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Von: "EWK_...der_Unternehmerberater" <EWKberater@knuut.de>
An: <leserbriefe@sueddeutsche.de> Betreff: Im Teufelskreis, SZ vom 20.09.2002 Datum: Freitag, 20. September 2002 11:05

Sehr geehrte Damen und Herren,
Simone Boehringer schreibt heute unter dem Titel "Im Teufelskreis" einen bemerkenswerten Artikel über den Kursverfall an den Börsen. Leider erliegt sie der Versuchung, platte Klischees zu bedienen, wenn sie mit Stichworten wie "Kapitalvernichtung" und "Mehrwert von Aktiengesellschaften" hantiert. Dazu ein "aufklärender" Leserbrief.

Mit freundlichen Grüßen
Egon W. Kreutzer
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Das Märchen von der Kapitalvernichtung

Kursveränderungen an den Börsen verleiten immer wieder zu vorschnellen Ausdeutungen. Die von Simone Boehringer am 20. September in der Süddeutschen Zeitung vorgetragene Aussage, daß mit dem Rückgang der Kurse seit den letzten Höchstständen alleine in Deutschland Kapital in Höhe von mehr als 600 Milliarden Euro vernichtet worden sei, gehört zu diesen, anscheinend nicht ausrottbaren Legenden des Kapitalismus. Daß die Autorin 42 Zeilen später in einem Halbsatz erkennen läßt, daß sie es eigentlich besser wüßte, gibt Anlaß zu der Frage, warum sie nicht von Anfang an auf solche billige Sensationshascherei verzichten kann.

Denn die Sachlage ist eigentlich ganz einfach:

Aktien werden verkauft. Der Verkäufer erhält dafür Geld (das "vernichtete" Kapital?), der Käufer erwirbt mit der Aktie einen Anteil an einem Unternehmen. Daß der Preis, zu dem die Aktien verkauft wurden, in einen veröffentlichten "Kurs" eingeht, verleitet leider dazu, zu glauben, es könnten jetzt alle Aktien dieses Unternehmens zu diesem Kurs veräußert werden. Das ist - oh Du liebe Marktwirtschaft - aber nicht so, denn Kurse ändern sich mit Angebot und Nachfrage oft in Bruchteilen von Sekunden. Wer Depotstückzahlen mit Tageskursen multipliziert und glaubt, damit den Wert des "Aktienkapitals" zu ermitteln, begeht zumindest Selbstbetrug. Gewinne gibt es erst, wenn sie realisiert werden. Für Verluste gilt das ebenso.

Halten wir also fest:

a) Die sogenannte Börsenkapitalisierung der Unternehmen ist eine Kennzahl, die mit dem Wert eines Unternehmens nur ganz entfernt zusammenhängt. Veränderungen von Tageskursen schaffen bei steigenden Kursen kein Kapital und sie vernichten bei fallenden Kursen kein Kapital.

b) Das Kapital wechselt beim Kauf von Aktien den Besitzer. Wer Geld als Kaufpreis für Aktien hergibt, nimmt in diesem Augenblick den Verlust seines Kapitals in Kauf, weil er es einem anderen Markteilnehmer übergibt und dafür Aktien erwirbt. Dadurch wird das Kapital allerdings nicht vernichtet, nur der Eigentümer wechselt.

Von einer Kapitalvernichtung in Höhe von 600 Milliarden Euro kann also nicht die Rede sein. Es wurde in Wahrheit kein Cent Kapital vernichtet. Weil die Autorin das ahnt, schiebt sie die haarsträubende Erkenntnis nach: "Der Markt bewertet die Unternehmen derzeit gerade so, als hätten sie in den letzten fünfeinhalb Jahren keinerlei "Mehrwert" geschaffen ...". Damit bleibt der Sachverstand vollends auf der Strecke, auch wenn dieses Zitat vorsichtshalber einem nicht genannten Aktienhändler zugeschrieben wird.

Mehrwert, im Sinne von Marx und Mehrwert im Sinne unseres Umsatzsteuerrechts sind vergänglich und werden daher von Aktionären, die zukunftsorientiert entscheiden, nur selten gesucht. Wenn man Sondereinflüsse wie z.B. erheblichen Grundbesitz oder Eigentum an wertvollen Rechten ausschließt, finden Aktienkurse ihren realistischen Tiefpunkt ungefähr dort, wo sich die erwartete Dividendenauschüttung in Relation zum Kurs in der Nähe der Rendite festverzinslicher Papiere bewegt. Je weiter sich Aktienkurse von diesem Tiefpunkt nach oben entfernen, desto spekulativer ist der Handel und die Höchstkurse der letzten Spekulationsblase waren nur noch mit der paranoiden Logik von krankhaften Zockern zu begründen, nicht mit seriösen Wirtschaftsdaten.

Wenn Lebensversicherungsgesellschaften, wie es Simone Boehringer beklagt, - im beinharten Kampf um das Neugeschäft - ihre Renditeversprechungen durch hochspekulative Anlagen in die Höhe schraubten und alle nicht dem Deckungsstock zugeordneten Kapitalien in hochspekulative Anlagen pumpten und nun nicht mehr wissen, wie sie ihre Geschäftspläne erfüllen sollen, dann hält eigentlich nur der Realismus wieder Einzug und offenbart für einen kurzen Augenblick der Besinnung das große und wohlgehütete Geheimnis des Kapitalismus: Geld kann sich nicht vermehren - weder geschlechtlich, noch ungeschlechtlich. Man kann es nur sammeln. Dann fehlt es aber anderswo.

Mehr über die Zusammenhänge des (globalen) Wirtschaftens erfahren Sie in
>>Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band II
<<
von Egon W. Kreutzer
.............unbedingt lesenswert!

Eigendruck, Selbstverlag

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Egon W. Kreutzer
Kühbach
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