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Paukenschlag am Donnerstag der wöchentliche Kurzkommentar (No. 9) Egon W. Kreutzer - 1. März 2007 |
Experten
sind Menschen, die tiefe Einsichten in komplexe Sachverhalte gewonnen
haben und der Allgemeinheit mit ihrem Wissen helfen, richtig zu
entscheiden und zu handeln.
DRECKsperten
sind Menschen, die tiefe Einsichten in komplexe Sachverhalte gewonnen
haben und dieses Wissen einsetzen, um sich - und ihren Brotgebern
- gegenüber der Allgemeinheit
ungerechtfertigte Vorteile zu verschaffen und zu erhalten.
Eine der Schlagzeilen dieser Woche lautete:
Lohnverzicht hat 600.000 Stellen gesichert
und die Meldung besagte:
Nach Ansicht von Experten habe eine "Lohnpolitik mit Augenmaß"
von Mitte der neunziger Jahre bis 2006 rund 600.000 sozialversicherungspflichtige
Jobs erhalten oder neu geschaffen. Dies wird von den Experten
darauf zurückgeführt, dass sich die Lohnsteigerungen
am Produktivitätsfortschritt orientiert hätten. Die
Produktivität pro Arbeitsstunde habe sich von 1995 bis 2006
um 20 Prozent erhöht - die Tariflöhne seien im gleichen
Zeitraum mit branchendurchschnittlich 23 Prozent nicht viel kräftiger
gestiegen.
Das ganze mündet in die Mahnung, angesichts von immer
noch mehr als vier Millionen Arbeitslosen solle auch weiterhin
Lohnzurückhaltung geübt werden, zumal das Argument der
Gewerkschaften, mit höheren Löhnen ließe sich
der Konsum ankurbeln, falsch sei.
Im Gegenteil: Zwischen 1992 und 2006 habe ein Anstieg der Erwerbstätigkeit
um ein Prozent zu einem Konsumzuwachs von fast 0,8 Prozent geführt,
während ein tarifliches Lohnplus von einem Prozent lediglich
ein Konsumplus von 0,3 Prozent gebracht habe.
Kann man diese Äußerung nun Experten zuschreiben,
oder waren da eher DRECKsperten am Werke?
Die verkürzte Pressemitteilung gibt keine Auskunft darüber,
welche 600.000 Stellen da vom Abbau verschont geblieben sein sollen.
Das ist aber vollkommen belanglos. Die Verfasser der Studie hätten
sich ebenso gut auf einen Wert von nur 300.000 oder auch auf 3
Millionen festlegen können. Jede Zahl, solange sie unterhalb
der Zahl der besetzten Arbeitsplätze bleibt, ist möglich,
so lange nicht gesagt wird, wie hoch die (nicht erfolgte) Lohnerhöhung
hätte ausfallen müssen, damit eine bestimmte Zahl von
Arbeitsplätzen verloren gegangen wäre - und das hätte
man dann vielleicht auch noch begründen müssen.
Stattdessen wird hier eine bekannte Größe - nämlich
die Zahl der existenten Arbeitsplätze - mit einer Fiktion
verglichen, deren Ausmaß in einem weiten Spektrum frei wählbar
ist. Frei wählbar unter anderem auch deshalb, weil der vermeintlich
bestimmende Faktor, nämlich das in der Berechnung unterstellte
Maß der Lohnerhöhung, in der Realität nicht eingetreten
ist. Die in der Meldung flankierend
genannten Zahlen - "Produktivitätssteigerung pro Arbeitsstunde"
und "Erhöhung der tariflichen Löhne im Branchendurchschnitt"
- so raffiniert sie auch hingerechnet wurden, um den Zweck der
Meldung abzusichern, sind für die Hauptaussage ebenfalls
vollkommen belanglos.
Wenn die Produktivität der Arbeit steigt,
wenn also pro Arbeitsstunde mehr Güter und Leistungen
erzeugt werden, als vorher, dann sinkt doch zunächst einmal
der Bedarf an Arbeitskräften.
