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Liebe Morgenmagaziner von der ARD,

sehr gerne lasse ich mich von Ihnen und natürlich auch von Ihren Kollegen vom ZDF in den Tag begleiten. Oft ist das MoMa sogar die erste Quelle für Nachrichten und Neuigkeiten aus Deutschland und aller Welt, geschmückt mit allerlei Nettigkeiten, die die ModeratorInnen sich gekonnt zuwerfen.

Heute Morgen haben die Kollegen vom ZDF im Zusammenhang mit den Kursbewegungen an den Aktienbörsen die Frage gestellt: "Wo ist das Geld geblieben?" und zur Klärung dieser Frage eine Art Slapstick-Reporter bemüht, der aufklären wollte, wo seine 50 Spekulations-Euro geblieben sind. Der Mann hat dann allerlei Dumm- und Torheiten eingesammelt und wiedergegeben, was zwar amusant war, der Thematik aber in keiner Weise gerecht wurde.

Nachdem die mailto-funktion der ZDF-Morgenmagaziner nach der Sendung tot war, und sowieso Sie ab Montag wieder für das fröhliche Muntermachermagazin zuständig sind, wende ich mich doch gleich an Sie, mit der Bitte, hier vielleicht eine etwas ernsthaftere Information nachzuschieben.

Das Thema "Geld" ist so vielschichtig und mit so vielen Irrtümern behaftet, daß ein kleines bißchen Aufklärung gar nicht schlecht wäre, anstatt sich über das allgemeine Unwissen (PISA?) lustig zu machen.

Mehr über die Zusammenhänge des (globalen) Wirtschaftens erfahren Sie in
>>Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band II
<<
von Egon W. Kreutzer
.............unbedingt lesenswert!

Eigendruck, Selbstverlag

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In der ganz rationalen Ebene des Aktienhandels

wäre die Sache eigentlich noch durchschaubar, bestünde nicht die Illusion, eine Aktie sei praktisch das Gleiche wie Geld, nur eben die bessere Anlage.

Nüchtern betrachtet sind die 50 Euro, also das Geld, das ein Mensch ausgegeben hat, um eine Aktie zu kaufen, erst einmal im Besitz des Verkäufers. Der hat dann das Geld, das so verzweifelt gesucht wurde und der Käufer hat ein anderes Stück Papier, die Aktie. Es ist also nichts verschwunden. Das Geld ist da und die Aktie ist da. (Das gilt übrigens für alle Aktien, die jemals gehandelt wurden. Geld und Aktien sind durch den Kauf und Verkauf von Aktien noch nie verschwunden.)

Daß es plötzlich keinen mehr gibt, der bereit ist, für diese Aktie 50 Euro zu zahlen, ist der Effekt, den wir früher als Kinder der Vor-Gameboy-Ära beim "Schwarzer-Peter-Spiel" sehr deutlich kennengelernt haben, der dann in dem Spruch: "Den letzten beißen die Hunde" wieder auftauchte und der vor ein paar Jahren noch von Gorbatschow mit der Einsicht "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" verbreitet wurde.

In der nicht mehr rationalen Ebene der Spekulation,

in der die Aktien nicht mehr als Anteile an einem Unternehmen angesehen werden, welche wiederum einen Anteil am Gewinn dieses Unternehmens versprechen, sondern nur noch Objekt für den Abschluß von Wetten sind und dabei - wie die Anophelesfliege für die Malaria - zum geduldigen "Zwischenwirt" für vagabundierendes Kapital werden, wird die Geschichte etwas komplexer.

Es geht jetzt nämlich nicht mehr nur um die Frage, warum der arme Kleinanleger für seine Aktie nur noch einen Bruchteil dessen bekommt, was er dafür einst auf den Tisch legen mußte, es geht auch und vor allem um die Frage, warum die Kassen des Bundes, der Länder und der Kommunen ebenso leer sind wie die Kassen der Sozialversicherung und wie die Stellenangebotsseiten in den Tageszeitungen.

