Home alle Kommentare alle Leserbriefe  Stichwortsuche  Startseite Geld 

Impressum - Pflichtangaben - Copyright


  Paukenschlag
am Donnerstag

der wöchentliche Kurzkommentar (No. 40)


Egon W. Kreutzer - 4. Oktober 2007
 











Bildschirmansicht
 

Oktober 2007

Viele Zahlen - und ein Fetzen Musik


 15 Jahre Nettolohnsenkung dokumentiert vom Statistischen Bundesamt
  .5 Jahre Arbeitsplatzvernichtung, dokumentiert auf egon-w-kreutzer.de 
 20 Jahre Table for Two - dokumentiert auf Tonträgern


Am 30. September 2007 wurde von der ARD im wöchentlichen "Bericht aus Berlin" eine Information des Deutschen Statistischen Bundesamtes verbreitet:

Die durchschnittlichen Netto-Löhne und Gehälter sind in Deutschland seit 1992 von über 17.000 Euro auf 15.900 Euro in 2006 gesunken.

Im gleichen Bericht wurde darauf hingewiesen

Soweit, so schlecht - nichts Neues. Oder doch?

Wo auch immer das Statistische Bundesamt die Information über das Sinken der durchschnittlichen Netto-Löhne dokumentiert hat (ich konnte diese Zahlen im kostenlosen Online-Angebot nicht finden): Darüber hörte man bislang in deutschen Medien so gut wie nichts.

Was ich beim Statistischen Bundesamt allerdings ergänzend finden konnte, war die Entwicklung der Verbraucherpreise im gleichen Zeitraum. http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/Zeitreihen/LangeReihen/LebensunterhaltKonsum/Content100/lrleb02a,templateId=renderPrint.psml


Bezogen auf das Basisjahr 2000 = 100, lagen die Verbraucherpreise 1992 bei 86,1 und 2006 bei 110,1. Berücksichtigt man sowohl die Wirkung der sinkenden durchschnittlichen Nettolöhne als auch den inflationären Kaufkraftverlust in einer einzigen Aussage, dann sieht die Rechnung so aus:

  • Die Verbraucherpreise sind im Laufe von 15 Jahren um 27,9 Prozent gestiegen, von 86,1 auf 110,1.
  • Um die Inflation auszugleichen, hätten die Einkommen ebenfalls um 27,9 Prozent auf 21.740 Euro steigen müssen. Sie sind aber um 6,5 Prozent auf 15.900 Euro gesunken -
  • und davon kann man sich, zu gestiegenen Preisen, eben nur noch 73 Prozent dessen kaufen, was vor 15 Jahren für das gleiche, durchschnittliche Einkommen zu haben war.
  • Da fragt man sich schon, wer sich die fehlenden 27 Prozent - womit - verdient hat. Schließlich ist die Produktivität und damit das Bruttosozialprodukt während dieser 15 Jahre permanent gewachsen - von 1.646,42 Mrd Euro 1992 auf 2.322.2 Mrd. Euro 2006.

    Es ist die nackte Umverteilung von unten nach oben.

    Begonnen hat die massive Verschlechterung der Situation der werteschaffenden Bevölkerung

    (das sind nicht nur diejenigen, die arbeiten, sondern auch ihre Kinder, ihre Rentner, ihre Kranken und sogar ihre Arbeitslosen!)
    mit der Reformagenda 2010 und den Hartz-Gesetzen.

    Es war alles vorherzusehen - und es ist eher noch dramatischer gekommen, als es vorhergesehen wurde. Vor fünf Jahren, am 12. August 2002, habe ich den folgenden Aufsatz online gestellt - und im Stillen gehofft, dass der ganze Hartz-Wahnsinn noch gestoppt werden könnte:

    Hartz zerreden?
    Niemals!

