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  Paukenschlag
am Donnerstag

der wöchentliche Kurzkommentar (No. 27)


Egon W. Kreutzer - 5. Juli 2007
 











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19 Milliarden Gewinn

Der Chef der Telekom, René Obermann, hat am 30. Juni zum Abschluss des ersten Halbjahres 2007 stolz verkündet, das von ihm geleitete Unternehmen werde den geplanten Jahresgewinn von 19 Milliarden Euro mit höchster Wahrscheinlichkeit erzielen können.

Dass es sich bei den 19 Milliarden um denjenigen Gewinn*) handelt, der gezählt wird, bevor Zinsen gezahlt, bestimmte Abschreibungen gebucht und Steuern entrichtet sind, soll hier ebensowenig unerwähnt bleiben wie die Tatsache, dass es sich dabei tatsächlich um Gewinn handelt, und nicht nur um eine "fiktive statistische Größe".

Wichtiger ist es aber, diese 19 Milliarden, unter denen man sich ebensowenig Konkretes vorstellen kann, wie unter den 12,5 Milliarden, die der Bund, dem die Telekom einst zu 100% gehörte, im nächsten Jahr an zusätzlichen Schulden aufnehmen will, in Relation zu anderen Größen zu stellen, um sie fassbar, vergleichbar, begreifbar zu machen.

19 Milliarden Euro, das sind durchschnittlich
 pro Weltbürger

 2,92 Euro

 pro Europäer

 38,00 Euro

 pro Deutschem

 231,70 Euro

 pro Telekom-Mitarbeiter**)

 135.000,00 Euro



6,75 Milliarden Euro wird die Telekom also schon in diesem Jahr alleine an der Vermarktung der Leistung jener 50.000 Mitarbeiter verdienen,

deretwegen kürzlich ein - vom Ergebnis her betrachtet - reichlich sinnloser Streik geführt wurde,

und das, obwohl die als Streikergebnis vereinbarte Arbeitszeitverlängerung und die Lohnkürzung in diesem Jahr noch gar nicht greifen.

 

Was zum Streikabbruch mit der Gewerkschaft vereinbart wurde, wird die Kosten der Telekom in ein bis zwei Jahren um weitere 700 Millionen jährlich senken, also den Gewinn um 0,7 Milliarden erhöhen.

Dass diese gegen die Mitarbeiter durchgesetzte Maßnahme hauptsächlich damit begründet wird,

die Kostensituation der Konkurrenz sei noch günstiger,

deren Gewinnmöglichkeiten also noch größer,

ist so weit vom Gedanken der Sozialen Marktwirtschaft entfernt, dass sich eigentlich niemand, der die Grundrechenarten beherrscht, noch erdreisten dürfte, diese Bezeichnung auf die aktuelle Situation in Deutschland anzuwenden. Und wer glaubt, sich mit der Floskel "Neue Soziale Marktwirtschaft" eine Tarnkappe überstreifen zu können, der begeht zumindest solange Etikettenschwindel, wie die "Rikscha" nicht offiziell zum "Neuen Personenkraftwagen" und die Abrissbirne nicht zum "Neuen Sozialen Wohnungsbau" umbenannt wird.

 

Und wenn es tatsächlich so ist,

dass die Aktienkurse sinken, wenn die Gewinne weniger kräftig sprudeln,

und wenn es so ist, dass niedrige Aktienkurse die nächstbeste Heuschrecke animieren könnten,
die Telekom mit geliehenem Geld aufzukaufen
und dem Unternehmen die für den Raubzug aufgenommenen Schulden aufzulasten,

und wenn es so ist, dass die Telekom dann, um die Zinsen zahlen und die Schulden tilgen zu können,
Mitarbeiter ausgliedern und bei niedrigerem Gehalt länger arbeiten lassen müsste,

dann ist es trotzdem nichts anderes, als den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, wenn das Unternehmen, aus schierer Angst vor der Übernahme, von sich aus und in vorauseilendem Gehorsam alles das zur Befriedigung der Gewinnerwartungen des Kapitals durchführt, was sonst eben die Finanzinvestoren erzwungen hätten.

