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Von: "EWK_...der_Unternehmerberater" <EWKberater@knuut.de>
An: <Redaktion.Leserbriefe@sueddeutsche.de>
Betreff: Das Unsoziale am Sozialstaat
Datum: Freitag, 8. März 2002 13:50

Sehr geehrter Herr Sowein!!
natürlich ist mir klar, daß die Leserbriefseite, wie alles auf der Welt, eine endliche Angelegenheit ist. Um so mehr danke ich Ihnen für die persönliche Antwort auf meine letzte Stellungnahme. Das Karussell der Meinungen zu notwendigen Umbaumaßnahmen im Sozialstaat dreht sich aber weiter und ich habe mich heute erneut zu einer Äußerung hinreißen lassen, weil es sich Autoren wie Nicolaus Piper oder Alexander Hagelüken viel zu oft viel zu einfach machen, wenn sie wirtschafts- und sozialpolitische Themen einmal kurz gegen Strich bürsten, ohne den drängenden Problemen dabei wirklich auf den Grund zu gehen.

Mit besten Grüßen

Egon W. Kreutzer


----- Leserbrief zum Artikel vom 8. März 2002 -----

Das Unsoziale am Sozialstaat

Mein Gott, Herr Hagelüken, wo leben Sie denn?

Die von Ihnen rezensierte Inszenierung einer Sozialstaatsdebatte ist nicht die reale Welt, sondern Theater! Die von Ihnen gescholtenen Bewahrer spielen ihre Rolle ebenso nach den Anweisungen von Buch und Regie, wie die von Ihnen gelobten Erneuerer! Die Frage darf nicht heißen, ob Gerster Recht hat, oder Frau Engelen-Käfer, ob Riester hätte wissen müssen, oder ob Merkel schon immer gesagt hat, daß ...!
Es ist viel wichtiger zu fragen, wer das Stück auf den Spielplan gesetzt, und wer die Dialoge geschrieben hat, in denen jene unsäglichen Berechnungen auftauchen, mit denen den abhängig Beschäftigten Deutschlands die Notwendigkeit der Absenkung ihres Lebensstandards bewiesen werden soll.

4,3 Millionen Arbeitslose, davon geschätzt 3 Millionen, die wirklich Arbeit suchen. 1,3 Millionen warten auf den Rentenbeginn, weil sie von Ihren Arbeitgebern elegant entsorgt wurden. Gäbe es Beschäftigung für 1,3 Millionen Menschen, wenn das Arbeitslosengeld an ältere Arbeitslose nur für 12 Monate gezahlt würde?

Woher denn, Herr Hagelüken?
Glauben Sie, daß der entlassene 50-jährige Feinmechaniker, der sein Häuschen noch nicht ganz abbezahlt hat, einen der neuen Jobs im Niedriglohnsektor (haben Sie schon einen gesehen?) annimmt, weil Sie hoffen, der würde Ihnen dann das Einkaufswägelchen durch den Supermarkt schieben? Für ein Trinkgeld?

Es gäbe keinen einzigen zusätzlichen Arbeitsplatz deswegen, es gäbe nur eine weitere Reduzierung der Binnenkaufkraft und des Geldumlaufes und damit noch mehr Arbeitslosigkeit. Ein wohldosiertes Quantum Arbeitslosigkeit senkt aber die Einstiegsgehälter derjenigen, die manchmal an Stelle der entlassenen älteren Arbeitnehmer wieder einen Job bekommen!

Wenn dann, mit schwachem Euro und niedrigen Lohnkosten, die hohe Produktivität der Beschäftigten benutzt wird, um neue Exportrekorde aufzustellen, schmälert natürlich jeder Euro, der dabei für Sozialabgaben ausgegeben werden muß, den zur Ausschüttung verfügbaren Gewinn, der immer öfter auch dann ausgeschüttet wird, wenn er auf seinem Weg durch die Bücher bis zur deutschen Steuerbilanz auf wundersame Weise zum Verlust mutiert ist.

Unsere Gesellschaft entsolidarisiert sich rapide, weil die Globalisierung es ermöglicht, daß Gewinne in steigendem Maße den nationalen Gesellschaften entzogen werden, während die für die Erwirtschaftung dieser Gewinne erforderlichen nationalen Infrastrukturen (der Standort Deutschland) gleichzeitig möglichst bis zur Erschöpfung genutzt werden. In den immer enger werdenden Grenzen nationaler Einflußnahme mühen sich die Regierungen hilflos ab, die, nicht nur im Vergleich zur Produktivität, stetig sinkenden Löhne zwischen Arbeitnehmern, Rentnern, Kranken und Pflegebedürftigen halbwegs gerecht zu verteilen und dabei auch noch die notwendigsten Staatsaufgaben zu finanzieren.

Das Unsoziale am Sozialstaat ist, daß inzwischen offenbar auch die letzten ehemals verantwortungsbewußten Unternehmer den Media-Markt-Slogan "Ich bin doch nicht blöd" verstanden haben und sich nach Kräften dagegen verwahren, weiterhin zur Finanzierung sozialer Leistungen herangezogen zu werden. Die Bewahrer wissen, daß das System ohne Umbau einstürzt, aber sie glauben, daß es immer noch besser ist, die tragenden Säulen zu stärken, anstatt ohne jeden Plan für den Neubau erst einmal auf die Schnelle die Abrißbirne zu bestellen.

Mehr über die Zusammenhänge des (globalen) Wirtschaftens erfahren Sie in
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von Egon W. Kreutzer
.............unbedingt lesenswert!

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----- Original Message -----

From: Redaktion.Leserbriefe@sueddeutsche.de
To: EWK_...der_Unternehmerberater
Sent: Thursday, February 28, 2002 1:36 PM
Subject: Antwort: jagoda und die Vermittlungsstatistik

Sehr geehrter Herr Kreutzer,
vielen Dank für Ihr Schreiben. Leider ist es uns nicht möglich, Ihren
Text auf der Seite "Leserbriefe" abzudrucken. Zu unserem Bedauern können
wir aus der täglichen Briefflut nur wenige Zuschriften auswählen. Aber
unabhängig von einer Veröffentlichung nehmen Autoren oder Ressortleiter
nützliche Anregungen unserer Leser gerne auf, sodass Ihre Mühe nicht
vergebens war.

Mit freundlichen Grüßen

Gerd Sowein
Süddeutsche Zeitung
Redaktion Leserbriefe

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