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  Paukenschlag
am Donnerstag

der wöchentliche Kurzkommentar (No. 38)


Egon W. Kreutzer - 20.September 2007
 












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Selig sind, die reinen Herzens sind, glauben sie doch,
nicht wissen zu müssen, was sie tun.

Irrtum. Es geht heute nicht um Herrn Jung, dessen reines Herz ihm sagt, dass er und seine Meinung wichtiger sind als das Grundgesetz und dass auch ein eindeutiges Urteil des Bundesverfassungsgerichts hinter seiner, auf dem Boden der christlich-sozialen Nächstenliebe gewachsenen Überzeugung zurückzustehen habe. Zu den Gelüsten, vollbesetzte Passagierflugzeuge über dem nicht gerade dünn besiedelten Gebiet der Bundesrepublik Deutschland von der Bundeswehr abknallen zu lassen, habe ich mich im Paukenschlag Nr. 2 "Schäuble schießt den Vogel ab" bereits abschließend - und, wie ich beim nochmaligen Lesen feststellen konnte, auch sehr besonnen - geäußert.
Sie dürfen diesen Aufsatz ein gutes halbes Jahr nach seinem Erscheinen ruhig noch einmal lesen, ja Sie sollten das sogar, aber zunächst geht es um einen anderen, ebenso ungeheuerlichen Vorgang, der allerdings weit weniger Aufsehen erregt, weil er so seriös und wohlwollend daherkommt wie ein kreidefressender Wolf im Schafspelz, der aber hinter der freundlichen Fassade dennoch nichts anderes im Sinn hat, als die sieben Geißlein, die Großmutter, das Rotkäppchen und - wenn möglich - auch noch den Jäger gierig zu verschlingen.

Peter Struck und Günther Oettinger, die mir bisher beide nicht gerade als ausgewiesene Finanzexperten aufgefallen sind, wollen die Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern neu regeln und dabei eine Regelung treffen, die den "Aufwuchs" neuer Schulden verhindern soll. Die Forderung nach dieser Anti-Schulden-Regelung war das Ergebnis einer von Struck und Oettinger geleiteten Klausur der Förderalismuskommission in welcher Vertreter von Bund und Ländern an der Veränderung des Förderalismuskonzeptes der Bundesrepublik arbeiten. Ziel sei es dabei, so führte Struck aus, nachhaltig für einen strukturell ausgeglichenen Gesamthaushalt auf allen Ebenen zu sorgen.

Die Regelung soll soweit gehen, dass künftig jede Gebietskörperschaft verbindlich erklären soll, ab wann sie keine zusätzlichen Schulden mehr aufnehmen will. Das ist natürlich Wasser auf Steinbrücks Mühlen, der sich ebenfalls für ein Gesetz zur Schuldenbegrenzung von Bund und Ländern stark macht. Zitat: Entscheidend wird für mich sein, dass wir zum Zeitpunkt, wenn wir endlich eine Neuverschuldung von Null haben, verfassungsrechtlich verankert einen Mechanismus finden, der uns eine Wiederholung dieser Spiralbewegung in die Verschuldung nach oben verbietet.
Steinbrück, Struck und Oettinger, sowie die Vordenker der Föderalismuskommission, welche den Ruf nach einem solchen Gesetz haben laut werden lassen, haben offenbar nicht den Hauch einer Ahnung, was sie da eigentlich fordern und worüber sie entscheiden.

Reinen Herzens nehmen sie an, Geld sei stets von ganz alleine genug da.
Es käme nur darauf an, klug zu haushalten.

Und reinen Herzens klug zu haushalten, das kann dann doch wohl nur bedeuten, dass der Staat die Grenze seiner Aufgabenstellung dort zieht, wo das erzielbare Aufkommen an Steuern, Gebühren und Beiträgen (samt Privatisierungserlösen und Bundesbankgewinn) überschritten würde.
Dieses treudoof-dummnaive Geschwätz mag ausreichen, um sieben kleine Geißlein aus ihren Verstecken zu locken. Politiker, die vorgeben so zu denken, machen sich damit verdächtig.

Unser Geldsystem ist so konstruiert, dass es ohne stetige Neuverschuldung zusammenbrechen muss.

Fährt also der Staat seine Verschuldung zurück, müssen Bürger und Wirtschaft sich stärker verschulden - einen anderen Ausweg gibt es nicht.
Alles Geld, das in Umlauf ist, existiert nur, weil jemand sich dafür verschuldet hat. Geld ohne Schuld gibt es nicht, und ohne Schulden gibt es auch kein Geld.

