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Von: "EWK_...der_Unternehmerberater" <EWKberater@knuut.de>
An: <Redaktion.Leserbriefe@sueddeutsche.de>
Betreff: SZ-Serie "Protestantische Kirche", Replik zu Carl Amery "Die einzige Alternative"
Datum: Mittwoch, 3. April 2002 10:55

Sehr geehrte Damen und Herren,

ohne das erwähnte neue Buch von Carl Amery schon gelesen zu haben, sehe ich Veranlassung, den neuen Optimismus des Autors zu würdigen und dazu aufzurufen, über die angebotene "einzige" Alternative hinaus, auch andere Möglichkeiten zu suchen, zu erkennen und wahrzunehmen, die zur notwendigen Kurskorrektur beitragen können.

Ich würde mich freuen, wenn die nachstehende Replik als Lesermeinung veröffentlicht werden könnte, bitte aber auch diesmal zumindest darum, diesen Brief an Carl Amery weiterzuleiten.

Mit freundlichen Grüßen
Egon W. Kreutzer

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Die einzige Alternative -
Warum wir eine mutige Kirche bräuchten
SZ-Feuilleton vom 3. April 2002

Gott sei Dank! Carl Amery hat wieder Mut gefaßt.

Ging es ihm im letzten Sommer noch darum, aufzuzeigen, daß das Ende schon eingeläutet sei, daß das "Extra-Gärtlein für die Umwelt" nicht befriedigend bestellt werden könnte, so appelliert er heute an die Kirchen, sich dem totalen Markt in den Weg zu stellen. Es ist gut, daß ein Vordenker wie Amery sich wieder aus der ausweglosen Resignation löst und beginnt, ganz zaghaft von einem Licht am Ende des Tunnels, einem Silberstreif am Horizont zu berichten, der herbeigezwungen werden könnte, gelänge es nur, den totalen Markt zu überwinden.

Es mag ein fragwürdiges Gleichnis sein, den Markt zur Reinkarnation römischer Kaiser umzudeuten und diesem (all-?)mächtigen Markt die Klostergründungen des Mittelalters als heute noch wirksame Medizin entgegenzusetzen, aber nicht das Gleichnis ist wichtig, sondern die wiedergefundene Erkenntnis, daß Veränderungen nicht nur dringend nötig, sondern sogar auch möglich seien.

Nehmen wir an, der Prozeß der Mutschöpfung Carl Amerys setzt sich fort. Wird er uns, wiederum neun Monate später, erklären, daß nicht die kraftlosen Kirchen, sondern vielmehr die Parteien sich im Kampf gegen die Alternativlosigkeit auszeichnen müßten und wird er vielleicht danach auf die Idee kommen, es läge an den Gewerkschaften, sich dem Moloch mutig in den Weg zu stellen?

Es erinnert an die Fabel von den Sieben Schwaben, wenn Carl Amery ausruft: "Heil'ger Mann, gang Du voran", und sich dabei furchtsam nach dem eigenen Fluchtweg umsieht!

 

Natürlich ist es nicht einfach, den Weg aus der Selbstmordfalle des voll entwickelten Kapitalismus zu weisen, vor allem wenn man diesen hurtig hinter der Formel vom "Totalen Markt" verbirgt, als sei es wirklich noch Markt, was uns bedroht. Kapitalismus ist nicht Markt, sondern Macht. Eine Macht, die den Markt in eine Inszenierung von Markt, das Recht in eine Inszenierung von Recht und die Demokratie in eine Inszenierung von Demokratie verwandelt, solange es noch nützlich scheint, den Schein zu wahren.
Der totale Markt kennt weder Freiheit, noch Gleichheit, noch Brüderlichkeit. Er kennt nur noch den immer schneller, immer rasanter wachsenden Profit, der aus Spekulation und Luftgeschäften das gewinnt, was am Ende in den Sozialkassen, in den Töpfen der Entwicklungshilfe in den Etats für Schulen und Kindergärten fehlt. Die gegenwärtige Pleitewelle, von der kleinen Christbaumschmuckfabrik mit 200 Mitarbeitern in Oberfranken bis zu Kirch, Holzmann und Dornier hat viel damit zu tun, daß es einen funktionierenden Markt für Firmenkredite nicht mehr gibt, weil der Geldmarkt jeden Euro, der nicht mehr als den üblichen Zins, unterhalb der Wucher-Schwelle, abwirft, aufsaugt und in die Spekulationskasinos von Frankfurt, New York und Tokio spült. Oder was meint Helga Einecke sonst, wenn sie am 28.3. in der SZ den Chefvolkswirt von Goldmann Sachs zitiert: "... die Finanzmärkte (werden) immer wichtiger, der Zinsmechanismus (tritt) in den Hintergrund ..."?

Der aus Indien oder Botswana importierte Geistliche, der Sonntag für Sonntag vor leeren Kirchenbänken predigt, wird noch weniger Menschen erreichen, als Carl Amery im Feuilleton der Süddeutschen. Die Kirche alleine kann die Trendwende also weder herbeireden noch herbeibeten, aber es wird gut sein, wenn sie mithilft, die schweigende Mehrheit der Demokraten in neuen, bisher noch ungeahnten und weit über ATTAC hinausreichenden Koalitionen zu vereinen, um sich gegen die Nutznießer der unübersehbaren gesellschaftlichen Fehlentwicklung unserer Zeit zur Wehr zu setzen.

Es gibt Alternativen. Die Kirche ist, Gott sei Dank, nicht die einzige!
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