    Visionäre Gedanken von Egon W. Kreutzer
    im Vorgriff auf die immer noch geheimen Module


    Reden wir lieber über das, was Hartz vergessen - oder doch zumindest nicht angefaßt hat. Denn trotz der einprägsamen Zahl von dreizehn sogenannten Modulen ist längst nicht alles bedacht, längst nicht alles angepackt worden, was dazu beitragen könnte, Arbeit zu schaffen. Hartz hat, daran will ich gar nicht kritteln, ein hervorragendes Konzept entwickelt, dessen Realisierung die Arbeitsverwaltung in die Lage versetzen wird, ihre ureigensten Aufgaben unter den Bedingungen von Voll- und Überbeschäftigung effizientest wahrzunehmen.
    Diese besseren Zeiten werden wiederkommen und erst dann werden auch die letzten Zweifler begreifen, welches Potential wirklich in den Vorschlägen der Hartz Kommission steckt. Es wird dann fast wieder so sein, wie in den sechziger und siebziger Jahren, als der Wirtschaftswundermotor brummte und die Wirtschaft in eigener Initiative (das kann man sich heute kaum noch vorstellen!) dafür sorgte, daß auch noch der letzte arbeitsfähige Mittelmeeranrainer gegen gutes Geld angeworben, herangekarrt, untergebracht und soweit qualifiziert werden konnte, wie es die Steigerung des deutschen Wirtschaftswachstums verlangte.
    Aber es gibt keinen Grund, mit der Umsetzung der Kommissionsvorschläge so lange zu warten, bis die Vollbeschäftigung zurückgekehrt sein wird! Wir können und wir sollten jetzt schon üben, damit wir die Instrumentarien auch wirklich beherrschen, wenn sie einen Sinn machen.
    Schließlich treten auch so schon ganz nette Effekte auf:

    Der Druck auf den einzelnen Arbeitslosen, der unter anderem mit neuen Zumutbarkeitsregeln verbunden ist, wird konjunkturelle Impulse im Verkehrswesen setzen. Das bringt Umsätze am Bahnschalter und an der Tankstelle, beim TÜV und beim Reifenhändler und auch im Übernachtungsgewerbe, wenn vier Millionen Menschen sich alle paar Tage zwecks Vorstellungsgespräch zum entgegengesetzten Ende der Republik aufmachen. Ich könnte mir vorstellen, daß alleine dadurch ein Wachstumsimpuls in zweistelliger Milliardenhöhe ausgelöst wird, wenn man die Vorschriften nur so hart anwendet, wie man es jetzt verspricht.

    Und dann die Sache mit der Leiharbeit. Der Staat stellt die Leute ein und vermittelt sie an jeden, der sie haben will. Das ist endlich die ethisch einwandfreie Ausprägung des Sklavenhandels im Zeitalter des Leasingvertrages. Da hat jeder seinen festen Job, nur halt mit wechselnden Aufgaben und der Auftraggeber muß meistens noch nicht einmal dafür bezahlen, weil er doch einen sozialen Dienst an den armen Arbeitslosen leistet, die eine moralische Aufrichtung erfahren, wenn sie wieder einmal schnuppern dürfen, wie Fabrikluft riecht, während die ehemalige Stammbelegschaft schon vor dem Wirksam werden der Kündigung in die Gebräuche des Staatsverleihs eingewiesen wird. Natürlich wird keiner einen Arbeitslosen umsonst bekommen, wenn er ihn innerhalb der letzten 3 Wochen selbst entlassen hat, aber wofür gibt es denn Schachtelbeteiligungen?
    Wenn auf diese Weise nur jeder vierte Arbeitslose einmal im Jahr für einen Monat arbeiten kann, dann spart das der Wirtschaft einen zweistelligen Milliardenbetrag an Personalkosten. Das schafft Exportchancen!

    Aber das ist noch längst nicht alles. Jeder, der sich bisher mit schlechtem Gewissen ein paar Euro schwarz dazu verdient hat, kann sich als ICH-AG jetzt so oft erwischen lassen, bis ihm jährliche Einnahmen von mehr als 25.000 Euro nachgewiesen sind. Aber das wird niemand kontrollieren können und so kommt es statistisch gesehen zur vollständigen Abschaffung der Schwarzarbeit, durch die nach Aussagen der Handwerksverbände immerhin jährliche Schäden in dreistelliger Milliardenhöhe entstanden, die es Hartztseidank in Zukunft nicht mehr geben kann.
    Kein Wunder, daß mit der Schwarzarbeit auch das Schwarzgeld abgeschafft werden soll. Man muß sich mit seinem Schwarzgeld nur die modernen Ablaß-Floater kaufen und sich den Einsatz ein paar Jahre lang verzinsen lassen, bis das ganze schöne Geld völlig reingewaschen wieder zurückgegeben wird.

