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Von: "EWK_...der_Unternehmerberater" <EWKberater@knuut.de>
An: <leserbriefe@spiegel.de>
Betreff: Genua
Datum: Dienstag, 24. Juli 2001 19:04

Unterbernbach, 24. Juli 2001

Sehr geehrte Spiegel-Redaktion,

die folgenden Gedanken gehen bei aller bereits selbstauferlegten Streichung und Verdichtung doch immer noch (knapp) über das Maß hinaus, das ich selbst einem Leserbrief zubilligen möchte, aber das Thema ist zu wichtig, um es nur quick and dirty abzuhandeln.

Außerdem will ich mir nicht einfach nur darin gefallen, mit den Autoren in intellektuellen "Spiegelfechtereien" das Thema auszuschlachten, sondern ernsthaft einen Versuch wagen, Abstand zu gewinnen von dem aktuellen Spektakel in Genua und von den aus großer Nähe nicht unter einen Hut zu bringenden Forderungen der sog. Globalisierungsgegner und stattdessen die ursächlichen Konstruktionsmängel unseres heute gelebten Wirtschaftssystems aufzudecken und einen gangbaren Ausweg zu zeigen, der nicht der Zustimmung von Gipfelteilnehmern und Wirtschaftsbossen bedarf, weil jeder für sich das notwendige, kleine Stück Änderung vollziehen kann, das ausreicht, um die notwendige Richtungskorrektur im Großen einzuleiten.

Mit allerbesten Grüßen

Egon W. Kreutzer
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Genua

Mit einer Flut von Worten wälzen sieben Autoren den gemeinsam gestalteten Spiegel-Titel in den Brennpunkt des gerade erwachten Interesses an Gegenstand und Ziel von Globalisierung und Globalisierungsgegnern.

Das hemmungslose und trotzdem lobenswerte Aufzählen von Fakten und Daten schafft aber genausowenig ein realistisches-klares Bild der vom Globalisierungsfieber geschüttelten Welt, wie die Durchmischung dieser Mosaikfragmente mit einer ebensolchen Fülle kurz angerissenen Lösungsideen aus altbekannten und exotisch-neuen Quellen ausreichen kann, um schon einen gedanklichen Halt, einen Orientierungsrahmen, eine akzeptable strategische Zielsetzung erkennen zu lassen.

Auch nach intensiver und mehrfacher Lektüre bleibt als einzige Gewißheit wohl die, daß uns jede Gewißheit spurlos abhanden gekommen scheint.

Ich will das wahrlich ausreichend verworrene Gemenge nicht weiter verwirren und die Auswahl der vorgelegten Ansätze nicht um weitere untaugliche vermehren, sondern einfach einmal tief Luft holen, auf die hohe Leiter steigen und von oben und mit Abstand nachsehen, ob das Labyrinth, in dem wir ausweglos gefangen scheinen, nicht doch nach einer Seite offen ist und wer die sind, die eifrig und mit Phantasie uns einen Irrweg nach dem andern weisen.

Die erste Erkenntnis, die sich aus der Höhe der schwankenden Leiter gewinnen läßt, ist die, daß sich alles rauschende Leben und alles Lamento im und vor dem Tempel des Merkur abspielt, als wollte der dort eingezogene Mammon, wie Jahwe, keine anderen Götter neben sich dulden.

Kunst und Kultur? Da herrscht Ruhe im Tempel. Die tanzt, ökonomisch und spekulativ vereinnahmt, bei Mammon um das Kalb.
Sport und Wettkampf? Alle Spiele nur auf Großbildleinwand über dem Altar der Wirtschaft oder im Bezahlfernsehen zu erleben.
Wissenschaft und Lehre? Zur Brutstätte der Anwendungsentwicklung degeneriert.
Soziales Engagement? Von professionellen Spendensammlern vereinnahmt und in festen Revieren patenschaftlich aufgeteilt.
etc.

Nun, das ist doch trotzdem gar nicht schlecht, wenn die Welt so zusammenrückt, einer gemeinsamen, einenden Idee und Konvention verschrieben. Da sollte doch für alle ein Platz sein, im verheißenen Paradies, da sollten doch Gewalt und Streit der Vergangenheit angehören und sich Wohlstand und Wohlleben ungehindert verbreiten, oder?

