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  Paukenschlag
am Donnerstag

der wöchentliche Kurzkommentar (No. 24)


Egon W. Kreutzer - 14. Juni 2007
 










heute keine
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Heiligendamm?

War da nicht was? Neulich? Mit Bush und so?

 

Vergessen.

Schon hat uns die Neue Deutsche BestenSucht (NDBS) wieder fest im Griff. Die Medien, gipfelmüde, ergehen sich - breit wie die Elbe bei Hochwasser - in Meldungen und Kommentaren über ein so ungemein wichtiges Ereignis, wie es die Wahl des schönsten, vom Aussterben bedrohten, deutschen Wortes ist.

Kaum ein Wort mehr von CO2, Hedgefonds-Kontrolle oder Afrikahilfe, aber auch kaum ein Wort mehr von den Guantanamo-Käfigen im Sammellager für Festgenommene, kein Wort mehr über den gar nicht mehr so unbegründeten Verdacht, verkleidete Polizisten hätten im "Schwarzen Block" agitiert. Kaum ein Wort über den Einsatz der Bundeswehr, die - wie es heißt - mit Panzern auf den Autobahnbrücken angetreten war. Ein paar Worte gab es nur über die Tornados, die Aufklärungsarbeit betrieben haben, wie in Afghanistan, wo es sich - nach Meinung einiger Volksvertreter - um einen Kampfeinsatz handelt, während es im Inneren nichts als technische Hilfeleistung gewesen sein soll.

Hilfe, wobei?

Heiligendamm - das ganze sonderbare Ereignis wirkt im Nachhinein ungefähr so, wie die von der GSG 9 in das Innere eines zu stürmenden Flugzeugs geworfene Blendgranate.

Ein leuchtender Blitz der Staatsgewalt.
Als wüte Wotan persönlich.

Alles in gleißendes Licht tauchend, keinen Verdächtigen im Dunkeln lassend, alle Insassen für Minuten schmerzhaft blendend - auf dass das Volk endlich Respekt erlerne.

Und dann ist auch schon wieder alles vorbei, fast als wäre nichts gewesen.

Polen und Albaner, alten Vorurteilen nach die respektvollsten Völker auf dem Globus, wurden für Respekt und Freundschaft und Treue zu Amerika und seinem Präsidenten durch dessen völlig angstfreie Volksnähe belohnt - nur die aufsässigen Deutschen, die immer noch nicht glauben wollen, was Schäuble und Beckstein im Gleichklang mit Bush predigen, mussten - zum dritten Mal in Folge - die Folgen der Angst der Großen erleiden.

Und schöpften die Schnüffler und Ausspäher, die Zuträger und Denunzianten den Mut für ihre Tätigkeit früher aus der Parole:

"Hinter jeder Fensterscheibe
hat die Unzucht ihre Bleibe."

So lautet der Text heute wohl eher:

"Hinter jeden Bürgers Stirn,
sitzt - pfui Teufel! - ein Gehirn."

 

Vermutlich besagt ein uraltes, vordemokratisches Herrschaftswissen, dass Denken und Terror auf der einen Seite, genauso zusammengehören, wie Glauben und Respekt auf der anderen.

Also bleut man ihn uns ein, den Respekt.

Mit Hausdurchsuchungen, offline und online, mit Fingerabdrücken im Pass, mit Geruchsproben im Glas, mit Zäunen und Wasserwerfern und - am Beispiel Heiligendamm alles in allem - rund 20.000 Mann unter bzw. mit Waffen bzw. Gerät.

Mir ist ein Gedicht von Martin Morlock dazu in den Sinn gekommen.

Wahrscheinlich hat irgendwer die Rechte daran, aber es ist mir nicht rechtzeitig gelungen, herauszufinden, wer.

Ich will Ihnen dieses Gedicht aber - trotz unklarer Rechtslage - nicht vorenthalten, und ich bin sicher, Martin Morlock würde sich darüber freuen:

HUGO
Eine deutsche Tragödie

Als die Amme ihn ans Licht hielt und beschaute,
Tat sie einen Schrei und stürzte nach der Tür.
Selbst der Arzt, dem's nicht so leicht vor etwas graute,
War entsetzt und schwor, er könne nichts dafür.

