozess des radikalen Sozialabbaus hilfreich zu flankieren. Und bei diesem Popanzaufblasen kommen dann so bemerkenswert unsinnige Aussagen heraus, wie sie die SZ in ihrer Berichterstattung über das Hauptstadtgespräch "Generationengerechtigkeit" dokumentiert hat:

"Wenn die Alten erst die Mehrheit haben, ist nichts mehr gegen sie durchzusetzen."
Das ist Demokratie-Verständnis nach Art der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung.

"Deutschland ist ein Sanierungsfall"
So sieht das der McKinsey Mann Kluge, dabei sind wir unangefochten nach den USA und Japan die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt und innerhalb der EU folgerichtig auch der größte Nettozahler. Aber so sind Schlusslichter halt: Immer vorne dran.

"Wir haben viel Zeit verloren" und wir brauchen "So wenig Staat wie irgend möglich" und dieser wenige Staat, könne von der Wirtschaft lernen, das meint Frau Döttling und der bereits erwähnte kluge McKinsey Mann erklärte dazu:

"Was die Politik vorschlägt, ist mir alles zu kurz gedacht. Sie reden über Maßnahmen für zwei oder vier Jahre. Gefordert ist aber die große Erneuerung."
Ob er dabei vergessen hat, dass man in der Wirtschaft inzwischen nicht mehr in Jahren, sondern - wenn überhaupt noch - dann höchstens in Quartalen denkt?

"Ein großer Konsens ist beinahe eine Lizenz zum Stillstand."
Diese Phrase hat Florian Illies abgesondert, und dazu wohl noch gemeint, seine "Altersklasse" (neue Klassengesellschaft, Herr Illies?),müsste eigentlich rebellieren, was erneut den klugen McKinsey zu einer Erklärung veranlasste.

"Die heutigen Rentner erhalten im Schnitt 200.000 Euro mehr, als sie einbezahlt haben, wer heute in den Beruf einsteigt, hätte dagegen 145.000 Euro mehr einzuzahlen, als er herausbekäme."
Milchmädchenrechnungen nach Berater-Art. Vielleicht hätte er die erste Zahl auch inflationsbereinigt gehabt, vielleicht hätte er sie am Einkommensniveau orientieren können, vermutlich hat er aber nur einmal mutig geschätzt. 200.000 Euro, das ist nämlich praktisch die gesamte Rente aus 15 bis 20 Jahren Rentenbezug.

Die zweite Zahl ist nichts als lauwarme Luft. Aus den Fingern gesogen, unter irgendwelchen, nicht ausgeführten Annahmen hochgerechnet und dann fröhlich abgelassen.

"Vor jedem Haushalt parkt ein VW-Polo, das ist die Staatsverschuldung"
Wie er diesen Satz gemeint hat, ist nicht überliefert, jedenfalls haben wir jahrelang Wachstum aus der Produktion und dem Absatz von Automobilen gewonnen. Es ist also nur folgerichtig, dass die Rostlauben jetzt überall herumstehen.
Staatsverschuldung entsteht übrigens, wie jede Verschuldung, zwangsläufig als Nebeneffekt der notwendigen Geldversorgung. Im Kapitalismus gilt: Ohne Schulden existiert kein Geld. Daran sollte Hans Eichel auch manchmal denken.

"Jedem das Seine, und mir das meiste, das darf es nicht geben."
So tönte es von Seiten des BMW-Vertreters. Ob er damit allen Ernstes die Käufer der 8er-Reihe, oder das erfolgreiche Gewinnstreben seines Unternehmens diskreditieren wollte?
Aber schon wieder war Herr Kluge am Ball und wusste zu berichten:

"Alle sind sich einig, dass etwas passieren muss."
aber Herr Kluge weiß mehr, er weiß nämlich auch was passieren muss:

"Wachstum, natürlich. Fünf Prozent Wachstum sind Pflicht!"
Und nur wenn wir das nicht schaffen, diese lächerlichen fünf Prozent, dann wird es erforderlich die Größe der Tortenstücke der Rentner neu zu bemessen. Sonst nicht. Das ist doch das Wenigste. Fünf Prozent. Schöne Rhetorik, das. Außerdem wusste Herr Kluge noch:

"Jeder Euro, den der Staat bereits früh in den Nachwuchs investiert, spart später ein Mehrfaches bei der Betreuung von Sozialfällen"
eine Aussage von ebenfalls höchst zweifelhaftem Wert.

 

Roland Koch, der neben Herrn Kluge offenbar auch zu Wort kam, forderte, Prioritäten zu setzen und zwar zuerst bei der Bildung und natürlich auch bei der Bildung von Kapitalstöcken und im Übrigen forderte er alles das, was er sonst auch immer fordert.

Peer Steinbrück soll am Schluss und im Hinblick auf die unterschiedliche steuerliche Behandlung von Arbeits- und Kapitaleinkünften gesagt haben, dass sich derzeit über den richtigen Weg der Besteuerung kaum diskutieren lasse.


Für mich erklärt sich daraus, warum das Thema der Veranstaltung "Generationengerechtigkeit" hieß und nicht "Steuergerechtigkeit". Von den Rentnern lässt sich schließlich immer noch etwas holen, im Zweifel braucht man es ihnen nur nicht zu geben. Das Kapital hingegen flüchtet und verweigert sich.

Nur gut, dass es in so schweren Zeiten so viel Pragmatismus gibt.

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