Wenn also, wie behauptet wird, Arbeitsplätze erhalten werden
konnten, obwohl die Produktivität gestiegen ist, dann
nicht trotz, sondern wegen der Lohnerhöhungen.
Doch
damit sind wir mitten in einer wunderschönen DRECKsperten-Argumentation,
die es verdient, einmal ganz grundsätzlich analysiert zu
werden. Sie beginnt mit der Behauptung:
Einkommensverzicht schafft
Arbeit.
Das ist unbestreitbar richtig.
Wer umsonst gute Arbeit anbietet, also auf
Einkommen verzichtet, wird immer jemanden finden, der seine Arbeit
annimmt. Wer seine gute Arbeit umsonst anbietet, wird selbst dann
nicht arbeitslos sein, wenn überhaupt niemand mehr Geld hat.
Wer umsonst gute Arbeit anbietet, wird allerdings zwangsläufig
irgendwann verhungert sein. Das ist die andere Seite der Medaille.
Ein
gewiefter Drecksperte wird hierauf entgegnen, man dürfe nicht
immer alles von den Extrempositionen her betrachten - die gäbe
es in der Realität schließlich gar nicht. Und dann
wird er (einigermaßen wahrheitsgemäß, aber gegen
seine innerste Überzeugung) behaupten, so blöd könne
einer doch gar nicht sein, dass er ganz umsonst arbeitet. Sogar
die Sklavenhalter in Virginia hätten - zumindest die meisten
- meistens dafür gesorgt, dass ihr Humankapital nicht aus
reinem Kalorienmangel vorzeitig den Löffel abgibt. Nach diesem
Ausflug in die glorreiche Vergangenheit der frühkapitalistischen
Urerzeugung kehrt der Wirtschaftswissenschaftler dann in die Gegenwart
zurück, plädiert an die Vernunft und gibt einen neuen
Aspekt seines Expertenwissens preis:
"Lohnverzicht", sagt er dann, "Lohnverzicht
senkt vielleicht das Einkommen des Einzelnen, aber insgesamt steigt
doch die Lohnsumme in der Volkswirtschaft, wenn - wegen der
niedrigeren Arbeitskosten - 100 Menschen Arbeit finden, wo vorher
nur 80 bezahlt werden konnten."
Der Egoismus des Arbeitsplatzbesitzers zementiere doch die Arbeitslosigkeit der anderen. Lohnverzicht, heißt es dann sogar, sei ein Gebot der Solidarität - und die Gewerkschaftsführer finden dieses Argument so schön, dass sie es wortwörtlich in ihre Reden zum 1. Mai einbinden.
Was ist dran, an dieser schönen Vision von einer Solidarität der Arbeitnehmer, die nicht mehr länger im Streit um höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zusammenstehen, sondern - eines Besseren belehrt - ihre Solidarität durch Lohnverzicht und Sozialdumping beweisen?
Hören wir noch einmal genau hin:
Es können leicht 100 Menschen Arbeit finden, wo vorher nur 80 Arbeit hatten, wenn nur der Stundenlohn von 10 auf 9 Euro gesenkt würde.
So könnte sich die Summe der pro Stunde gezahlten Löhne und damit die pro Stunde verdiente Kaufkraft von vorher 800 Euro auf 900 Euro erhöhen. Insgesamt ginge es allen besser, denn auch die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung und zur Krankenversicherung und zur Rentenversicherung könnten gesenkt werden, weil es nun ja wieder mehr Beitragszahler gäbe, wodurch der anfängliche Brutto-Lohnverzicht netto mehr als ausgeglichen wäre. Das natürliche Ende dieser Entwicklung sei natürlich nicht erst dann erreicht, wenn alle verhungert sind, sondern lange vorher, nämlich dann, wenn Vollbeschäftigung herrscht und die maximale Lohnsumme gezahlt werden könne. Das wollen ja schließlich alle - Arbeitgeber wie Arbeitnehmer, Regierung und Gewerkschaft, ja sogar die demokratisch gewählte Opposition wünscht sich nichts sehnlicher als Vollbeschäftigung. Deswegen möge man doch bitte Vertrauen haben und sich nicht von ein paar armen, irregeleiteten Kleingeistern verwirren lassen.
