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Von: "EWK_...der_Unternehmerberater" <EWKberater@knuut.de>
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Betreff: Leserbrief+zum+Artikel+Börsencrash:+"Helfen+kann+nur+eine+riesige+Pleitewelle"+(ID:+217233)
Datum: Mittwoch, 9. Oktober 2002 10:34

Wenn die Schulden schuld sind, dann sollte man etwas dagegen tun ...

Jens Erhardt ist zu Erkenntnissen gekommen, die für einen Finanzexperten erstaunlich sind, weil er sich im Kern dem anschließt, was uns die Kritiker des Geldsystems schon immer vorrechnen:

Weil Geld - überall im Kapitalismus - nur als Darlehen in den Markt kommt und weil die Notenbanken über keinerlei wirksame Instrumentarien zur Kontrolle des Geldmengenwachstums verfügen, ist, alleine aufgrund von Zins und Zinseszins, ein stetiges Wachstum der Schulden unvermeidlich. Daß auf der anderen Seite ein stetiges Wachstum von Vermögen aus Guthaben (irgendwer muß das Geld ja verliehen haben, oder) steht, macht für die Nutznießer des Systems den eigentlichen Charme des Kapitalismus aus.
Leider ist aber auf einem endlichen Globus ein unendliches Wachstum nicht möglich. So muß es regelmäßig zum Zusammenbruch des Geldsystems kommen.

Offenbar ist es bald wieder soweit. Menschen, die arbeiten wollen und können, bevölkern die Flure der Arbeitsämter, obwohl dringende Arbeit überall ansteht, nur weil nirgends Geld vorhanden ist, um die Arbeit zu bezahlen. Ob es die Kanalisation der Städte ist, oder ob es die maroden Kindergärten und Schulen sind, ob Geldmangel zur Schließung von Museen, Frei- und Hallenbädern, Opern und Schauspielhäusern führt, oder ob nichteinmal der dringende Erneuerungsbedarf in der Ausrüstung der Bundeswehr finanziert werden kann, ob der Ausbau unserer Verkehrswege nur schleppend vorankommt, oder ob es für die angemessene Alimentation der Armen nicht mehr reicht, nichts von alledem, was Arbeit und Arbeitsplätze für Millionen brächte, wird angegangen, ganz im Gegenteil, es wird immer mehr gespart, weil das Geld fehlt.

Schulden haben heißt doch nicht automatisch, daß es kein Geld geben dürfte. Im Gegenteil! Mit Schulden wird Geld erst geschaffen, die Frage ist nur, wohin das Geld fließt. Zur Zeit leiden wir in Deutschland, gemeinsam mit weiten Teilen der übrigen globalisierten Welt doch weniger unter unseren Schulden, als unter der Tatsache, daß viel zu wenig Geld in der realen Wirtschaft im Umlauf ist.

Wenn Herr Erhardt eine Pleitewelle vorhersieht, wird er wahrscheinlich leider Recht behalten.

Auch die Senkung der Arbeitskosten, wie sie durch die Vorschläge der Hartz-Kommission letztlich erreicht werden wird, ohne die Arbeitslosigkeit wirklich zu verändern, führt nur dazu, daß noch weniger Geld, noch weniger Kaufkraft auf den Märkten vorhanden ist. So eine Spirale ist nicht durch Sparen und nicht durch Preissenkungen, weder für Waren noch für Arbeitskraft aufzuhalten.

Die Deflation hat ihre Ursachen im Geldsystem. Weil es möglich ist, Geld, für das zu niedrige Zinsen gezahlt werden, aus der realen Wirtschaft herauszuziehen und diese damit zu strangulieren, stehen wir vor Problemen!

Es gäbe eine Lösung, aber ich fürchte, für diese Lösung fehlt der Politik die Kraft.

Diese Lösung heißt: Geld. Frisches Geld. Unverzinstes Geld. Nicht als Darlehen, sondern als Geschenk, als verlorenen Zuschuß in den Markt geben. Geld dorthin geben, wo es in den Konsum geht, wo es von Hand zu Hand weitergegeben wird, ohne sofort wieder als "Kapital" im Geldspeicher jener Dagoberts zu landen, die unsere Wirtschaft zur Zeit lähmen.

Warum sollen nicht die Eltern jedes Neugeborenen in Deutschland, oder wegen des Euro in der ganzen EU,
von der EZB ein Geschenk in Höhe von 10.000 Euro bekommen? Warum sollten nicht wichtige Projekte der Ökologie und der sozialen Gerechtigkeit, für die einfach nur das Geld fehlt, mit verlorenen Zuschüssen aus EZB-Mitteln gefördert werden?

Wetten, daß unsere Flaute schnell überwunden wäre, daß die Schulden rapide abnähmen (mit jedem Euro können theoretisch unendlich viele Transaktionen ausgeführt werden, solange er nicht gehortet wird), daß die Arbeitslosigkeit sich wieder in sinnvolle Vollbeschäftigung wandeln würde? Aber wer traut sich, auf diese Weise, den Wert der ganzen gehorteten Schätze der "Kapitalisten" ein kleines bißchen zu vermindern? Ich fürchte, dazu wird sich so schnell kein Regierungschef und kein Zentralbankpräsident aufraffen können.

Weil es eine Utopie bleiben wird, müssen wir froh sein, wenn wir mit einer Pleitewelle davonkommen. Üblicherweise wird der Zusammenbruch des Geldsystems von Krieg begleitet, damit der Ersatzbedarf für vernichtete Sachwerte ein neues Wirtschaftswunder auslösen kann.

 

Egon W. Kreutzer
Schrobenhausener Str. 15
86556 Kühbach-Unterbernbach


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Mehr über die Zusammenhänge des (globalen) Wirtschaftens erfahren Sie in
>>Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band II
<<
von Egon W. Kreutzer
.............unbedingt lesenswert!

Eigendruck, Selbstverlag

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Artikel aus Spiegel-online