 

Solche Gebräuche können und dürfen in einem Staat, der sich im Grundgesetz als demokratisch und sozial bezeichnet, nicht rechtens sein - und wenn sie das Recht zulässt, dann darf dieses Recht so nicht länger Recht bleiben.

Die Angehörigen von Regierung und Parlament haben die Freiheit, ohne deswegen gleich als Verfassungsfeinde unter Beobachtung genommen zu werden, Änderungen der Verfassung anzustreben, sooft das der Durchsetzung ihrer Ziele dienlich erscheint.

Wir Bürger haben es da schwerer, doch wir sind nicht rechtlos.

Es ist also legal, von den gewählten Volksvertretern und der Regierung zu fordern:

Statt sich immer weiter von den Idealen der Sozialen Marktwirtschaft zu entfernen, und dem Kapital die absolute Vorherrschaft einzuräumen, sollte nun endlich darüber nachgedacht werden, was die Väter des Grundgesetzes ganz konkret gemeint haben könnten, als sie formulierten:

"Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen."

Ich kann nicht erkennen, dass der Gebrauch des Eigentums am ehemaligen Staatsunternehmen Telekom derzeit dem Wohle der Allgemeinheit dient.

 

Die folgenden Überlegungen stehen am Anfang des vierten Bandes meiner "wahnwitzigen Wirtschaftslehre", dessen Untertitel "Kritik und Überwindung des aggressiven Eigentums" direkt auf die Attacken des "Aggressiven Eigentums" zielt, wie sie ganz aktuell bei der Telekom, bei der Bahn und bei der Preispolitik des Strom-Oligopols zu beobachten sind:

 

 

Der Eigentumsbegriff

In Gesetzestexten und der zugehörigen Literatur wird das Eigentum vielgestaltig gewürdigt und unterschiedlichen Kategorien zugeordnet.

Es wird unterschieden zwischen dem Eigentum an Sachen, dem Eigentum an Urheberrechten, dem Eigentum an Forderungen, dem Eigentum an Geldvermögen und weiteren Eigentumsarten.

Es wird beschrieben, wann und wie die Ausübung von Eigentumsrechten beschränkt werden kann (insbesondere im Nachbarschafts- und Bebauungsrecht), doch wird das private Eigentum ganz grundsätzlich als positiver Wert und sein Schutz als ein zentrales Postulat der gesamtgesellschaftlichen Rechtsordnung angesehen.

Diese Betrachtungsweise ermöglicht zwar noch, die konkrete Ausübung von Eigentumsrechten (im Einzelfall) zu kritisieren und ggfs. einzuschränken, sie stellt aber "das Eigentum als solches" in einen unangreifbar scheinenden, juristischen Schutz- und Freiraum, wo es jeglicher Kritik und Anklage entzogen ist, und mit ihm das Gros der Eigentümer und deren "eigentümliches" Verhalten.

Das seit über zwanzig Jahren auch in Mitteleuropa wieder zu beobachtende Aufklaffen der Schere zwischen Arm und Reich, zwischen Eigentümern und Besitzlosen, rechtfertigt aber durchaus, diese "Heiligsprechung" des Eigentums zu hinterfragen, zumal alle rechtfertigende Theorie die vorrangige Sättigung der Reichen nur deshalb befürwortet, weil dies als notwendige Vorbedingung für den Anstieg von Wohlstand und Lebensqualität der Armen angesehen wird.
Wenn nun aber, in einer Bewegung ständiger Vermögensmehrung unter den Reichen, die Armut in der Gesellschaft wächst, wenn sich abzeichnet, dass die Formel von der "80 : 20 - Gesellschaft" Gestalt gewinnt und der Trend zur "90 : 10" oder "99 : 1 - Gesellschaft" als Menetekel an der Wand erscheint, dann darf getrost unterstellt werden, dass die Sättigung der Reichen de facto unmöglich, und die rechtfertigende Theorie bestenfalls ein Irrtum, wahrscheinlich aber eine wohlüberlegte List ist.