Die Schnapsidee vom schuldenfreien Staat führt auf direktem Weg in die Deflation - oder in ein völliges anderes Finanz- und Wirtschaftssystem - jenseits des Kapitalismus.

Nur zwei Fragen müssten sich Steinbrück, Struck und Oettinger stellen, um zu erkennen, wohin der von ihnen beschrittene Irrweg zwangsläufig führt.

1. Wo kommt das Geld, das für die Tilgung der Schulden benötigt wird, eigentlich her?
2. Was geschieht mit dem Geld, nachdem es für die Tilgung von Schulden eingesetzt wurde?

Um den Vorwurf der Unwissenheit und Ignoranz zurückweisen zu können, sollten alle Politiker, die sich angesprochen fühlen, statt mit Beleidigungsklagen zu drohen, erst einmal versuchen, eine befriedigende Antwort darauf zu finden. Das wird nicht leicht, aber der mögliche Erkenntnisgewinn ist der Mühe wert. Um den Weg leichter zu machen, will ich das Pferd argumentativ von hinten, also vom Ergebnis her aufzäumen und erst einmal die Situation beschreiben, vor der wir stehen:

Es gibt Schulden. Es gibt Schuldner - und es gibt Gläubiger.

Brave Schuldner erbringen pünktlich die geforderten Zins- und Tilgungsleistungen. Das geht nur, indem Geld, richtiges, flüssiges Geld, also Giralgeld, vom Konto des Schuldners auf das Konto des Gläubigers überwiesen wird. Dass gelegentlich auch Bargeld aus dem Geldbeutel des Schuldners in den Safe des Gläubigers wandert, ist ein so seltener Sonderfall, dass wir ihn getrost vergessen können - zumal auch dabei (Helmut Creutz möge mir verzeihen) absolut nichts anderes vor sich geht. Soweit ist das noch einfach und klar. Doch um die Kernfrage zu beantworten:

"Was geschieht mit dem Geld, nachdem es für die Tilgung von Schulden eingesetzt wurde?", müssen zwei sehr unterschiedliche Wege weiterverfolgt werden.

a) Der einfache und leicht verständliche Weg
Dieser Weg eröffnet sich dann, wenn der Gläubiger eine natürliche oder juristische Person (aber keine Bank) ist, die in der Vergangenheit Geld, das sie weder für eigenen Konsum noch für eigene Sach-Investitionsvorhaben brauchte, gegen Zins an den Schuldner verliehen hat.
Werden diese Schulden getilgt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die natürliche oder juristische Person, der das Geld zugeflossen ist, dieses Geld auch jetzt, in der Gegenwart, weder für eigenen Konsum noch für eigene Sachinvestitionen benötigen wird.
Es ist "geparkt", oder, wie viele Geldtheoretiker es gerne ausdrücken: "Es ist gehortet". Es steht nicht für Transaktionen zur Verfügung. Es kann nichts kaufen, keine Leistung abnehmen, weil der Eigentümer des Geldes keinen ausreichenden Bedarf hat.
Das zur Tilgung verwendete Geld ist aus dem Umlauf verschwunden.
Das ist eine Tatsache, die nicht so einfach übergangen werden darf, denn darin liegt ein ganz erhebliches Gefahrenpotential. Schließlich wird eine bestimmte Menge Geldes gebraucht, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Je mehr getilgt wird, desto weniger Geld ist im Umlauf - und solange nicht klar ist, wie das stillgelegte Geld dem Wirtschaftskreislauf wieder zugeführt werden kann, sollte man sich dazu ernsthafte Gedanken machen. Vor allem, wenn man glaubt, berufen zu sein, finanzpolitische Entscheidungen von großer Reichweite zu treffen.

b) der etwas schwierigere und nur bei ernsthaftem Bemühen verständliche Weg
Nicht eine vermögende Person hat angesammeltes Geld verliehen - nein, eine Bank hat einen Kredit vergeben. Damit wird regelmäßig Geld geschaffen, das es vorher nicht gab. In der Hoffnung, der Schuldner sei zur vereinbarten Tilgung fristgemäß fähig, hat die Bank durch einfache Buchungen ein Guthaben und eine gleich hohe Schuld in die Welt gesetzt, nach der einfachen Formel: Guthaben
- Schuld = Null

