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  Paukenschlag
am Donnerstag

der wöchentliche Kurzkommentar (No. 39)


Egon W. Kreutzer - 27.September 2007
 










keine
gesonderte
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Art of Meisner

Der in seiner religiösen Organisation an hoher Stelle tätige Herr Joachim Meisner hat jüngst eine Rede gehalten und darin den Begriff "entartet" missverständlich benutzt.

Missverständliche Reden sind in seiner Organisation nicht unüblich. Es ist noch gar nicht so lange her, dass sein Chef, Herr Ratzinger, selbst für Aufregung sorgte, als er in Regensburg in einer Rede derart missverstanden wurde, dass die halbe Welt tagelang im Missverständnis lebte, er habe die Lehre der Mohammedaner verunglimpfen wollen.

Die Organisation, für die Herr Meisner in leitender Funktion tätig ist, nimmt jedoch, obwohl sie laufend Anlässe für Missverständnisse liefert, für sich in Anspruch, wie wiederum Herr Ratzinger vor wenigen Wochen (unter anderem auch für Protestanten missverständlich) bekräftigte, die einzige heilige Kirche Christi zu sein.

Es handelt sich bei dieser Organisation also zweifellos um eine Glaubens- bzw. Religionsgemeinschaft.

Folglich unterliegt überhaupt nur der dem Zwang, sein Leben an den Lehren von Päpsten und Bischöfen auszurichten, der dieser Religionsgemeinschaft angehört. Dieser Zwang ist zudem ein freiwillig angenommener Zwang, dem jeder durch schlichtes "Nicht-Gehorchen" oder durch die einfache Erklärung, aus der katholischen Kirche auszutreten, entrinnen kann.

Sich über die mehr oder minder intelligenten, mehr oder minder provokanten und mit den Inhalten der Bibel mehr oder minder vereinbaren Aussagen vom Mitgliedern der Führungsriege der katholischen Kirche aufzuregen, ist daher vollkommen überflüssig.

Die Inquisition - die es als Behörde dieser Religionsgemeinschaft zwar immer noch gibt - die inzwischen aber die peinliche Befragung ebenso aufgegeben hat, wie den Glauben (vielleicht auch nur die Überzeugung), Ketzerseelen könnten durch den Tod auf dem Scheiterhaufen geläutert und vor der ewigen Verdammnis bewahrt werden, muss niemand mehr fürchten.

Wer seine Nerven schonen, Herz und Kreislauf nicht unnötig belasten und Magengeschwüre vermeiden will, tut gut daran, die Herren Meisner und Ratzinger als das zu sehen, was sie sind - und sie von daher nur so ernst zu nehmen, wie ihre Aussagen für das Leben in unserem Staat von Relevanz sind. Diese Relevanz hängt allerdings in hohem Maße davon ab, wie es um den Grundsatz der Trennung von Staat und Kirche bestellt ist.

Meisners religiös begründete Meinung, dass Kunst, sofern ihr der Bezug zu "Gott" fehlt, nichts taugt, erwies sich in seiner Wirkungslosigkeit doch als kaum mehr, als ein Hauch von warmer Luft. Nirgends in Deutschland haben brave Katholiken auf Meisners Rede hin profane Bilder von den Wänden genommen, profane Statuen vom Sockel gestoßen, profane Literatur aus den Regalen geräumt oder Aufführungen profaner Musik bzw. profaner Schauspiele boykottiert.



Gott sei Dank
nicht!


Warum aber hat diese abstruse, aus gläubigem Nichtwissen und gottgefälliger Ignoranz zurechtgezimmerte Äußerung des Herrn Meisner - trotz ihrer erkennbaren Bedeutungslosigkeit - einen so hohen Aufmerksamkeitseffekt erzielt?

Es war der rhetorische Kunstgriff,
die Rede mit dem von negativen Assoziationen überladenen Begriff "entartete Kunst" zu zieren.

Herr Meisner kann kaum behaupten, nicht gewusst zu haben, welche reflexartigen Reaktionen der Begriff "entartete Kunst" von all jenen Deutschen erzwingt, die - um Himmels Willen - nicht Gefahr laufen wollen, mit faschistischem und rassistischem Gedankengut in Verbindung gebracht zu werden. Die mindeste Reaktion ist die unverzügliche öffentliche Zurschaustellung äußerster Empörung - und damit, und nur damit, hat Herr Meisner sein Ziel erreicht. Die kardinale Doppelstrategie ist vollständig aufgegangen.

