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Von: "EWK_...der_Unternehmerberater" <EWKberater@knuut.de>
An: <leserbriefe@sueddeutsche.de>
Betreff: AG mit beschränkter Haftung
Datum: Mittwoch, 1. August 2001 11:46

Sehr geehrte Damen und Herren,

Karl Heinz Büschemann schreibt heute über die Forderungen zum Schadensersatz gegen Thomas Haffa und entgeht dabei leider nicht der Versuchung einer unzulässigen Verallgemeinerung, die kaum mehr zwischen Spekulationsverlusten und dem Bilanzergebnis differenziert und damit die aufkeimende Einstellung unterstützt, auch der Spekulationsverlust läge in der persönlichen Verantwortung des Vorstandes und berechtige somit zu Ersatzansprüchen. Im folgenden Text versuche ich dazu eine weiterführende Diskussion anzuregen.
Mit freundlichen Grüßen

Egon W. Kreutzer

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Das Thema des Tages

AG mit beschränkter Haftung

Der Vorstand haftet für die Spekulationsverluste der Anleger? Ja sind wir denn von allen guten Geistern verlassen, eine solche Idee ernsthaft zu diskutieren?

Gerade weil die Geschäftsführung von EM.TV nicht unumstritten war und weil gegen Herrn Haffa persönliche Vorwürfe formuliert wurden, darf dieses Beispiel nicht in die unsinnige Forderung eines "Anlegerschutzes" eingebracht werden, dessen Schadens- und Risikobeschreibung von dem Irrtum ausgeht, die Marktkapitalisierung zum Zeitpunkt der höchsten im Handel erzielten Kurse sei eine zutreffende Aussage über das zu schützende Vermögen der Aktionäre. Weder EM.TV noch die EM.TV Aktien waren jemals 28 Milliarden DM wert, denn die "Marktkapitalisierung" ist nichts als ein Indikator für die spekulative Über- oder Unterbewertung von Aktien, soweit das Vermögen und die Ertragskraft der Aktiengesellschaft davon abweichen.

Die Konsequenzen der Entscheidungen, für die ein seriöser Vorstand eventuell zu haften hätte, spiegeln sich in den ausgewiesenen Gewinnen und Verlusten, über die jährlich mit der Bilanz Rechenschaft abzulegen ist.
Kursgewinne oder Kursverluste entstehen durch Spekulationen über die voraussichtlichen Reaktionen der Börse auf die unterschiedlichsten Meldungen, Gerüchte und Dementis und sicherlich auch auf bekannt gewordene Vorstandsentscheidungen und deren tatsächliche oder vermutete Folgen. Aktienkurse haben mit dem Unternehmen wenig zu tun, und führen ein um so stärkeres Eigenleben, je weiter sich sie sich von den Werten der Bilanzen entfernen und je kurzfristiger der Betrachtungshorizont ist.
Wer versucht, sich zu erinnern, wird feststellen, daß es weit weniger die Vorstände waren, die dem Bullen Futter gaben, als Analysten, Banken, Vermögensberater und sonstige Finanzdienstleister und daß in der ganz heißen Phase, gut ein Jahr lang, dann auch noch die geballte Kraft der Publikumsmedien dazukam, die sich darin überschlugen, ihren weithin unerfahrenen und naiv gutgläubigen Konsumenten die spekulative Anlage wärmstens anzuraten.

Natürlich haben hierbei Menschen, die jetzt einfach auch dabei sein wollten (ich bin doch nicht blöd?) unter dem Strich Verluste erlitten. Sie sollten darüber allerdings weniger bei den Vorständen Klage führen, als vielmehr bei den Stimmungsmachern, die eine Illusion vom Reichtum ohne Arbeit für Alle noch aufgebaut und verstärkt haben, als längst klar war, daß die Spekulation zusammenbrechen müsse, ohne daß allerdings der Zeitpunkt exakt vorhersagbar gewesen wäre.

Natürlich brauchen wir Gesetze, die Unternehmen vor vorsätzlich herbei geführten Verlusten schützen und damit die Anteilseigner vor dem Verlust des realen wirtschaftlichen Potentials bewahren.

Spekulationsverluste können vom Vorstand der Aktiengesellschaft aber nicht verantwortet werden. Spekulation sollte auch vom Gesetzgeber nicht anders behandelt werden, wie andere Form legalen Glücksspiels und um Gottes willen sollte weder der Croupier (die Börse) noch der Lieferant der Jetons (die AG) für die spieltypischen Verluste der Spieler haften müssen.

Daß Überlegungen zur Zähmung der Spekulation national und vor allem international wünschenswert und gesetzliche Regelungen überfällig sind, ist ein ganz anderes Thema, das auch von der Erkenntnis beflügelt werden sollte, daß die Banken, die ihr Kerngeschäft heute fast ausnahmslos in zumindest börsennahen Geschäftsfeldern sehen, trotz Crash fantastische Ergebnisse einfahren konnten und zwar "durch die Bank".

Egon W. Kreutzer

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