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Sehr geehrte Damen und Herren, zum o.g. Artikel sende ich Ihnen nachstehend meinen Leserbrief.

Mit freundlichen Grüßen Egon W. Kreutzer
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Die Zentralbank muss noch besser werden

Ein schwer verständlicher Artikel von Christian Kelders über die
Ideen von Manfred J. Neumann

Die SZ, als Auftraggeber einer Studie und berichterstattendes Medium zugleich, ließ den Wirtschaftstheoretiker Manfred J. Neumann eine Untersuchung zur Geldmengenpolitik der EZB durchführen. Darüber berichtete Christian Kelders in der SZ vom 25. März 2003.

Neumann ist, das wird erwähnt, nicht nur Professor in Bonn, sondern auch Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium, lebt also - zumindest im Bereich seiner persönlichen Grundsicherung - direkt vom Steuerzahler. Von daher könnte man - rein theoretisch - eine gewisse moralische Verpflichtung ableiten, seine Kritik und seine Vorschläge in eine Richtung zu lenken, die für Deutschland einen Nutzen verspricht. Stellenweise klingt das auch so, doch wer die Gedanken Neumanns nachvollzieht, muss erkennen, dass hier wieder einmal ein Makro-Ökonom der Versuchung erliegt, Beihilfe zum Diebstahl an der Bevölkerung zu leisten. Zum Wohle der Global Player, denen Deutschland und Europa nicht Heimat, sondern Jagdgrund sind, mit der Bevölkerung als Freiwild.

Scheinbar blind für die Realität, in welcher ein von Grund auf marodes Geldsystem bei nachlassendem Wachstum unvermeidlich zu wirtschaftlichen Problemen führt, entdeckt er zunächst in der "Wachstumsorientierung" der EZB eine zu expansive Geldpolitik. Gleichzeitig, und nun auch noch blind für den eigenen Widerspruch, erklärt er das Ziel der EZB, die Inflation mittelfristig unter 2 % zu halten, zur Gefahr für Deutschland und liefert dafür gleich zwei Gründe: Zu wenig Inflation berge die Gefahr der Deflation und zu wenig Inflation mache es schwer, die reale Kaufkraft der Lohnempfänger zu beschneiden, weil Kürzungen der Nominallöhne leider nicht so einfach durchsetzbar seien, wie es wünschenswert wäre (er nennt das in der angemaßten Überlegenheit seines Klassenbewußtseins die "Rigidität der Löhne").

Wenn einerseits das bereits darniederliegende Wachstum weniger gefördert, andererseits aber die Inflation angeheizt werden soll, kann das nur zum Ziel haben, den Angriff auf die Sachwerte in Arbeitnehmerhand zu unterstützen. Frei nach der Parole "Proletarier haben im Grundbuch nichts zu suchen" soll die Bevölkerung mit vermehrter Arbeitslosigkeit und sinkender Kaufkraft dazu getrieben werden, sich möglichst schnell und vollständig von allen nicht essbaren Besitztümern zu trennen.

Das fertig gestellte Reihenhaus, und noch mehr das vollständig abbezahlte Reihenhaus in Arbeitnehmerhand (wer quetscht sich sonst schon in Reihenhäuser?), ist dem Makro-Ökonomen ein Dorn im Auge, macht es doch volkswirtschaftlich keinen Sinn mehr. Es drückt auf die Mieterträge der Großvermieter, es mindert den Kreditbedarf und damit die Zinserträge der Großbanken und es trotzt über viele Jahre dem Verfall und ist damit in schon fast strafbarer Weise wachstumsfeindlich. Nur der neuerliche Grunderwerb und der neuerliche Bau von Millionen von Eigenheimen würde die Wirtschaft ankurbeln. Weil die deutsche Politik in absehbarer Zeit einem bereinigenden Zerstörungskrieg kaum eine Chance bieten wird, muss jetzt alternativ über eine forcierte Verarmungsstrategie, bei negativem Wachstum und hoher Inflation der Boden für das neue Wirtschaftswunder bereitet werden.

Sollte Herrn Neumann ein von dieser Schlussfolgerung sehr verschiedenes Szenario vorschweben, so ist davon jedenfalls in dem Artikel von Christian Kelder nichts überliefert worden. Das gilt auch für die Frage nach der Umsetzung, denn, wie es die EZB bewerkstelligen soll, gleichzeitig das Wachstum zu bremsen und die Inflation zu beschleunigen, lässt Neumann offen. Wir lernen allerdings - en passant - noch, dass die Aufnahmeländer Osteuropas sich noch entwickeln und von daher automatisch eine höhere Inflation haben. Der Umkehrschluss daraus macht die Widersprüche in der krausen Gedankenwelt des Theoretikers noch evidenter: Eine entwickelte Volkswirtschaft hätte von daher nämlich automatisch eine niedrigere Inflation und mit seiner Forderung, die Inflation in Deutschland mit allen Mitteln in die Höhe zu treiben, lässt er erkennen, dass er den "Standort Deutschland" lieber im Zustand eines Entwicklungslandes sähe.

Dabei ist die ganze Diskussion müßig. Die Möglichkeiten der EZB zur Beeinflussung von Geldmenge, Inflation und Wirtschaftswachstum sind erbärmlich gering. Sichtbar wird das vor allem dadurch, dass es die Geschäftsbanken heute, anders als früher gegenüber den nationalen Zentralbanken, erkennbar am notwendigen Respekt mangeln lassen. Im monetären Sektor sind wir soweit gekommen, dass die Interessen der Geschäftsbanken zum ausschlaggebenden Faktor für Wachstum und Inflation geworden sind. Diese ziehen es allerdings vor, ihre von Spekulationsverlusten und Managementfehlern schwer ramponierten Bilanzen in Ordnung zu bringen, worüber sie die ihnen zugewachsene volkswirtschaftliche Verantwortung anscheinend endgültig vergessen haben.

Egon W. Kreutzer

Mehr über die Zusammenhänge des (globalen) Wirtschaftens erfahren Sie in
>>Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band II
<<
von Egon W. Kreutzer
.............unbedingt lesenswert!

Eigendruck, Selbstverlag

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