Der Inhalt dieser Doppelstrategie ist im Grunde leicht zu durchschauen:

Herr Meisner hat seine ganz ungeheuerliche Aussage, dass Kunst nur das sein kann, was einen Gottesbezug hat, dass also letztlich nur das, was der Ausschmückung sakraler Räume und Zeremonien sowie der Rendite rechtgläubiger Devotionalienhändler dient, Kunst ist, während jede andere künstlerische Hervorbringung von vornherein "unwertes" Werk sei, anlässlich einer Museumseröffnung in die Welt gesetzt, und durch die Verwendung des Wörtchens "entartet" dafür Sorge getragen, dass

1. dieser dumme Satz Beachtung und weiteste Verbreitung fand, und

2. dass dieser wahrlich dumme Satz inhaltlich praktisch unwidersprochen blieb,

weil sich ganz Deutschland - wie nicht anders zu erwarten - an dem eingestreuten Wörtchen "entartet" ereiferte und darüber vergaß, den eigentlichen Inhalt der grotesken Auslassung zu kritisieren.

Ein kluger Schachzug, Herr Meisner!

 

Nachträglich bedauerte Herr Meisner das Missverständnis,

das seine Rede über Kunst und Religion ausgelöst hatte und bekräftigte seine Auffassung von Kunst und Nichtkunst mit der nur für tiefgläubige Christen fassbaren Erläuterung, dass

Und genau diese Aussage steht jetzt unwidersprochen im Raum. Darauf kann jetzt weiter aufgebaut werden.
Ist es ein Missverständnis, herauszuhören, dass möglicherweise schon pervers ist, wer nicht katholisch ist? Ist es ein Missverständnis herauszuhören, dass die Gesellschaft schadhaft, defekt, entartet ist, wo sie sich nicht als Gottesstaat organisiert?



Wenn es erforderlich sein sollte, sich über die Äußerungen des Herrn Meisner aufzuregen, dann nicht, weil er das Wörtchen "entartet" gebraucht hat, sondern weil seine Rede offensichtlich darauf zielt, die Freiheit der Kunst zu beschneiden.

Wenn es erforderlich sein sollte, sich über die Äußerungen des Herrn Meisner aufzuregen, dann nicht, weil er das Wörtchen "entartet" gebraucht hat, sondern weil es keinen Zweifel daran geben kann, dass, wer sich herausnimmt, unter Bezug auf die Lehren seiner Religion die Freiheit der Kunst beschneiden zu wollen, sich bei passender Gelegenheit auch herausnehmen wird, unter Bezug auf die gleichen Lehren, die Freiheit der Wissenschaft und der Forschung beschneiden zu wollen.

Hüten wir uns davor, uns mitten im aufgeklärten Europa unserer Tage von religiösen Eiferern erneut in das Abenteuer "Gottesstaat" hineinziehen zu lassen.

Wenn es nämlich wieder soweit kommen sollte, dass die Sonne sich in den Schulbüchern um die Erde dreht, und dass fürchten muss, bei lebendigem Leib verbrannt zu werden, wer wagt, daran zu zweifeln, dass Erde und Sonne im Herbst des Jahres 4004 vor Christus innerhalb von sechs Tagen erschaffen wurden - dann wird es kaum noch möglich sein, ohne Gefahr für Leib und Leben auf die Einhaltung des Grundsatzes der Trennung von Staat und Kirche zu pochen.


Nur zur Erinnerung:

Galileo Galilei wurde seinerzeit von der katholischen Kirche gezwungen, seinem besseren Wissen abzuschwören und an die Unbeweglichkeit der Erde zu glauben. Erst 1979 erhielt die katholische Akademie der Wissenschaften den Auftrag, den Fall Galileo Galilei neu zu bewerten. 1981 wurde eine Studiengruppe dazu gegründet - und die benötigte immer noch 11 Jahre (das muss man sich einmal vorstellen, was da 11 Jahre gedauert haben kann), um die Grundlage für die formale Rehabilitation des Wissenschaftlers zu liefern.

Galileo hätte 428 Jahre alt werden müssen, um das noch zu erleben.

 

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Es ist zwar nicht so, dass ich Aufsätze, Kommentare und Paukenschläge nur schreibe,
um Bücher zu verkaufen, aber so, dass ich Aufsätze, Kommentare und Paukenschläge
nur schreiben kann, weil ich Bücher verkaufe, so ist das schon.

a


* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg

Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre weist Wege in eine gerechtere Zukunft.

Brandneu: Band IV - Kritik und Überwindung des aggressiven Eigentums.
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