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Paukenschlag
am Donnerstag
der wöchentliche Kurzkommentar
(No. 48)
Egon W. Kreutzer - 29. November 2007
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Die Banken-Dollar-Airbus-KriseAls das Flugzeugbau-Unternehmen Airbus im Jahre 1970 gegründet wurde und in langen Jahren mit massiver staatlicher Unterstützung aus Frankreich und Deutschland zu einem ernsthaften Konkurrenten für Boeing hochgepäppelt wurde, ging es vor allem darum, die technologische und wirtschaftliche Abhängigkeit Europas im Bereich der Luftfahrt zu brechen, was zweifellos gelungen ist.
So war der Kraftakt der Deutschen und der Franzosen zwar keine rein nationale Anstrengung, aber doch etwas, was man auf der Basis "supranationaler" Entscheidungen zugunsten eigener, europäischer Interessen betrieben hat. Es ging nicht darum, internationalen Konzernen und internationalem Kapital auf europäischem Boden einen profitablen "Standort" für den Flugzeugbau anzubieten, es ging darum, gemeinsame Interessen Frankreichs und Deutschlands gegen die Konkurrenz aus den USA durchzusetzen.
Nur vor dem Hintergrund dieser europäischen Interessenlage kann der Aufstieg von Airbus Industries zu dem leistungsfähigen Industriekomplex, der sich daraus entwickelt hat, verstanden werden. Weder ausländische Investoren, noch ausländische Industrieunternehmen hätten in und für Europa ein eigenständiges Luftfahrtunternehmen geschaffen - und die nationalen Unternehmen der ersten Stunde hätten den riskanten Schritt ohne massive staatliche Unterstützung nicht wagen können.
Nun scheint es, als hätten die Europäer diesen "Kampf um die Lufthoheit" am Ende doch verloren.
Letzte Woche hat sich der derzeitige Chef des Unternehmens, Thomas Enders, zu der sicherlich nicht unbedachten Äußerung hinreißen lassen, der rasante Verfall des Dollars sei lebensbedrohlich für Airbus. Vernünftige Anpassungsmaßnahmen seien kaum mehr möglich, das Management denke über radikale Maßnahmen nach.
Zu den radikalen Maßnahmen gehört, wie zwischenzeitlich zu erfahren war, der Versuch, vermehrt Zulieferteile aus dem Dollar-Raum zu beziehen und selbst Teile der Fertigung in den Dollar-Raum zu verlagern.
Ein unter den Regeln der Globalisierung betriebswirtschaftlich vernünftiger Ansatz, die lebensbedrohliche Gefahr für das Unternehmen abzuwenden - aber um den Preis einer nicht minder lebensbedrohlichen Katastrophe für die eigenständige europäische Luftfahrtindustrie.
Wenn Thomas Enders Ernst macht - und es wird ihm nichts anderes übrig bleiben, solange ihm nicht massive Unterstützung aus Paris und Berlin zuteil wird - haben die Dollar-Spekulanten ganz nebenbei und als Dreingabe zum großen Abzockgeschäft auch die eigenständige europäische Luftfahrt (und mit EADS auch die europäische Raumfahrt) kassiert.
Es ist erforderlich, gedanklich noch einmal ein paar Schritte zurückzugehen und das bisherige Geschehen (siehe auch PaD No. 33 "Das Beben der Märkte") noch einmal in ganz knappen Sätzen auf den Punkt zu bringen:
- In den USA wurden massiv Kredite an nicht kreditwürdige Schuldner vergeben.
- Die Schuldner haben das Geld - überwiegend für den Konsum - ausgegeben.
- Das Geld ist demzufolge überwiegend in den Kassen der amerikanischen Einzelhandelskonzerne gelandet, die damit Lieferanten in aller Welt und ihre laufenden Kosten bezahlt, sowie ihre Aktionäre mit Gewinnausschüttungen bedacht haben.
- Das hat zur negativen Handelsbilanz der USA und damit dazu geführt, dass das - durch diese Kredite erst in Umlauf gebrachte - Geld, zu ganz erheblichen Teilen (Importrechnungen und Unternehmensgewinne) außer Landes bzw. aus den Kreisläufen der Realwirtschaft abgeflossen ist.
- Was aber außer Landes ist, kann nicht so ohne weiteres wieder als Einkommen bei denen landen, die es als Schuldner dringend bräuchten, um Zins und Tilgung leisten zu können.
Der Ausweg aus diesem Dilemma sah lange Zeit so aus:
- Auf wundersame Weise wurden die Häuser in den amerikanischen Stadtrandsiedlungen von Jahr zu Jahr wertvoller,
- so konnten zusätzliche Kredite auf die gleichen Immobilien gewährt werden, was es möglich machte, den Schuldendienst zu leisten und immer noch genug Geld für den Konsum ausgeben zu können.