    Amnestie, Amnestie!
    Hartz verzeiht alles. Auch wenn ein Arbeitgeber versehentlich versäumt hat, einen in die Jahre kommenden Mitarbeiter rechtzeitig zu entlassen, soll ihm dieser Fehler jetzt verziehen werden. Wozu soll der Kündigungsschutz für die alten Säcke auch gut sein? Die können doch wirklich zum Job-Center, und sich so lange zu Weihnachten als Leihbischof und zu Ostern als Leihhase vermitteln lassen und zwischenzeitlich unter Aufsicht des Vermittlers Bewerbungen schreiben, bis sie endlich begreifen, daß die kräftig gekürzte Rente, die ihnen winkt, in Wahrheit ein Segen ist, gegen diesen Druck, dem der alte und teure und ewig kranke Drückeberger Dank Hartz jetzt ausgesetzt werden kann. Die Wirtschaft rechnet mit Entlastungen in zweistelliger Milliardenhöhe.

    Durch die Zusammenlegung aller kommunalen Ämter im Arbeitsamt werden alle Arbeitslosen und auch diejenigen Bürger, die noch Arbeit haben, ohne aufwendige Umschulungsmaßnahmen auf ihre Zukunft als Sozialhilfeempfänger vorbereitet.
    Aber die Sozialhilfe wird auch nie wieder dieser allesverschlingende Höllenschlund sein, der sie früher einmal war. Wer nichts leistet, der bekommt auch keine Leistung und leisten kann jeder, die Verleihsoftware weiß immer, welcher shareholder gerade einen Facharbeiter, einen Computerspezialisten oder einen Vorstand braucht und sie verleiht sie gerne, denn in ihren ersten Programmzeilen ist unlöschbar festgehalten, daß es die Arbeitskosten sind, die den Standort Deutschland ruinieren und daß es notwendig ist, die Arbeitskosten der Republik zu senken, zu senken, zu senken ...

    Und wenn dann die Arbeitskosten bei Null angekommen sind, dann haben wir zwangsläufig wieder Vollbeschäftigung und dann hat es sich gelohnt, die Sache mit den dreizehn Modulen, oder?

    Nun ja, das muß nicht sein. Es könnte sein, daß in einem anderen Land ein anderer Hartz auf die Idee kommt, daß jeder, der arbeiten darf, für dieses Vergnügen eine Art Eintrittsgeld zu zahlen hätte, bei vollem Lohnverzicht, versteht sich. Damit wäre bei uns der Faktor Arbeit im internationalen Vergleich auf einen Schlag wieder so teuer, daß sich Arbeit in Deutschland für die Arbeitgeber schon wieder nicht mehr lohnt.

    Daß es da einen Bedarf gäbe, interessiert niemanden. Bedarf gäbe es auf der ganzen Welt so viel, daß wir auf Jahrzehnte die Vollbeschäftigung ausrufen könnten, aber wo Käsescheiben und Kühlschränke, Kinokarten, Knäckebrot, Kraftfahrzeuge und Kunststoffflaschen keine Gewinne abwerfen, da gibt es sie nicht.

    Das gilt für Namibia und für Sachsen-Anhalt.
    Weil Globalisierung ist.


    Am 2. Oktober 2002,
    auf den Tag fünf Jahre vor der Herausgabe des aktuellen Paukenschlags,
    habe ich geschrieben:

    Heiliger Hartz!