Das machen die Banken auf der ganzen Welt so, jeden Tag, jede Sekunde - und das ist im Grunde sehr gut so, denn dieses Geld existiert - absolut bedarfsgerecht - jeweils nur so lange, wie es die Laufzeit des Kreditvertrages vorsieht. Mit jeder Tilgungsleistung verschwindet das für die Tilgung verwendete Geld vollständig und rückstandsfrei wieder in dem Nichts, aus dem es auch entstanden ist. Was nicht verschwindet, sind die Zinsforderungen der Bank, die mit dem Kredit in die Welt gekommen sind. Für deren Befriedigung wird vom Schuldner zusätzliches Geld benötigt. Geld, das mit der Einzahlung bei der Bank nicht verschwindet, sondern, nach Deckung der (geringfügigen) Kosten als Gewinn der Bank bei dieser (bzw. bei ihren Aktionären) verbleibt.

Betrachtet man nun die Erkenntnisse aus beiden möglichen Tilgungsvorgängen im Zusammenhang, dann stellt sich dem verständigen Menschen eine zusätzliche Frage: Wie mögen die vermögenden Menschen wohl an das Geld gekommen sein, das sie übrig haben um es zu verleihen?

Haben Sie es etwa selbst gedruckt? Gibt es ein geheimes Verfahren zum Klonen von Geldscheinen? Wachsen die Münzen bei ihnen auf dem Acker, wie bei anderen Leuten die Kartoffeln? Es gibt bezüglich dieser Erklärungsmöglichkeiten keine gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis, auch der gesunde Menschenverstand steht solchen Hypothesen ablehnend gegenüber. Dabei ist die Frage ganz einfach zu beantworten:
Das Geld, das die Vermögenden im Überfluss besitzen, haben sie vorher von anderen Menschen erhalten - sie haben es nur nicht wieder ausgegeben.
Das Geld strömt zu den Vermögenden - wie das Regenwasser vom Dach in die Tonne strömt - und wird dort gesammelt. Vermögen wachsen, wenn beständig mehr Geld zufließt als abfließt - und, dass Vermögen wachsen, ist eine im real existierenden Kapitalismus leicht zu beobachtende Erscheinung. Man muss nur die regelmäßigen Berichte des Forbes Magazins über die reichsten Menschen der Welt verfolgen oder den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung studieren, um auch den letzten Zweifel am steten Wachstum der großen Vermögen zu zerstreuen.

Damit allerdings erhebt sich nun endgültig die Frage Nr. 1:

"Wo kommt das Geld, das für die Tilgung der Schulden benötigt wird, eigentlich her?"

Hat Otto Normalverbraucher im Keller eine Fälscherwerkstatt? Verfügt Eva Mustermann über ein geheimes Labor, wo sie aus Hanfstengeln und Alraunenwurzeln, Chromdioxid und Pottasche unter Aufsagen geheimer Hexensprüche kleine Geldscheine aus einem Sudkessel fischt um sie im Brutkasten zur vollen Größe auswachsen zu lassen? Auch zu diesen absurden Erklärungsversuchen gibt es keine auch nur halbwegs gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis, die solche Möglichkeiten ernstlich in Betracht ziehen würde. Auch hier sagt der gesunde Menschenverstand: Es ist nichts von alledem! Otto Normalverbraucher und Eva Mustermann, also die Vielzahl der Personen ohne nennenswertes Vermögen, sind diejenigen, bei denen Netto-Löhne, Rentenzahlungen, Krankengeld, Arbeitslosengeld und Sozialhilfe ankommen - und nichts sonst.

Die Gesamtheit der Einkünfte aller Haushalte ohne nennenswertes Vermögen ist folglich deutlich niedriger als das, was die Gesamtheit der Haushalte ohne nennenswertes Vermögen gleichzeitig für den Lebensunterhalt aufwenden muss. Der Beweis dafür ergibt sich zwangsläufig aus der einfachen Formel: Gewinn =
Umsatz - Kosten

