Home alle Kommentare alle Leserbriefe  Stichwortsuche  Startseite Geld 

Impressum - Pflichtangaben - Copyright


  Paukenschlag
am Donnerstag

der wöchentliche Kurzkommentar (No. 37)


Egon W. Kreutzer - 13.September 2007
 











keine
Druckversion
 

 

Nahezu fertig

Auf der mühsamen Suche nach einer wirklich neuen und interessanten Nachricht, die per Paukenschlag zu kommentieren sich lohnt, stieß ich auf die Mittelbayrische Zeitung vom 22. August 2007.

Dort gab es einen Artikel über die, das Schulhaus Kelheimwinzer betreffenden, Reparatur-, Ausbesserungs- und Ausstattungsvorhaben, der so überschrieben war:

 

Alarmanlage: "ist nahezu fertig"

 

Unterhalb der Überschrift ging es dann um den Anstrich der Klassenzimmer, um den unzureichenden Sonnenschutz, um fehlende Vorhänge, um Malerarbeiten an der Fassade und darum, dass der Schulamtsleiter im Ortstermin wissen wollte, was da eigentlich los sei, im Schulhaus Kelheimwinzer. Der flüchtige Leser jedoch, konnte nach Wahrnehmung der Überschrift getrost umblättern. Alles in Ordnung, in Kelheimwinzer. Die Sorgen möchte ich haben.

 

Nahezu fertig.
Welch' himmlische Formulierung!

 

Ist nicht das ganze Land "nahezu fertig"?

Die Große Koagulation, die mit einer Koalition noch einigermaßen unterscheidbarer Fraktionen in Gang gesetzt worden war, hat nach zwei Jahren gemeinsamen Marschierens im Deutschen Bundestag neben den kümmerlichen Resten einer hilflosen Opposition eine einzige Zusammenballung nicht trennbarer und schon gar nicht mehr unterscheidbarer Politideen und Politprotagonisten hervorgebracht.

Der Koagulationsprozess ist nahezu fertig.


Man glaubt es kaum, dass - wie es der Hofjournalismus gerne formuliert - in Berlin mit der Haushaltsdebatte erst der Anpfiff zur zweiten Halbzeit dieser unserer Regierung ertönte.

Alle sind nahezu fertig. Wozu noch zwei Jahre?


Der Finanzminister ist nahezu fertig.
Bloß die Bahn muss noch verkauft werden, dann ist der Haushalt nahezu saniert.


Die Familienministerin ist nahezu fertig.
Die Geburten gehen weiter zurück, da müssen bloß noch die lästigen Finanzierungsfragen geklärt und die letzten Querelen mit den Landesfürsten bestanden werden, dann ist die Krippenplatzversorgung nahezu fertig.


Der Innenminister ist nahezu völlig fertig.
Die terroristische Bedrohung ist nahezu fertig, die Sicherheit ist nahezu fertig. Mit dem Streit um die Online-Durchsuchung ist er nach eigenem Bekunden auch fertig - nun will er es nur noch machen.
Tja, und damit ist er mit dem Grundgesetz auch nahezu fertig.
Was jetzt noch stört, ist kaum der Rede wert.


Der Verteidigungsminister ist nahezu fertig.
Die Bundeswehr ist nahezu keine Verteidigungsarmee mehr, es gibt nahezu keine Krisenregion, die noch frei wäre von deutschen Soldaten. Mit dieser Präsenz kann es gar nicht anders sein: Selbst der Frieden ist nahezu fertig.


Der Außenminister ist ebenfalls nahezu fertig.
Die deutschen Interessen, die noch zu vertreten wären, kann man an den Fingern einer Hand aufzählen. Deshalb wäre er nun zur Abwechslung gerne Kanzlerkandidat der nächsten großen Koalition. Da hätte er eventuell einen Gegner, gegen den er antreten könnte - statt immer einfach schon nahezu fertig sein zu müssen.


Der Arbeitsminister ist nahezu fertig,
eigentlich sogar überfertig, denn am 16. Januar dieses Jahres hätte er - frische 67 Jahre alt geworden - eigentlich endlich in den Ruhestand treten sollen. Aber das muss er übersehen haben. Kein Wunder, denn wenn man sich die Ergebnisse seines Wirkens ansieht, dann muss er schon bevor er angefangen hat, nahezu so fertig gewesen sein wie heute.