    Peter Hartz erklärt:
    Kommissionsbericht = "Bibel für den Arbeitsmarkt"

    ein polemischer Kommentar von Egon W. Kreutzer
    (02.10.2002)

    Es fällt schwer, ernst zu bleiben, wenn Peter Hartz jetzt vollends abhebt und seinen Kommissionsbericht zur "Bibel" für den Arbeitsmarkt erklärt. Das jedenfalls berichtet die "Netzeitung", die sich ihrerseits auf einen Artikel des "Stern" beruft, in einer Meldung vom 1. Oktober,
    Im Nachhinein offenbart sich uns jetzt: Die Einordnung des Kommissionsberichtes in den Rang einer Heiligen Schrift steht in völligem Einklang mit der pompösen Verkündigungszeremonie im geweihten Raum des französischen Doms zu Berlin. Ohne jeden Zweifel kehrt in unseren Tagen das Sakrale zurück in die Niederungen der einst so profanen Politik, die von einigen wenigen ersehnte Wiedervereinigung von Staat und Kirche scheint unmittelbar bevorzustehen.

    Doch der Normalbürger, dem seit der Zeit der Aufklärung nach und nach jeglicher Sinn für's Übersinnliche abhanden gekommen ist - von rudimentären Formen der Horoskop- und Wundergläubigkeit einmal abgesehen, steht dem beinahe schon blasphemischen Übermut eines Peter Hartz rat- und fassungslos gegenüber Es kann doch wohl nicht angehen, daß wir, die wir weder an Parteiprogramme noch an Wahlprognosen glauben, jetzt ausgerechnet bei Androhung von Fegefeuer und Höllenqualen an einen Kommissionsbericht glauben müssen? Oder vielleicht doch? Wandelt sich Deutschland schon wieder? Ist die immer noch junge Bundesrepublik mit ihrer parlamentarischen Demokratie schon dabei, in einer nächsten Stufe der Metamorphose die Erscheinungsform einer Religionsgemeinschaft oder eines Gottesstaates anzunehmen? Ist Peter Hartz in Wahrheit Prophet, Oberpriester und Großinquisitor zugleich?

    Ist es nicht verwunderlich, daß ein so fanatischer Buchstabenglaube, wie er in dem Hartz'schen Anspruch aufscheint, sein Kommissionsbericht sei die unteilbare Wahrheit, ein in sich geschlossenes Gedankengebäude, ein Konzept, das nur dann die gewünschten Ergebnisse bringen könne, wenn es schnell, vollständig und buchstabengetreu (eins zu eins) zur Umsetzung gelange, sonst nur bei den Anhängern fundamentalistischer Glaubenslehren zu finden ist?

    Mir scheint, der deutsche Arbeitsmarkt hätte ein robusteres Vehikel verdient, als diese dreizehn Module, die nach den Worten ihres Schöpfers schon dann nutz- und wirkungslos verpuffen, wenn auch nur eines der fragilen Glieder geringfügig verändert würde.

    Es scheint leider tatsächlich ein Phänomen unserer Zeit zu sein, daß sich Politik immer mehr vom rationalen Kern der Probleme entfernt und versucht, das tumbe Volk mit mythisch-mystischer Emotionalisierung für ihre Ziele einzuspannen. So wie im fernen Amerika George W. Bush begonnen hat, seinen Kampf gegen das irrationale "Böse" zu führen, wird nun hierzulande eine neue Glaubenslehre zum Heil des Arbeitsmarktes verkündet und gegen jeglichen Widerspruch vehement verteidigt. Sogar der gewählte weltliche Kanzler, den ich ansonsten übrigens sehr schätze, will eher jeglichen Widerstand brechen (was irgendwie nach Anwendung von Gewalt gegen Ketzer klingt), als sich in seinem festen Glauben an die Hartz-Bibel durch kritische Gedanken erschüttern zu lassen.

    Es wird wohl nicht mehr lange dauern und man wird uns, um uns völlig zu überzeugen, in einem nächsten Schritt der Heilsverkündigung die ersten geheimen Berichte über das Geschehen der Offenbarung zukommen lassen - wie da, in einer tiefschwarzen Kommissionsnacht, als alles Hoffen und Ringen um eine Lösung längst aussichtslos und vergeblich erschien, plötzlich im sanften Schimmer des göttlichen Lichtes 13 in Stein gemeißelte Tafeln im Sitzungssaal auftauchten, die sogenannten Module. Der göttliche Wille hatte sich manifestiert, brauchte jetzt nur noch abgeschrieben, vervielfältigt und dem Volk verkündet werden.