- Mit den Werten der billigen Fertighäuschen im Grünen stiegen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten natürlich auch die Werte aller anderen Immobilien und die Summe der Kredite, hinter denen alle amerikanischen Immobilien als Sicherheit standen, stieg selbstverständlich mit.
- Es stiegen dabei natürlich die Gewinne der Banken durch zunehmende Zinserträge, es stiegen die Gewinne des Einzelhandels durch wachsenden Konsum, es wuchs auch das Außenhandelsdefizit und in der Folge wuchsen die Dollarbestände bei den Zentralbanken in Asien und in Europa.
Die Banker in den USA wussten natürlich, dass ein Großteil der ausgereichten Kredite schon bei der Vergabe notleidend war - und verfielen auf die großartige Idee, die Forderungen aus den Krediten zu verbriefen und billig - und daher mit hohen Gewinnchancen - in alle Welt zu verkaufen.Erst als dies nicht mehr so recht gelingen wollte, weil offenbar auch Banker und Anleger außerhalb der USA erkannten, dass zwangsläufig bei diesem Spiel irgend jemand am Ende den Schwarzen Peter in der Hand halten wird, versiegte der Kreditstrom.
Ende 2006/Anfang 2007 gerieten die ersten kleineren Kreditinstitute in den USA in Schwierigkeiten, 9 Monate später brannte die Finanzbranche in den USA lichterloh und ein Ende ist auch heute noch nicht abzusehen.Der Flächenbrand hat längst auf den Rest der Welt übergegriffen. Kaum ein namhaftes Institut in Europa, das nicht einen Abschreibungsbedarf im dreistelligen Millionenbereich oder noch höher einzugestehen hatte. Die IKB und die Sachsen LB in Deutschland konnten nur mit Mühe vor der Insolvenz bewahrt werden. Die Krise ist so weit gediehen, dass in den USA die Bürgermeister beginnen, nach staatlicher Hilfe rufen, weil sie ein Millionenheer potentieller Obdachloser heranwachsen sehen, die bei den zu erwartenden, weiteren Kreditzusammenbrüchen mit der Zwangsräumung ihrer bisher so einträglichen Immobilien rechnen müssen.
Der Widerhall in den deutschen Medien ist demgegenüber immer noch verdammt leise, aber ein Jahr nach dem ersten Knistern hört man sogar in den täglichen Nachrichten des Öfteren von einer "Bankenkrise in den USA" und -
als gäbe es da keinen Zusammenhang - wird daneben wahlweise von der Stärke des Euro oder der Schwäche des Dollars berichtet, wobei nie versäumt wird, darauf hinzuweisen, dass der robuste deutsche Aufschwung davon nicht wirklich beeinträchtigt werden könne.
Zusammengefasst:
Eine große Nation hat ihren Import und die Gewinne ihrer Banken und Großkonzerne über Jahre hinweg mit nichts, als der kühnen Behauptung bezahlt, ihre Immobilien seien im Wert gestiegen.
Als dies nicht mehr zu verbergen war, ist die Währung, deren Wert zu großen Teilen aus nicht existenten Immobilienwertsteigerungen bestand, massiv zusammengebrochen - und ein weiterer katastrophaler Absturz steht bevor.
Wer kann, wandelt seine Dollars in Sachwerte um.
US-Heuschrecken fallen weltweit über Unternehmen, Wohnungsbestände, Krankenhäuser und andere öffentliche Einrichtungen her - ja selbst die Chinesen trennen sich leichter Hand von Teilen ihrer Dollar-Bestände um - unter anderem - 160 Flugzeuge der Marke Airbus zu erwerben.
Womit wir wieder beim Ausgangspunkt "Airbus" angekommen sind:
Wir erleben die vollkommen verrückte Wendung, dass europäische Arbeiter und Ingenieure, die bisher fleißig Flugzeuge gebaut haben, dafür bestraft werden und ihre Jobs verlieren sollen, weil der Dollar-Kurs dies erfordert.
Gleichzeitig werden diejenigen, die sich bisher mit fiktiven Wertsteigerungen ihrer Immobilien einen unangemessen hohen Konsum erlaubt haben, dafür belohnt, dass sie mit ihrer hemmungslosen Schuldenmacherei den Wert ihrer Währung ruiniert haben. Schließlich fallen ihnen jetzt mit Zulieferer-Aufträgen und Fertigungsverlagerung Arbeit und Lohn in den Schoß, ohne dass sie sich anders, als durch hemmungslosen Konsume darum bemüht hätten.
