Impressum
 Home alle Kommentare alle Leserbriefe  Stichwortsuche  Einmischen 
Von: "EWK_...der_Unternehmerberater" <EWKberater@knuut.de>
An: <leserbriefe@spiegel.de>
Betreff: Gesundheitsreform?
Datum: Mittwoch, 25. Juli 2001 16:40

Unterbernbach, 25. Juli 2001

Sehr geehrte Spiegel-Redaktion,

noch ein Thema aus dem gleichen Heft, über das ich mich in Rage reden kann.

Allerdings halte ich die die Probleme unseres Gesundheitswesens für lösbar. Aber nur mit einer großen Reform, die diesen Namen verdient.

Mit allerbesten Grüßen

Egon W. Kreutzer
--------------------------------------------------------------------------------

Gesundheitspolitik

Da muß was kommen

Nun sind die Nebelkerzen der gesundheitspolitischen Aufregungen, die eine wundersam instinktsichere Opposition im schnellen Reflex am angemeldeten Beitrags-Mehrbedarf einzelner Kassen entzündet hatte, also wieder erloschen.
Doch der damit freigelegte Blick auf die primären Interessenlagen macht stutzig. Kann es denn wahr sein, daß das "Ob" einer Reform ausschließlich von der demoskopischen Beurteilung der Wahlchancen der SPD abhängt und daß das "Wie" nur noch als "Irgendwie, wenn überhaupt" erscheint?

Sind Probleme, auch wirklich ernste, denn nur noch Staffage für Wahlreden und Wahlversprechen? Wird ihnen keinerlei eigenes Lösungsbedürfnis (um des Problemes selbst willen) mehr zugebilligt?

Ist das der breit heraufziehende Utilitarismus, den ein Berufspolitikertum zwangsläufig fast hervorbringen muß, beharrlich unterstellend, das Wahlvolk sei zu blöde, um den Reformer noch einmal zu wählen, was davon abhält, ehrlich Stellung zu beziehen und sich einzubringen in die Lösungsarbeit?

Da drängt sich dann doch schnell die Parallele auf zum Medizinbetrieb, wo das Leiden des Patienten ganz offensichtlich in erster Linie nur noch als der Weg zum Geld begriffen wird, der immer unverschämter bis zum Letzten auch gegangen wird wobei die Gesundheit des Patienten als unerwünschte Nebenwirkung nach Kräften zu vermeiden ist.

Alles Getönse um eine angeblich drohende Zweiklassenmedizin hat doch wohl nur zum Ziel, den Computertomographen, der als Lizenz zum Gelddrucken leider von gelegentlichen diagnostischen Rülpsern nicht völlig zu befreien ist, als unverzichtbares Orakel auch bei der gemeinen Tonsillitis oder leichter Adipositas legal befragen zu dürfen, ohne damit länger im Ruch hemmungslosen Bereicherungsstrebens zu stehen.

Das ist natürlich nur ein (1) Beispiel. Das Land quillt über von unsinnigen - vor allem Mehrfach - Diagnosen, von niedergelassenen Ärzten, die sich die Patienten wie im "Männleinlaufen" ringsum zuweisen und von weggeworfenen Arzneien und von Notfalltransporteuren, die im erbarmungslosen Kampf um Verkehrs-Opfer und Infarktpatienten vor keinem Blaulicht- und Sirenen-Einsatz zurückschrecken und es ist satt an Krankenhäusern, in denen Chefärzte sich dumm und dämlich verdienen, bis über den Schlaganfall hinaus, während Assistenten und Schwestern gegen Hungerlohn in 70-Stunden-Schichten erbarmungslos verheizt werden, weil sich das so gut macht, im umsichtig inszenierten Bild von der darniederliegenden medizinischen Versorgung.

Außerdem ist die Zweiklassen-Medizin, die sich in der Unterscheidung nach "Kasse" und "Privat" schon immer zeigt, doch kein zu erwartendes Schreckgespenst sondern nichts als längst gelebte Realität. Eine Realität, die noch dazu die Überlegenheit des privaten Krankenversicherungssystems zu beweisen scheint.
Da, wo der omnipotente Chefarzt im großen, hellen und freundlich ausgestatteten Einzelzimmer seinen Privat-Patienten persönlich betreut, wo freundliche Schwestern alles tun, was dem Wohlbefinden und damit der schnellen Genesung dienlich ist, wo die Private Krankenversicherung einen im Vergleich zum Mehrbettzimmer unvergleichlichen Luxus finanziert, scheint uns die Misere des staatlich reglementierten Gesundheitswesens völlig unverständlich.

Schließlich schreibt die Private Krankenversicherung gute Gewinne und zahlt ordentliche Dividenden an ihre Aktionäre und der Chefarzt wäre glücklich, bestünde seine Kundschaft ausschließlich aus Privatpatienten und der Patient erfreut sich der bestmöglichen Behandlung und Betreuung und zahlt dafür in bestimmten Konstellationen sogar viel weniger, als er der gesetzlichen Krankenversicherung an Beiträgen zu leisten hätte.