Das Geld, das eigentlich als neutrales Tauschmittel den Kreislauf der realen Wirtschaft aufrecht halten soll, hat sich aus diesem Kreislauf zurückgezogen. Der Geldumlauf in Deutschland (und nicht nur bei uns) ist massiv gestört. Zins und Zinseszinseffekte haben das Geld, das die Volkswirtschaft braucht um nicht zu kollabieren, aus Produktion und Leistungserstellung, aus investiven und konsumptiven Kreisläufen herausgezogen und in spekulative Anlagen, in zerstörerische Strategien (oder was ist ein hedge-fonds sonst?) und in prall gefüllte Kriegskassen gespült. Basel II ist nicht mehr als ein Feigenblatt zur Verdeckung der eigentlichen Ursachen für die fehlende Lust, Unternehmen zu finanzieren, die - warum auch immer - immer noch versuchen wollen, reale Produkte und Leistungen zu erbringen. Die Zahl der Arbeitsplätze, die geschaffen werden müssen, um Aktienkurse oder Währungen zu kippen ist lächerlich gering, gegenüber der Zahl an Arbeitsplätzen die dadurch vernichtet werden.

Das Geld wird auch nicht wieder auftauchen, wenn der sog. "Niedriglohnsektor" gestärkt wird. Im Gegenteil. Ein Verfall des Lohn- und Gehaltsgefüges wird die letzten Aktien zu Tiefstpreisen aus den Depots der Kleinanleger und Rentensparer spülen, wird zur vorzeitigen Kündigung von Millionen von Lebensversicherungen, zum Notverkauf von Häusern und Eigentumswohnungen führen. Der gleichzeitige Rückgang der Steuereinnahmen (wer zahlt denn noch Steuern in Deutschland?) und der Rückgang der Beitragszuflüsse in die Sozialkassen wird noch mehr Geld aus dem Kreislauf herausnehmen. Wollen wir wirklich wieder dahin, wo der frühe Kapitalismus den Wanderarbeiter hervorgebracht hat, wie ihm John Steinbeck in "Die Früchte des Zorns" ein literarisches Denkmal gesetzt hat?

In der obersten Sphäre wirtschaftlichen Denkens spielt Geld überhaupt keine Rolle mehr.

Dort weiß man, daß Geld keinen eigenen Wert hat. Dort ist Geld nur der Ausdruck einer Vereinbarung darüber, daß ein Stück Papier, eine Zahl in einem Computer anstelle einer werthaltigen Leistung vorübergehend als Tauschgut akzeptiert wird. Ausdruck einer Vereinbarung, die wie jede andere, gebrochen werden wird, sobald eine Seite glaubt, dadurch nachhaltig in die bessere Situation zu gelangen. Geld hat seinen Wert, solange alle daran glauben. Genau wie Aktien, Grundstücke, Goldbarren ihren Wert behalten, solange alle an diesen Wert glauben.

Ziel des Spiels ist aber nichts anderes, als möglichst alle nicht beliebig vermehrbaren Ressourcen des Planeten unter Kontrolle zu bekommen und damit auch diejenigen, die davon abhängig sind, ebenso kontrollieren und steuern zu können. Also läßt man glauben. An Gold, an Aktien und an Geld, um so lange vorteilhaft zu tauschen, bis der Zweck erreicht ist.

Danach gibt es entweder viel Geld (das nichts wert ist), oder wenig Geld. Es ist egal.

 

Es ist Aufgabe des demokratischen Staates und seiner Wirtschafts- und Finanzpolitik, die Geldversorgung der Volkswirtschaft sicherzustellen. Ich denke, es gibt Wege, dies zu tun und würde mich freuen, wenn Sie beim nächsten Politikerinterview auch einmal die einfache Frage nach der Geldversorgung stellen.
Und ich glaube, Sie wissen, daß damit nicht die Starter-Kits und die schönen bunten Scheine gemeint sind, die wir seit dem ersten Januar in der Tasche haben.

 

 

Mit besten Grüßen

Egon W. Kreutzer
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