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  Paukenschlag
am Donnerstag

der wöchentliche Kurzkommentar (No. 42)


Egon W. Kreutzer - 18. Oktober 2007
 











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Beunruhigendes aus dem Land der
unbegrenzten Möglichkeiten

(Das Beben der Märkte, Teil 2)

Der Spiegel schreibt heute (15. Oktober 2007) in seiner Online-Ausgabe, es gäbe in den USA konkrete Pläne für einen 100-Milliarden-Notfallfonds der Banken, mit dessen Hilfe weitere Auswirkungen der US-Immobilienkrise am Finanzmarkt verhindert werden sollen. Bemerkenswert ist, dass der Spiegel sich dabei bemüht, durch Wortwahl und Formulierungskunst möglichst keine neue Beunruhigung aufkommen zu lassen.


Das beginnt mit der Bezeichnung "Notfallfonds"-

Notfallfonds, das klingt genau so beruhigend wie "Notgroschen", "Löschwasserteich" oder "strategische Ölreserve". Der Fonds, der hier auf die Beine gestellt werden soll, hat jedoch einen ganz anderen Charakter. Die 100 Milliarden US-Dollar, die von den Banken, auch von den europäischen, eingezahlt werden sollen, werden nicht etwa irgendwo eingelagert, um für Notfälle Reserven zu haben. So funktioniert der Finanzmarkt nicht. Bei diesen 100 Milliarden US-Dollar handelt es sich ganz offensichtlich um Geld, das benötigt wird, um akute Tilgungs- und Zinsforderungen zu befriedigen, die von den Kreditnehmern nicht aufgebracht werden können.

Diese 100 Milliarden sind verbrannt, in dem Augenblick, in dem sie dem Fonds zur Verfügung gestellt werden - und diese 100 Milliarden werden längst nicht reichen.


Aber der Spiegel hat noch weitere Sedativa aus der Hausapotheke hervorgekramt:

"Der Fonds solle verhindern, dass in Schieflage geratene Banken ihre durch zweitklassige US-Hypothekenkredite gesicherten Anleihen auf den Markt werfen müssen..."

Korrekt hätte der Satz lauten müssen,

Der Fonds soll verhindern, dass in Schieflage geratene Banken durch zweitklassige US-Hypothekenkredite gesicherte Anleihen auf den Markt werfen müssen..."

Ein winziger Unterschied. Doch der Spiegel-Satz suggeriert mit dem Wörtchen "ihre", es gäbe da Anleihen, also "Wertpapiere", im Besitz der Banken, die zur Rettung verkauft werden könnten. Es gibt keine. Die Banken haben nichts, außer den uneinbringlichen Forderungen. Und um sich zu retten, müssten sie diese uneinbringlichen Forderungen verbriefen (also Anleihen herausgeben) und diese verkaufen. Nur - das gelingt nicht. Wer kauft schon Forderungen, wenn klar ist, dass sowohl die Schuldner, wie auch die Verkäufer der Forderungen praktisch zahlungsunfähig sind?


Noch ein wunderschöner Halbsatz aus dem Spiegel:

"Nach den Plänen des US-Finanzministeriums sollen mit den Rückstellungen Not leidende Immobilienkredite und Derivate aufgekauft werden ..."

Es ist hier die Formulierung "aufgekauft", die sich bei näherem Hinsehen als himmelschreiende Verharmlosung herausstellt. Übertragen auf ein Problem der Landwirtschaft würde der gleiche Satz so lauten:

"Nach den Plänen des US-Landwirtschaftsministeriums sollen mit den Rückstellungen irreparabel defekte Landmaschinen und verfaulte Kartoffeln aus der Vorjahresernte aufgekauft werden ..."

100 Milliarden US-Dollar sollen für nicht mehr verwertbaren Finanz-Schrott zum Fenster hinausgeworfen werden, von den zu erwartenden Entsorgungskosten gar nicht zu reden.