Schön argumentiert.
Besser geht's kaum.
Leider hat die Argumentation einen Makel. Sie ist verlogen und falsch.
Wie verlogen und falsch diese Begründung
für die angestrebte, freiwillige Lohnkürzung ist, zeigt
sich aber nur, wenn man die einzelnen Elemente der Geschichte
in den richtigen Zusammenhang stellt - und ein bisschen mitrechnet.
1. Kurze kalkulatorische Betrachtung zur Ermittlung der Nutznießer
Wenn es das Ziel ist, 100 Menschen, statt nur 80 zu beschäftigten, ist es auch das Ziel, die Produktion von bisher 80 auf dann 100 Einheiten auszuweiten und den Absatz ebenfalls. Wenn ursprünglich der Lohnanteil an der Produktion 30 Prozent ausmacht, der Materialeinsatz ebenfalls 30 Prozent, die mengenabhängigen (variablen) Kosten also bei 60 Prozent liegen, und mengenunabhängige (fixe) Kosten von weiteren 30 Prozent zu berücksichtigen sind, ergibt sich für den Unternehmer in absoluten Zahlen die folgende Kostenstruktur:
| Löhne | 30% | 80 Mitarbeiter x 1500 Jahresstunden x 10 Euro |
1.200.000 Euro |
| Material | 30% |
1.200.000 Euro |
|
| Fixkosten | 30% |
1.200.000 Euro |
|
| Summe Kosten | 90% |
3.600.000 Euro |
|
| Kosten pro Stück |
45.000 Euro |
||
| Gewinn | 10% |
400.000 Euro |
|
| Jahresumatz | 100% | 80 Stück x 50.000 Euro |
4.000.000 Euro |
Diese Struktur verändert sich bei Beschäftigung von 100 Mitarbeitern und der damit verbundenen Produktionsausweitung wie folgt:
| Löhne | 27% | 100 Mitarbeiter x 1500 Jahresstunden x 9 Euro |
1.350.000 Euro |
| Material | 30% |
1.500.000 Euro |
|
| Fixkosten | 24% |
1.200.000 Euro |
|
| Summe Kosten | 81% |
4.050.000 Euro |
|
| Kosten pro Stück |
40.500 Euro |
||
| Möglicher Gewinn | 19% |
950.000 Euro |
|
| Mögl. Jahresumatz | 100% | 100 Stück x 50.000 Euro |
5.000.000 Euro |
Wenn der Unternehmer den Lohnverzicht (150.000 Euro von 100 Mitarbeitern)
vollständig im Preis weitergeben würde, also die 20
zusätzlich erzeugten Produkte nicht für 1 Million, sondern
über eine Rabattaktion mit einem Nachlass von 15 Prozent
für nur 850.000 Euro verkaufen würde, verdoppelt sich
sein Gewinn - alleine durch die höhere Kapazitätsauslastung
- immer noch, und zwar von 400.000 auf 800.000 Euro.
Doch nicht nur der Gewinn des Unternehmens
ist gestiegen, auch die Summe der gezahlten Löhne hat sich
um 150.000 Euro erhöht.
"Und darum", trumpft der DRECKsperte jetzt auf, "sei es schließlich gegangen, und damit sei es endgültig und für jeden erkennbar bewiesen: Lohnverzicht schafft Arbeit und mehrt den Wohlstand."
| Nachlass für die Endkunden |
150.000 Euro |
| Gewinnzuwachs für den Unternehmer |
400.000 Euro |
| Lohnsummenzuwachs |
150.000 Euro |
| Summe der positiven Effekte des Lohnverzichts |
700.000 Euro |
2.) Kurze Betrachtung der Folgen für die Beschäftigung
Teil A, Folgen des Lohnverzichts für die Beschäftigten bei Produktion für den Binnenmarkt
Es ergibt sich leider ein kleines Problem.
Von einer Erhöhung der Lohnsumme um 150.000 Euro geht auch nur eine Erhöhung der Kaufkraft um 150.000 Euro aus.