    Aber daneben muß noch etwas geschehen sein, denn Peter Hartz stößt uns bei fast jeder Einlassung auf ein weiteres, tiefes dunkles Geheimnis, dem er den Namen "Projektkoalition aller Profis der Nation" gegeben hat.

    Diese Projektkoalition aller Profis der Nation, die wäre, neben der buchstabengetreuen eins zu eins Umsetzung des Gesamtkonzeptes die zweite Voraussetzung für das Gelingen, die "Arbeitslosenzahl" bis zum 30 Juni 2005 um zwei Millionen senken zu können.

    Was kann Hartz damit meinen? Wen kann Hartz damit meinen?
    Nun, Amateure meint er nicht. Profi ist schließlich nur, wer etwas beruflich, gewerbsmäßig, um des Geldes willen tut. Alle "Professionellen" der Nation zu einer Koalition zusammenzuführen, um ein Projekt voranzutreiben, das ist - nimmt man auch diesen Anspruch so wörtlich, wie Hartz ansonsten wörtlich ernst genommen werden will - eine unlösbare Aufgabe im Range der Quadratur des Kreises. Das ist nämlich, um den Gedanken zu illustrieren, nicht mehr und nicht weniger als die Forderung an jedermann, das demokratische Ringen um den besten Weg aufzugeben und sich, unabhängig von der eigenen Meinung, gläubig dienend dem unterzuordnen, was, von wem auch immer, als Wahrheit und einziger Heilsweg verkündet wird. Um solche Forderungen zu legitimieren, sind Bibel und Dom als bewährte Requisiten gerade recht, doch auch selbst die Kirche hat es nie geschafft, ihre inneren Kritiker vollständig zu überzeugen. Wie also sollte eine solche Koalition aller Profis der Nation jemals gelingen?
    Wahrscheinlicher ist es daher, daß Hartz wieder einmal nur die Profis meint, die auch bisher schon mitgeholfen haben, den Bericht in die Welt zu setzen. Und weil diese Profis gewerbsmäßig und für Geld arbeiten, taucht eine Frage auf, die meines Wissens bisher öffentlich noch gar nicht erörtert wurde:

    Was hat die Arbeit der Hartz-Kommission eigentlich gekostet und wer hat bezahlt?
    Oder war es vielleicht wie bei den Amateuren? Nicht vergebens, aber umsonst.



    Und am gleichen Tag, am 2. Oktober 2002, habe ich begonnen, Statistik darüber zu führen, was die Profis der Nation denn bewegen, am Arbeitsmarkt.

    Und sie haben bewegt.

    Sie haben Stellen abgebaut.
    Sie haben ganz massiv Stellen abgebaut.

    Bis heute
    2.675 im Durchschnitt pro Tag,
    insgesamt fast 5 Millionen in fünf Jahren.

    Der aktuelle Stand liegt bei 4.883.689.


    Und die Profis von der Bertelsmann-Stiftung, von McKinsey und den anderen Regierungsberatern haben ebenfalls ihren Job getan und die Arbeitslosenversicherung und die Arbeitslosenstatistik umgekrempelt.

    Auch dazu habe ich einen frühen Aufsatz herausgekramt:

    Der Wolf und die sieben Geißlein,
    oder
    "Achtung! Die Mc Kinseys sind im Arbeitsamt!"

    Ein Kommentar von Egon W. Kreutzer
    zur Einschaltung des Beratungsunternehmens Mc Kinsey bei der Gestaltung der Personal-Service-Agenturen
    (17.9.2002)