Hugos Tanten, die im Nebenraum gewartet,
Sprangen auf und kamen voller Hast herbei,
In der Hoffnung, dass das Kind - wenn schon entartet -
Wenigstens ein int'ressanter Zwitter sei.

Doch der Säugling Hugo zeigte anatomisch
Nichts, was Mitleid, Abscheu oder Neid erweckt,
Tante Lieselotte fand: "Er lacht so komisch."
Und der Doktor sprach: "Dem Kind fehlt der
,,R e s p e k t ."

Alles war erschüttert. Wer was Bess'res sein will
Hierzulande, wo sich der Respekt verzinst,
Dürfte - falls er Vorgesetzten hinten rein will -
Kaum ans Ziel gelangen, wenn er dabei grinst.

Hierzulande wird gekrochen,
Emsig-ernst. So will's der Brauch.
Wer sich steif hält, wird gebrochen,
Kaltgestellt und ausgestochen.
Die, die ihre Wirbelknochen
Biegen können, wie die Rochen,
Kommen heil durch die Epochen -
Hierzulande wird gekrochen,
Auf den Leim und auf dem Bauch.

"Ein deutscher Knabe und keinen Respekt?"
Rief Hugos Verwandtschaft,
"Ein deutscher Knabe mit solchem Defekt
Passt nicht in die Landschaft."

Nur ein Staatsrat über siebzig
Meinte tröstend: "So was gibt sich,
Wenn er groß ist, kriecht er auch."

Hugo wuchs heran. Es war nicht zu verhindern,
Denn das Schicksal hatte es drauf abgezielt,
Fremde Mütter sagten streng zu ihren Kindern:
"Dass mir keins von euch mit diesem Hugo spielt."

Schon im dritten Lenz verübte er Delikte.
Doch man kam ihm nie so richtig auf die Spur:
War's, wenn er die Köchin unmanierlich zwickte,
Frühes Laster - oder Liebe zur Natur? -

Hugo war kein Zyniker und kein Empörer.
Der Chronist hat es geflissentlich erfragt.
Hugo war respektlos, das wog ungleich schwerer.
Hör'n wir einmal, was uns Hugos Klassenlehrer
Über die Person des Delinquenten sagt:

"Hugo? - Warten Sie mal... Hugo?

Meinen Sie den Kerl, der um die Welt nicht lachte,
Wenn ich einen meiner kleinen Scherze machte,
Der sich aber ausgelassen amüsierte,
Wenn ich Rilke oder Hermann Löns zitierte? -

Nun, sein Ende war vorauszuseh'n.
Bitte. Nichts zu danken. Gern gescheh'n."

Orden, Wanderpreise und erlauchte Ahnen
Ließen Hugo kalt. Der dreiste Renegat
Legte nicht einmal vor Bärten oder Fahnen
Seine Überzeugung an die Hosennaht.

Im Verkehr mit Amtspersonen und Behörden
War's das gleiche: Nie bekam er weiche Knie,
Feuchte Hände und nervöse Schluckbeschwerden.
Um die Republik nicht ernstlich zu gefährden,
Steckte ihn sein Vater in die Industrie.

"Hören Sie mir auf mit Hugo",

Sagte sein Abteilungsleiter, den wir baten,
Uns bei Hugos Lebensabriss zu beraten.
"Dacht' mir's gleich, dass mit dem Burschen was nicht stimmt.
Einer, der nicht mal vor Geld den Buckel krümmt,

Dessen Ende ist vorherzuseh'n.
Bitte. Nichts zu danken. Gern gescheh'n."

Dieses Fehlen jeder subalternen Regung,
Das uns andern fremd und unverständlich ist,
Brachte eine linksgerichtete Bewegung
Auf den Einfall, Hugo sei ein Sozialist.

Doch auch sie kam nicht so recht mit ihm zupasse.
Ob man sich von Klerus oder Kapital
Untertänigst in die Suppe spucken lasse,
Statt von einer durch Karl Marx vermurksten Masse,
Wäre ihm persönlich - meinte er - egal.