Der Gesamtumsatz kann also gar nicht um
mehr als 150.000 Euro steigen - es sei denn, es entstehen dadurch
Umsatzeinbußen bei anderen Unternehmen. Es ist müßig,
nach anderen Quellen für zusätzliche Kaufkraft zu suchen,
vor allem aber ist es falsch und verlogen, mit Erbschaften, Lottogewinnen,
Aktienverkäufen oder Neuverschuldung zu argumentieren, wenn
die Herkunft des Geldes für die zusätzlichen Umsätze
erklärt werden soll.
(Letztlich wird auch der Unternehmer
die Mehrproduktion nicht aus seinem Gewinn bezahlen, und sich
die überflüssigen Erzeugnisse in den Vorgarten stellen
- was den Schluss zulässt, dass auch die Gesamtheit der Unternehmer
nicht beabsichtigen wird, die Gesamtheit der Mehrproduktion aller
Unternehmen für ihren privaten Bedarf zu erwerben.)
Wir sprechen vom Nutzen des Lohnverzichts - und der kann weder von Lottogewinnen noch von Aktienspekulationen oder Erbschaften abhängen, auch nicht von der Neigung, sich zu verschulden, denn auch die Schulden müssen irgendwann getilgt werden, was sich negativ auf den Absatz auswirkt. Wenn also das betrachtete Unternehmen seine Mehrproduktion vollständig absetzen kann, dann hat die Aufstockung der Lohnsumme des betrachteten Unternehmens den zusätzlichen Absatz von 3 Stück (7,5% der Mehrproduktion) möglich gemacht, während die Mitbewerber ein Umsatzvolumen von 17 Stück oder 850.000 Euro verloren haben.
Der Konkurrent, der das hinnimmt, und diejenigen 17 Mitarbeiter, die er folglich nicht mehr beschäftigen kann, entlässt, kann zwar über die Lohnkosten hinaus auch seine Materialkosten senken, aber nicht die Fixkosten. Seine Kostenstruktur verändert sich zu Ungunsten seines Gewinns. Jeder Unternehmensberater wird ihm empfehlen, ein Kostensenkungsprogramm aufzulegen und die eigene Belegschaft aufzufordern, dem Lohnverzicht der Konkurrenzbelegschaft den eigenen, noch weiter gehenden Lohnverzicht gegenüberzustellen - denn: Es ist doch besser, dass 80 Menschen für 8 Euro pro Stunde arbeiten, statt 63 für 10 Euro und dadurch 17 arbeitslos werden.
Diese Überlegung, da gebe ich den Wirtschaftswissenschaftlern recht, führt natürlich keineswegs auf direktem Wege zum Verhungern der Belegschaften, sie führt nur relativ zügig zur Insolvenz eines Wettbewerbers.
Da schreiben wir dann "Marktbereinigung"
oben drüber, und die DRECKsperten erklären vollmundig:
"Wer sich nicht rechtzeitig und ausreichend an die Globalisierung
anpasst, den bestraft eben der Markt."
Teil B, Folgen des Lohnverzichts
für die Beschäftigung bei Produktion für den Export
Wer die Welt- und Wirtschaftserklärer
so weit genervt hat, dass sie sich im Binnenmarkt in die Enge
getrieben fühlen, wird mit einem weiteren Häppchen Expertenwissens
belohnt:
Die benötigte, zusätzliche Kaufkraft müsse ja
nicht aus dem Binnenmarkt stammen. Das betrachtete Unternehmen
exportiert selbstverständlich.
Daraus ergibt sich, dass tatsächlich jeder Euro zusätzlicher
Lohnsumme ein Euro zusätzlicher Kaufkraft auf dem Binnenmarkt
ist. Erst der Export schafft wirklich die win-win-Situtation,
die 700.000 Euro positiver Wirkungen hervorruft, und bei der die
150.000 Euro zusätzlicher Lohnsumme tatsächlich als
zusätzliche Kaufkraft, wohlstandsmehrend in den Binnenmarkt
strömen.
Achtung: Trickbetrüger!