Fakt ist:
Die USA haben mit Hilfe der von ihnen und ihren Bankern geschaffenen Immobilienblase erst jahrelang auf Pump in aller Welte eingekauft - und freuen sich nun, auf dem eleganten Wege des Wettbewerbs per Währungsverfall, in Europa und Asien Unternehmen ruinieren und Arbeitsplätze vernichten zu können.So werden wir wohl zusehen müssen, wie Thomas Enders Fertigung und Vorfertigung des Airbus in den "Dollar-Raum" verschiebt, um das Unternehmen währungstechnisch konkurrenzfähig zu erhalten.
Wir werden zusehen, wie er weiterhin Dollars als Zahlungsmittel akzeptiert, weil Flugzeuge nun einmal (warum eigentlich?) weltweit mit Dollars bezahlt werden, und wir werden erleben, wie sich ausländische Investoren mit ihren Dollars bemühen, die notleidenden Airbus Industries mit ihrem Kapital zu stärken - was nichts anderes bedeutet, als sich massiv einzukaufen, bis auch Airbus ein echt amerikanisches Unternehmen ist - als gäbe es davon in Europa nicht längst genug.
Bloß keine Panik auf der Titanic
Airbus ist nur die erkennbare Spitze des Eisbergs - und dem Dampfer "Europa" fehlt eine vernünftige, wenn schon nicht agierende, so doch zumindest reagierende Währungspolitik, will er den drohenden Untergang im Gefolge des Dollarcrashs noch vermeiden.
Aber davon ist weit und breit nichts zu erkennen.
- Die EZB, die sich nicht mehr vorgenommen hat, als die Inflation im Euro-Raum bei zwei Prozent zu halten, ist nicht geeignet, der Dollar-Flut entgegenzutreten.
- EU-Finanzkommissar Solbes hat offenbar keine Ambitionen, einzugreifen, denn er meldet sich zu dieser Thematik bisher nicht zu Wort.
- EU-Kommissionspräsident Barroso räumt gerade noch ein, der starke Euro gebe Teilen der europäischen Wirtschaft Anlass zur Sorge, aber mehr war auch von ihm nicht zu hören.
Auch aus Berlin kam in den letzten Tagen kein hoffnungsvolles Signal.
- Der deutsche Wirtschaftsminister, Michael Glos, meint,
hohe Ölpreise und starker Euro seien zwar nicht wegzuwischen, er halte aber trotzdem an seiner Wachstumsprognose fest. Sein Staatssekretär Otremba ließ sogar erkennen, an welche Maßnahmen das Wirtschaftsministerium denkt, sollte der Kurs des Euro dauerhaft so hoch bleiben: "Sollte dies der Fall sein", erklärte Otremba, "wird die Bundesregierung auch ihre Wachstumsprognose überprüfen müssen."
- Der deutsche Finanzminister, Peer Steinbrück, ist irritiert,
wenn er sieht, "wie schwer es Bankvorständen fällt, auch nach mehreren Wochen zu ermitteln, welche faulen Forderungen sie in ihren Bilanzen haben", und kann sich nicht erklären, warum es so lange dauert, "all diese komischen Produkte auszupacken, die sie sich da ausgedacht hatten".
Ansonsten begnügt er sich aber damit, die IKB zu retten und weitere Sparhaushalte auszuhecken. Für Dollar-Probleme ist er, glaubt er wohl, nicht zuständig.
- Frau Angela Merkel, Bundeskanzler, gelangte zu der sibyllinischen Erkenntnis:
"Wir freuen uns darüber, dass Europa eine starke Währung hat.
Aber im Export hat das natürlich auch Probleme",
womit das Thema für sie offenbar abgeschlossen ist.
Bloß nichts sehen,
bloß nichts hören und bloß nichts sagen!
...und der Hoffnungsträger der SPD, Vizekanzler Frank Walter Steinmeier,
hält sich ebenfalls zurück. Eine öffentliche Äußerung von ihm zum Thema hat es in den letzten Tagen nicht gegeben.
nach oben Reaktionen auf diesen Paukenschlag
Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band II befasst sich mit den Wirkungen der Globalisierung, Band III ist ganz dem "Geld" gewidmet.Beide sind natürlich auch als Einzelbände lieferbar.
http://www.ewk-verlag.de/F_Sachbuch.html
a
* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg
Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels"Ich freue mich sehr über Ihr Interesse und möchte Sie gerne auf weitere Angebote meiner Site aufmerksam machen - bitte sehen Sie sich um!" Mehr Aktuelles,
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