Die Krönung aber ist die Schlussbemerkung, mit welcher der Spiegel die Ursache der Krise erklärt:

"Hintergrund der Krise am US-Immobilienmarkt ist die Vergabe von Krediten an Bankkunden, die sich diese Kredite kaum leisten können.
Aufgrund über Jahre steigender Immobilienpreise nahmen viele dieser Menschen weitere Kredite zu Konsumzwecken auf -
in der Gewissheit, ihre wachsenden Schulden seien durch den zunehmenden Immobilienwert gedeckt. Steigende Zinsen und zugleich sinkende Immobilienpreise führten dann aber dazu, dass die Kunden die Kredite nicht mehr zurückzahlen konnten."


Nun haben wir es schwarz auf weiß: Vollkommen unschuldige, gutgläubige amerikanische Bürger haben in der Gewissheit, ihre wachsenden Schulden seien durch den zunehmenden Immobilienwert gedeckt, immer neue Kredite zu Konsumzwecken aufgenommen. Das kann ihnen nun wirklich niemand zum Vorwurf machen.


Gut. Nicht alle Amerikaner sind intelligent genug, um sich ausrechnen zu können, dass ein so irrwitziges Kalkül nicht aufgehen kann. Aber gab es in den USA denn keine Banker, deren IQ ausgereicht hätte, sich und ihre Kunden vor dieser abenteuerlichen Verschuldung zu bewahren? Offenbar nicht.

Da fragt es sich, warum wir nun beruhigt davon ausgehen sollen, dass es sich bei denjenigen Bankern, die jetzt diesen "Notfallfonds" einrichten wollen, um ganz andere, bessere, intelligentere, vorsichtigere, verantwortungsbewusstere handelt? Es sind doch wieder genau die gleichen. Genauso gerissen, profitgierig und rücksichtslos wie vorher - und sie wissen, was sie tun.

Die Meldung aus dem Spiegel ist alles andere als beruhigend.

Über Jahrzehnte haben die USA mit ihrer - zwar wechselnden, unter allen Strichen jedoch nur als "hemmungslos" zu bezeichnenden - Geldpolitik dafür gesorgt, immer ausreichend viele, frisch gedruckte Dollars in der Hand zu haben, um ihre Kriege ebenso nonchalant aus der Portokasse bezahlen zu können, wie alle ausländischen Unternehmen und Rohstoffvorkommen, einschließlich der jeweils verantwortlichen Staats- und Wirtschaftslenker, die für Geld und gute Worte zu haben waren. Eine ganze, riesige Nation hat sich im Grunde nicht anders verhalten, wie die jetzt als "unschuldige Auslöser" dargestellten "Subprime-Schuldner". Angetrieben wurde dieses Spiel von Regierung und Bankwesen gemeinsam - und sie sind nicht schlecht gefahren dabei, die US-Banker, die US-Präsidenten und ihre Wahlkampffinanziers, aber auch eine große Zahl weniger prominenter Amerikaner, die clever genug waren, die sich ihnen bietenden Vorteile zu nutzen.

Seit langem türmen sich in den Notenbanken der großen Exportnationen die Dollarreserven zu immer gigantischeren Haufen. Dollars, für die es auf der ganzen Welt nichts zu kaufen gibt. Denn die paar Dollars, die gebraucht werden, um Erdöl, Microsoft-Software und Erdnussbutter zu kaufen, die liegen ja nicht in den Reserven, die sind da gar nicht enthalten.
Hunderte Milliarden US-Dollars sind benutzt worden, um japanische Unterhaltungselektronik und Automobile in die USA zu importieren, ohne entsprechende Gegenwerte nach Japan zu liefern.
Hunderte Milliarden US-Dollars sind benutzt worden, um chinesische Textilien, Spielwaren und Gebrauchsgegenstände zu erwerben, ohne entsprechende Gegenwerte nach China zu liefern.
Hunderte Milliarden US-Dollar sind benutzt worden, um in Europa Rotwein, Präzisionsmaschinen, Mietwohnungen und Aktien zu kaufen, auch das ohne ausgleichende Gegenleistung.