Da fragt man sich doch allen Ernstes:

Wozu brauchen wir gleichzeitig noch dieses absolut marode, ständig in Finanzproblemen steckende System der gesetzlichen Krankenversicherung, das noch nicht einmal in der Lage ist, zu definieren, was denn die medizinische Grundversorgung sei, die zu bezahlen es angeblich angetreten ist?

Nun, wir ahnen irgendwie, daß unser Gesundheitswesen sofort und nachhaltig zusammenbräche, würde man die gesetzliche Krankenkasse ersatzlos abschaffen. Schließlich trägt sie die Bürde der "Volksgesundheit", während die privaten Kassen sich überwiegend die Rosinen, die "guten Risiken" herauspicken.

Wir ahnen damit auch, daß der Wechsel zur privaten Kasse nichts anderes ist, als ein Stück Entsolidarisierung auf dem Weg zur Ellenbogen- und Spaßgesellschaft, das der Staat, wäre er stark genug, verbieten müßte, um der gesetzlichen Kasse ihren Auftrag zu erleichten; um ihr genau die beitragsstarken, gesunden Mitglieder zu erhalten, die in einer Art Generationenvertrag, wie bei der Rentenversicherung, jetzt für die Krankheitskosten der Älteren aufkommen, mit der Gewißheit, eine nachwachsende Generation würde einst auch ihre Krankheitskosten im Alter übernehmen.

Dem Staat fehlt diese Kraft und so bemüht er sich, die im Hauen und Stechen um die Beitragsmilliarden immer wieder aufbrechenden Versorgungslücken zu bemänteln und mit dem kostendämpfenden Einsatz von Zivildienstleistenden und der kostendämpfenden Anhebung der Rezeptgebühren möglichst lange aus den Lohnkosten herauszuhalten.

Jede marktwirtschaftliche Gesetzmäßigkeit, die das Auftreten zusätzlichen Angebotes bei gesättigtem Markt bewirken sollte, ist im Gesundheitswesen soweit außer Kraft gesetzt, daß wir eher den Staatsbankrott erleben, als das Ende der Begehrlichkeiten der Heiler und ihrer Helfer, denen es bisher noch immer gelungen ist, jede echte Reform im Keim zu ersticken und sich damit den Zugriff auf den Topf der Sozialkassen zu erhalten. Trotz aller schon erfolgten Maßnahmen zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen ist doch bis heute kein Arzt darauf angewiesen, mit der Qualität seiner Leistung, seinem besonderen Service oder seinem besonders günstigen Preis um Patienten zu werben, weil er immer noch gegenüber der gesetzlichen Krankenkasse und/oder gegenüber der Privaten Kasse nach einer pauschalen Honorartafel zugreifen kann. Und immer wenn der Zustrom der Mittel in den Topf nicht mehr ausreicht, um das Produkt aus Menge und Begehrlichkeit derer, die sich daraus bedienen, zu befriedigen, steht die Beitragserhöhung ja dann doch als letzter Ausweg offen.

Ist es also überhaupt möglich, das Gesundheitswesen gegen den Widerstand dieser mächtigen, tief in der Struktur der Republik und im Unterbewußtsein der Bevölkerung verankerten Interessengruppe (Helden in Weiß, Prof. Brinkmann läßt grüßen), nach marktwirtschaftlichen Gesetzen neu zu organisieren und damit einen Automatismus herzustellen, der die volkswirtschaftlichen Gesamtaufwendungen sinnvoll und wirksam begrenzt?

Wenn, dann wohl nur auf dem Wege, daß die Nachfrage-Macht des Patienten über Preis-/Leistungstransparenz und weitgehende Selbstbestimmung bei der Mittelverwendung überhaupt erkennbar und soweit gestärkt wird, daß ein Wettbewerb um sichere Diagnosen und wirksame Therapie in Gang kommen kann, der sich in nichts von dem Wettbewerb unterscheidet, wie er zwischen Kaufhäusern oder zwischen Bauunternehmen herrscht und der auch über den Preis ausgetragen wird.

Was halten Sie von folgendem Szenario:

Jeder einzelne Bürger wird per Gesetz Mitglied der gesetzlichen Krankenkasse und zahlt einen geringen monatlichen Grundbeitrag. Das Gesamtaufkommen dieser Zahlungen sollte sich im Rahmen dessen bewegen, was bisher als "Arbeitgeberanteil" in das Gesundheitswesen eingeflossen ist und auch weiterhin im Wesentlichen von den "Arbeitgebern" aufgebracht werden.

Die so eingebrachten Mittel dienen ausschließlich der Abdeckung der Verwaltungskosten der Krankenversicherung, der Finanzierung von bestimmten Pflicht-Vorsorge-Untersuchungen, zu denen jeder Bürger regelmäßig aufgerufen wird und der Abdeckung von Einzelrisiken, die nicht über das im folgenden beschriebene "Darlehensmodell" refinanziert werden können.

