Impressum
 Home alle Kommentare alle Leserbriefe  Stichwortsuche  Einmischen 
Von: "EWK_...der_Unternehmerberater" <EWKberater@knuut.de>
An: <leserbriefe@spiegel.de>
Betreff: jagoda und die Statistik
Datum: Donnerstag, 14. Februar 2002 16:50

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Chor derer, die die unzulässige Kosmetik an einer völlig unwichtigen Sekundärstatistik zum Anlaß nehmen, um die Generaldebatte über die Arbeitslosenversicherung zu eröffnen, singt zu laut und zu falsch, um uneingeschränkten Applaus zu verdienen!

Der folgende Text transportiert eine abweichende Meinung. Sollte es wirklich die einzige sein?

Mit freundlichen Grüßen
Egon W. Kreutzer


Schwer vermittelbar

Pharisäer! Heuchlerisch stürzt sich die Meute auf Jagoda und seine Vermittlungszahlen, als würden bei einer weniger geschönten Sekundärstatistik heute nicht 4,3 Millionen Arbeitsplätze fehlen, sondern nur die Kanzlerzahl von 3,5 Millionen oder gar noch weniger.

Bernhard Jagoda hat seit Jahren einmal pro Monat die Summe derjenigen Menschen bekanntgegeben, die nach den Kriterien der Sozialgesetzgebung zum jeweiligen Stichtag als "arbeitslos" anerkannt waren. Wer hat sich darum gekümmert, ob damit nun alle Arbeitslosen, oder nur die Bezieher von Arbeitslosengeld oder vielleicht auch arbeitssuchende Sozialhilfeempfänger erfaßt sind? Wir alle haben die offizielle Zahl der Arbeitslosen als die tatsächliche Zahl der Arbeitslosen akzeptiert und uns damit der Notwendigkeit enthoben, den Wahrheitsgehalt inoffizieller Schätzungen von 5,5 oder 6 oder gar 9 Millionen Arbeitslosen zu überprüfen. Medien und Politik haben diese Tabuzone nie verletzt! Die Tatsache, daß in der Gesamtzahl nur ca. 1,5 Millionen Langzeitarbeitslose enthalten sind, zwingt zu der Annahme, daß unter den 2,5 Millionen Kurzzeitsarbeitlosen eine muntere Fluktuation herrscht. Da kommen Jahr für Jahr Millionen neuer Arbeitsloser dazu und Millionen ehemaliger Arbeitsloser finden wieder Arbeit. Wenn uns allerdings noch vor wenigen Wochen jemand gefragt hätte, ob denn alle Einstellungen von den Arbeitsämtern vermittelt würden, dann hätten wir nach kurzer Rücksprache mit unserer allgemeinen Lebenserfahrung erklärt, daß sicherlich auch die Arbeitsämter vermitteln, daß die meisten Arbeitslosen aber aufgrund eigener Initiative einen neuen Job finden würden und hätten nach dieser zutreffenden Aussage ohne jegliche Aufregung wieder zur Tagesordnung übergehen können. Wenn unsere gesamte mediale Öffentlichkeit, einschließlich der versammelten Politprominenz nun plötzlich und unerwartet mit einem Aufschrei des Entsetzens davon Kenntnis nimmt, daß ein vermutlich frustrierter Revisor herausgefunden und verkündet hat, die Zahl der statistisch ausgewiesenen Vermittlungen entspräche nicht der Zahl der tatsächlichen Vermittlungen, dann fragt man sich verwundert: Worum geht es da eigentlich?

Die Effizienz der Arbeitsvermittlung entscheidet sich doch nicht erst in ihrer statistischen Erfassung, sondern in der Tätigkeit der Vermittler, und die Erfolgsaussichten der Vermittler werden um so geringer, je mehr die Arbeitgeber den Nachweis des so lautstark beklagten Facharbeitermangels schuldig bleiben und offene Stellen nicht melden. Mit dem sogenannten Vermittlungsskandal wird doch nur ein neues Kapitel jener Legende geschrieben, die die Unternehmerschaft von jeglicher Verantwortung für die andauernd hohe Arbeitslosigkeit entbindet und als wahre Schuldige die Arbeitslosen selbst entlarvt, die sich mit ihrem vermeintlichen "Recht auf Faulheit" den immer noch viel zu schlaffen Vermittlungsversuchen der Arbeitsämter entziehen, anstatt das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, wie es ihre Pflicht ist.

Es mag großen Reformbedarf im Hause Jagoda geben, gar keine Frage. Wer nun aber diese maßlos übertriebene Statistik-Farce zum Vorwand nimmt, um im Handstreich die Vermittlung zur privatisieren und womöglich die Kosten dafür auch noch durch Leistungskürzungen zu finanzieren, der bringt etwas mehr Neoliberalismus auf die Tagesordnung, als es dem sozialen Frieden in unserem Lande zuträglich ist.

zurück