Wenn Experten, welche stets für
die Globalisierung eintreten und den internationalen Wettbewerb
gegen jedes noch so vernünftige Argument mit Zähnen
und Klauen verteidigen, in ihrer Argumentation plötzlich
zu beinharten Vertretern nationaler Interessen mutieren, dann
ist Skepsis geboten! Ganz grundsätzlich unterscheidet sich
der globale Weltmarkt nämlich um keinen Deut von einem geschlossenen,
nationalen Binnenmarkt. Gäbe es den deregulierten, globalisierten
Welthandel nicht, dann hätten nationale Volkswirtschaften
noch eine kleine Chance, für sich Vorteile zu suchen und
Nachteile zu vermeiden. Weil die Globalisierung aber dahin geführt
hat, dass es nur noch einen einzigen, "globalen Binnenmarkt"
gibt, wodurch die Regelungen und Schutzmechanismen der ehemaligen
nationalen Binnenmärkte vollständig ausgehebelt worden
sind, gibt es diese Chance nicht mehr.
Gerade weil wir Exportweltmeister sind, entpuppen sich unsere eigenen Lohn- und Preissenkungen über kurz oder lang als gefährlicher Bumerang.
Was passiert denn wirklich?
Der Konkurrent auf dem Weltmarkt, dem wir den Marktanteil weggenommen haben, trudelt doch in die gleichen Schwierigkeiten, wie ein Konkurrent im Inland. Ihm fällt Umsatz in der Größenordnung von 20 x 50.000 Euro, also eine volle Million weg. Es müssen Löhne gesenkt und/oder Mitarbeiter entlassen werden, wodurch Kaufkraft von mindestens 300.000 Euro (die Löhne eines Viertels der Mitarbeiter) aus dem globalen Markt verschwindet. Der Gewinn des Konkurrenten sinkt auf Null, weil erst die Fixkosten gedeckt sein müssen, bevor ein Gewinn ausgewiesen werden kann. Dem gegenüber steht die Einsparung der Volkswirtschaft des Empfängerlandes in Höhe des Preisnachlasses von 15 Prozent, also 150.000 Euro.
Wir werden also mit unserem Lohnverzichtsprodukt auf dem ausländischen Markt zwar eine ganze Weile erfolgreich sein können, aber:
Die Import-Budgets unserer weltweiten Handelspartner sind nicht unendlich groß und unsere Politik der Arbeitsplatzvernichtung im Ausland führt zwangsläufig dazu, dass der Exporterfolg, den wir heute verbuchen, die Kaufkraft unserer Abnehmer mindert und ein neues, globales Absatzproblem vorprogrammiert.
Ob uns dieses Absatzproblem schnell und direkt trifft, oder mit Verzögerungen und auf Umwegen über mehrere Landesgrenzen hinweg, spielt keine Rolle. Es wird uns treffen.
Dem lässt sich dann wieder nur mit Lohnverzicht begegnen.
Die letzte Argumentationslinie der DRECKsperten:
Wenn die Diskussion an diesen Punkt gelangt ist, und vor Müdigkeit kaum noch jemand die Augen offen halten kann, erhebt der Chefvolkswirt erneut die Stimme und wirft ein:
Das ist doch Quatsch! Der Lohnverzicht
unserer Mitarbeiter hat zu einem Anwachsen der Lohnsumme und damit
zu zusätzlicher Kaufkraft geführt. Die können wir
doch einsetzen, um selbst zu importieren, wodurch die Kaufkraft
unserer Abnehmer entsprechend gestärkt wird und unsere Exporte
auch wieder bezahlt werden können.
Weltwirtschaft ist doch keine Einbahnstraße, sondern ein
wunderbarer Kreislauf des Nehmens und Gebens in internationaler
Arbeitsteilung.
Nur Kleingeister verfallen auf die Idee einer derart statischen
Betrachtungsweise. Das grenzt an Volksverhetzung ...