Die Inanspruchnahme frei gewählter medizinischer Leistung und auch die Inanspruchnahme von Notfallmedizin, Heil- und Hilfsmitteln, Kuren und anderen Rehabilitationsmaßnahmen wird dem Kassenmitglied (solange keine aus dem Versicherungsverlauf entstandenen Restriktionen dagegenstehen und der Leistungserbringer ausreichend qualifiziert ist) voll erstattet.

Der Erstattungsbetrag wird technisch als "Darlehen" an den Patienten behandelt, das in tragbaren monatlichen Raten über einen Zuschlag zum Grundbeitrag eingehoben wird, bis dieses Darlehen, bei marktüblichem Zins, getilgt ist.

Das Kassenmitglied kann außerdem jederzeit Sondertilgungen leisten, oder Leistungen - ohne Einschaltung der Kasse - direkt bezahlen.

Die Versicherungsmathematiker werden schnell ausgerechnet haben, wie hoch der monatliche Mindestbeitrag für jeden einzelnen Bürger zu bemessen sei, damit aus ihm eine Reihe von Pflicht-Vorsorge-Untersuchungen bezahlt werden können und die Risiken abgedeckt werden, die darin bestehen, daß einzelne Patienten nicht in der Lage sein werden, ihre Darlehen (vollständig) zurückzuzahlen, weil der medizinische Aufwand so hoch, oder die restliche Lebenserwartung so kurz ist.

Die Politik wird festzulegen haben, wie sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Beamte und öffentliche Arbeitgeber, Kinder, Rentner, nicht berufstätige Ehefrauen und diesen gleichgestellte Partner aus gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften, Sozialhilfe-Empfänger usw. in diesem System an den Start begeben und unter welchen Voraussetzungen der Staat bei Beitrags- und ggfs. auch Tilgungsleistungen unterstützend eingreift.

Was wären die Folgen, wenn die gesetzliche Krankenversicherung - von der Pflichtversicherung der Armen und Kinderreichen, die sie heute ist - zum allgemeinen Versicherungs- und Kreditverein umgebaut würde?

Richtig: Die Ärzte müßten von einigen standesrechtlichen Schutzvorschriften befreit werden, also z.B. für ihre Leistungen und Preise werben dürfen, weil der Patient in seinem ureigensten Interesse, darauf angewiesen wäre, sichere Diagnosen, wirksame Prophylaxe und im Fall der Fälle eine gute (schnell wirkende, keine Folgeschäden) Therapie zu einem günstigen Preis vergleichend nachzufragen, wobei ihn Verbraucher- respektive Patientenberatungsstellen mit Empfehlungen und mit Warnungen vor schwarzen Schafen unterstützen könnten.

Außerdem: Niemand hätte mehr ein Interesse daran, von der Kasse etwas "herausholen" zu wollen, denn alles was er bekäme, wäre der zweckgebundene, in Raten zurückzuzahlende Kredit für eine bereits erfolgte Leistung, wobei die Leistung auch eine reine Geldleistung (Krankengeld) sein kann.

Besondere Regelungen sind für Langzeit-Patienten und insbesondere alte Menschen zu treffen, bei denen die vollständige Tilgungsleistung von vornherein gefährdet scheint.

 

An dieser Stelle wird eine leistungsbegrenzende Formel zu finden sein, die für den Patienten den Anreiz bietet, immer noch eine gute oder besondere Behandlung nachzufragen, die mit der garantierten Erstattung für eine medizinisch korrekte Grundversorgung auskommt. Diese leistungsbegrenzende Formel muß es aber genauso ermöglichen, freiwillig aus eigenen Mitteln eine entsprechende Zuzahlung zu leisten, denn nicht jeder Alte und nicht jeder Langzeitkranke ist mittellos.

Genau das ist übrigens dann der Bereich, in dem ich eine Berechtigung sähe, für die Private Krankenkasse, als Zusatzversicherung. Genau für solche Fälle kann die Private Krankenversicherung dann in die Leistung gehen, nachdem dafür über viele Jahre die entsprechenden Vorsorge-Beiträge angesammelt wurden.

Der Vorschlag wird auf erbitterten Widerstand derer stoßen, die ihre bislang sichere Pfründe schwinden sehen, weil sie sich davor fürchten müssen, ihre überflüssige, überteuerte oder gar schädliche Leistung im Wettbewerb einem immer aufgeklärteren Patienten anbieten zu müssen. Für den medizinisch nicht so versierten Patienten könnte übrigens der unabhängige Sachverständige zum wichtigen Partner werden, so ähnlich wie er sich bei der Unfallreparatur von Kraftfahrzeugen längst bewährt hat.

 

Ist es nicht ein vertiefendes Nachdenken wert, wenn es im ersten Ansatz so aussieht, als könne durch eine einfache Änderung des Versicherungsprinzips (gezielt Abzahlen, statt ziellos Ansparen) eine Marktmacht auf der Nachfrageseite geschaffen und damit ein Problem nachhaltig gelöst werden ?

Egon W. Kreutzer

zurück