Da Brutto-Löhne und Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung Bestandteile der Kosten sind, kann sich ein Gewinn für Wirtschaft und Kapitalgeber nur dann ergeben, wenn das, was Eva Mustermann und Otto Normalverbraucher (sowie deren gesamte, nicht erwerbstätige Verwandtschaft nebst dem Staat) vom Gesamtkuchen erhalten, kleiner ist als der Umsatz der Wirtschaftsunternehmen. Weil dennoch alles verkauft werden muss, was die Volkswirtschaft hervorgebracht hat, haben sich die folgenden Gebräuche eingebürgert:

a) Export
Es wird vorab alles, was von der einheimischen Bevölkerung mangels Geld nicht bezahlt werden kann, exportiert. Damit wird das Problem regional verlagert und kann vorübergehend aus dem Bewusstsein ausgeblendet werden. Es holt die Exporteure allerdings früher oder später wieder ein, schon alleine deshalb, weil man auch Exporterlöse (Devisen) nicht essen kann.


b) Verkauf von Wertsachen
Die einheimische Bevölkerung veräußert per Saldo mehr Vermögensgegenstände als sie erwirbt. Die Verkaufserlöse stellen einen Teil der benötigten Kaufkraft dar. Dieser Weg hat jedoch ein erkennbares Ende und kann von daher nicht als dauerhafte Lösung angesehen werden.


c) Neuverschuldung
Es werden neue Schulden gemacht. Die neuen Kredite können sowohl von den privaten Haushalten als auch von der Wirtschaft oder vom Staat aufgenommen werden. Wichtig ist nur, dass die aus den Krediten gewonnenen Gelder dazu dienen, den Absatz der Produktion zu ermöglichen. Die Wege dazu sind vielfältig und müssen an dieser Stelle nicht beschrieben werden.


Weil Export nur eine temporär wirksame, vor allem aber nicht nebenwirkungsfreie Arznei ist und weil die Veräußerung von Vermögensgegenständen nicht beliebig fortgesetzt werden kann, mündet die Betrachtung letztlich in die verblüffende volkswirtschaftliche Erkenntnis:

Ohne Schulden kein Gewinn!

Was aber so noch nicht völlig korrekt formuliert ist. Genau genommen muss es heißen:
Gewinne können in unserem Finanz- und Wirtschaftssystem in jeder Periode nur in dem Umfang entstehen, wie in der gleichen Periode die Netto-Neuverschuldung wächst.

Somit steht fest:

Was als Gewinn, als Zins, als Miete, als Pacht, als Lizenzgebühr oder als überhöhtes Gehalt da angekommen ist, wo es sich anhäufen kann, weil es weder für den Konsum noch für Sachinvestitionen benötigt wird, also alles Geld, das im Hort der Vermögenden angekommen ist, fehlt.

Es fehlt als Zahlungsmittel in den Kreisläufen der Realwirtschaft - und es fehlt vor allem auch den Schuldnern zur Bedienung ihrer Kredite. Wenn einerseits mehr Geld (Tilgung + Zinsen) zurückgefordert wird, als dem Kreditnehmer bereitgestellt wurde und andererseits Teile des per Kredit bereitgestellten Geldes aus dem Wirtschaftskreislauf herausgezogen und gehortet werden - dann ist die verfügbare Geldmenge zweifellos kleiner als die Höhe der Schulden. Die vollständige Tilgung der Schulden ist mit dem verfügbaren Geld also absolut unmöglich.

Exakt dies ist aber das Grundprinzip unseres Geldsystems.

Entweder werden laufend neue Kredite aufgenommen, deren Gesamthöhe mindestens den fälligen Tilgungsraten und den fälligen Zinszahlungen entspricht oder die Volkswirtschaft fällt auf direktem Weg in die Deflation.

Verantwortliche Finanzpolitiker die diesen Prozess durch ihr Handeln noch beschleunigen und verstärken, bringen weit mehr Unheil über ein Volk, als es ein der gültigen Verfassung abholder Verteidigungsminister durch den gelegentlichen Abschuss eines Passagierflugzeuges je schaffen könnte.

Aber die lässt man.
Die lobt man sogar noch.

 

Sie erwarten mehr als nur Kritik und Anklage, Sie suchen den konstruktiven Vorschlag?
Nun, den gibt es lange. Online - und als Buch. (Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band III - Über das Geld)

 

Es ist zwar nicht so, dass ich Aufsätze, Kommentare und Paukenschläge nur schreibe,
um Bücher zu verkaufen, aber so, dass ich Aufsätze, Kommentare und Paukenschläge
nur schreiben kann, weil ich Bücher verkaufe, so ist das schon.


a


* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg

Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre weist Wege in eine gerechtere Zukunft.

Brandneu: Band IV - Kritik und Überwindung des aggressiven Eigentums.
Hier
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