Zahlen kommen jetzt allerdings in der Argumentation nicht mehr vor. Unsere 150.000 Euro Lohnsummenzuwachs reichen zwar theoretisch aus, um für 150.000 Euro zu importieren und damit den im Zielland unserer Dumping-Exporte angerichteten Kaufkraftverlust auszugleichen, doch dort ist nun ganz unbemerkt ein zweites, bisher vollkommen übersehenes Problem aufgetreten - das Geld ist weg.
Die Devisensituation hat sich höchst
problematisch verändert.
(oder in unserem Einheits-Euro-Beispiel
- die "Geldmengenverteilung auf die globalen Wirtschaftszonen")
| importierende Wirtschaftszone | |
| Devisenabfluss für Importgüter |
850.000 Euro |
| erspart durch | |
| Senkung der Lohnsumme |
300.000 Euro |
| Verminderter Gewinn des Konkurrenzunternehmens |
400.000 Euro |
| Verminderter Materialverbrauch |
300.000 Euro |
| Senkung des Preisniveaus durch billige Importware |
- 150.000 Euro |
| exportierende Wirtschaftszone | |
| Devisenzufluss für Exportleistung |
850.000 Euro |
| Verteilung | |
| Erhöhung der Lohnsumme |
150.000 Euro |
| Erhöhter Gewinn des Exportunternehmens |
400.000 Euro |
| Erhöhter Materialverbrauch |
300.000 Euro |
Wenn die importierende Volkswirtschaft den
Ausgleich ihrer Zahlungsbilanz anstrebt (und das streben außer
den USA so ziemlich alle an), muss sie vermehrt exportieren -
und zwar im vollen Umfang der fehlenden 850.000 Euro. Wir können
ihnen dabei allerdings nur mit 150.000 Euro aus der erhöhten
Lohnsumme als Abnehmer zu Hilfe kommen. Also müssen unsere
ausländischen Konkurrenten jetzt ganz massiv die Preise senken,
um neue Marktanteile zu erobern. Das hat zwei Konsequenzen:
1. Die Lohnkosten der ausländischen Beschäftigten müssen
sinken - sonst können keine zusätzlichen Marktanteile
erobert werden
2. Weil wir nicht in der Lage sind, den notwendigen Mehrexport
aufzunehmen, geht die Expansion der Konkurrenz fast zwangsläufig
zu Lasten unserer Markanteile im Ausland.
Die durch Lohnverzicht gewonnenen 20 Arbeitsplätze
und die dazugewonnene Lohnsumme sind extrem gefährdet.
Es sei denn, wir stellen uns erneut dem internationalen Wettbewerb,
zeigen uns solidarisch mit den Arbeitslosen und üben Lohnverzicht.
Lohnverzicht
führt zu Lohnverzicht
und
der führt wiederum zu
Lohnverzicht.
Der Bumerang bleibt in der Luft
- und er kommt immer wieder zu dem zurück, der ihn zuletzt
geworfen hat.
Zum Schluss die Darstellung der Veränderungen
in einer Gesamtsicht. Was hat der Lohnverzicht im ersten Schritt
tatsächlich bewirkt?
| (Nur Werte aus dem Beispiel) |
|
|
|
| Umsatz weltweit |
8.000.000 |
7.850.000 |
- 150.000 |
| Lohnsumme weltweit |
2.400.000 |
2.250.000 |
- 150.000 |
| Beschäftigte weltweit |
160 |
160 |
+/- 0 |
| Lohn pro Beschäftigtem |
15.000 |
14.063 |
- 937 |
| Arbeitslose weltweit |
20 |
20 |
+/- 0 |
| Gewinn Exporteur |
400.000 |
800.000 |
+ 400.000 |
| Gewinn Konkurrent |
400.000 |
0 |
- 400.000 |
| Kaufkraft im Exportland |
X |
X + 150.000 |
+ 150.000 |
| Kaufkraft im Importland |
Y |
Y - 300.000 + 150.000 |
- 150.000 |
Verbessert haben sich - unter dem Strich - nur der Gewinn und die Marktposition des exportierenden Unternehmens.
Die 20 zusätzlichen Arbeitsplätze, die bei uns entstanden und ein Anwachsen der Lohnsumme um 150.000 Euro hervorbrachten, sind im Ausland verloren gegangen und haben dort zu einem Verlust von 300,000 Euro in der Lohnsumme der Beschäftigten geführt.