    Die Hartz Kommission hat vor vier Wochen ihren Abschlußbericht vorgelegt. Nun denken offenbar andere weiter. Gerster und Riester, das erscheint noch selbstverständlich. Über die Bertelsmann-Stiftung wundert sich nur, wer nicht bemerkt hat, daß die Arbeit der Hartz-Kommission von eben dieser Stiftung intensiv begleitet wurde. Aber daß nun ausgerechnet das Beratungsunternehmen Mc Kinsey über die Ausgestaltung der Personal Service Agenturen nachdenkt (SZ vom 17.9. Seite 6), ist mehr als verwunderlich, es ist eigentlich ein Skandal. Mc Kinsey Partner Kraljic, Duzfreund von Peter Hartz, saß zwar schon mit in der Kommission und hat am Konzept mitgewirkt, wohl auch kaum, ohne auf die Ressourcen seines Unternehmens zurückzugreifen, doch wenn man sieht, welche Umsätze dem Berater jetzt bei der Reorganisation der Bundesanstalt für Arbeit und der Gestaltung der Personal Service Agenturen winken und welche inhaltliche Einflußnahme sich damit für ein Unternehmen eröffnet, das "soziale Sicherheit" immer nur als "Lohnzusatzkosten" buchstabiert, dann sollten verantwortungsbewußte Sozialpolitiker aller Fraktionen schnellstens die Notbremse ziehen!

    Mc Kinsey und andere Vorreiter der Verbetriebswirtschaftung der Gesellschaft haben in den letzten Jahrzehnten ganz intensiv und erfolgreich daran gearbeitet, die Renditen ihrer Klienten zu verbessern. Dies gelang in fast allen Fällen in erster Linie durch Maßnahmen zur Senkung der Personalkosten. Dadurch wurde eine Spirale in Gang gesetzt, die von Runde zu Runde ein immer weiteres Ausdünnen der Belegschaften, eine stetige Rücknahme von sozialen Errungenschaften, die Zunahme von Leistungsdruck und Überstunden und den inzwischen schmerzlich wahrnehmbaren Verlust von Binnenkaufkraft nach sich zog.
    Daß wir uns nicht mißverstehen: Wirtschaftlicher Fortschritt ist nicht schlecht. Mit geringerem Aufwand mehr und Besseres zu erzeugen, das nähert uns Schritt für Schritt einem Fernziel der Menschheit an, nährt und stärkt die Gewißheit, daß wir dem Schlaraffenland, dem Paradies auf Erden in kleinen Schritten näher kommen könnten. Aber leider haben Mc Kinsey & Co. in der Vergangenheit immer dafür gesorgt, daß die Arbeitnehmer (Arbeitslose eingeschlossen) von den Segnungen des Fortschritts, vom neuen Paradies ausgeschlossen blieben.