Es scheint das Gegenteil der Fall zu sein, denn offenbar sind zwar alle vom gleichen Wunsch und Wollen durchdrungen, aber doch mit der äußerst problematischen Nebenbedingung, daß der hier hausende Gott vor den Erfolg das Geld gesetzt hat und neben das Geld - als dessen Fluch - den Zins.

 

Kommen Sie herauf, auf meine Leiter und sehen Sie genußvoll zu, wie da Banknote sich mit Banknote munter paart und dort, im andern Koben gerade jetzt die 100-Dollar-Muttersau nach kurzer Tragezeit ein halbes Dutzend kleiner greenbacks wirft.

Sie können das nicht sehen? Sie meinen, Geld sei unfruchtbar? Zinsen müßten aus dem vorhandenen Geld bezahlt werden? Bitte, wo käme da denn Wachstum her?
Ach so, wenn nur die Umlaufgeschwindigkeit erhöht und die Geldmenge stets maßvoll angepaßt .....

Daß ich nicht lache, solche Einfalt! Da sehe ich von meiner Leiter aus doch mehr!

Der ganze Wirtschaftskreislauf beginnt und endet da, wo wenigen Menschen unter Einsatz von Geld und Ellenbogen und festem Willen die Verfügungsgewalt über fast alle langlebigen, werthaltigen Sachen zugewachsen ist. Und Runde um Runde geht es um den gleichen Grund und Boden und um die gleichen Schätze und um die daraus zu erlangenden Vergnügen, nur die Namen und Gesichter der Spieler wandeln sich im Laufe der Zeit.

Was auch immer erzeugt, erdacht, verkauft, gehandelt, getauscht, verliehen und zurückgezahlt wird, wie die einzelnen Stufen von Produktions- und Wirtschaftsprozessen beschrieben und gegeneinander abgegrenzt werden, es geht um nichts anderes, als um möglichst viel Gewalt über möglichst viele, werthaltige Sachen und da kommt die Globalisierung - als Jackpot quasi - gerade recht.

Der reichtumsschaffende Prozess beginnt mit Ideen und Arbeit vieler, er nutzt das i.d.R. vom Staat (Ausnahme und vielleicht Vorreiter: Unser staatenloser Euro!) zur Verfügung gestellte, in sich wertlose Tauschmittel Geld, um von einer Wertschöpfungsstufe zur anderen zu springen, soweit der Vorsteuerabzug reicht. Er nutzt dazu alle erreichbaren Ressourcen unseres Planeten und er dient, mit allen seinen Facetten und Blüten, die uns, wenn wir wieder von der Leiter steigen, in so verwirrender Vielfalt umwerben, wie bis vor Tagen noch die Emissionsprospekte aus dem Neuen Markt, nur der Ansammlung möglichst vieler werthaltiger Sachen in den Händen weniger.

Die so deutlich zu beobachtende Einheit des Strebens verschleißt sich nun leider darin, daß praktisch jeder einer jener großen Wenigen sein will und sich daher alle wie das Vieh im Pferch vor diesem einen Tempel, der dieses Glück verheißt, zusammendrängen. Wer nicht nach Reichtum strebt, nur nach dem schönen Leben, der ist nichts anderes mehr, als Zielgruppenangehöriger und steht, als Träger von Bedarf als nackte Zahl im gleichen Range in den Büchern der Berechnenden, wie eine Kiste voll mit Kuckucksuhren oder eine Tonne Stahl. Doch wer am allgemeinen Streben teilnimmt, hat es kaum besser. Es ist ein langer schwerer Weg und viele Konkurrenz ist auszuschalten in stetiger Gefahr, selbst als Opfer zu verenden. Wie Mannesmann, Sie erwähnten es, ich weiß.

Das Heilsversprechen, daß der hier verehrte Gott abgibt, kann er nur für den geringsten Teil seiner Anhänger einlösen und das auch nur, weil der große überwiegende Teil dafür das Opfer bringt und eben diese dann, um nicht als Versager dazustehen, im Hamsterrad nur schneller noch und immer schneller ihre Runden dreh´n.

