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Von: "EWK_...der_Unternehmerberater" <EWKberater@knuut.de>
An: <leserbriefe@suedeutsche.de>
Betreff: SZ vom 04.07.02, Interview mit Florian Gerster
Datum: Donnerstag, 4. Juli 2002 19:12

Sehr geehrte Damen und Herren,

in dem Interview mit Florian Gerster vom 04.07.02/Seite 6 "Keine Zeit mit Modellversuchen verplempern", ist Herrn Gerster wohl ein Flüchtigkeitsfehler unterlaufen:

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Phänomen Überstunde

"Unser Arbeitsmarkt ist doch so verkrustet, daß die Unternehmen lieber Überstunden fahren, statt einzustellen."

Das sagte Florian Gerster, der Vorstandsvorsitzende der Bundesanstalt für Arbeit im SZ Interview mit Alexander Hagelüken, vom 4. Juli 2002.
Florian Gerster könnte es besser wissen, denn Überstunden sind für den Unternehmer nicht das kleinere Übel, sondern der Schlüssel zur Gewinnmaximierung. Doch auch er, der ja nicht nur Psychologie, sondern auch Betriebswirtschaft studiert hat, malt fleißig mit an jenem Panorama, mit dem die Wirtschaftslobbyisten seit jeher versuchen, den Horizont zu begrenzen. Welche Wirkung haben Überstunden für die Unternehmer wirklich? Wenn z.B. ein Betrieb am 8-Stunden-Tag 1000 Stück Bildschirme herstellt, die bei Kosten von 95.000 Euro einen Umsatzwert von 100.000 Euro erreichen, dann lassen sich mit zwei Überstunden 1250 Bildschirme mit einem Umsatzwert von 125.000 Euro herstellen. Die Kosten steigen dabei allerdings nur um die Beträge, die direkt von der Produktionsmenge abhängen. Hauptsächlich sind das in diesem Beispiel die Kosten für Material und Teile für 250 Bildschirme und die Lohn- und Lohnnebenkosten für zwei Überstunden von etwa 300 Mitarbeitern in der Produktion, zuzüglich der tariflich vereinbarten Überstundenzuschläge.
Bei einer sehr vorsichtigen Rechnung ergeben sich daraus Gesamtkosten in Höhe von 110.000 Euro. Der Gewinn hat sich verdreifacht. Statt der üblichen 5000 Euro bleiben beim 10-Stunden-Tag 15.000 Euro übrig; einfach deshalb, weil sich Abschreibungen, Miete, Darlehenszinsen und viele andere Aufwendungen des Unternehmens durch die Mehrproduktion per Überstunde nicht verändern. Die Überstunde ist für den Unternehmer in aller Regel ein Quell überdurchschnittlich sprudelnder Gewinne! Unternehmer werden daher - wann immer sich die Gelegenheit bietet - lieber Überstunden fahren, als zusätzliche Mitarbeiter einzustellen. Und je weiter die Regeln zum Schutz der Arbeitnehmer (Verkrustungen, nennt man das heute) abgebaut werden, um so mehr Überstunden werden verlangt und im Zweifelsfall (der Arbeitgeber darf das) bei Androhung der Kündigung auch angeordnet werden. Daß Zeitarbeiter von 16.30 Uhr bis 18.30 Uhr für zwei Stunden die Arbeitsplätze übernehmen, an denen vorher die Stammbelegschaft gewerkelt hat, ist nicht zu erwarten. Daß der Unternehmer, statt Überstunden anzusetzen, zusätzliche Arbeitsplätze einrichtet, also Räume anmietet, Maschinen und Einrichtungen kauft und aufstellt, nur weil die Hartz'sche "Zeitarbeitsamt GmbH" gerade billige Zeitarbeiter anbietet, ist eine naive Illusion, die dadurch nicht realistischer wird, daß ihr derzeit fast alle zujubeln, als gälte es, des Kaisers neue Kleider zu bewundern.

In vielen Unternehmen sieht die Kalkulation doch so aus, daß der zusätzliche Gewinn, der aus einer Verlängerung der täglichen Betriebsnutzungszeit um zwei Stunden entsteht, höher ausfällt, als die gesamten Lohn- und Lohnnebenkosten aus dem regulären Ein-Schicht-Betrieb!

Was soll also die Phrase vom "verkrusteten Arbeitsmarkt"?
Ursache der Misere sind ganz überwiegend die betriebswirtschaftlichen Zwänge eines überall wachsenden Kapitalkostenanteils, nicht Mitbestimmung und Kündigungsschutz!

 

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Mit freundlichen Grüßen

Egon W. Kreutzer
Schrobenhausener Str. 15
86556 Kühbach-Unterbernbach
Fon 08257 990701 Fax 08257 990702 Mail EWKberater@knuut.de Web: http://home.knuut.de/EWKberater/
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Mehr über die Zusammenhänge des (globalen) Wirtschaftens erfahren Sie in
>>Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band II
<<
von Egon W. Kreutzer
.............unbedingt lesenswert!

Eigendruck, Selbstverlag

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