    Mc Kinsey ist weltmeisterlicher Tipgeber für die Privatisierung von Gewinnen und die Sozialisierung von Verlusten. Wäre es anders, gäbe es den gesuchten Profitsteigerungsberater nicht. Aber soll nun ausgerechnet dieses Unternehmen, das unbestreitbar maßgeblich zur Vernichtung von Millionen von Arbeitsplätzen mit beigetragen hat, das maßgeblich dafür mitverantwortlich ist, daß die Zahl der Beitragszahler in der Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung so bedrohlich zurückgegangen ist, jetzt für ein millionenschweres Honorar vom Staat damit beauftragt werden, das Feinkonzept für die Hartz'schen Personal-Service-Agenturen zu entwickeln?
    Nur weil Mc Kinsey nach einer Vorstudie die fragwürdige Behauptung aufstellt, Leiharbeit schaffe feste Arbeitsverhältnisse?
    Auch wenn das so klingen soll: Durch die Übernahme eines Leiharbeiters entsteht kein Arbeitsplatz! Es ist doch reiner Zynismus, wenn Mc Kinsey erklärt, bei einem Verdrängungseffekt von 50% (2 Leiharbeitsplätze vernichten einen festen Arbeitsplatz), sei der Weg in die Leiharbeit bei positiver Beschäftigungsbilanz noch kostenneutral. Dabei wird doch nur unterstellt, daß die Leiharbeiter nur zur Hälfte tatsächlich verliehen werden, denn jeder verliehene Leiharbeiter verdrängt ein festes Beschäftigungsverhältnis, weil er zwangsläufig eine Stelle einnimmt, die sonst ein Festangestellter (auch mit Probezeit oder Befristung!) ausfüllen könnte. Herrliche Zeiten für Unternehmer, wenn man den Arbeitslosen nicht mehr einstellen und entlohnen muß, weil man ihn vom Staat als Leiharbeiter fast geschenkt bekommt.
    Doch kostenneutral ist das Ganze nur bei einer statischen Betrachtung. Im Gefolge der vom Staat geförderten Billig-Konkurrenz einer fast beliebig rekrutierbaren Zwangs-Leiharbeiterschaft muß das Lohnniveau in Deutschland innerhalb kurzer Zeit insgesamt sinken - mit allen negativen Folgen für die Staatskassen. Es kann gar nicht anders. Das rechnet Ihnen jeder Mc Kinsey Junior Consultant, wenn's sein muß auch ganz ohne Laptop, an fünf Fingern vor. Und einen Weg zurück wird es nie mehr geben, weil wir uns den nicht mehr leisten können, wenn weite Teile des Beitragsaufkommens der Arbeitslosenversicherung erst einmal dauerhaft unter den Consultants und den privaten Betreibern der PSA's aufgeteilt sind.
    Hartz und seine Kommission, das war eine lustige Posse, ein mit großem Pomp inszenierter Taschenspielertrick, um die Arbeitslosenstatistik künftiger Jahre zu retuschieren, weit mehr und weit unverschämter als unter Jagodas Führung, der es zwar zuließ, daß Vermittlungserfolge aufgebauscht wurden, aber die bewährte Zählweise für die Gesamtzahl der Arbeitslosen kontinuierlich beibehielt.
    Doch wenn jetzt der Wolf "Mc Kinsey" gebeten wird, nach Kräften mitzuhelfen, die vier Millionen Geißlein zu halbieren, dann wird aus einem harmlosen Wahlkampfspektakel unversehens blutiger Ernst.
    Mc Kinsey würde doch auf Basis rein betriebswirtschaftlicher Erwägungen vermutlich auch den Wiedereinstieg in den Sklavenhandel befürworten und ein juristischer Gutachter, der mögliche rechtliche und moralische Bedenken dagegen entkräftet, wäre wohl auch zu finden.
    Die von Mc Kinsey zu schaffende PSA ist zweifellos ein großer Schritt auf dem Weg dorthin. Viel mehr als der Schutz der grundgesetzlich garantierten Menschenrechte wird dem Arbeitslosen künftig nicht mehr bleiben. Hoffen wir, daß sich das Opfer lohnen wird und wenigstens die Aktienkurse wieder steigen.


    An das Ende der Erinnerungen an das schon vor fünf Jahren Vorhersehbar stelle ich meinen Leserbrief an den Spiegel vom 24. Juni 2002

    Die Peter-Hartz-Show

    David Copperfield schaffte es einst, die amerikanische Freiheitsstatue verschwinden zu lassen. Obwohl alle Zuschauer wußten, daß die weltberühmten 225 Tonnen Stahl und Kupfer ihren Platz auch nicht für einen winzigen Augenblick verlassen würden, war ihnen die perfekte Illusion einen hohen (Eintritts-) Preis wert. Nun schickt sich Peter Hartz an, ein ähnliches Kunststück zu vollbringen und die ersten Kommentare aus allen politischen Lagern lassen darauf schließen, daß die Peter-Hartz-Show ihre zahlenden Zuschauer finden wird.

    Innerhalb von drei Jahren will der VW-Mann die Hälfte der Arbeitslosen rückstandsfrei aus den Statistiken verschwinden lassen - hauptsächlich per Umbenennung.

    Der Arbeitslose wird zum Angestellten des Leih-Arbeiter-Amtes umbenannt und erhält Angestelltengeld(?); schon sind 780.000 + 450.000 Arbeitslose raus aus der Statistik. Der Schwarzarbeiter heißt künftig Ich-AG und zahlt weiterhin weder Sozialversicherungsbeiträge noch die reguläre Einkommensteuer und schon sind wieder 500.000 Arbeitslose verschwunden. 230.000 ältere und Langzeit-Arbeitslose werden (weg mit dem Tabu!) von vornherein als "Chancenlose" bezeichnet und brauchen deswegen auch nicht mehr gezählt zu werden.