De facto haben wir also Produkte und
Arbeitslosigkeit exportiert, sowie absehbar einen Konkurrenten
ausgeschaltet.
Bleibt vielleicht noch die Frage nach dem Verbleib des Lohnsummenzuwachses
im Inland.
Nun, da ist Geld da, aber die Produkte sind exportiert. Wenn die zusätzliche Lohnsumme nicht als Treibsatz für die Inflation wirken soll, muss importiert werden. Das wird auch gelingen, aber es ist doch kein Geschenk. Dafür ist Arbeit abgeliefert worden - eigentlich sogar Arbeit im Wert von 300.000 Euro - vor Lohnverzicht.
Das Problem sind nicht die Löhne. Das
Problem sind die Gewinne.
Jedenfalls der Teil der Gewinne, welcher der Realwirtschaft entzogen
wird.
Solange die Gewinne der Unternehmer und
Kapitalgeber nicht vollständig in die Kreisläufe der
Realwirtschaft zurückgeführt werden - solange also dem
Wachstum der Gewinne nicht auch das adäquate Wachstum der
bezahlten Arbeit folgt, weil Gewinne nicht ausgegeben werden,
um Lohnleistung (Arbeit und/oder Produkt) zu kaufen, ist ein Ausweg
aus der globalen Lohndumping-Spirale nicht in Sicht.
So lange es aber Spekulationsmärkte, Aktienbörsen, Hedge-Fonds
und das stets nach Anlage und leistungsfreiem Profit suchende
Geldvermögen der Multimilliardäre gibt, ist der Lohnverzicht
der Massen der Königsweg, sich die volle Leistung möglichst
aller Erwerbsfähigen bis zum allerletzten Moment zu sichern.
Na, dann verzichtet mal schön.
In der Realität ist
alles noch eine Spur komplizierter.
Die Experten werden nicht versäumen, darauf hinzuweisen.
Wir haben die Investitionen und die Import-Export-Ströme für Investitionsgüter nicht berücksichtigt. Wir haben uns nicht um Steuern und Sozialversicherungsbeiträge gekümmert, wir haben uns nicht damit befasst, wie internationale Konzerne mit ihren rund um die Welt verstreuten Standorten operieren. Wir haben nicht über die Problematik der Unternehmensfinanzierung gesprochen.
Aber weil es komplizierter
ist, ist es nicht anders. Schon gar nicht besser ...
Der Paukenschlag
am Donnerstag ertönt unentgeltlich jeden Donnerstag.
Selbsternannte Fördermitglieder des Kesselpaukenorchesters
zeichnen sich durch den Erwerb mindestens eines Exemplares des
Buches "Der Hase Donnerstag und die anderen Tiere aus dem
Wäldchen hinter dem Mond" aus. Dies ist ein absolut
satirefreies Kinderbuch für Vier- bis Achtjährige, das
mit Wort und Tat den Tierschutzgedanken fördert, weil es
den Kindern Tierliebe und dem WWF pro verkauftem Exemplar volle
2 Euro nahe- bzw. einbringt. Sie erhalten es*) für schlaffe
11,95 Euro versandkostenfrei direkt vom EWK-Verlag.
*) Nicole Engbers, Der Hase Donnerstag und die anderen Tiere
aus dem Wäldchen hinter dem Mond,
EWK 2005, ISBN 3-938175-20-6, Hardcover, 120 Seiten, durchgängig
farbig illustriert
a![]() * 1949 im oberfränkischen Neustadt bei Coburg |
Egon W. Kreutzer der Verfasser dieses Artikels |
Wolf's wahnwitzige
Wirtschaftslehre weist Wege in eine gerechtere Zukunft. Brandneu: Band IV - Kritik und Überwindung des aggressiven Eigentums. Hier |
| "Ich freue mich sehr über Ihr Interesse und möchte Sie gerne auf weitere Angebote meiner Site aufmerksam machen - bitte sehen Sie sich um!" |
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