Dass dem Eigentum in unserer Gesellschaft so viel Schutz zuteil wird, dafür gibt es andererseits natürlich auch viele gute Gründe. Eigentum ist ja gut, ist ja schützenswert, ist ja unabdingbar, wenn eine arbeitsteilige, generationenübergreifende Gesellschaft funktionieren soll. Es gibt ganz gewiss diese Qualität des Eigentums, die jeder Mensch für sich beanspruchen darf, ja muss, wenn er sich im Menschsein verwirklichen will, aber, es gibt eben auch eine andere Qualität des Eigentums, von welcher Unfriede, Gewalt, Unrecht und Ausbeutung ausgehen.

Dieser Unterschied soll im Folgenden beleuchtet und herausgearbeitet werden, mit dem Ziel, aus der Unterscheidung zwischen friedlichem und aggressivem Eigentum neue "Spielregeln" abzuleiten, die unserem Erkenntnisstand besser entsprechen, als diejenigen, nach denen wir immer noch spielen müssen, obwohl längst zu erkennen ist, dass dieses Spiel von hochgradig unfairen und betrügerischen Mitspielern dominiert wird, die sich jedoch, aufgrund der faktischen Unangreifbarkeit jeder Form des Eigentums, bei allen ihren Raubzügen als wahre Heilsgestalten im Lichte der Legalität sonnen dürfen.

Mehr in
Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band IV
Kritik und Überwindung des aggressiven Eigentums
18 Euro, die sich lohnen

 



*) Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen auf immaterielle Werte (= EBITA)

Diese Zahl hat für die Beurteilung eines Unternehmens ungefähr die gleiche Bedeutung, wie die Angabe des Bruttogehalts im Arbeitsvertrag, weil auch diese mehr über die "Einstufung" eines Angestellten aussagt, als sein Nettogehalt. Der so "bereinigte" Gewinn macht vergleichbar, was sonst - aufgrund unterschiedlicher Ausgangssituationen - nicht verglichen werden kann.

Ob Gewinne nun als Zinsen an die Kapitalgeber ausgeschüttet werden, oder als Dividende, ist im Grunde egal, hat aber Auswirkungen auf den ausgewiesenen Bilanzgewinn. Ob ein Unternehmen seinen Firmenwert niedrig bewertet, oder hoch, und entsprechende Abschreibungen vornimmt, oder nicht, ist im Grunde egal, hat aber Auswirkungen auf den ausgewiesenen Bilanzgewinn, und weil der ausgewiesene Bilanzgewinn und die Höhe der Steuer von sehr vielen Faktoren, meist sogar von bloßen Einschätzungen abhängt, ist der Gewinn nach Steuern ebenfalls ein sehr unscharfes Kriterium zur Beurteilung der Ertragskraft eines Unternehmens.



**) Mitarbeiterzahlen der Telekom

Ende Dezember 2005 hatte die Telekom 156.000 Mitarbeiter, 16.000 davon waren in der hauseigenen PSA Vivento geparkt. Das ist der letzte mir bekannte offizielle Personalstand. Obwohl zwischenzeitlich weiterer Stellenabbau erfolgt ist, habe ich für die Berechung des Gewinns pro Mitarbeiter hier die 140.000 Aktiven von Ende 2005 in Ansatz gebracht.

 

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Es ist zwar nicht so, dass ich Aufsätze, Kommentare und Paukenschläge nur schreibe,
um Bücher zu verkaufen, aber so, dass ich Aufsätze, Kommentare und Paukenschläge
nur schreiben kann, weil ich Bücher verkaufe, so ist das schon.




 

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* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg

Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre weist Wege in eine gerechtere Zukunft.

Brandneu: Band IV - Kritik und Überwindung des aggressiven Eigentums.
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