"Sprechen wir nicht mehr von Hugo",

Rief der Rechtsanwalt, der in verteidigt hätte,
Wenn ihn Hugo nicht zutiefst beleidigt hätte,
Als er den Justizrat schlicht "Herr Doktor" nannte.
"Dass sich dieser Lümmel, dieser arrogante

Das Genick brach, war vorauszuseh'n.
Bitte. Nichts zu danken. Gern gescheh'n."

Wessen man ihn zieh, ist nicht zu eruieren,
Weil die "Akte Hugo" mysteriös verschwand.
Der Entwurf, die Todesstrafe einzuführen,
Stieß auf keinen nennenswerten Widerstand.

Zwar erhoben sich im Volk - wenn auch nur matte -
Gegenstimmen, die dezent ihr "Veto" schrie'n,
Doch dann ging's wie einstmals, bei der "Wehrdebatte":
Man hielt Reden, stimmte ab - und köpfte ihn.

Alle, denen Hugo den Respekt versagte,
Hatten sich zur amtlich festgesetzten Zeit
Eingefunden, um zu seh'n, ob der Beklagte,
Selbst dem öffentlichen Recht zu trotzen wagte.
Auch ein Herr im dunklen Anzug stand bereit.

"Nun zum letzten Male, Hugo",

Sprach der Staatsanwalt mit würdig-ernster Miene
(Hugo wartete schon unter der Maschine).
"Wenn du deinen artvergess' nen Stolz besiegtest,
Und, statt frech zu grinsen, endlich Ehrfurcht kriegtest,

Ließen wir dich deiner Wege gehn."
"Nein", rief Hugo freundlich, "danke schön!"

Und er spürte - außer der Gewalt des Staates,
Die sich gegen jeden wendet, der sich sträubt -
Das, was der Erfinder dieses Apparates,
Doktor Guillotine, als "Lustgefühl" beschreibt.

Und er spürte, dass ihm oben etwas fehlte
(Denn das hatte der Herr Staatsanwalt bezweckt).
Doch dann fiel es ihm wie Schuppen von der Seele:
Er bekam auch was dazu - und zwar
..R e s p e k t.

Respekt vor den Richtern.
Respekt vor den Henkern.
Respekt vor den Dichtern.
Respekt vor den Denkern
(Und natürlich auch vor Schrebergärtnern und Kleintierzüchtern):

Vor Führernaturen.
Vor Damen und Huren.
Vor Weisen und Toren.
Vor greisen Majoren.
Vor Schaltern und Waltern.
Vor Stempelkissen und Füllfederhaltern...

Vor "Baden verboten".
Vor Cimbern und Goten.
Vor Friedrich dem zwoten.
Vor Mythos und Mystik
Und vor der Statistik,
Sowie vor der Tatsache, dass alle Deutschen, die über dreißig sind,
So unerhört fleißig sind --

Also schrieb man a) ins Protokoll,
b) auf eine blanke Marmorplatte:
"Er benahm sich, wie ein Deutscher sich benehmen soll.
Aber leider erst, nachdem er keinen Kopf mehr hatte."

 

Martin Morlock



PS: Sollten Sie Inhaber der Rechte an diesem Gedicht sein, oder wissen, wer der Inhaber der Rechte ist, dann treten Sie bitte mir in Kontakt. Ich möchte diese Veröffentlichung auf alle Fälle legalisieren, werde sie aber, wenn gewünscht, auch sofort wieder unterlassen.

Hier die Verweise auf #1 und #2 dieser Folge

1. Wer will, der muss!
2. Zu Gast bei Freunden in Stralsund

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Es ist zwar nicht so, dass ich Aufsätze, Kommentare und Paukenschläge nur schreibe,
um Bücher zu verkaufen, aber so, dass ich Aufsätze, Kommentare und Paukenschläge
nur schreiben kann, weil ich Bücher verkaufe, so ist das schon.




 

a


* 1949 im
oberfränkischen Neustadt bei Coburg

Egon W. Kreutzer
der Verfasser dieses Artikels
Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre weist Wege in eine gerechtere Zukunft.

Brandneu: Band IV - Kritik und Überwindung des aggressiven Eigentums.
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