Auch der Umweltminister ist nahezu fertig.
Knapp drei Dutzend neue Kohlekraftwerke sind genehmigt - am CO2 solls in Deutschland auch künftig nicht mangeln. Nun müssen nur noch die Restlaufzeiten für alle uralt AKWs verlängert und die Energiesparlampenpflicht eingeführt werden, dann ist es geschafft.

Der Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Umweltschutz ist nahezu fertig.
Die mobilen Geflügelkeulungsanlagen arbeiten auf Hochtouren, alle Gammelfleisch und Giftstoff-Skandale sind - bis auf den jeweils allerjüngsten, hinreichend kommentiert, fehlt nur noch die Generalfreigabe für genveränderte Lebewesen auf deutschen Äckern und in deutschen Ställen, aber das ist nur noch ein Klacks. Die Umwelt ist nahezu fertig.


Die Gesundheitsministerin ist auch nahezu fertig.
Die Krankenkassen hatten zum Halbjahresende ein halbes Prozent ihrer Einnahmen noch nicht ausgegeben. Aber das werden die bis zum Jahresende schon noch schaffen. Dann kommt eine neue Zuzahlungsregelung und eine neue Kostendeckelung, aber sonst ist die Gesundheit nahezu ebenso fertig, wie die Pflege.


Der Verkehrsminister ist nahezu fertig.
Die Bahn ist verkaufsreif - und das Ziel, 13 Milliarden aus dem Aktienverkauf einzunehmen, kann kaum verfehlt werden, zumal die Gegner des Verkaufs den Investoren dafür die besten Argumente liefern, indem sie das Geheimwissen des Verkehrsministers öffentlich preisgeben, dass die Bahn für jeden Anleger ein echtes Schnäppchen und eigentlich 183 Milliarden wert sei. Wie auch immer, der Verkauf ist so gut wie gelaufen, die Bahn ist fertig - und die schleichende Privatisierung der Autobahnen über immer mehr PPP-Vorhaben (Privat Public Partnership) zum privaten Ausbau des Netzes schreitet auch voran. Der Verkehr ist, gar keine Frage, nahezu fertig.


Die Ministerin für Bildung und Forschung
ist, so hört man aus informierten Kreisen, nahezu fertig, selbst

der Wirtschaftsminister ist nahezu fertig
- wenn auch niemand genau weiß, womit -

 

aber niemand ist auch nur annähernd so fertig wie
Frau Bundeskanzler.

Fertig mit dem EU-Ratsvorsitz,
fertig mit dem G8-Gipfel,
fertig mit Kohl,
fertig mit Schröder,
fertig mit Blair und Chirac,
fertig mit Rumsfeld,
fertig mit Stoiber,
fertig mit Koch, mit Milbradt, mit Wulff.

Selbst mit dem
Aufschwung ist sie nahezu fertig.

 

Der muss jetzt bloß noch bei den Menschen ankommen,
in Kelheimwinzer und anderswo.


Dann wäre sie ganz fertig.
Das wäre dann ein guter Tag für Deutschland.


Wie sagte schon Giovanni Trapattoni?
"Ich habe fertig!"

 

 

nach oben


Es ist zwar nicht so, dass ich Aufsätze, Kommentare und Paukenschläge nur schreibe,
um Bücher zu verkaufen, aber so, dass ich Aufsätze, Kommentare und Paukenschläge
nur schreiben kann, weil ich Bücher verkaufe, so ist das schon.




 

a


* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg

Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre weist Wege in eine gerechtere Zukunft.

Brandneu: Band IV - Kritik und Überwindung des aggressiven Eigentums.
Hier
"Ich freue mich sehr über Ihr Interesse und möchte Sie gerne auf weitere Angebote meiner Site aufmerksam machen - bitte sehen Sie sich um!" Mehr Aktuelles,
alle
Leserbriefe,
alle
Kommentare
die Statisitk zum
Stellenabbau in Deutschland
Grundlagenwissen Geld - "...Geld ist nicht einfach da!"
kontakt/feedback
Newsletter bestellen
Der Patient ist die Lösung
Ein radikal vernünftiges Konzept zum Gesundheitswesen