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Von: "EWK_...der_Unternehmerberater" <EWKberater@knuut.de>
An: <leserbriefe@spiegel.de>
Betreff: Milton Friedmann, "Jetzt sparsamer sein"
Datum: Dienstag, 30. Oktober 2001 12:55

Milton Friedmann
"Jetzt sparsamer sein"

Sehr geehrte Spiegel-Redaktion,

Darf der SPIEGEL zulassen, daß sich ein Nobelpreisträger für Wirtschaft im SPIEGEL-Interview selbst demontiert? Der Spiegel hat diese Frage für sich bejaht und den neuesten Stand der "reinen" Theorie abgedruckt. Welches armselige Weltbild, welcher Realitätsverlust wird da offenbar!

Friedmann kann den Verlust der Twin Towers von seinem eigenen Elfenbeinturm aus offenbar nur als einen in Dollar und Cent zu bemessenden, jederzeit zu ersetzenden, rein materiellen Schaden wahrnehmen. Er gibt dann schnell und ohne Not - in einem kaum mißverständlich ausdeutbaren Kontext - dem Militär den Vorrang vor der Regierung, dem militärischen Sieg den Vorrang vor dem Erfolg ziviler Unternehmungen und er will dann lieber doch kein Geld für den Krieg ausgeben, weil er glaubt, auf diese Weise die Regierung schwächen zu können. Überhaupt ist er geradezu besessen von der Idee, die Regierung schwächen zu müssen und versteigt sich aus dieser verbohrten Auffassung heraus zu immer abenteuerlicheren Argumentationen.

 

Die Idee, die Feinde einer freien Gesellschaft könnten durch die Schwächung der Regierung geschwächt werden ist abstrus, selbst wenn man kurzzeitig das allgemein aktuelle Feindbild "Terrorismus" gegen das aktuelle Friedmann´sche Feindbild "die Geschäftsleute" austauscht. Es nimmt daher auch nicht weiter wunder, daß auch Friedmanns intellektuelle Auseinandersetzung mit der Globalisierungsdebatte in der nicht minder abstrusen Etikettierung als "Spaßbewegung" endet, noch bevor sie begonnen hat.

Eine Begriffswelt, die in Türmen mehr erkennen kann, als nur Steine, die in Menschen mehr entdecken kann, als nur potentielle Produktivitätsträger, die frei gewählten Regierungen mehr zutraut, als nur tumbe Geldverschwendung ist dem Begründer des Neoliberalismus offenbar fremd geworden.

Mag sein, daß Theorie ohne simplifizierende Abstraktion nicht möglich ist, aber wir sollten darüber nicht vergessen, daß Praxis ohne Realität auch nicht funktioniert.

Egon W. Kreutzer

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