Bitte lesen Sie noch ein paar Sätze weiter. Das Wolkenkuckucksheim der hohen Leiter, die so schön klare Bilder zeigt, will ich ganz schnell verlassen um eine einzige Idee noch anzusprechen, die allen Grund hätte, zu zünden:

"Kauft Wert, statt Schrott!"

und wenn Sie wollen, dann ist das nur ein neues Etikett für "Qualitatives Wachstum", doch, wie Sie zugeben werden, in ungleich einprägsamerem Gewand.

In den Auslagen der Antiquitätenhändler sind - beispielhaft - die Dinge zu finden, die über die Zeit einen Wert bewahrt, vielleicht sogar in realer Kaufkraft an Wert gewonnen haben. Wer sich bei jeder Investition in Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände die Frage stellt, ob das "teure Stück" recht bald auf der Sperrmülldeponie landen, oder ob es zu denen zählen soll, um die sich Erben streiten, der ist auf dem richtigen Weg. Denn ein damit gesetzter Trend zu mehr Qualität sorgt zugleich für rückläufigen Rohstoff- und Energieverbrauch und reduziert die Abfallmengen. Die Wegwerf-Konsumspirale, die dazu zwingt, das gesamte verfügbare Einkommen in ein wie toll rotierendes "Wirtschafts-Wachstums-Karussell" zu lenken, wovon dem Konsumenten doch nie mehr bleibt, als Übelkeit und Schwindel, auf keinen Fall ein dauerhafter Wert, wird wirksam unterbrochen.

 

An Beispielen für "Wert statt Schrott!" herrscht kein Mangel und deshalb erspare ich uns jegliche, auch die nur exemplarische Aufzählung.

Stattdessen will ich den Grundsatz noch einmal beschwören: "Kauft Wert, statt Schrott!"

 

Denken Sie bei jedem Einkauf daran, wie schnell ein Superschnäppchen ausgedient haben wird und fragen Sie sich grundsätzlich, ob Sie die so verführerisch angepriesene Funktion wirklich brauchen oder - warum auch immer - zumindest wollen. Wenn ja, dann suchen Sie nach dem Besten, was es zu diesem Zweck gibt und sparen Sie, wenn's sein muß, bevor Sie zuschlagen, etwas an. Sie helfen sich damit selbst und uns allen. Das ist schöner, richtiger Egoismus.

Das gilt aber bei weitem nicht nur für Investitionen. Wer sich erinnern mag, daß Essen nicht gewohnheitsmäßiges Mampfen sein muß, sondern im anderen Extrem auch Kunst sein kann, wird besser und mit Genuß nur soviel essen, wie er braucht. Das ist guter und nützlicher Egoismus. Sorgen Sie durch konsequente Qualitätswahl mit dafür, daß die wertlosen, leeren Kalorien in den Regalen weniger werden und die damit verbunden Tonnen von Plastik-Verpackungsmüll und die dafür eingesetzten Energiemengen und die LKW-Kilometer, die dahinterstehen. Niemand wird arbeitslos deswegen. Die Arbeit ändert sich. Qualität ist aufwendiger. Das ist zu Ihrem und zu unser aller Nutzen.

Nehmen Sie den Begriff "Wert" in Ihr Wertesystem auf und schämen Sie sich, wenn Sie "Unwert" kaufen. Lassen Sie sich nicht als notwendige, weil für den Profit unverzichtbare Zwischenstation eines Produktes auf dem Weg zur Müllkippe oder Kläranlage einschalten. Setzen Sie dem angebotenen Mengenwachstum in jeder Beziehung die Forderung nach mehr Qualität entgegen und lassen Sie sich diesen gemeinnützigen Egoismus nicht ausreden.

Die globale Wirtschaft wird nach den bekannten Prinzipien weitermachen, aber ohne Crashgefahr langsamer rotieren können. Die Zahl derer, die am Wohlstand teilhaben, wird dabei umweltverträglich wachsen können, weil die in den Wirtschaftskreislauf eingebrachten Energien nur noch in vermindertem Maße für Gewinnziele vernichtet werden müssen und stattdessen zum Anwachsen allgemeinen Wohlstands eingesetzt werden können. Aus einem wohlverstandenen, nach Wert verlangendem und insbesondere Schrott ablehnenden, gar nicht nur eigennützigen Egoismus heraus, auf den sich unsere Wirtschaft schnell, flexibel und liberal einstellen wird. Garantiert.

Egon W. Kreutzer

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