Wer hofft, diese Dollarberge irgendwann gegen Produkte und Leistungen, Made in USA, wieder loswerden zu können, der irrt. Wie schon im Paukenschlag Nr. 33, "Das Beben der Märkte", aufgezeigt, weist die Außenhandelsbilanz der USA für die letzten drei Jahre insgesamt einen Negativ-Saldo von 2,4 Billionen US$ auf. Ein Ende des Einkaufens auf Pump ist nicht in Sicht. Die Summe der Auslandschulden der USA wird also nicht bei knapp 11 Billionen US-Dollar stehenbleiben. Es sei denn, der Dollar würde weltweit korrekt - also sehr viel niedriger - bewertet als heute.
Die vermutlich unmittelbar bevorstehende Gründung des Notfallfonds hat nur den Zweck, die unumgängliche Abwertung des Dollars noch einmal hinauszuzögern.

Was wird der Notfallfonds denn bewirken? Umlaufende Dollars, die eigentlich als "Gewinne" bei Banken in aller Welt verbucht worden wären, werden eingesammelt und den Gläubigern notleidender Kredite geschenkt. Das Risiko der Gläubiger, das sich aus den leichtfertig vergebenen Krediten der Vergangenheit aufgebaut hat, wird also vom Bankwesen insgesamt getragen. Dies, so wünschen es die Amerikaner, auch unter Beteiligung ausländischer Kreditinstitute. Nachdem die USA über viele Jahre beim Rest der Welt mit ungedeckten Schecks eingekauft haben, soll der Rest der Welt auf diesem Weg nun auch noch einen Teil der Schecks zurückgegeben.

Wer fürchten muss - und das müssen alle fürchten, die Dollars besitzen - dass der Wert des Dollars in den freien Fall übergeht, falls er sich einer solchen Forderung verweigert, kann gar nicht anders, er muss mitspielen. Tatsächlich führt das dazu, dass per Notfallfonds 100 Milliarden US Dollar aus dem Markt genommen werden. Die Protagonisten dieser Idee bemühen sich, sie als eine uneigennützige Maßnahme der Banken zur Rettung des Weltfinanzwesens hinzustellen - und weil das ein Heilsversprechen ist, finden sie auch sofort Anhänger, die sich der neuen Heilslehre gläubig anschließen.

Prima!

Jeder, dessen IQ an den IQ eines Subprime-Schuldners heranreicht, darf sich von nun an wieder "in der Gewissheit" wiegen, dass die Krise gestoppt sei. Und alle, deren IQ an den IQ derjenigen US-Banker heranreicht, die der Welt die aktuelle Finanzkrise eingebrockt haben, werden über die intellektuelle Kraft verfügen, jene eine, unwesentliche Tatsache, für eine geraume Zeit vollständig aus der Lagebeurteilung auszublenden:

Die Tatsche, dass nämlich der Notfallfonds gerade einmal ausreicht, um vom weltweiten Dollar-Überschuss so viel abzuschöpfen, wie innerhalb eines einzigen Monats durch das US-Außenhandelsdefizit wieder nachwächst.

Der Fonds ist ein psychologischer Trick. Eine Augenwischerei.

Mit einer minimalen Reduzierung der umlaufen Dollar-Menge soll vergessen gemacht werden, dass die Dollar-Menge parallel dazu ungehemmt weiter wächst. Es wird vielleicht für ein paar Wochen funktionieren. Dann sind wieder ein paar Schäfchen in Sicherheit, einige hundert Milliarden Dollar in Sachwerte umgewandelt.

Danach sehen wir den Euro bei 1,80 $ - Tendenz steigend.


Ganz am Rande:

In der Großen Koalition zu Berlin werden derzeit Pläne gewälzt, die eigenständigen Einlagensicherungssysteme der Sparkassen und Genossenschaftsbanken aufzubrechen und sie zwangsweise mit der Einlagensicherung der Privatbanken und der Entschädigungseinrichtung der Wertpapierhandelsunternehmen zu verschmelzen.

Könnte sein, dass daraus dann der deutsche Anteil an den 100 Milliarden für den Notfallfonds abgezweigt werden soll. Könnte sein. Wäre auch eine hochelegante Lösung. Noch allerdings sind beide SPD'en dagegen, sowohl die Münte-SPD, wie auch auch die Beck-Nahles-SPD. Ob die sich vielleicht doch wieder zusammenraufen?

 

 

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* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg

Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
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