    Der Plan ist so brillant, daß man sich unwillkürlich fragt, warum Peter Hartz die Arbeitslosen damit nur zur Hälfte verschwinden lassen will. Doch den ersten 50 Prozent folgt wohl noch der eigentliche Trick des Magiers aus Wolfsburg, der finale Paukenschlag in der Sinfonie für Butterbrot und Peitsche. Bei den 2 Millionen, die nach drei Jahren des Aussortierens immer noch als Arbeitslose in der Statistik erscheinen, kann es sich nämlich um nichts anderes mehr handeln, als um den lange vermuteten Bodensatz von Faulenzern und Drückebergern.
    Umbenennung, fertig!

    PS
    Der Trick läßt sich, mit kleinen spezifischen Anpassungen, ebenso anwenden, um die Probleme in der Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung verschwinden zu lassen. Wir werden es erleben!



    Und damit wir am 2. Oktober 2002 nach diesem weiten Weg über die Irrungen der Wirtschafts- und Arbeitspolitik nicht bei der miesen Show des Peter Hartz und seiner Freunde hängen bleiben, hier und heute ein

    Öffentlicher Geheimtip


    Table for Two

    spielt am Samstag, den 6. Oktober 2007
    erstmals im Zirkus-Krone-Bau.


    Es ist ein Wagnis, gegen die Wies'n anspielen zu wollen, aber Table for Two vertraut darauf, die letzten Karten an der Abendkasse verkaufen zu können.


    Lieben Sie Musik?

    Piano, Saxophon, Schlagzeug, Bass und Gesang?
    Brillant umgesetzt in Boogie und Blues - in lauter eigenen Kompositionen?

    Leben Sie in München oder im Umkreis von 100 km um München?

    Haben Sie am Samstag noch nichts wirklich Besseres vor?

    Dann nichts wie hin!

    Harry Kulzer, Sänger und Virtuose am Piano, Thomas Froschmaier, der legendäre Drummer, Wolfgang Opitz, der gewitzte Saxophonist und Chris Lachotta, der stoisch-behende am Bass Stehende, diese vier werden auch Sie begeistern.

    Ich jedenfalls lasse mir diesen "Liederabend der Extraklasse" nicht entgehen.

    Und falls Sie nicht wissen, ob Sie diese Musik mögen, hören Sie doch einfach kurz 'rein - die Jungs sind ausgesprochen vielseitig:

    Die vier Titel, die hier angespielt werden, gefallen mir besonders gut - weitere Hörproben finden Sie auf der Seite der Band http://www.table-for-two.de/


     Drum Boogie   Komödie  
      Natasha from russia    ruhig, beseelt
     brillant laut und fröhlich Der Musikant   
     getrommelt     Harbour lights 

    Die Konzertdaten

    Samstag, 6. Oktober 2007, 20.00 Uhr
    Circus Krone, München - Ecke Marsstr. / Wredestr. 80335 München

    Einlass: 19.00 Uhr - 22.- Euro zzgl. VVK auf allen Plätzen

    Karten an allen bekannten Vorverkaufsstellen -

    Tickethotline:

    München Ticket: 089/54818181 Circus Krone: 089/5458000

     

     

    nach oben Reaktionen auf diesen Paukenschlag


    Es ist zwar nicht so, dass ich Aufsätze, Kommentare und Paukenschläge nur schreibe,
    um Bücher zu verkaufen, aber so, dass ich Aufsätze, Kommentare und Paukenschläge
    nur schreiben kann, weil ich Bücher verkaufe, so ist das schon.

    a


    * 1949 im
    oberfränkischen Neustadt bei Coburg

    Egon W. Kreutzer
    der Verfasser dieses Artikels
    Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre weist Wege in eine gerechtere Zukunft.

    Brandneu: Band IV - Kritik und Überwindung des aggressiven Eigentums.
    Hier
    "Ich freue mich sehr über Ihr Interesse und möchte Sie gerne auf weitere Angebote meiner Site aufmerksam machen - bitte sehen Sie sich um!" Mehr Aktuelles,
    alle
    Leserbriefe,
    alle
    Kommentare
    die Statisitk zum
    Stellenabbau in Deutschland
    Grundlagenwissen Geld - "...Geld ist nicht einfach da!"
    kontakt/feedback
    Newsletter bestellen
    Der Patient ist die Lösung
    Ein radikal vernünftiges Konzept zum Gesundheitswesen